Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Fundevogel

Es war einmal ein Förster, der ging in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als ob’s ein kleines Kind wäre. Er ging dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum, und oben darauf saß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schoße gesehen: Da war er hinzugeflogen, hatte es mit seinem Schnabel weggenommen und auf den hohen Baum gesetzt.

Der Förster stieg hinauf, holte das Kind herunter und dachte: »Du willst das Kind mit nach Haus nehmen und mit deinem Lenchen zusammen aufziehn.« Er brachte es also heim, und die zwei Kinder wuchsen miteinander auf. Das aber, das auf dem Baum gefunden worden war, und weil es ein Vogel weggetragen hatte, wurde Fundevogel geheißen. Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.

Für unsere Kinder ist es sicherlich eine zauberhafte Geschichte, wie in dieser Welt niemand verlorengehen kann, wenn man seinen Geschwistern vertraut und untereinander zusammenhält. Damit kann man jedes Abenteuer bestehen und sogar eine böse Hexe besiegen. Für Erwachsene wird bereits der Anfang dieses Märchens sehr seltsam klingen und fordert uns regelrecht heraus, nach einer tieferen Symbolik zu suchen.

So wollen auch wir uns daran versuchen: Der Förster ist ein Mann, der über einen Wald wacht und herrscht, und erinnert uns hier an den herrschenden Geist über die gestaltete Natur. Die schlafende Mutter könnte die materielle Natur sein, die ins Unbewußte gesunken ist, und unter dem Baum des Lebens schläft wie ein Stein oder die Mutter Erde unter unseren Füßen. Ihr Kind wären wir dann selbst, ein bewußtes Wesen, das vom Geist gezeugt und von der Natur körperlich geboren wurde. Die große Kraft der Leidenschaft bzw. Begierde hat uns ergriffen und in den großen Baum des Lebens gesetzt, der viele Früchte bietet. Hier findet uns der herrschende Geist - denn Fundevogel heißt soviel wie Findelkind - und verbindet uns mit unserer weiblichen Seite, die hier als leibliche Tochter des Försters erscheint. Jeder Mensch hat diese beiden Pole in sich, die zwar untrennbar verbunden sind, aber sich nicht immer so lieben, wie in diesem Märchen hier. Unsere wahren Eltern kennen wir gewöhnlich nicht, und so werden wir wie ein Findelkind von Stiefeltern erzogen, die in dieser Version des Märchens als Förster und alte Köchin agieren:

Der Förster hatte aber eine alte Köchin, die nahm eines Abends zwei Eimer und fing an Wasser zu schleppen, und ging nicht einmal, sondern viele Mal hinaus an den Brunnen. Lenchen sah es und sprach: »Hör einmal, alte Sanne, was trägst du denn so viel Wasser zu?« - »Wenn du’s keinem Menschen wiedersagen willst, so will ich dir’s wohl sagen.« Da sagte Lenchen nein, sie wollte es keinem Menschen wiedersagen, so sprach die Köchin: »Morgen früh, wenn der Förster auf die Jagd ist, da koche ich das Wasser, und wenn’s im Kessel siedet, werfe ich den Fundevogel nein, und will ihn darin kochen.«

Wenn wir hier Förster und Köchin als Polarität betrachten, ähnlich wie König und Königin in anderen Märchen, dann kommen wir wieder zum herrschenden Geist und zur herrschenden Natur. Diese Natur erscheint uns oft feindlich und wird gern als Stiefmutter oder alte Hexe symbolisiert, die über Zauberkräfte verfügt und mit der Kraft der Illusion arbeitet. Der Hexenkessel ist ein uraltes Symbol, das uns daran erinnert, wie unser Geist in der Natur gekocht, verwandelt und zubereitet wird. Und wofür wird er zubereitet? Im Sinne der Evolution sollte es hier natürlich um eine Entwicklung vom Niederen zum Höheren gehen. Ähnliches finden wir bei „Hänsel und Gretel“, als Hänsel gekocht und Gretel gebacken werden soll. So könnte der Hexenkessel den leidvollen Aspekt der Natur bezüglich unserer Entwicklung symbolisieren, von der Geburt im Mutterleib, über all unsere Leiden und brennenden Schmerzen im Leben bis zu den siedenden Kesseln in der Hölle. Solche Beschreibungen finden wir bereits in den uralten indischen Epen, wie zum Beispiel:

