Die Botschaft unserer alten Märchen

Der Eisenhans

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Kursiv [2018]

Es war einmal ein König, der hatte einen großen Wald bei seinem Schloß; darin lief Wild aller Art herum. Zu einer Zeit schickte er einen Jäger hinaus, der sollte ein Reh schießen, aber er kam nicht wieder. »Vielleicht ist ihm ein Unglück zugestoßen,« sagte der König und schickte den folgenden Tag zwei andere Jäger hinaus, die sollten ihn aufsuchen; aber die blieben auch weg. Da ließ er am dritten Tag alle seine Jäger kommen und sprach: »Streift durch den ganzen Wald und laßt nicht ab, bis ihr sie alle drei gefunden habt!« Aber auch von diesen kam keiner wieder heim, und von der Meute Hunde, die sie mitgenommen hatten, ließ sich keiner wieder sehen. Von der Zeit an wollte sich niemand mehr in den Wald wagen, und er lag da in tiefer Stille und Einsamkeit, und man sah nur zuweilen einen Adler oder Habicht darüber hinwegfliegen.

Hier gibt es offensichtlich einen Konflikt zwischen dem König mit der zivilisierten Kultur auf der einen Seite und dem Wald mit der wilden Natur auf der anderen Seite, wie zwischen Gold und Eisen. Die Natur erscheint feindlich, und die Jäger, die gewöhnlich diese beiden Welten verbinden, verschwinden auf unerklärliche Weise. Man vermutet zunächst ihren Tod und versucht aus Angst, sich von der feindlichen Natur fernzuhalten und in die städtische Kultur zurückzuziehen. Doch wie man im Folgenden erfährt, war das noch nicht die Lösung, denn bald findet sich ein mutiger oder auch übermütiger Mann, der diese Grenze nicht akzeptieren kann.

Das dauerte viele Jahre; da meldete sich ein fremder Jäger bei dem König, suchte eine Versorgung und erbot sich, in den gefährlichen Wald zu gehen. Der König aber wollte seine Einwilligung nicht geben und sprach: »Es ist nicht geheuer darin, ich fürchte, es geht dir nicht besser als den andern, und du kommst nicht wieder heraus.« Der Jäger antwortete: »Herr, ich will’s auf meine Gefahr wagen; von Furcht weiß ich nichts.« Der Jäger begab sich also mit seinem Hund in den Wald. Es dauerte nicht lange, so geriet der Hund einem Wild auf die Fährte und wollte hinter ihm her; kaum aber war er ein paar Schritte gelaufen, so stand er vor einem tiefen Pfuhl, konnte nicht weiter, und ein nackter Arm streckte sich aus dem Wasser, packte ihn und zog ihn hinab. Als der Jäger das sah, ging er zurück und holte drei Männer, die mußten mit Eimern kommen und das Wasser ausschöpfen. Als sie auf den Grund sehen konnten, so lag da ein wilder Mann, der braun am Leib war wie rostiges Eisen und dem die Haare über das Gesicht bis zu den Knien herabhingen. Sie banden ihn mit Stricken und führten ihn fort in das Schloß. Da war große Verwunderung über den wilden Mann; der König aber ließ ihn in einen eisernen Käfig auf seinen Hof setzen und verbot bei Lebensstrafe, die Türe des Käfigs zu öffnen, und die Königin mußte den Schlüssel selbst in Verwahrung nehmen. Von nun an konnte ein jeder wieder mit Sicherheit in den Wald gehen.

Da haben wir den berühmten Sumpf der Natur, eine feindliche Welt, wo man auf jeden Schritt versinken kann. Und was machen wir: trockenlegen und sterilisieren! Wir graben der Natur das Wasser ab und versuchen, ihr Wesen am Grunde zu ergreifen. Das klingt zunächst sehr einfach. In unserem Märchen erscheint ein wilder Mann, den man binden und einsperren kann. Auch wenn es für uns heute sehr wunderlich klingt, damals erwartete man im Grunde der Natur ein lebendiges Wesen. Heute würden wir mehr nach Formeln, Energien und Teilchen suchen, die der Verstand beherrschen kann. Doch für das Märchen nannte man das Wesen „Eisenhans“. Warum Eisen? Eisen war ein Sinnbild für Härte und Stärke, und wurde für Rüstungen, Waffen, Werkzeuge usw. verwendet, aber verrostete auch schnell. So war es ein sehr rohes Metall, was man durch menschliche Kunst in vielerlei Hinsicht veredeln konnte. Das Eisen oder die Natur zu beherrschen, gilt als eine der höchsten Errungenschaften der zivilisierten Menschheit. Nun, war das endlich die Lösung des Konflikts zwischen Kultur und Natur?

