Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Dornröschen

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2018]

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag »Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!« und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: »Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.« Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte.

Das Märchen beginnt mit einem Königspaar, das lange unfruchtbar blieb. Schließlich versprach der Frosch als Wesen des Wassers ein Kind. Das deutet darauf hin, daß die Königin nicht in einer üblichen Badewanne saß, sondern in einem natürlichen Gewässer badete, vielleicht sogar mit rituellem Hintergrund. Denn das Wasser ist nun einmal eng mit dem verbunden, was wir Leben nennen. Unser Körper besteht zum größten Teil aus Wasser, wir wachsen in einer Blase voll Fruchtwasser heran, und das irdische Leben selbst ist im Wasser entstanden. Diese Verbindung mit dem Wasser war den Menschen früher sehr bewußt, und es gab entsprechende Rituale, wie die christliche Taufe. Noch heute spielt in Indien das rituelle Bad für fromme Hindus in heiligen Flüssen oder Seen eine bedeutende Rolle. Entsprechend war man auch dankbar, wenn die Wesen der Natur die Wünsche der Menschen erhört hatten, was immer auch ein guter Grund zum Feiern war.

Er lud nicht bloß seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: Die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: »Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen!« Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur mildern konnte, so sagte sie: »Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.«

Auch heute ist es noch üblich, die Geburt eines Kindes mit guten Wünschen zu segnen. Wir wollen froh sein, daß unsere rationale Wissenschaft solche Traditionen noch nicht ganz abgeschafft hat. Denn der Einfluß von guten oder schlechten Wünschen auf einen anderen Menschen gehört dort eigentlich zum Aberglauben, der wissenschaftlich nicht beweisbar ist. Doch damals fühlten sich die Menschen noch abhängig von der Natur und ihren Geistern, und luden zum großen Fest sogar die Feen ein, die man auch Schicksalsgöttinnen nennen könnte. Dabei treffen wir wieder auf das berühmte Spiel von 12 und 13. Daß der König hier nur 12 goldene Teller besitzt und die 13. Fee deshalb nicht einladen kann, hat sicherlich eine symbolische Bedeutung. Am wahrscheinlichsten ist die Rolle des dreizehnten Mond-Monats im Sonnenjahr, der nur unregelmäßig aller zwei bis drei Jahre erscheint. So könnten hier die goldenen Teller für die zwölf Monate des Sonnenjahres stehen. Das würde dann bedeuten, der König wünscht sich für seine Tochter nur zuverlässige Dinge, wie Tugend, Schönheit und Reichtum. Alles zufällige, unberechenbare, unglückliche oder irrationale möchte er von seinem Kind lieber fernhalten und lädt die 13. Fee nicht ein. Das läßt bereits das Wesen erahnen, wofür in diesem Märchen unser König symbolisch steht. Doch das Zufällige und Unglückliche läßt sich im Leben nicht ausschließen, auch wenn wir es uns gerne wünschen. So kommt auch diese Fee zur Feier der Geburt und rächt sich für ihre Mißachtung mit dem Fluch, daß die Königstocher mit fünfzehn Jahren tot umfallen soll. Daraufhin nutzt die zwölfte Fee ihren Segen und wandelt diesen Tod in einen hundertjährigen Schlaf. Hier treffen wir vermutlich auf das Kernthema des ganzen Märchens, nämlich die große Frage, was eigentlich Leben und Tod bedeuten.

Was uns vielleicht auf den ersten Blick ganz klar erscheint, ist tiefgründiger betrachtet ein weites Feld zum Nachdenken und kann zu manch höherer Erkenntnis führen. Was ist der Unterschied zwischen Tod und Tiefschlaf, wenn man auch an Wiedergeburt denkt? Und was ist der Unterschied zwischen Leben und Träumen, wenn man an das große Erwachen denkt? Schon im alten Mahabharata [MHB 12.203] wird von diesen drei natürlichen Bewußtseinszuständen gesprochen, nämlich traumhaftes Wachen, traumhaftes Schlafen und traumloses Schlafen. Das traumlose Wachen wäre dann das große Erwachen oder auch die Selbsterkenntnis, das Größte, das man im Leben erreichen kann. Aber der Weg dahin ist nicht so einfach:

Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, liebhaben mußte.

