Die Botschaft unserer alten Märchen

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Kursiv [2018]

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen. Wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Es gibt wohl kein Märchen, das so oft interpretiert wurde, wie dieses. Das deutet darauf hin, daß es schon viele Generation berührt hat. So wollen auch wir uns daran versuchen und vor allem die symbolische Ebene etwas näher beleuchten. „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König...“ Das paßt bereits gut in unsere Zeit, denn für unseren rational geprägten Geist ist die Wirkung geistiger Wünsche immer noch ein großes Rätsel. Wir glauben an die Wirkung von chemischen Substanzen, wundern uns über Plazeboeffekte und Homöopathie, aber wenn es um Reiki oder ähnliches geht, dann hört der Spaß auf. Und nun will noch jemand behaupten, daß ein reiner Wunsch schon helfen kann! Denken wir an das übliche „Gesundheit!“, wenn jemand niest. Nun, das funktioniert wirklich nur, wenn der ‚König lebt‘, das heißt, wenn der Geist lebendig ist. Und daß der Geist die Kraft hat, krank und gesund zu machen, ist zwar eine Tatsache, die jeder im Leben erfahren kann, die aber trotzdem nur schwer in unser wissenschaftliches Weltbild paßt, das sich vor allem um das Materielle dreht. Doch in unserem Märchen wollen wir mal ein Auge zudrücken und versuchen, mit diesen Symbolen zu spielen. Die Töchter des Königs, also des Geistes, könnten dann unsere Seelen sein, von denen die jüngste natürlich immer die schönste ist. Das Schloß oder auch die Burg des Königs könnte unser Körper sein, der große dunkle Wald die Wildnis der Natur, die Linde der Baum des Lebens und der Brunnen das angesammelte Karma, aus dem unser Schicksal fließt. An diesem Brunnen spielt die Seele mit der goldenen Kugel, dem wahren Kern unseres Lebens, in der Hitze der Begierde, die natürlich eng mit Langeweile verbunden ist.

Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, daß man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: »Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, daß sich ein Stein erbarmen möchte.« Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher,« sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.«

Dieser wahre Kern des Lebens gleitet der Seele schnell aus der Hand und verschwindet im unergründlichen Brunnen, aus dem nun ihr Schicksal fließt. Das Ganze ist offensichtlich mit Leiden verbunden und die Seele weint natürlich über den Verlust. Da spricht ein Frosch zu ihr, der symbolisch für das Wesen des Wassers steht. Das Wasser ist wiederum ein Symbol für das Leben, weil das Wasser nun einmal eng mit unserem Leben verbunden ist. Nur wenige Tage kann ein Mensch ohne Wasser leben, sein Körper besteht zum größten Teil aus Wasser, er wächst in einer Fruchtblase voll Wasser heran und das irdische Leben selbst ist im Wasser entstanden.

»Sei still und weine nicht!« antwortete der Frosch, »Ich kann wohl Rat schaffen, aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?« - »Was du haben willst, lieber Frosch,« sagte sie, »meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.« Der Frosch antwortete: »Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen.« - »Ach ja,« sagte sie, »Ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.« Sie dachte aber: »Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein.«

Und dieses ‚Leben‘ verspricht der Seele Hilfe, den wahren Kern, die goldene Kugel, wiederzufinden, die sie verloren hat. Doch was verlangt es dafür? Nicht Perlen oder Edelsteine, sondern eine intensive Verbundenheit mit dem Leben selbst. Und das verspricht die Seele zunächst auch, ohne eigentlich zu wissen, was damit gemeint ist. Denn sie glaubt nicht, daß sie sich mit dieser einfältigen Form des Lebens verbinden könnte, obwohl sie bereits auf menschliche Weise angesprochen wird.

In einer anderen Version dieses Märchens wurde das Grundproblem damit erklärt, daß sich das Wasser des Lebens in diesem Brunnen getrübt hatte. Das erinnert uns an die Illusion, die unsere Sicht trübt. Und der Frosch als Symbol des Lebens versprach dort mit einem schönen Spruch:

„Wann du willst mein Schätzchen sein,
Will ich dir geben hell, hell Wässerlein.“

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert; hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. »Warte, warte,« rief der Frosch, »nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.« Aber was half ihm, daß er ihr sein quak quak so laut nachschrie, als er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen mußte.