Man kann auch einen anderen Ansatz in der Symbolik von König und Eisenhans sehen: Der König eines Landes steht für die geistige Macht im Land, welche für Ordnung sorgt. Der Wald ist das Symbol des Wilden, Ungeordneten, was tief in der Natur und auch in unserem Unterbewußtsein schlummert. Die Macht in Gestalt des Königs sollte ein gutes Verhältnis zur Wildheit haben, denn das Geordnete und das Chaos existieren nun mal beide gemeinsam in unserer Welt. Doch hier scheint das Verhältnis zwischen Ordnung und Wildnis, also Bewußtem und Unbewußtem gestört, denn der König hat keinen Zugang mehr zum Wald. Das Wesen der Wildnis hat sich sogar gegen den König gekehrt (das Unbewußte quält das Bewußte), und dieser weiß nicht mehr, wie damit umzugehen ist, auch als er es vor sich hat. Er will es zwingen, weil er nur noch das Äußere, die Oberfläche sehen kann, und er sperrt das eisenhart Erscheinende auch in einen eisernen Käfig. Er will es unterdrücken, und verbietet seinen Leuten, ihm nahe zu kommen. Scheinbar ist der Zugang zum Wald wiederhergestellt, doch für einen hohen Preis, denn das Unbewußte wird nicht verstanden und genutzt, sondern unterdrückt.

Wem dieser Gedankengang auch behagt, der sei aufgefordert, ihn nun selbst im Märchen weiterzuverfolgen...

Der König hatte einen Sohn von acht Jahren, der spielte einmal auf dem Hof, und bei dem Spiel fiel ihm sein goldener Ball in den Käfig. Der Knabe lief hin und sprach: »Gib mir meinen Ball heraus!« - »Nicht eher,« antwortete der Mann, »als bis du mir die Türe aufgemacht hast.« - »Nein,« sagte der Knabe, »das tue ich nicht, das hat der König verboten,« und lief fort. Am andern Tag kam er wieder und forderte seinen Ball. Der wilde Mann sagte: »Öffne meine Türe!« Aber der Knabe wollte nicht. Am dritten Tag war der König auf Jagd geritten, da kam der Knabe nochmals und sagte: »Wenn ich auch wollte, ich kann die Türe nicht öffnen, ich habe den Schlüssel nicht.« Da sprach der wilde Mann: »Er liegt unter dem Kopfkissen deiner Mutter, da kannst du ihn holen.« Der Knabe, der seinen Ball wieder haben wollte, schlug alles Bedenken in den Wind und brachte den Schlüssel herbei. Die Türe ging schwer auf, und der Knabe klemmte sich den Finger. Als sie offen war, trat der wilde Mann heraus, gab ihm den goldenen Ball und eilte hinweg. Dem Knaben war angst geworden, er schrie und rief ihm nach: »Ach, wilder Mann, gehe nicht fort, sonst bekomme ich Schläge.« Der wilde Mann kehrte um, hob ihn auf, setzte ihn auf seinen Nacken und ging mit schnellen Schritten in den Wald hinein. Als der König heimkam, bemerkte er den leeren Käfig und fragte die Königin, wie das zugegangen wäre. Sie wußte nichts davon, suchte den Schlüssel, aber er war weg. Sie rief den Knaben, aber niemand antwortete. Der König schickte Leute aus, die ihn auf dem Felde suchen sollten, aber sie fanden ihn nicht. Da konnte er leicht erraten, was geschehen war, und es herrschte große Trauer an dem königlichen Hof. 

Viel edler als Eisen gilt uns das Gold, das dem Menschen wie verkörpertes Sonnenlicht erscheint. Es rostet nicht, glänzt, schimmert und ist unvergleichlich wertvoll. Es kann eine große Reinheit besitzen und gilt deshalb auch als Symbol für unser wahres Wesen oder die reine Seele. So findet man auch in diesem Märchen den goldenen Ball wieder, den der Junge ganz selbstverständlich besitzt.

