Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Das kluge Gretel

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2019]

Es war eine Köchin, die hieß Gretel, die trug Schuhe mit roten Absätzen, und wenn sie damit ausging, so drehte sie sich hin und her, war ganz fröhlich und dachte: »Du bist doch ein schönes Mädel.« Und wenn sie nach Hause kam, so trank sie aus Fröhlichkeit einen Schluck Wein, und weil der Wein auch Lust zum Essen macht, so versuchte sie das Beste, was sie kochte, so lang, bis sie satt war, und sprach: »Die Köchin muß wissen, wie’s Essen schmeckt.«

Es trug sich zu, daß der Herr einmal zu ihr sagte: »Gretel, heut abend kommt ein Gast, richte mir zwei Hühner fein wohl zu.« - »Will’s schon machen, Herr,« antwortete Gretel. Nun stach’s die Hühner ab, brühte sie, rupfte sie, steckte sie an den Spieß, und brachte sie, wies gegen Abend ging, zum Feuer, damit sie braten sollten. Die Hühner fingen an braun und gar zu werden, aber der Gast war noch nicht gekommen. Da rief Gretel dem Herrn: »Kommt der Gast nicht, so muß ich die Hühner vom Feuer tun, ist aber Jammer und Schade, wenn sie nicht bald gegessen werden, wo sie am besten im Saft sind.« Sprach der Herr: »So will ich nur selbst laufen und den Gast holen.«

Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte: »So lange da beim Feuer stehen macht schwitzen und durstig, wer weiß, wann die kommen! Derweil spring ich in den Keller und tue einen Schluck.« Lief hinab, setzte einen Krug an, sprach »Gott gesegnes dir, Gretel,« und tat einen guten Zug. »Der Wein hängt aneinander,« sprach’s weiter, »und ist nicht gut abbrechen,« und tat noch einen ernsthaften Zug. Nun ging es und stellte die Hühner wieder über’s Feuer, strich sie mit Butter und trieb den Spieß lustig herum. Weil aber der Braten so gut roch, dachte Gretel »Es könnte etwas fehlen, versucht muß er werden!« schleckte mit dem Finger und sprach: »Ei, was sind die Hühner so gut! Ist ja Sünd und Schand, daß man sie nicht gleich ißt!« Lief zum Fenster, ob der Herr mit dem Gast noch nicht käm, aber es sah niemand, stellte sich wieder zu den Hühnern, dachte: »Der eine Flügel verbrennt, besser ist’s, ich eß ihn weg.« Also schnitt es ihn ab und aß ihn auf, und er schmeckte ihm, und wie es damit fertig war, dachte es: »Der andere muß auch herab, sonst merkt der Herr, daß etwas fehlt.« Wie die zwei Flügel verzehrt waren, ging es wieder und schaute nach dem Herrn und sah ihn nicht. »Wer weiß,« fiel ihm ein, »sie kommen wohl gar nicht und sind wo eingekehrt.« Da sprach’s: »Hei, Gretel, sei guter Dinge, das eine ist doch angegriffen, tu noch einen frischen Trunk und iß es vollends auf, wenn’s all ist, hast du Ruhe: Warum soll die gute Gottesgabe umkommen?« Also lief es noch einmal in den Keller, tat einen ehrbaren Trunk, und aß das eine Huhn in aller Freudigkeit auf. Wie das eine Huhn hinunter war und der Herr noch immer nicht kam, sah Gretel das andere an und sprach: »Wo das eine ist, muß das andere auch sein, die zwei gehören zusammen: Was dem einen recht ist, das ist dem andern billig! Ich glaube, wenn ich noch einen Trunk tue, so sollte mir’s nicht schaden.« Also tat es noch einen herzhaften Trunk, und ließ das zweite Huhn wieder zum andern laufen.