„Schon die Geburt ist schmerzhaft und schwer erträglich. Während sie im Mutterleib wachsen, werden alle Geschöpfe in den scharfen, sauren und bitteren Körpersäften gekocht, umgeben von Urin, Schleim und Kot. Dort müssen sie innerhalb der Gebärmutter in einem hilflosen Zustand wohnen und werden immer wieder gestoßen und gequetscht. So sieht man, wie jene Wesen, die Fleisch begehren, bereits im Mutterleib völlig hilflos gekocht werden. Und nachdem sie verschiedenste Geburten erlangt haben, werden sie noch in der Hölle Kumbhipaka (in großen Kesseln) gekocht. [MHB 13.116]“

Natürlich geht es hier um einen Prozeß der Reinigung, wie überall in der Natur, der uns oft schmerzhaft und feindlich erscheint. Wer ein Gemüsegärtchen hat, wird vielleicht schon bemerkt haben, daß die Natur Unkraut, Schnecken und Läuse scheinbar mehr liebt, als unsere mühevoll gehegten Salatpflanzen. Das ist ein großes Geheimnis der Natur, denn sie liebt den Tod um der Geburt willen, die Krankheit um der Gesundheit willen, die Vielfalt um der Einheit willen, die Vergänglichkeit um der Ewigkeit willen, den Kampf um des Friedens willen und die Trennung um der Verbundenheit willen. Deshalb erscheint uns die Natur oft feindlich, weil wir vor allem die Oberfläche sehen und nicht ihren tieferen Grund und Sinn erkennen. Ähnlich erscheint uns auch in diesem Märchen die Köchin als Hexe und versucht, den Geist im Hexenkessel der Natur zu kochen. Und wenn wir ehrlich sind, dann kennt auch unsere weibliche Seite dieses Geheimnis der Natur und könnte es uns verraten, wenn wir nur soviel Vertrauen hätten wie Fundevogel:

Des andern Morgens in aller Frühe stieg der Förster auf und ging auf die Jagd, und als er weg war, lagen die Kinder noch im Bett. Da sprach Lenchen zum Fundevogel: »Verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.« So sprach der Fundevogel: »Nun und nimmermehr!« Da sprach Lenchen: »Ich will es dir nur sagen, die alte Sanne schleppte gestern abend so viel Eimer Wasser ins Haus, da fragte ich sie, warum sie das täte, so sagte sie, wenn ich es keinem Menschen sagen wollte, so wollte sie es mir wohl sagen: Sprach ich, ich wollte es gewiß keinem Menschen sagen: Da sagte sie, morgen früh, wenn der Vater auf die Jagd wäre, wollte sie den Kessel voll Wasser sieden, dich hineinwerfen und kochen. Wir wollen aber geschwind aufstehen, uns anziehen und zusammen fortgehen.« Also standen die beiden Kinder auf, zogen sich geschwind an und gingen fort.

Die Symbolik ist wunderbar! Wenn wir diese Verbundenheit oder auch Einheit von Männlich und Weiblich bzw. Geist und Natur in uns finden, dann können wir dem Hexenkessel der feindlichen Natur entkommen und die Illusion der Hexe, die uns verzaubert, überwinden. Und die Gefahr ist natürlich am Morgen des weltlichen Tages, wenn der Geist auf die Jagd in die Welt geht, besonders groß. Was tun wir also zuerst? Wir versuchen vor der scheinbar feindlichen Natur zu fliehen, am besten bis ans Ende der Welt oder an den Rand des Waldes, wie es hier im Märchen heißt.

Wie nun das Wasser im Kessel kochte, ging die Köchin in die Schlafkammer, wollte den Fundevogel holen und ihn hineinwerfen. Aber als sie hineinkam und zu den Betten trat, waren die Kinder alle beide fort: Da wurde ihr grausam Angst, und sie sprach vor sich: »Was will ich nun sagen, wenn der Förster heimkommt und sieht, daß die Kinder weg sind? Geschwind hintennach, daß wir sie wiederkriegen.«

Nun, diese Flucht kann die Natur natürlich nicht akzeptieren. Die Symbolik ist höchst interessant. Zum Ersten wird eine Schlafkammer erwähnt, wo wir gewöhnlich in eine Traumwelt versinken. Früher wußte man, daß man aus der alltäglichen Traumwelt erwachen und auf diese Weise der feindlichen Natur entkommen kann. Zum Zweiten wird gesagt, daß sich die Köchin, die am Ende des Märchens auch als Hexe im Sinne einer feindlichen Natur bezeichnet wird, vor dem Förster fürchtet. Die Natur weiß also, daß sie von ihrem Herrn abhängig ist und ihn fürchten muß, vor allem, wenn sein leibliches Kind, die junge Seele, verlorengeht. Wir werden auch noch lesen, daß die Köchin vor allem versucht, das Mädchen wiederzubekommen und den Jungen loszuwerden. Und offensichtlich ging sie auch davon aus, daß das Mädchen als leibliche Tochter des Försters ebenfalls eine Abneigung gegen den adoptierten Jungen hat, der plötzlich ihr Bruder sein soll, sonst hätte sie ihre Absicht, den Jungen zu kochen, nicht verraten. Und so verfolgt uns nun die feindliche bzw. gegensätzliche Natur überallhin und versucht, das eine festzuhalten und das andere loszuwerden. Doch wohin könnten wir vor der feindlichen Natur fliehen? Das Problem liegt doch in uns selbst:

Da schickte die Köchin drei Knechte nach, die sollten laufen und die Kinder einfangen. Die Kinder aber saßen vor dem Wald, und als sie die drei Knechte von weitem laufen sahen, sprach Lenchen zum Fundevogel: »Verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.« So sprach Fundevogel: »Nun und nimmermehr.« Da sagte Lenchen: »Werde du zum Rosenstöckchen, und ich zum Röschen darauf.« Wie nun die drei Knechte vor den Wald kamen, so war nichts da als ein Rosenstrauch und ein Röschen obendrauf, die Kinder aber nirgend. Da sprachen sie »Hier ist nichts zu machen!« und gingen heim und sagten der Köchin, sie hätten nichts in der Welt gesehen als nur ein Rosenstöckchen und ein Röschen oben darauf. Da schalt die alte Köchin: »Ihr Einfaltspinsel, ihr hättet das Rosenstöckchen sollen entzweischneiden und das Röschen abbrechen und mit nach Haus bringen, geschwind und tut’s!«

Wer sind diese drei Knechte bzw. Diener der Natur? Sie werden in diesem Märchen nicht näher erläutert, und so erinnern wir uns zunächst an die drei Farben von Rot, Weiß und Schwarz, die aus anderen Märchen bekannt sind und auch in den indischen Geschichten als die drei Qualitäten der Natur von Leidenschaft, Güte und Dunkelheit beschrieben werden. Man könnte hier auch an Begierde, Haß und Unwissenheit denken, die oft als die treibenden Kräfte im Rad des Lebens erklärt werden, oder einfach nur an Geburt, Alter und Tod. Sie alle wirken im natürlichen Reich der Gegensätze. Wenn jedoch die Gegensätze in uns überwunden und vereint sind, dann können sie nichts mehr ausrichten bzw. bewirken.

Das Symbol des Rosenstöckchens gleicht dem Weinstock in der Bibel: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. [Bibel, Johannes 15.5]“ Dazu paßt auch der Spruch „Verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.“ Diese Einheit von Geist und Natur, die vielbeschriebene mystische Hochzeit, ist der große Weg zum höchsten Reichtum. Doch die Natur scheint diese Ehe nicht zu mögen und drängt immer wieder zur Trennung im Spiel der Gegensätze. Was ist das für eine Kraft, die hier wirkt? Das Märchen sagt, es sind die drei Knechte, und praktisch vor allem die leidenschaftliche Begierde und die Dunkelheit der Illusion. Wenn wir heute unsere wissenschaftliche Welt betrachten, dann finden wir ähnliches. Wir greifen voller Leidenschaft nach den äußeren Formen der Natur und wollen von der geistigen Welt nichts wissen. Wir greifen nach den schönen Rosen und fürchten den dornigen Rosenbusch. Wir begehren die Reben und betrachten den Weinstock nur als leidiges Mittel zum Zweck. Das ist das Spiel der Illusion, die uns in Dunkelheit hüllt, das ist die Hexe, die uns verzaubert und im Hexenkessel kocht.

Sie mußten also zum zweitenmal hinaus und suchen. Die Kinder sahen sie aber von weitem kommen, da sprach Lenchen: »Fundevogel, verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.« Fundevogel sagte: »Nun und nimmermehr.« Sprach Lenchen: »So werde du eine Kirche und ich die Krone darin.« Wie nun die drei Knechte dahinkamen, war nichts da als eine Kirche und eine Krone darin. Sie sprachen also zueinander: »Was sollen wir hier machen, laßt uns nach Hause gehen.« Wie sie nach Haus kamen, fragte die Köchin, ob sie nichts gefunden hätten: So sagten sie nein, sie hätten nichts gefunden als eine Kirche, da wäre eine Krone darin gewesen. »Ihr Narren!« schalt die Köchin »Warum habt ihr nicht die Kirche zerbrochen und die Krone mit heim gebracht?«