Doch nicht nur der Junge im Märchen, jeder Mensch hat in seinem Inneren reines Gold, nämlich die Fähigkeit zu Veränderung und Erkenntnis, unabhängig davon, wer unsere weltlichen Eltern sind, oder ob das Gold in unsern Innern uns noch bewußt ist. Warum rollt der goldene Ball gerade in den Käfig zum Eisenhans? Offensichtlich wird nun aber das Goldene vom Eisernen angezogen. Und der Königssohn scheut nicht den Kontakt mit der wilden Natur, ist also noch nicht so erstarrt in Kultur und sogenannter Zivilisation wie der weltliche Vater. Er sieht noch etwas in dem wilden Manne, was ihn sogar gegen das Gebot des Vaters handeln läßt. Der Schlüssel zur Befreiung der Natur liegt zwar bei der Mutter, von ihr jedoch ungenutzt, denn auch sie dient dem engen Verstand des Königs. Doch was ist dieser Schlüssel zur Befreiung der Natur?

Nun, der Junge klemmt sich den Finger beim Öffnen des Käfigs, lädt also Schmerz und Schuld auf sich, da er seinem weltlichen Vater nicht gehorcht. Und er bereut seine Tat auch und bittet die Natur, nicht seine weltlichen Eltern um Hilfe. Der wilde Mann erkennt im Jungen das Potential zur Veränderung und nimmt ihn mit sich. Der leibliche Vater wird verlassen, ein geistiger Vater kommt an seine Stelle.

Als der wilde Mann wieder in dem finstern Wald angelangt war, so setzte er den Knaben von den Schultern herab und sprach zu ihm: »Vater und Mutter siehst du nicht wieder, aber ich will dich bei mir behalten, denn du hast mich befreit, und ich habe Mitleid mit dir. Wenn du alles tust, was ich dir sage, so sollst du’s gut haben. Schätze und Gold habe ich genug und mehr als jemand in der Welt.« Er machte dem Knaben ein Lager von Moos, auf dem er einschlief; und am andern Morgen führte ihn der Mann zu einem Brunnen und sprach: »Siehst du, der Goldbrunnen ist hell und klar wie Kristall, du sollst dabeisitzen und achthaben, daß nichts hineinfällt, sonst ist er verunehrt. Jeden Abend komme ich und sehe, ob du mein Gebot befolgt hast.« Der Knabe setzte sich an den Rand des Brunnens, sah, wie manchmal ein goldener Fisch, manchmal eine goldene Schlange sich darin zeigte, und hatte acht, daß nichts hineinfiel. Als er so saß, schmerzte ihn einmal der Finger so heftig, daß er ihn unwillkürlich in das Wasser steckte. Er zog ihn schnell wieder heraus, sah aber, daß er ganz vergoldet war, und wie große Mühe er sich gab, das Gold wieder abzuwischen, es war alles vergeblich. Abends kam der Eisenhans zurück, sah den Knaben an und sprach: »Was ist mit dem Brunnen geschehen?« - »Nichts, nichts,« antwortete er und hielt den Finger auf den Rücken, daß er ihn nicht sehen sollte. Aber der Mann sagte: »Du hast den Finger in das Wasser getaucht. Diesmal mag’s hingehen, aber hüte dich, daß du nicht wieder etwas hineinfallen läßt!« Am frühesten Morgen saß er schon bei dem Brunnen und bewachte ihn. Der Finger tat ihm wieder weh, und er fuhr damit über seinen Kopf, da fiel unglücklicherweise ein Haar herab in den Brunnen. Er nahm es schnell heraus, aber es war schon ganz vergoldet. Der Eisenhans kam und wußte schon, was geschehen war. »Du hast ein Haar in den Brunnen fallen lassen,« sagte er, »ich will dir’s noch einmal nachsehen; aber wenn’s zum drittenmal geschieht, so ist der Brunnen entehrt, und du kannst nicht länger bei mir bleiben.«