Wie es so im besten Essen war, kam der Herr dahergegangen und rief: »Eil dich, Gretel, der Gast kommt gleich nach.« - »Ja, Herr, will’s schon zurichten,« antwortete Gretel. Der Herr sah indessen, ob der Tisch wohlgedeckt war, nahm das große Messer, womit er die Hühner zerschneiden wollte, und wetzte es auf dem Gang. Indem kam der Gast, klopfte sittig und höflich an der Haustüre. Gretl lief und schaute, wer da war, und als es den Gast sah, hielt es den Finger an den Mund und sprach: »Still! Still! Macht geschwind, daß Ihr wieder fortkommt, wenn Euch mein Herr erwischt, so seid Ihr unglücklich. Er hat Euch zwar zum Nachtessen eingeladen, aber er hat nichts anders im Sinn, als Euch die beiden Ohren abzuschneiden. Hört nur, wie er das Messer dazu wetzt.« Der Gast hörte das Wetzen und eilte, was er konnte, die Stiegen wieder hinab. Gretel war nicht faul, lief schreiend zu dem Herrn und rief: »Da habt Ihr einen schönen Gast eingeladen!« - »Ei, warum, Gretel? Was meinst du damit?« - »Ja,« sagte es, »der hat mir beide Hühner, die ich eben auftragen wollte, von der Schüssel genommen und ist damit fortgelaufen.« - »Das ist feine Weise!« sprach der Herr, und ward ihm leid um die schönen Hühner: »Wenn er mir dann wenigstens das eine gelassen hätte, damit mir was zu essen geblieben wäre.« Er rief ihm nach, er sollte bleiben, aber der Gast tat, als hörte er es nicht. Da lief er hinter ihm her, das Messer noch immer in der Hand, und schrie »Nur eins! Nur eins!« und meinte, der Gast sollte ihm nur ein Huhn lassen und nicht alle beide nehmen: Der Gast aber meinte nicht anders, als er sollte eins von seinen Ohren hergeben, und lief, als wenn Feuer unter ihm brannte, damit er sie beide heim brächte.

Das Wesen der klugen Gretel müssen wir hier sicherlich nicht ausführlich erklären, das kennt wohl jeder von sich selbst. Man könnte es „die unersättliche Begierde“ nennen, die nach jedem erfüllten Wunsch denkt: „Diesen noch, und dann hab ich Ruh!“ Das geht so immer weiter und irgendwann ist ihr jedes Mittel recht, und so nennen wir es heutzutage sogar Klugheit oder „clever sein“, wenn wir dafür lügen, betrügen und andere Menschen gegenseitig ausspielen, und sind noch stolz darauf. Es ist sicherlich gut für unsere Kinder, dieses Wesen der Begierde in einer so satirischen Form kennenzulernen, ohne gleich mit dem strafenden Finger zu drohen. Und wenn sie dann irgendwann so weit entwickelt sind, daß sie auch Herr ihres Körpers und ihrer Sinne werden wollen, dann versuchen sie vielleicht, sich nicht von dieser Köchin in ihren roten Schuhen der Leidenschaft betrügen zu lassen. So eine egoistische Begierde, die schnell zur Sucht wird, hat nichts mit wahrer Schönheit zu tun, und zerstört mit der Zeit jede Freundschaft und jede aufrichtige Liebe.

Dieses Märchen ist auch ein wunderbarer Indikator, mit dem wir uns selbst prüfen können. Falls wir uns beim Lesen mehr auf die Seite von Gretel stellen und ihre ‚abgebrühte Bauernschläue‘ loben und vielleicht sogar beneiden, dann stehen wir wahrscheinlich auf der falschen Seite im Leben. Denn mal ehrlich, sie kann sich nicht beherrschen, ist suchtgefährdet, lügt und betrügt und stiftet Angst und Streit. Das sind natürlich sehr fragliche Ideale im Leben, doch ganz fremd sind sie uns auch nicht.

Damit ahnen wir bereits, daß diese ganze Geschichte auch noch eine tiefere Botschaft haben könnte, wenn wir dieses ganze Spiel in unser inneres Wesen abbilden, wo im Alter die Vernunft Herr und König sein sollte. Und mit der Köchin könnten unsere Gedanken gemeint sein, die dafür sorgen sollten, daß die aufgesammelte Nahrung unserer Sinne gut zubereitet und verdaulich wird. Wenn sich diese Köchin, also unser Denken, in Leidenschaft und Lüge bis zur Sucht verliert, steht unsere Vernunft auf verlorenem Posten. Denn wenn sich ein König nicht auf seine Diener verlassen kann, von ihnen betrogen und hintergangen wird, dann verliert er bald seine Herrschaft, und damit ist das ganze Königreich in Gefahr. Dann geht es der Vernunft, die uns doch als Mensch auszeichnen sollte, wie dem Herrn in diesem Märchen. Sie wird von den Sinnen und Gedanken betrogen und belogen und versinkt in Illusion auf das Niveau der sinnlichen Begierde. Ähnliches finden wir bereits im altindischen Mahabharata bei der Beschreibung der Körperstadt:
„Es ist das Denken, das sich zuerst freundschaftlich mit der Leidenschaft und der Unwissenheit (bzw. Lüge) verbindet. Doch einmal erstarkt, ergreifen sie die ganze Stadt, die Vernunft und die Sinne, wie ein korrupter Minister zuerst den König schwächt und dann das Volk. Schließlich übernehmen Leidenschaft und Unwissenheit die Herrschaft im ganzen Körper. [MHB 12.254]“

