Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Hänsel und Gretel

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2018]

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: »Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?« »Weißt du was, Mann«, antwortete die Frau, »wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.«

»Nein, Frau«, sagte der Mann, »das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.« »Oh, du Narr«, sagte sie, »dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln.«, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. »Aber die armen Kinder dauern mich doch«, sagte der Mann.

Wie können wir die Worte der Mutter verstehen? Sie passen nicht in unsere derzeitige und bestimmt auch nicht in die damalige Weltanschauung. Jede normale Mutter liebt ihre Kinder, beschützt sie wie eine Löwin, und hungert lieber selbst, als ihre Kinder so grausam zu behandeln wie hier im Märchen. Also, schauen wir tiefer.

Die weltlichen Dinge scheinen gut unterscheidbar zu sein: in gut und böse, hell und dunkel, männlich und weiblich usw. Das Männliche steht in vielen Philosophien für das Geistige in der Welt und das Weibliche für die Natur. Der Geist durchdringt alle Materie, mit ihr verbunden lenkt und führt er uns. Ist er von der Materie getrennt, kann er keine Wirkung erzielen. Die Natur selbst braucht wiederum die Führung durch den Geist, sonst gibt es zwar Bewegung, doch keine Entwicklung, weder zum Höheren noch zum Niederen. Die beiden – oft symbolhaft als Vater und Mutter oder Mann und Frau – bedingen und brauchen einander, sind in allen Wesen zu finden, ergänzen sich und sind eigentlich nicht getrennt. Aus dem Zusammenwirken von Geist und Materie, also Mann und Frau, werden wir in die Welt geboren, und lernen als erstes Hunger und Durst kennen. Wer kennt sie nicht, die große Unzufriedenheit, die uns gewöhnlich durchs ganze Leben treibt? Spirituell gesehen ist der Hunger das Getrennt- Sehen der Gegensätze: dies ist schlecht und dies ist gut, dies will ich und dies nicht... Natürlich benötigen wir für das Leben in der Welt eine gewisse Unterscheidung in nützlich oder gefährlich, für oder gegen, Natur oder Geist. Das ist die Aufgabe der Mutter. Doch sind wir in diesem Bild, in der Mutter zu sehr gefangen, bleiben wir auch im Hunger gefangen. Das große Ziel ist die Erkenntnis, daß Unterscheidung wohl nützlich, aber keine letztendliche Wahrheit ist. Es ist die Aufgabe des Vaters, uns zum Erkennen zu führen. Erfahren wir dies im tiefsten Herzen, ist unser spiritueller Hunger gestillt, und die weltliche Unzufriedenheit verschwindet. Dazu müssen wir in die Welt, müssen leiden und lernen und nach und nach erkennen. Es ist die Aufgabe der Natur, uns zu treiben, damit wir uns entwickeln.

Daher spricht die Mutter im Märchen: wir wollen unsere Kinder in die Welt schicken, damit sie erkennen, Hunger und Durst stillen und zu uns zurückkehren, zu ihrem Ursprung. Der dunkle Wald ist das Symbol für die Welt. Durch Unwissenheit ist die Sicht in jeder Richtung versperrt. Die Welt ist eine Wildnis voller Angst im Kampf ums Überleben. Ja, so hart ist Mutter Natur. Sie gebiert uns in die Welt, läßt uns allein und trennt uns vom wahren Vater. Dann sitzen wir allein im Wald, mit dem Feuer des Lebens. Und doch ist es reine Güte und Mutterliebe. Wenn die Kinder reif sind, sollten sie nicht mehr an der Mutter hängen. Mutter Natur spricht: Ich kann deinen Hunger nur für kurze Zeit stillen. Das ewige Glück kann ich dir nicht geben. Ich kann dich nicht für immer glücklich machen. Häng dich nicht an mich! Stell dich auf eigene Füße, handle, erkenne und kehre dann zum Vater zurück.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und gehört, was die Mutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: »Nun ist’s um uns geschehen.« »Still, Gretel«, sprach Hänsel, »gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.« Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Taler. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: »Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen«, und legte sich wieder in sein Bett.