Am dritten Tag saß der Knabe am Brunnen und bewegte den Finger nicht, wenn er ihm noch so weh tat. Aber die Zeit ward ihm lang, und er betrachtete sein Angesicht, das auf dem Wasserspiegel stand. Und als er sich dabei immer mehr beugte und sich recht in die Augen sehen wollte, so fielen ihm seine langen Haare von den Schultern herab in das Wasser. Er richtete sich schnell in die Höhe, aber das ganze Haupthaar war schon vergoldet und glänzte wie eine Sonne. Ihr könnt euch denken, wie der arme Knabe erschrak. Er nahm sein Taschentuch und band es um den Kopf, damit es der Mann nicht sehen sollte. Als er kam, wußte er schon alles und sprach: »Binde das Tuch auf!« Da quollen die goldenen Haare hervor, und der Knabe mochte sich entschuldigen wie er wollte, es half ihm nichts. »Du hast die Probe nicht bestanden und kannst nicht länger hier bleiben. Geh hinaus in die Welt, da wirst du erfahren, wie die Armut tut. Aber weil du kein böses Herz hast und ich’s mit dir gut meine, so will ich dir eins erlauben. Wenn du in Not gerätst, so geh zu dem Wald und rufe: 'Eisenhans!', dann will ich kommen und dir helfen. Meine Macht ist groß, größer als du denkst, und Gold und Silber habe ich im Überfluß.«

Der wilde Mann wird zum Lehrer des Knaben. Er führt ihn an die Quelle, wo seine einzige Aufgabe darin besteht, zu wachen und auf Reinheit zu achten. Eine höchst erstaunliche Aufgabe. Wer sich jemals mit Yoga und Meditation befaßt hat, wird wissen, wie unsagbar schwer es ist, eine solche Prüfung zu bestehen. Einfach nur sitzen, wachen, sehen und erkennen, ohne sich darin zu verstricken. Als erstes fühlt man Langeweile, denn die Gedanken haben keine Ablenkung. Auch können alte Schuldgefühle hochkommen – der Junge steckt unbewußt seinen schmerzenden Finger in die goldene Quelle. Was geschieht? Veredlung des Fingers, also Vergebung. Wofür stehen Fisch und Schlange im goldenen Brunnen, dem reinen Wesen von Natur, Wahrheit und innerstem Wesen? Vielleicht für die reine Seele und die Urkraft der Natur, die hier gemeinsam in Harmonie schwimmen. Und wenn der Junge in die Quelle blickt, sieht er sein Spiegelbild. Doch er kann sich nicht in die Augen sehen - er erkennt noch nicht, und so wird der Brunnen verunreinigt. Wie wäre das Märchen weitergegangen, wenn er die Prüfung bestanden hätte?

Trotz allem erfährt der Junge Veränderung. Er trägt etwas Wahrheit an Händen und Kopf mit sich. Nur kann er sein „golden werden“ noch gar nicht annehmen. Sein Lehrer weiß nun, daß die nächste Stufe seiner Ausbildung bevorsteht: achtsames Handeln in der Welt, die Auseinandersetzung mit ihr in Demut und Geduld, das Übernehmen von Verantwortung und der damit einhergehende Reifeprozeß. Er schickt ihn in die Fremde – das Motiv, welches in so vielen Märchen vorkommt – und bleibt ihm aber zur Seite als vertrauensvoller Helfer.

Da verließ der Königssohn den Wald und ging über gebahnte und ungebahnte Wege immerzu, bis er zuletzt in eine große Stadt kam. Er suchte da Arbeit, aber er konnte keine finden und hatte auch nichts erlernt, womit er sich hätte forthelfen können. Endlich ging er in das Schloß und fragte, ob sie ihn behalten wollten. Die Hofleute wußten nicht, wozu sie ihn brauchen sollten, aber sie hatten Wohlgefallen an ihm und hießen ihn bleiben. Zuletzt nahm ihn der Koch in Dienst und sagte, er könnte Holz und Wasser tragen und die Asche zusammenkehren. Einmal, als gerade kein anderer zur Hand war, hieß ihn der Koch die Speisen zur königlichen Tafel tragen, da er aber seine goldenen Haare nicht wollte sehen lassen, so behielt er sein Hütchen auf. Dem König war so etwas noch nicht vorgekommen, und er sprach: »Wenn du zur königlichen Tafel kommst, mußt du deinen Hut abziehen!« - »Ach Herr,« antwortete er, »ich kann nicht, ich habe einen bösen Grind auf dem Kopf.« Da ließ der König den Koch herbeirufen, schalt ihn und fragte, wie er einen solchen Jungen hätte in seinen Dienst nehmen können; er sollte ihn gleich fortjagen. Der Koch aber hatte Mitleiden mit ihm und vertauschte ihn mit dem Gärtnerjungen.