Wie könnte das Glück mit dem Wohlstand als geehrter Gast in so ein Haus kommen? Es läuft uns panisch davon, wie der Gast im Märchen, und läßt sich auch mit aller Anstrengung nicht aufhalten.

Damit sind wir bei der Frage, was eigentlich der seltsame Gast bedeutet. Glück und Wohlstand sind auf mittlerer Ebene vermutlich schon eine gute Deutung. Man wünscht sie als Gast, und wenn sie nicht erscheinen, dann sucht man sie draußen in der Welt, bis sie endlich an unsere Tür klopfen. Aber ob man sie mit zwei schmackhaft gebratenen Hühnern anlocken kann, ist fraglich.

Welche Rolle spielen diese beiden Hühner, die sich die Vernunft von den Gedanken wie von einer Köchin ‚fein zugerichtet‘ wünscht? Wir sehen in ihnen heutzutage gewöhnlich nur noch ihren Nutzen als leckere Nahrung für uns. Dann müssen sie natürlich tot, gerupft, ausgenommen, gewürzt und gebraten sein. Doch es waren auch mal lebendige Wesen, die ihren Platz in der Welt hatten und sich in die Lüfte erheben konnten. Reduzieren wir sie gierig nur auf den Aspekt „mein voller Bauch“, dann sehen wir sie schon als tot an, wenn sie eigentlich noch fliegen können. Seltsamerweise füllen wir unser Leben mit viel toten Dingen an, die uns das Leben bequem und schön machen sollen. Wir rasen mit toten, schrecklich lauten und stinkenden Maschinen durch die Welt, erheben uns sogar in die Lüfte und genießen so das, was wir Freiheit nennen. Ist das wirklich Leben, lebendiges Wirken und etwas, was uns dauerhaft glücklich macht?

So erinnert uns die ganze Geschichte auch an die große Aufgabe der Vernunft, nämlich wahre Erkenntnis über die Natur und das Leben zu erreichen. Es geht um die große Frage: Was ist das Leben und wer bin ich? Und so könnte mit dem Gast auf tieferer Ebene auch die Erkenntnis und Weisheit gemeint sein, womit sich unsere Vernunft im Alter verbinden sollte. Dann wäre das Messer ein Symbol für das berühmte Schwert der Erkenntnis, womit wir den Baum der Illusion an der Wurzel abhauen können. Nur leider ist die Vernunft in unserem Märchen nicht der wahre Herr im Haus. Sie wird von der Begierde beherrscht und versucht, das wahre Leben mit sinnlichem Genuß und unersättlicher Begierde zu ergreifen. Doch damit ergreift sie nur tote Gegensätze, was die beiden geschlachteten Brathühner symbolisieren. Entsprechend wird auch das Messer bzw. Schwert der Erkenntnis nicht zum Abschlagen der Wurzel der Illusion benutzt, sondern zum Spalten und Schlachten, um immer neue Gegensätze zu erzeugen, wie Gier und Haß, Gut und Böse, Schön und Häßlich oder Mein und Dein. Klar, das ist nicht der Weg, um das Eine zu erkennen, und damit läuft uns die höhere Erkenntnis der Einheit bzw. die Selbsterkenntnis schnell davon und flieht, auch wenn sie bereits an unsere Tür geklopft hat. Denn eine solche Erkenntnis steht nicht auf dem Grund der Wahrheit sondern auf dem lodernden Feuer der Leidenschaft.