Auch Bruder und Schwester kann man hier als das Prinzip „Männlich und Weiblich, Geist und Natur“ betrachten. Das bedeutet nicht im engen und mißverstandenen Wortsinn, daß Hänsel denkt und Gretel nur macht, was er sagt. Denn wie schon erwähnt, Geist und Natur sind nicht zu trennen. Hier im Märchen handeln sie idealer weise immer in liebendem Einklang, was die menschliche Entwicklung erst möglich macht. Weiße Kieselsteine im Mondlicht sind etwas Reines, Unvergängliches, was der Verstand im Vertrauen auf Gott, also das reine Leben, finden kann.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: »Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.« Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: »Da habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt’s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.« Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte.

Der Tag bricht an heißt auch: das Leben bricht an, jeder bekommt etwas mit auf dem Weg in die Welt. Die Kinder, also die noch von der Mutter Abhängigen, werden das erste Mal in die Selbständigkeit geschickt.

Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still, guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: »Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine nicht!« »Ach, Vater«, sagte Hänsel, »ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.« Die Frau sprach: »Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.« Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Weiße Tiere stehen i.a. für Reinheit, könnten hier also das reine, kindliche Gemüt Hänsels bedeuten, welches sich nun bald auf dem entbehrungsreichen Weg wandeln wird. Es könnte aber auch dafür stehen, daß Hänsel sich an seine häusliche Umgebung, seine Freunde und Haustiere gebunden fühlt und sie nicht gern verlassen will. Denn zum Fallenlassen der Kiesel muß man eigentlich nicht zurückschauen oder stehenbleiben. Dazu passen würde, daß Mutter Natur ihn mahnt, das Licht der Morgensonne zu sehen, sich also der Erkenntnis zu öffnen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: »Nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.« Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: »Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.« Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie, ihr Vater wär in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach: »Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen?« Hänsel aber tröstete sie: »Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.« Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neugeschlagene Taler und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: »Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht wiederkommen.« Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er sie so allein zurückgelassen hatte.

Das ist ein typischer Märchentext. Bei tieferer Betrachtung machen die äußeren Handlungen wenig Sinn, aber jede Menge Symbole sind zu erkennen. Das Feuer, das uns im Leben wärmt. Die Illusion, die uns im Wald der Welt einschlafen lässt. Das Erwachen in der Dunkelheit. Der Mond als das kühle Licht der Vernunft, und die weißen Kiesel, die den Heimweg markieren. So sorgten die Kiesel und das Mondlicht dafür, daß die beiden vernünftigerweise wieder nach Hause zurückkehrten. Hier könnte das Märchen eigentlich vorbei sein, aber irgendwas fehlt noch. Der Vater freut sich, aber die Mutter nicht. Denn das eigentliche Problem ist nicht gelöst: Der große Hunger ist noch nicht gestillt. Es gibt oft mehrere Anläufe bzw. scheinbare Wiederholungen im Märchen, denn wir müssen nun mal Schritt für Schritt voran gehen und lernen. Nur sehr wenigen ist das Wunder vergönnt, ein großes Problem gleich beim ersten Versuch zu lösen...

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: »Alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.« Dem Mann fiel’s schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest. Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muß B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweitenmal. Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mitangehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und die Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal; aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Doch er tröstete sein Schwesterchen und sprach: »Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.«

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorigemal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. »Hänsel, was stehst du und guckst dich um?« sagte der Vater, »geh deiner Wege!« »Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen«, antwortete Hänsel. »Narr«, sagte die Frau, »das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.« Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Und wieder der gleiche Abschied. Ein letzter Blick auf das Vaterhaus, wo die Morgensonne winkt, mit dem Wunsch im Herzen, den wir alle in uns hegen, irgendwann von unserer langen Reise zurückzukehren und wieder glücklich zu Hause zu sein. Auch hier begegnet uns die Illusion von ‚mein Täubchen‘. Außerhalb spiegeln sich die Dinge im Licht der Sonne, und in unserem Innern im Licht des Bewußtseins. Die Mutter selbst, die Natur, erklärt es hier dem Kind.