Der Junge kommt bei fremden Menschen an, und sie finden „Wohlgefallen“ an ihm. Zwar hat er nie etwas Praktisches gelernt, und doch ist er willkommen, denn sein Wesen hat sich schon verändert und strahlt auf andere ab. Doch der Junge versteckt sein goldenes Wesen, er zeigt noch nicht sein neues Bewußtsein. Auch würde er als Königssohn erkannt und vielleicht zurückgeschickt zum weltlichen Vater. So gibt er sich sogar als unrein mit Ausschlag am Kopf.

Wie von den meisten Märchen gibt es auch vom Eisenhans verschiedene Versionen, wie z.B. „De wilde Mann“. In dieser Geschichte bringt der wilde Mann den Jungen selbst als Gärtnergehilfe am Königshof unter. Doch der Junge muß im Stall schlafen, weil er so dreckig ist und niemand mit ihm die Stube teilen möchte. Am Morgen, als er seine Arbeit im Garten anfangen will, kommt ihm der wilde Mann entgegen und schickt ihn, sich zu waschen und zu kämmen. Während der Junge sich reinigt, arbeitet der wilde Mann im Garten und macht ihn viel schöner, als der Gärtnermeister es selbst je konnte. Besser kann man es gar nicht ausdrücken! Wenn der Mensch auf seine innere Reinheit achtet und beständig daran arbeitet, sich selbst und damit auch sein Umfeld tugendhaft zu halten, dann arbeitet die Natur wie von selbst für ihn und schenkt ihm die Früchte seines reinen Handelns.

Nun mußte der Junge im Garten pflanzen und begießen, hacken und graben und Wind und böses Wetter über sich ergehen lassen. Einmal im Sommer, als er allein im Garten arbeitete, war der Tag so heiß, daß er sein Hütchen abnahm und die Luft ihn kühlen sollte. Wie die Sonne auf das Haar schien, glitzte und blitzte es, daß die Strahlen in das Schlafzimmer der Königstochter fielen und sie aufsprang, um zu sehen, was da wäre. Da erblickte sie den Jungen und rief ihn an: »Junge, bring mir einen Blumenstrauß!« Er setzte in aller Eile sein Hütchen auf, brach wilde Feldblumen ab und band sie zusammen. Als er damit die Treppe hinaufstieg, begegnete ihm der Gärtner und sprach: »Wie kannst du der Königstochter einen Strauß von schlechten Blumen bringen? Geschwind hole andere und suche die schönsten und seltensten aus!« - »Ach nein,« antwortete der Junge, »die wilden riechen kräftiger und werden ihr besser gefallen.« Als er in ihr Zimmer kam, sprach die Königstochter: »Nimm dein Hütchen ab, es ziemt sich nicht, daß du ihn vor mir aufbehältst.« Er antwortete wieder: »Ich darf nicht, ich habe einen grindigen Kopf.« Sie griff aber nach dem Hütchen und zog es ab, da rollten seine goldenen Haare auf die Schultern herab, daß es prächtig anzusehen war. Er wollte fortspringen, aber sie hielt ihn am Arm und gab ihm eine Handvoll Dukaten. Er ging damit fort, achtete aber des Goldes nicht, sondern er brachte es dem Gärtner und sprach: »Ich schenke es deinen Kindern, die können damit spielen.« Den andern Tag rief ihm die Königstochter abermals zu, er sollte ihr einen Strauß Feldblumen bringen, und als er damit eintrat, grapste sie gleich nach seinem Hütchen und wollte es ihm wegnehmen; aber er hielt es mit beiden Händen fest. Sie gab ihm wieder eine Handvoll Dukaten, aber er wollte sie nicht behalten und gab sie dem Gärtner zum Spielwerk für seine Kinder. Den dritten Tag ging’s nicht anders: Sie konnte ihm sein Hütchen nicht wegnehmen, und er wollte ihr Gold nicht.