In dieser Hinsicht könnte unser Märchen auch eine Interpretation der mystischen Abendmahl-Geschichten aus der Bibel sein. Auch hier werden Gäste eingeladen, die nicht kommen wollen. Auch hier geht es um die weltliche Anhaftung und die Begierde der Sinne, die das Abendmahl als die große Erkenntnis der göttlichen Einheit verhindern. Auch hier finden wir das Schwert, womit nach dem Abendmahl bei der Gefangennahme von Jesus dem Knecht ein Ohr abgeschlagen wird. Und die Brathühner erinnern an das Osterlamm, wo es heißt: „Wo willst du, daß wir dir bereiten das Osterlamm zu essen? [Bibel, Matthäus 26.17]“ Nur daß in unserem Märchen nicht Christus zum Abendmahl als letzte Mahlzeit des weltlichen Tages einlädt, sondern ein Mann, der die Verräterin in seinem eigenen Haus noch nicht erkannt hat, die hier als unersättliche Begierde beschrieben wird, die ihn betrügt und im Keller den Wein der Wahrheit wegschlürft. Deshalb war das Ganze auch zum Scheitern verurteilt.

Die Symbolik des christlichen Abendmahls ist heutzutage nur noch schwer zu verstehen, und wir denken vielleicht an die letzte Henkersmahlzeit oder an depressive und lebensmüde Menschen. Doch offenbar gab es auch bei uns Zeiten, als sich viele Menschen diese große Befreiung von den weltlichen Zwängen wünschten. Für sie war diese erste Mahlzeit im Leben, die man nicht mehr für sich selbst ißt, höchst wünschenswert. Es ist sozusagen die erste Speise, die sich nicht in ein körperliches „Mein“ verwandelt, sondern das „Mein“ verwandelt sich in die Speise, den mystischen Leib Gottes, unser wahres Selbst. Oder wie es bei [Meister Eckhart, Seite 247] heißt:
Sankt Augustinus graute es vor dieser Speise; da sprach eine Stimme zu ihm im Geiste: »Ich bin eine Speise der Großen; wachse und nimm zu und iß mich! Du verwandelst mich (aber) nicht in dich, sondern du wirst in mich gewandelt.«

In diesem Sinne ist es wirklich eine Henkersmahlzeit, nämlich für das gierige und unersättliche Ego. Und diesbezüglich stellte man sich intensiv die Frage, warum dieses große Abend- oder auch Hochzeitsmahl für gewöhnliche Menschen nicht erreichbar war. Und mit dieser Frage entstanden vermutlich auch viele symbolische Geschichten, wie unser Märchen hier.

In ähnlicher Weise behandelte auch [Meister Eckhart, Seite 249] diese Frage, warum es uns so schwer fällt, zu diesem Abendmahl zu kommen, zu dem alle Menschen eingeladen sind:
Darum spricht er: »Es ist alles nun bereit.« Aber sie kommen nicht, die geladen sind. Der erste sagt: »Ich habe einen Weiler gekauft, ich kann nicht kommen.« Unter dem Weiler ist alles das verstanden, was irdisch ist. Solange die Seele irgend etwas an sich hat, was irdisch ist, solange kommt sie nicht zu diesem Gastmahl. Der zweite sagte: »Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft; ich kann nicht kommen, ich muß sie mir ansehen.« Die fünf Joch Ochsen, das sind die fünf Sinne. Jeder Sinn ist zweigeteilt, es sind (also) fünf Joche. Solange die Seele den fünf Sinnen folgt, solange wird sie niemals zu diesem Gastmahl kommen. Der dritte sprach: »Ich habe eine Frau genommen, ich kann nicht kommen.« Ich habe es schon öfter gesagt: Der Mann in der Seele, das ist die Vernunft. Wenn die Seele mit der Vernunft stracks hinauf gekehrt ist zu Gott, dann ist die Seele »Mann« und ist eins und ist nicht zwei; wenn aber die Seele sich hinabwendet, dann ist sie Frau. Mit einem Gedanken und mit einem Abwärtsblicken legt sie Frauenkleider an; auch solche kommen nicht zu diesem Gastmahl. Nun spricht unser Herr ein schwerwiegendes Wort: »Ich sage euch fürwahr: keiner von diesen wird je mein Gastmahl genießen«.


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Meister Eckhart] Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, Diogenes 1979
[Bibel] Luther Bibel, 1912
[MHB] www.mahabharata.pushpak.de
[2019] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de