Der Frosch erfüllte zunächst sein Versprechen, aber die Königstochter zweifelt noch. Was ist das eigentlich für ein seltsames Paar, das sich hier sucht? Die Symbolik ist genial. Auf der einen Seite kann man den Frosch als Geist sehen, der in der Natur gefangen ist, und auf der anderen Seite die Prinzessin als Natur, die im Geist gefangen ist. Denn der Frosch ist in seiner natürlichen Körperform gefangen, die der Prinzessin häßlich erscheint, und die Prinzessin ist in der geistigen Form ihres künstlichen Haus- und Hoflebens gefangen, was nun wiederum den Frosch als Vertreter des natürlichen Lebens zum Angriff herausfordert:

Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Tür und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf!« Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und es war ihr ganz angst. Der König sah wohl, daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: »Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?« - »Ach nein,« antwortete sie, »Es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.« - »Was will der Frosch von dir?« - »Ach lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden. Ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:

»Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!
Weißt du nicht, was gestern
Du zu mir gesagt
Bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!«

Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das mußt du auch halten! Geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Türe, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: »Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.« Das tat sie zwar, aber man sah wohl, daß sie’s nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich’s gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse stecken. Endlich sprach er: »Ich habe mich satt gegessen und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.« Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: »Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.« Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke.

Man kann es bald nicht eindrucksvoller beschreiben, wie diese beiden Gegensätze aufeinandertreffen und sich irgendwie suchen. Der exaltierte Geist am Hofe in Form der Prinzessin, die sich der Natur verschließt, und die häßliche Natur in Form eines glitschigen Frosches, der alle Ideale der Prinzessin herausfordert. Er bittet sie mehrmals: „Tochter des Königs, mach mir auf! - Öffne dich dem Geist des Lebens!“ Und der alte König erfüllt seine Pflicht hervorragend. Wahrlich, so einen wahrhaft reinen Geist wünschten wir uns auch heute zum König! Und die Prinzessin wurde von ihm sicherlich gut erzogen, folgt und vertraut ihrem Vater, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt:

Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: »Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater.« Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: »Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch!« Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl.

Hier sind wir wohl am spektakulären Höhepunkt unseres Märchens angelangt, der gewöhnlich auch immer eine Wandlung bedeutet. Die Situation eskaliert, der Frosch droht mit dem Vater, und die Prinzessin spielt ihre natürlichen Kräfte aus und wirft den häßlichen Frosch zornig gegen die Wand, damit endlich Ruhe sei. Das mag heutzutage, wo wir gern Hamster, Mäuse und sogar Frösche als Streicheltiere in der Wohnung halten, nach Tierquälerei klingen. Aber hier geht es sicherlich vor allem um die Symbolik, nämlich die äußere Form zu zerbrechen, in der das Leben gefangen war. Wahrlich, ein reiner und frei beweglicher Geist ohne Anhaftung würde unbeeindruckt durch jede Wand hindurchgehen und nicht einmal eine Spur zurücklassen. Ein übermäßig verhärteter Geist, der an seiner körperlichen Form haftet, würde hier leidvoll zerbrechen und sterben. Irgendwo dazwischen befand sich offensichtlich unser Frosch, denn er wandelte seine Form in einen Königssohn, womit sich gleichzeitig der Haß der Prinzessin in Liebe wandelte. Und das sicherlich nicht nur, weil es dem Willen ihres Vaters entsprach. Damit symbolisiert diese Geschichte natürlich einen geistigen Wandlungsprozeß, der vor allem im Innern der Prinzessin abläuft. Die äußere Form des Frosches zerbricht und der königliche Geist, der hinter dieser Form verborgen war, wird der Seele bewußt. Dies ist ein typischer Prozeß des Erwachens, wenn man in allen Formen der Natur zuerst das große Leben und dann sogar das rein Geistige und Göttliche sehen kann. Wir merken hier bereits, wie der Geist von Prinzessin und Frosch zunehmend ineinander ‚verschwimmt‘.

Äußerlich könnte hier die Prinzessin als weibliches Wesen auch die Natur selbst symbolisieren. Daß die Natur unser Leben hart angreift und gern gegen irgendwelche Wände wirft, kennen wir sicherlich aus unserem praktischen Leben. Hier bestehen die Wände aus Tod, großen Verlusten oder anderen Hindernissen, die uns unüberwindbar erscheinen. Und nur sehr selten ist unser Geist so frei und beweglich, daß wir dort unbeeindruckt hindurchgehen. Normalerweise zerbricht ein Teil von uns und wandelt sich. Und je verhärteter wir sind, um so bedrohlicher und feindlicher wird die Natur für uns, und am Ende fürchten wir sogar unseren völligen Untergang. Schon Goethe ließ Mephisto im Namen der Natur verkünden:

In jeder Art seid ihr verloren; -
Die Elemente sind mit uns verschworen,
Und auf Vernichtung läuft's hinaus.