Und so geht es weiter – nicht nur vom König, dem Innehaber der weltlichen Macht und Inbegriff der Kultur, sondern auch von weiblichen Reizen hält er sich fern. Weder prahlt er mit seinem eigenen, geistigen Gold, noch greift er nach dem weltlichen Gold, das ihm angeboten wird. Er tut seine Pflicht, und zieht sich dennoch von den üblichen Gepflogenheiten der Menschen um sich herum zurück. Doch er versucht bereits, die Harmonie von Kultur und Natur herzustellen, denn er bringt der Königstochter die wilden, einfachen Blumen, nicht die gezüchteten und prachtvollen.

Nicht lange danach ward das Land mit Krieg überzogen. Der König sammelte sein Volk und wußte nicht, ob er dem Feind, der übermächtig war und ein großes Heer hatte, Widerstand leisten könnte. Da sagte der Gärtnerjunge: »Ich bin herangewachsen und will mit in den Krieg ziehen; gebt mir nur ein Pferd!« Die andern lachten und sprachen: »Wenn wir fort sind, so suche dir eins; wir wollen dir eins im Stall zurücklassen.« Als sie ausgezogen waren, ging er in den Stall und zog das Pferd heraus; es war an einem Fuß lahm und hickelte hunkepuus, hunkepuus. Dennoch setzte er sich auf und ritt fort nach dem dunkeln Wald. Als er an den Rand desselben gekommen war, rief er dreimal 'Eisenhans' so laut, daß es durch die Bäume schallte. Gleich darauf erschien der wilde Mann und sprach: »Was verlangst du?« - »Ich verlange ein starkes Roß, denn ich will in den Krieg ziehen.« - »Das sollst du haben und noch mehr als du verlangst.« Dann ging der wilde Mann in den Wald zurück, und es dauerte nicht lange, so kam ein Stallknecht aus dem Wald und führte ein Roß herbei, das schnaubte aus den Nüstern und war kaum zu bändigen. Und hinterher folgte eine Schar Kriegsvolk, ganz in Eisen gerüstet, und ihre Schwerter blitzten in der Sonne. Der Jüngling übergab dem Stallknecht sein dreibeiniges Pferd, bestieg das andere und ritt vor der Schar her. Als er sich dem Schlachtfeld näherte, war schon ein großer Teil von des Königs Leuten gefallen, und es fehlte nicht viel, so mußten die übrigen weichen. Da jagte der Jüngling mit seiner eisernen Schar heran, fuhr wie ein Wetter über die Feinde und schlug alles nieder, was sich ihm widersetzte. Sie wollten fliehen, aber der Jüngling saß ihnen auf dem Nacken und ließ nicht ab, bis kein Mann mehr übrig war. Statt aber zu dem König zurückzukehren, führte er seine Schar auf Umwegen wieder zu dem Wald und rief den Eisenhans heraus. »Was verlangst du?« fragte der wilde Mann. »Nimm dein Roß und deine Schar zurück und gib mir mein dreibeiniges Pferd wieder!« Es geschah alles, was er verlangte, und er ritt auf seinem dreibeinigen Pferd heim. Als der König wieder in sein Schloß kam, ging ihm seine Tochter entgegen und wünschte ihm Glück zu seinem Siege. »Ich bin es nicht, der den Sieg davongetragen hat,« sprach er, »sondern ein fremder Ritter, der mir mit seiner Schar zu Hilfe kam.« Die Tochter wollte wissen, wer der fremde Ritter wäre, aber der König wußte es nicht und sagte: »Er hat die Feinde verfolgt, und ich habe ihn nicht wiedergesehen.« Sie erkundigte sich bei dem Gärtner nach dem Jungen; der lachte aber und sprach: »Eben ist er auf seinem dreibeinigen Pferde heimgekommen, und die andern haben gespottet und gerufen: 'Da kommt unser Hunkepuus wieder an.' Sie fragten auch: 'Hinter welcher Hecke hast du derweil gelegen und geschlafen?' Er sprach aber: 'Ich habe das Beste getan, und ohne mich wäre es schlecht gegangen.' Da ward er noch mehr ausgelacht.«

Unser Jüngling macht seinen nächsten Schritt. Es kommt die Zeit, Verantwortung zu übernehmen, wovor er sich nicht scheut. Doch immer noch will er sich und seine Fähigkeiten nicht enthüllen. Nur die Königstochter ahnt schon, daß das goldene Haar des Jünglings mit besonderen Eigenschaften einhergeht. Doch ist sie klug genug, bis zum rechten Augenblick zu warten.