Warum kann eigentlich die weibliche Seite so gut zaubern bzw. verzaubern? Das macht zumindest soweit Sinn, daß Zauberei mit Illusion zu tun hat und Illusion eine Eigenschaft der wandelbaren Natur ist, auch wenn wir uns oft wünschen, beständige Dinge zu zaubern. Natürlich geht das nicht ohne die Kraft des Geistes, deswegen sind auch Geist und Natur niemals getrennt, und man könnte sogar sagen, daß die Natur nicht anderes ist, als verzauberter Geist. Nur deshalb ist es möglich, daß sich der Mensch auf dem geistigen Weg reinigen und von den Zwängen der Natur mit ihren Knechten von Begierde, Haß und Illusion befreien kann. Wären Geist und Natur zwei völlig unterschiedliche Dinge, wäre die große mystische Hochzeit der Vereinigung unmöglich. Diese Wesensverwandtschaft ist aber auch der Grund, warum sich der Geist verwandeln und durch den Zauber der Illusion verschiedene körperliche Formen annehmen kann.

So erscheint als nächstes eine Kirche mit einer Krone im Inneren. Auf mittlerer Ebene könnte man hier die religiöse und weltliche Macht sehen, die vereint und priorisiert sein sollten, während die Hexe versucht, nur die weltliche Macht zu ergreifen und die religiöse zu zerstören. Lange Zeit war es in der menschlichen Gesellschaft offenbar normal, daß sich die weltliche Herrschaft der Könige und Fürsten unter die religiöse Führung der Weisen und Priester stellte. Zumindest kennen wir aus den alten indischen Schriften das Kastensystem, in dem sich die Kshatriyas (die Könige und Krieger) den Brahmanen (den Priestern, Weisen und Lehrern) unterordneten und für deren Schutz sorgten. Und dazu sind viele symbolische Geschichten vor allem im Mahabharata überliefert, wie eine Gesellschaft verfällt und im Krieg untergeht, wenn die Könige ihre Aufgaben versäumen oder die Brahmanen nach weltlicher Macht greifen. Ähnliches findet man auch in der Geschichte des Christentums, als die Führer der Kirche nach der weltlichen Macht und entsprechendem Reichtum griffen. Die Wirkungen sind bekannt: Geistiger Verfall, Dogmatismus, Fanatismus, religiöse Kriege, Zersplitterung durch Reformationen und schließlich weltweiter Untergang. Klar, wer würde geistigen Herrschern vertrauen, die sich nicht einmal selbst beherrschen können?

Damit entwickelte sich eine neue geistige Elite, die ihre Fähigkeit beweisen konnte, mit objektiver Wissenschaft die Natur zu beherrschen. Die wissenschaftlich technische Revolution nahm ihren Lauf, und das Zeitalter der toten Maschinen begann. Doch schon zweihundert Jahre nach der Erfindung der Dampfmaschine und zwei verheerenden Weltkriegen mit Panzern, Bomben, Giftgas und über 70 Millionen getöteten Menschen stand unsere Erde vor einem allesvernichtenden Atomkrieg. Daran wird bereits deutlich, daß auch die Wahrhaftigkeit unserer Wissenschaftler bröckelt, denn diese neue, geistige Elite greift ebenfalls nach der Macht, dem Ruhm und dem Reichtum der Welt, wird davon abhängig und bestechlich. Entsprechend heißt es schon in der Bibel:
„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als daß man es wegschüttet und läßt es von den Leuten zertreten.“ [Bibel, Matthäus 5.13]

So kann man auf einer tieferen Ebene die Kirchenmauern auch als Symbol der Zügelung und die Krone als unsere menschliche Natur (die berühmte Krone der Schöpfung) sehen, die im Laufe ihrer Entwicklung lernen sollte, sich selbst zu beherrschen. Wir neigen heute mehr zum Wesen der Hexe und versuchen, die Begrenzungen der Natur zu zerbrechen, um eine ungezügelte Begierde zu entwickeln. Das ist offensichtlich der moderne Inbegriff von „Freiheit“. Dabei sollte die Selbstbeherrschung vor allem für die geistig-führende Elite einer Gesellschaft das oberste Gebot sein. Denn solange der Geist sich nicht selbst beherrschen kann, steht er unter der Herrschaft anderer, ist anhaftend, abhängig, bestechlich und kann nicht wahrhaftig sein (siehe z.B. auch MHB 12.251). Ohne Wahrhaftigkeit regiert die Illusion, und Illusion ist sicherlich nichts, worauf man lange Zeit vertrauen kann. Man sagt, so ein Leben ist auf Sand gebaut. Das mußten schon viele mächtige Herrscher erfahren. Das letzte große Beispiel war wohl der Untergang des Sozialismus.