Wenn wir den König hier als rationales Denken bzw. Intellekt betrachten, dann wäre dies eine typische Reaktion. Kommt uns das vielleicht bekannt vor? Denken wir nur an Bücherverbrennung, Maschinenstürmer oder Energiesparlampen! Weil der Intellekt vor allem auf das Äußere gerichtet ist, neigt er gern dazu, die Wirkungen anstatt die Ursachen zu bekämpfen. An diesem Fluch des rationalen Intellekts leidet auch unsere moderne Wissenschaft. Sogar die Lösung für Umweltverschmutzung und Klimakatastrophe suchen wir in irgendwelchen Maschinen und Erfindungen, die sich gut verkaufen lassen. Nur wenige denken über die eigentlichen Ursachen nach wie Selbstsucht, Begierde und Verschwendung. Klar, auf diesem Weg kann man keine großen Geschäfte machen.

Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. »Guten Tag, du altes Mütterchen!« sprach die Königstochter, »Was machst du da?« - »Ich spinne,« sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. »Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?« sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf.

Die Eltern können ihre Kinder nicht ewig beschützen. Sie geben ihr Erbe weiter, und dann kommt für jeden Menschen die Zeit, daß er beginnt, eigene Wege zu gehen. Und so begann auch die junge Seele alles um sich herum neugierig zu erforschen. Damit kam sie schließlich auch in den alten Turm, der hier sicherlich ein wichtiges Symbol ist. Auf diesen Turm führt eine Wendeltreppe, das heißt, man steigt in Kreisen immer höher und entfernt sich vom Boden. Oben findet die Seele ein enges Stübchen wo eine Alte unablässig das Schicksal spinnt. Schon aus der germanischen Mythologie kennen wir die Nornen, die am Grunde des Lebensbaums die Schicksalsfäden spinnen. Diese Symbolik ist sehr alt. Und das kleine Stübchen im Turm erinnert natürlich an unser Oberstübchen, das auch Denk- oder Gehirnstübchen genannt wird. Und das Erbe von ihren Eltern sind nicht nur die Tugenden, sondern auch der Fluch des Intellekts, daß die Seele, sobald sie dieses Denkstübchen betritt, nach dem eigenen Schicksal greift und selbst spinnen, es also selbst bestimmen will. Dann erstarrt sie schnell und fällt in einen seltsamen Schlaf, der natürlich nicht immer so tief sein muß wie in unserem Märchen. Der rostige Schlüssel an der kleinen Tür ist sicherlich auch kein Zufall, denn diese kleine Tür, wo das Lebendige in unser Denkstübchen kommen könnte, wird nur selten benutzt. Gewöhnlich bleibt sie fest verschlossen, und alles andere kommt durch die Fenster der Sinne in unseren Turm des Körpers, den wir mit dem Ego so vehement verteidigen. Und falls trotzdem einmal etwas Lebendiges hereinkommt, dann sorgen wir dafür, daß es schnell erstarrt. Dieses Erstarren in unserem Oberstübchen, ist nichts Neues. Schon Goethe klagte in seinem [Faust 1] darüber:

Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
den Würme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe Gewölb hinauf
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urväter Hausrat drein gestopft -
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp und Totenbein.

Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: Der König und die Königin, die eben heimgekommen und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloß umzog und darüber hinauswuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach.