Der König sprach zu seiner Tochter: »Ich will ein großes Fest ansagen lassen, das drei Tage währen soll, und du sollst einen goldenen Apfel werfen. Vielleicht kommt der Unbekannte herbei.« Als das Fest verkündigt war, ging der Jüngling hinaus zu dem Wald und rief den Eisenhans. »Was verlangst du?« fragte er. »Daß ich den goldenen Apfel der Königstochter fange.« - »Es ist so gut, als hättest du ihn schon,« sagte Eisenhans, »du sollst auch eine rote Rüstung dazu haben und auf einem stolzen Fuchs reiten.« Als der Tag kam, sprengte der Jüngling heran, stellte sich unter die Ritter und ward von niemand erkannt. Die Königstochter trat hervor und warf den Rittern einen goldenen Apfel zu, aber keiner fing ihn als er allein; aber sobald er ihn hatte, jagte er davon. Am zweiten Tag hatte ihn Eisenhans als weißen Ritter ausgerüstet und ihm einen Schimmel gegeben. Abermals fing er allein den Apfel, verweilte aber keinen Augenblick, sondern jagte damit fort. Der König war bös und sprach: »Das ist nicht erlaubt, er muß vor mir erscheinen und seinen Namen nennen.« Er gab den Befehl, wenn der Ritter, der den Apfel gefangen habe, sich wieder davonmachte, so sollte man ihm nachsetzen, und wenn er nicht gutwillig zurückkehrte, auf ihn hauen und stechen. Am dritten Tag erhielt er vom Eisenhans eine schwarze Rüstung und einen Rappen und fing auch wieder den Apfel. Als er aber damit fortjagte, verfolgten ihn die Leute des Königs, und einer kam ihm so nahe, daß er mit der Spitze des Schwertes ihm das Bein verwundete. Er entkam ihnen jedoch; aber sein Pferd sprang so gewaltig, daß der Helm ihm vom Kopf fiel, und sie konnten sehen, daß er goldene Haare hatte. Sie ritten zurück und meldeten dem König alles.

Rot – Weiß – Schwarz
Dreimal kommt der Jüngling, immer die gleiche Probe zu bestehen. Warum dreimal? Die Farben machen wohl den Unterschied. Sagen wir: Rot steht für das Anregende, Kämpferische, Feurige im Charakter eines Menschen, Weiß für Reinheit, Verklärung und Vollkommenheit und Schwarz für das Träge, Unbewegliche. Jeder, der in der Welt lebt, braucht seinen ausreichenden Anteil an Feuer, Licht und Ruhe. Ohne Feuer, kein Handeln. Ohne Licht keine Weisheit, und das Handeln bringt schlechte Früchte. Und ohne die ausgleichende Ruhe sind weder Handeln noch Weisheit möglich. Sind die drei Grundneigungen des Geistes im Einklang, ist der Mensch geistig gesund. Überwiegt eine der Neigungen zu sehr, wird der Mensch entweder hyperaktiv oder dumpf und träge und hat keine gute Wirkung mehr in der Welt. Unser Jüngling besteht die Probe in allen drei Farben. Nur unter dem Einfluß des trägen Schwarz kann er erkannt und berührt werden.