Nun machte sich die alte Köchin selbst auf die Beine und ging mit den drei Knechten den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen, und die Köchin wackelte hintennach. Da sprach Lenchen: »Fundevogel, verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht.« Da sprach der Fundevogel: »Nun und nimmermehr.« Sprach Lenchen: »Werde zum Teich und ich die Ente drauf.« Die Köchin aber kam herzu, und als sie den Teich sah, legte sie sich drüberhin und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, faßte sie mit ihrem Schnabel beim Kopf und zog sie ins Wasser hinein: Da mußte die alte Hexe ertrinken. Da gingen die Kinder zusammen nach Haus und waren herzlich froh; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.

„Nun und nimmermehr!“ könnte auch bedeuten: „Jetzt oder nie!“ Dieser Spruch, der sich wie ein Mantra durch das ganze Märchen zieht, hat auf dem geistigen Weg eine große Bedeutung, denn die Wahrheit kann man nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt finden. Manche sagen sogar, daß Vergangenheit und Zukunft nur Illusionen sind, die wir geistig projizieren. In diesem ‚Jetzt‘ geschieht alles, auch unser körperliches und geistiges Wachstum im ständigen Wandel. So wandelt sich nun das Geschwisterpaar in die Verbindung von Teich und Ente. Der Geist ist der Teich und die Natur die Ente, die auf dessen Oberfläche schwimmt. Das ist ein erstaunliches Symbol, über das man lange und tief nachdenken kann.

Das Wasser hat schon immer eine sehr mystische Bedeutung. Es ist nicht nur das Medium im Hexenkessel, sondern wird auch als Grundlage des Lebens selbst betrachtet, nicht nur körperlich sondern vor allem geistig. So heißt es gleich zu Beginn der Bibel:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht... [Bibel, 1.Moses 1.1]“

Ähnlich klingt es auch in den indischen Schriften:
„In uralten Zeiten gab ich dem Wasser den Namen Nara. Und da das Wasser mein Heim, mein Ayana ist, so werde ich Narayana (der im Wasser Heimische bzw. auf dem Wasser Ruhende) genannt. Oh bester Zweifachgeborener, ich bin Narayana, die Ursache aller Dinge, der Ewige und Unveränderliche. Ich bin der Schöpfer aller Dinge und ebenso ihr Vernichter. Ich bin Vishnu, Brahma und Indra, der Herr aller Götter. [MHB 3.189]“

So spricht man auch vom mystischen Meer der Ursachen, aus dem die ganze Schöpfung entsteht und am Ende wieder eingeht. Sozusagen vom Urknall über die Entstehung unseres Universums mit den unzähligen Galaxien bis zur Auflösung in einem unvorstellbar weit ausgedehnten Meer der Homogenität. Und all die körperlichen Formen, die wir sehen und mit denen wir uns identifizieren, gleichen dieser körperlichen Ente, die auf dem geistigen Meer der Ursachen schwimmt.

Nun versucht die Hexe, den Teich auszutrinken, um die Ente zu ergreifen, wie auch wir heutzutage versuchen, die Natur zu ergreifen, indem wir sie geistig trockenlegen. Entsprechend lesen wir, was geschehen kann, denn am Ende ergreift uns die Natur doch und läßt uns im Meer der Illusion jämmerlich ertrinken. Deswegen ist es nicht gut, auf Seiten der Hexe zu stehen, um die Natur ohne Geist zu ergreifen. Auch Goethe läßt im [Faust I] seinen Mephisto zu diesem Thema sprechen:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae* nennt's die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
(*Ergreifen der Natur)

Wer jedoch die Einheit erkannt hat, der läßt die Hexe mit ihrer ganzen Zauberkraft in diesem Meer der Ursachen versinken, befreit sich von der Illusion und kehrt glücklich nach Hause, zum wahren Vater zurück. Das ist wohl nichts anderes, als der uralte Weg zur unsterblichen Glückseligkeit, wie er auch in den großen Religionen zu finden ist. Wer also nicht gestorben ist, der lebt immer noch...


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
Das tapfere Schneiderlein
Der kluge Knecht
Fundevogel

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Bibel] Luther Bibel, 1912
[Faust I] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 1, Eine Tragödie, Tübingen 1808.
[MHB] www.mahabharata.pushpak.de
[2019] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de