Vielleicht hat auch der Schornstein etwas damit zu tun. Zumindest erscheint dort gewöhnlich Rauch, der im Sonnenlicht alle möglichen Formen annehmen kann, die ähnlich vergänglich sind, wie alle anderen Dinge der Welt. Und was hat Illusion mit dem Thema ‚Hunger‘ zu tun? Nun, Hunger entsteht durch vergängliche Nahrung, und was wäre vergänglicher als Illusion? Wir wissen ja schon, daß die Brotkrümel nicht den von Hänsel gewünschten Effekt haben, denn wie sollen uns vergängliche Dinge auf dem Weg zum Vater, zur Erkenntnis, führen? Vergängliches gehört in die Welt, ins Werden und Vergehen, und genau aus diesem Kreislauf gilt es, sich im Geiste herauszulösen, auch wenn unser Körper nun mal hier in der Welt verhaftet bleibt.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte: »Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.« Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den armen Kindern.

Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: »Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.« Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel: »Wir werden den Weg schon finden.« Aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein. Nun war’s schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen hatten.

Bevor sich Hilfe zeigen kann, muß man gewöhnlich erst leiden, ob nun Schmerz, Müdigkeit, Hunger ... Diese Entbehrungen reinigen den vermüllten Geist und können öffnen, was zuvor verdeckt war. Auch Schamanen nutzen Askese und Reinigung, damit sie Menschen geistig erreichen und ihnen helfen können.

Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, mußten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten.

Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. »Da wollen wir uns dranmachen«, sprach Hänsel, »und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.« Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran.

Vögel sind Symbole des Geistes oder der Gedanken. Und in der durch Entbehrung gereinigten Seele kann sich das weiße, also reine Vöglein erheben. Die gute Idee, die dem Schicksal folgt und die Kinder den nächsten Schritt auf ihrer Reise machen läßt. Gerade rechtzeitig, bevor sie verhungern. Denn wer vertraut, dem wird geholfen. Doch warum soll Gretel vom Fenster und Hänsel vom Dach essen? Vielleicht erinnert das wieder an die Symbolik von Geist und Natur. Die Fenster könnten auf die Nahrung für die Sinne hinweisen, welche unsere Fenster in die Welt sind. Und das Dach könnte auf den Verstand deuten, der sich aus Begriffen ein Wohnhaus baut.

Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:
»Knupper, knupper, Kneischen,
Wer knuppert an meinem Häuschen?«

Die Kinder antworteten:
»Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind«,

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit.

Das ist Symbolik vom Feinsten! Wer wohnt in einem Haus aus Nahrung und hat dennoch unersättlichen Hunger? Das gierige Ego, das hier als alte häßliche Hexe dargestellt wird, die uns viel Leiden bringt aber auch unwiderstehlich verzaubert. Und wer umstreicht das Haus? Der Wind als reiner, himmlischer Geist. Bei verschlossenen Türen und Fenstern kann er nicht hinein und seine heilende Wirkung entfalten. Gretel zerbricht schon eine Fensterscheibe, und Hänsel reißt ein Löchlein ins Dach, das stört das Ego nun wirklich, und die Hexe kommt heraus und geht zum Angriff über. Natürlich in hinterlistiger Art und Weise...

Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: »Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.« Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch: »Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!« Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin: »Das wird ein guter Bissen werden.« Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: »Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.« Gretel fing an, bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.

Die Kinderseele ist ein uraltes Symbol für den reinen Geist, der von den Sünden der Welt noch nichts weiß. Und wer ergreift diese reinen Seelen, um sich von ihrem Geist zu ernähren? Wieder das habgierige Ego in Gestalt der Hexe. Töten, Kochen und Essen, das ist der typische Weg, wie sich Lebewesen in Nahrung verwandeln. Und warum hat das Ego rote Augen? Das könnte auf das Feuer von Leidenschaft und Begierde deuten. Die Kurzsichtigkeit meint wohl, daß eine egoistische Person nicht weiter denkt, als ihre eigenen Interessen reichen. Auf Krücken geht es auch, weil es sicherlich keine verläßliche Basis hat. Und die animalische Witterung ist das triebhafte Handeln, das jede egoistische Person bindet. Das Ganze gipfelt wieder im Grundthema dieses Märchens, dem unersättlichen Hunger. Denn das ist die Art der Habgier: sie sperrt den Verstand ein, mästet ihn, bis er träge und manipulierbar (bzw. ‚kochbar‘) wird, und versklavt die Natur, damit sie beide einzig dem Genuß dienen.