Am andern Tag fragte die Königstochter den Gärtner nach seinem Jungen. »Er arbeitet im Garten; der wunderliche Kauz ist auch bei dem Fest gewesen und erst gestern abend wiedergekommen; er hat auch meinen Kindern drei goldene Äpfel gezeigt, die er gewonnen hat.« Der König ließ ihn vor sich fordern, und er erschien und hatte wieder sein Hütchen auf dem Kopf. Aber die Königstochter ging auf ihn zu und nahm es ihm ab, und da fielen seine goldenen Haare über die Schultern, und es war so schön, daß alle erstaunten. »Bist du der Ritter gewesen, der jeden Tag zu dem Fest gekommen ist, immer in einer andern Farbe, und der die drei goldenen Äpfel gefangen hat?« fragte der König. »Ja,« antwortete er, »und da sind die Äpfel,« holte sie aus seiner Tasche und reichte sie dem König. »Wenn Ihr noch mehr Beweise verlangt, so könnt Ihr die Wunde sehen, die mir Eure Leute geschlagen haben, als sie mich verfolgten. Aber ich bin auch der Ritter, der Euch zum Sieg über die Feinde verholfen hat.« - »Wenn du solche Taten verrichten kannst, so bist du kein Gärtnerjunge. Sage mir, wer ist dein Vater?« - »Mein Vater ist ein mächtiger König, und Goldes habe ich die Fülle und soviel ich nur verlange.« - »Ich sehe wohl,« sprach der König, »ich bin dir Dank schuldig, kann ich dir etwas zu Gefallen tun?« - »Ja,« antwortete er, »das könnt Ihr wohl, gebt mir Eure Tochter zur Frau.« Da lachte die Jungfrau und sprach: »Der macht keine Umstände! Aber ich habe schon an seinen goldenen Haaren gesehen, daß er kein Gärtnerjunge ist,« ging dann hin und küßte ihn.

Diesmal bringt die Königstochter den Ball endlich ins Rollen, denn siehe da, der Jüngling ist gereift. Endlich bekennt er sich: Ja, ich bin es! Er bekennt sich zu seinen goldenen Fähigkeiten, denn er hat nun endlich im tiefsten Innern erkannt, daß sich ihm durch seine Verbindung zum Eisenhans - also die Verbindung von wilder Natur zur ordnenden Kultur - alle Schätze dieses Lebens offenbaren, sofern er ihrer benötigt. Es ist nun also Zeit für ihn, seinen Platz in der Welt wieder einzunehmen und seinen Aufgaben als Königssohn nachzukommen. Er wählt die wahre Braut, denn sie hat sein goldenes Inneres schon lang erkannt, und kann nun auch wieder mit seinen Eltern zusammen sein. Solange die Entwicklung seines Geistes noch im Gange war, mußte er sowohl seine Eltern und ihre enge Auffassung von Zivilisation und wilder Natur als auch die leidenschaftliche Verbindung mit einer Frau meiden. Doch nun, nach der Erkenntnis kann er mit jedem Menschen zusammen sein.

Zu der Vermählung kam sein Vater und seine Mutter und waren in großer Freude, denn sie hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, ihren lieben Sohn wiederzusehen. Und als sie an der Hochzeitstafel saßen, da schwieg auf einmal die Musik, die Türen gingen auf, und ein stolzer König trat herein mit großem Gefolge. Er ging auf den Jüngling zu, umarmte ihn und sprach: »Ich bin der Eisenhans und war in einen wilden Mann verwünscht, aber du hast mich erlöst. Alle Schätze, die ich besitze, die sollen dein Eigentum sein.«

Und auch Eisenhans ist wieder als wohltätiger König und geistiger Vater erkennbar, denn durch den Jüngling ist das Verhältnis der weltlichen Macht zur wilden Natur wieder hergestellt.

Wer hatte die Natur als wild und feindlich verflucht?

Doch nun hat die Natur ihre königliche Würde wiederbekommen, die ihr der Mensch genommen hatte. Und wir sehen, die Natur kann uns ein trefflicher Lehrer sein, und wahrlich, all unseren Reichtum empfangen wir doch im Grunde nur von der Natur. Die Natur sollte unser Freund sein, nicht unser Feind. Dann können Kultur und Natur gemeinsam bestehen.

p.s. Das Verhältnis des leiblichen Vaters des Jünglings zur Natur erinnert an das Verhalten unserer modernen, wissenschaftlich- materiellen Menschen zur Natur. Wir bitten nicht, wollen uns nicht demütig der goldenen Quelle nähern und dafür auch mal eine Weile darben, sondern wir zwingen die Natur mit Technik, Chemie und Masse unter unseren luxuriösen Willen. Es scheint zwar noch zu funktionieren, denn unsere Supermärkte sind übervoll. Doch wir selbst sind schon gegen alle möglichen Lebensmittel von unseren gespritzten Äckern und geknechteten Tierherden allergisch und leiden unter seltsamen, der Wissenschaft nicht näher bekannten Krankheiten. Bitte hilf uns, Eisenhans!


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de