Das ist wirklich so, diese rationale Erstarrung in unserem Denken steckt an und verbreitet sich über die ganze Welt. Bald sind wir nur noch von toten oder gelähmten Dingen umgeben. Und je höher wir in diesem Turm steigen und uns vom Boden entfernen, desto lebloser wird diese Welt. Schließlich sind Pflanzen, Tiere und sogar die Menschen nur noch tote Zahlen, mit denen man rechnen und Gewinne machen kann. Da mag einer sagen: „So ein Unsinn, unsere moderne Welt ist doch nicht tot! Die Menschheit hat sich noch nie so schnell entwickelt wie heutzutage.“ Ja, da müßte man nun über die Frage nachdenken, was Leben eigentlich bedeutet. Was macht das Leben wirklich lebendig? All das hektische hin und her Rennen ist sicherlich noch kein wesentliches Merkmal des Lebens. Dann wäre jeder Komet aus Stein und Eis lebendiger als wir, denn der schwirrt noch viel schneller durch das All als wir über unsere Autobahnen. - Ist das Leben nicht vor allem eine Frage des Geistes? Wie offen sind wir heutzutage für geistige Dinge? Wie beweglich ist unser Geist? Wie weit fühlen wir uns mit dem Großen und Ganzen noch verbunden? Wie weit können wir das Leben noch fühlen, sogar im Wasser, im Feuer und im Wind? Oder sind wir auch schon von einer wachsenden Dornenhecke umgeben und wehren uns gegen jeden Versuch, von einem höheren Geist erobert zu werden?

Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes.

Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, und hörte, wie ein alter Mann von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: »Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.« Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.

Der Name Dornröschen erinnert an das berühmte Symbol, daß die schönen Rosen immer auch mit Dornen verbunden sind, die sich schmerzlich wehren. Hier denken wir natürlich wieder an unsere reine Seele als Inbegriff von Schönheit und Liebe, die irgendwann wie eine wunderschöne Rose unter der Frühjahrssonne erwacht und erblüht. Doch bis dahin wehren wir uns natürlich gegen den höheren Geist, gegen die reine Vernunft, die immer wieder versucht, uns zu gewinnen. Aber bis die Zeit nicht reif dafür ist, scheitert sie natürlich an unseren Mauern und verkümmert im dichten Dornengestrüpp.

Im Hohelied der Bibel lesen wir in ähnlich symbolischer Weise folgenden Wechselgesang: „Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern. - Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen. Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle (bzw. Zunge) süß. ... - Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder bei den Hinden auf dem Felde (bzw. bei den Hirschen und Rehen im Walde), daß ihr meine Freundin nicht aufweckt noch regt, bis es ihr selbst gefällt. [Bibel, Hohelied 2]“

Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lagen der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich: die Jagdhunde sprangen und wedelten: die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld: die Fliegen an den Wänden krochen weiter: das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen: der Braten fing wieder an zu brutzeln: und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie: und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

Es gibt wohl nur eines, was das Ego in dieser Welt nicht erzwingen kann, und das ist die Befreiung von diesem Fluch, alles erzwingen zu wollen. Wenn die Zeit reif ist, dann öffnet sich die Dornhecke wie von selbst und wandelt sich in ein Blütenmeer. Wenn uns der wahre Geist wachküßt, dann erwachen wir selbst und alles um uns herum zum wahren Leben, wie die im Winter erstarrte Natur unter der Frühlingssonne. Das mag das große Erwachen aus dem traumhaften Schlaf in unserem engen Denkstübchen sein, die große Hochzeit der Seele mit dem Heiligen Geist. Und das ist nicht das Ende des Lebens nach den symbolischen hundert Jahren, sondern die Erfüllung des Lebens, wenn wir aus dem engen Wehrturm unseres Egos befreit und mit dem ewigen Leben selbst vereint werden.

Deshalb sollte unser Geist niemals erstarren, vor allem noch nicht in der Kindheit. Das Irrationale, Unberechenbare und sogar das Unglück verlangt seinen natürlichen Platz im Leben. Aus diesem Grund sind Märchen vor allem für Kinder eine wichtige Sache. Auch wir sagen ganz klar: „Kinder brauchen Märchen!“


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Bibel] Luther Bibel, 1912
[Faust 1] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 1, Eine Tragödie, Tübingen 1808.
[MHB] www.mahabharata.pushpak.de
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de