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: »Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.« Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. »Heda, Gretel«, rief sie dem Mädchen zu, »sei flink und trag Wasser! Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.« Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! »Lieber Gott, hilf uns doch«, rief sie aus, »hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben!« »Spar nur dein Geplärre«, sagte die Alte, »es hilft dir alles nichts.«

Diese Beschreibung erinnert an das typische Mästen einer Gans. Das ist das Problem der alten Märchen, dass viele der verwendeten Symbole aus dem damaligen bäuerlichen Leben stammen und selbstverständlich waren. Und wie diese Symbole aus unserem Leben verschwanden, so verloren auch die Märchen ihre Kraft. Deswegen fällt es uns heute so schwer, das zu verstehen, was über viele hunderte, wenn nicht sogar tausende Jahre selbstverständlich war. Dazu lesen wir in einem alten Bauernbuch: „Wenn ihr junge Gänse mästen wollet, müsset ihr sie einsperren, wenn sie einen Monat alt sind, so werden sie, wenn noch ein Monat vorbey ist, feist werden...“ Aber unser Hänsel hat Verstand und versucht eine List. Über die Symbolik des Fingers haben schon viele Leute nachgedacht. Der Finger ist wohl der letzte Körperteil, um einen Masterfolg zu prüfen. Aus diesem Grund deutete man diese Stelle oft mit der sexuellen Entwicklung des Jungen, obwohl der Ersatz mit dem ‚Knöchlein‘ diesbezüglich nur wenig Sinn macht. Der Finger ist allerdings auch ein Teil der Hand, und die Hand ist das Symbol des Handelns. Vielleicht prüft die Hexe eigentlich, in wieweit der Verstand bereits träge und manipulierbar geworden ist und im Käfig seine Kraft und Härte verloren hat, damit das gierige Ego die ungehinderte Herrschaft übernehmen kann. Wird er sich noch wehren, wenn der Käfig geöffnet wird? Eine andere Deutung wäre, daß das gierige Ego in Wirklichkeit nichts Lebendinges ergreifen kann. Es ergreift immer nur etwas Totes, wie dieses Knöchlein. Interessant ist auch, wie hier die Hexe die Natur in Gestalt von Gretel benutzt, um den Geist diesbezüglich zu mästen und zu bezwingen. Und schließlich wird wieder deutlich, wie Geist und Natur zusammenhalten, wie sich Gretel lieber den gemeinsamen Tod wünscht, als getrennt zu werden, und in ihrer großen Not sogar Gott um Hilfe bittet. Inwiefern ‚Gott‘ in diesem Märchen eingreift, ist eine gute Frage. Ein äußeres Eingreifen ist eigentlich nicht zu erkennen. So müssen wir wohl ein inneres Wirken annehmen, denn in damaligen Zeiten wurde Gott nie umsonst angerufen.

Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. »Erst wollen wir backen«, sagte die Alte, »ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.« Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen »Kriech hinein«, sagte die Hexe, »und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können.« Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie’s aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: »Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?« »Dumme Gans«, sagte die Alte, »die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein«, krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Hier begegnet uns wieder ein vorzügliches Symbol: Entweder verbrennt man die Begierde in ihrem eigenen Feuer, oder man wird selbst von der Begierde verbrannt, so ist die Natur. Oft dauert dieser Kampf eine lange Zeit, und während die Vernunft eingesperrt ist, weiß man oft nicht, wer gerade verbrennt, die Hexe oder du selbst. Gretel schien bis jetzt wenig Eigeninitiative gezeigt zu haben, doch genau wie Hänsel kann sie eine List an der rechten Stelle anwenden und aktiv handeln. Wieder ein Hinweis darauf, daß Natur und Geist, wenn sie harmonisch vereint sind, nicht wirklich zu trennen sind und Großes leisten können.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: »Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.« Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein.