Darauf antwortet später der Chor der Engel:

Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen. [Faust II]

Und so bemühte sich auch hier der Frosch um die Gunst der Prinzessin, der Geist um die Seele, damit am Ende beide vereint und vom Fluch erlöst sein können.

Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen.

Vor allem der letzte Satz ist sehr interessant und denkwürdig, daß nur die Seele den Geist aus dem Brunnen voller Karma erlösen kann. Und darum geht es sicherlich auch im Leben, nämlich die harmonische Einheit von Geist, Seele und Natur wieder herzustellen und nicht irgendeine Insellösung zu finden, die immer nur begrenztes Glück gewähren kann. Wer nun die böse Hexe ist, die unseren Geist verwünscht, bleibt in diesem Märchen offen. In der Bibel war es die listige Schlange, die der Eva das leidenschaftliche „Ich“ ins Ohr zischelte. In der germanischen Mythologie bringt Loki als Vater der Midgardschlange die Unruhe in die Welt. Im indischen Mahabharata lesen wir von den Dämonen Madhu und Kaithabha, welche die Wahrheit in Form der Veden raubten und die Welt wieder in Schwung brachten [z.B. MHB 12.348]. Im praktischen Leben ist es wohl vor allem die Illusion, die uns verzaubert und ‚verwünscht‘, weil wir uns selten etwas Wahrhaftes wünschen.

Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief

»Heinrich, der Wagen bricht.«
»Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als Ihr in dem Brunnen saßt,
als Ihr eine Fretsche wast (ein Frosch wart).«

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

Die aufgehende Sonne ist immer auch ein Symbol des Erwachens aus dem Schlaf der Illusion, in den Seele und Geist gefallen waren. Und weiter geht die wunderbare Symbolik mit dem Wagen, der die Seele durch dieses irdische Leben fährt und hoffentlich irgendwann in ihr wahres Reich zurückbringt. Acht weiße Pferde mit weißen Federn auf dem Kopf deuten bereits auf einen reinen Geist hin, der von den goldenen Ketten der ewigen Wahrheit geführt wird. Die Acht wird oft als Zahl der Vollkommenheit verwendet, und im Christentum gilt der achte Tag als der Tag der Auferstehung. Ein Yogi würde hier vielleicht den körperlichen Wagen der Seele sehen, der von den fünf Sinnen mit dem Denken, Bewußtsein und Schicksal gezogen wird, die hier eine gewisse Reinheit erreicht haben. Und was bedeutet der eiserne Heinrich als treuer Diener des Geistes? Nun, ähnlich wie im Märchen vom Getreuen Johannes, können wir hier an die Vernunft denken, die dem Geist und der Seele immer ein treuer Diener ist. Als der Geist in die Natur gebannt wurde, war die Vernunft natürlich voller Sorgen, welche sich wie eiserne Bande um das Leben legten. Um welche drei Bande es sich hier handelt, bleibt wohl unserer Phantasie überlassen. Man könnte an die Sorgen des Todes, der Trennung oder Illusion denken, die sich der Vernunft auf dieser Hochzeitsfahrt von Geist und Seele mit lautem Krachen lösten, weil nun ihr Herr erlöst und glücklich war.

Zum Schluß vielleicht noch ein paar Gedanken über den Titel „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“, der von den Gebrüdern Grimm vermutlich gewählt wurde, um die tiefere Botschaft dieses Märchens zu unterstreichen. Demnach hätten wir die Wahl, ob wir wie ein quakender Frosch den Tieren gleich leben wollen, oder den eisernen Heinrich als Diener nutzen, um uns mit wahrhafter Vernunft zu einem würdigen Menschsein zu erheben. Dann geht es darum, Geist, Seele und Körper in Harmonie zu vereinen, den Fluch der bösen Hexe zu überwinden, die Bande zu lösen, die uns leidvoll binden, und in unser wahres Königreich zurückzukehren.

Es ist doch schließlich die Vernunft, die den Menschen vom Tier unterscheiden soll. Ansonsten müssen wir am Ende den Spott der Natur ertragen, wie auch Goethe in [Faust I] Mephisto sprechen läßt:

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Faust I] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 1, Eine Tragödie, Tübingen 1808
[Faust II] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 2
[MHB] Das Mahabharata des Vyasa, 2014, www.mahabharata.pushpak.de
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de