Wenn das gierige Ego besiegt ist, dann endet auch die Furcht vor Verlust. Dann kann man das Haus der Hexe betreten, ohne versklavt zu werden. Und wenn man den Dingen der Welt nicht mehr hinterher rennt, dann gibt die Natur reichlich und von selbst.

Da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. »Die sind noch besser als Kieselsteine«, sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte. Und Gretel sagte:« Ich will auch etwas mit nach Haus bringen«, und füllte sein Schürzchen voll. »Aber jetzt wollen wir fort«, sagte Hänsel, »damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.«

Auch das ist höchst wunderbar: In diesem Haus aus Nahrung, unserem Körper, existiert nicht nur die gierige Hexe, sondern auch ein Schatz an Juwelen, der das ursprüngliche Problem lösen und dem großen Hunger ein Ende bereiten kann. Wenn die Hexe besiegt ist, können wir diesen Schatz heben, den unvergleichlichen Reichtum, der nie wieder arm macht. Diese Juwelen sind besser, als die Kieselsteine aus dem ersten Versuch, um das Hungerproblem zu lösen. Jetzt gibt es nur noch eine Aufgabe, die Rückkehr nach Hause zum Vater.

Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. »Wir können nicht hinüber«, sprach Hänsel, »ich seh keinen Steg und keine Brücke.« »Hier fährt auch kein Schiffchen«, antwortete Gretel, »aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.« Da rief sie:

»Entchen, Entchen,
Da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
Nimm uns auf deinen weißen Rücken.«

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. »Nein«, antwortete Gretel, »es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen.«

Hier zeigt sich wieder der Zauber der alten Märchen. Sie haben viele Ebenen, und schon kleine Kinder können die grobe Handlung verstehen. Doch wenn der Verstand reift, dann zeigen sich plötzlich Widersprüche, und man beginnt, tiefer nachzudenken. So steht auch hier die Frage, wo plötzlich das große Wasser ohne Brücke herkommt? Auf dem Hinweg war davon nicht die Rede. Vermutlich handelt es sich um einen Fluss, der oft als Grenze verschiedene Länder trennt und hier symbolisch sogar verschiedene Welten. Es geht ja darum, den Hexenwald zu verlassen, und nicht in die gleiche Welt zurückzukehren, aus der man gekommen ist. Erneut hilft ein weißer Vogel, das Sinnbild für einen reinen Geist. Der reine Geist kann uns über den Ozean der Welt tragen, mit seinen verschlingenden Wellen von Lust und Gier, Trauer und Überschwang, Gewinn und Verlust. Doch „all-ein“ müssen wir reisen, eins mit allem, auf dem Weg zum Einen, ohne ein Zweites. Warum? Es heißt, der Weg zur Erkenntnis ist so schmal, dort kann man nicht zu zweit gehen. In unserem Märchen ist es nicht der schmale Weg, sondern das Entchen, das keine große Last tragen kann. Denn mit großer Last versinkt der Mensch in der Welt, und nur wer leicht ist, kann aufsteigen. Das zeigt auch, dass die Perlen und Edelsteine sicherlich keine weltlichen Schätze waren, wie man zunächst vermuten könnte.

Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.

Die Rückkehr zum Vater ist das Ende aller geistigen Sorgen, hier durch die Perlen und Edelsteine dargestellt, der kostbare Schatz, der in der Natur verborgen ist. Die Mutter war gestorben, das klingt zunächst hart. Doch was hier stirbt, ist die Illusion und nicht die Natur. Das Leben und das Erkennen verschiebt sich von der Natur zum Geist, von der Mutter zum Vater. Das Trennende ist nun tot, das Vereinte lebt. So ist das Märchen aus...

Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große Pelzkappe daraus machen.


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de