Die Botschaft unserer alten Märchen

Die sieben Raben

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation aus Yoga-Sicht von Undine & Jens in Kursiv [2018]

Ein Mann hatte sieben Söhne und immer noch kein Töchterchen, so sehr er sich’s auch wünschte. Endlich gab ihm seine Frau wieder gute Hoffnung zu einem Kinde, und wie’s zur Welt kam, war es auch ein Mädchen. Die Freude war groß, aber das Kind war schmächtig und klein, und sollte wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben. Der Vater schickte einen der Knaben eilends zur Quelle, Taufwasser zu holen: die andern sechs liefen mit, und weil jeder der erste beim Schöpfen sein wollte, so fiel ihnen der Krug in den Brunnen. Da standen sie und wußten nicht, was sie tun sollten, und keiner getraute sich heim. Als sie immer nicht zurückkamen, ward der Vater ungeduldig und sprach: »Gewiß haben sie’s wieder über ein Spiel vergessen, die gottlosen Jungen.« Es ward ihm angst, das Mädchen müßte ungetauft verscheiden, und im Ärger rief er: »Ich wollte, daß die Jungen alle zu Raben würden!« Kaum war das Wort ausgeredet, so hörte er ein Geschwirr über seinem Haupt in der Luft, blickte in die Höhe und sah sieben kohlschwarze Raben auf- und davonfliegen.

Wir möchten unsere Reise mit diesem Märchen fortsetzen, weil es vermutlich das gleiche Thema wie „Die zwölf Brüder“ aus einer etwas anderen Perspektive behandelt. Hier stehen nicht König und Königin am Anfang sondern einfach nur Mann und Frau wie Adam und Eva in der Bibel. Und bis zur Verwandlung der Söhne in Raben klingt diese Geschichte sogar sehr realistisch. Aber nun wollen wir doch tiefer schauen und die Symbolik betrachten:

Die sieben Söhne könnten wieder die fünf Sinne mit dem Denken und der Vernunft symbolisieren und das Töchterchen das Ichbewußtsein, womit wir die ganze Geschichte in unser inneres Wesen verlagern. Zu beachten ist, daß hier nicht die Frau als Symbol für die Natur das Töchterchen wünscht, sondern der Mann als Symbol für den Geist. Und sein Wunsch ist so groß, daß die Frau nach den sieben Söhnen wirklich auch ein Mädchen zur Welt bringt. Doch weil es klein und kraftlos erschien, regte sich sogleich die Angst im Mann, er könnte sein kleines Ich wieder verlieren und verlangt nun nach einer schnellen Taufe, die das kleine Ich-Wesen heiligen soll. Das ist ein denkwürdiges Symbol, denn es geschieht wirklich oft, daß Menschen die Kirchentaufe vor allem dafür benutzen, um ihr Ego zu bestätigen und zu heiligen. Die Sinne mit dem Denken und der Vernunft sollen ihm dazu dienen und das Taufwasser aus der ewigen Quelle holen. Doch in aller Eile verlieren sie das Mittel, mit dem sie das heilige Wasser schöpfen sollten, und wissen nun nicht weiter. Vielleicht war dieses Mittel auch völlig unbrauchbar für eine solche Taufe. Denn eigentlich sollten nicht die Sinne das Ichbewußtsein heiligen, sondern das Ichbewußtsein die Sinne. Doch schließlich wird der Vater zornig und verflucht seine Söhne, weil sie den Segen verhindern, den er sich für das kleine Ich-Wesen vorgestellt hat.

Die Eltern konnten die Verwünschung nicht mehr zurücknehmen, und so traurig sie über den Verlust ihrer sieben Söhne waren, trösteten sie sich doch einigermaßen durch ihr liebes Töchterchen, das bald zu Kräften kam, und mit jedem Tage schöner ward. Es wußte lange Zeit nicht einmal, daß es Geschwister gehabt hatte, denn die Eltern hüteten sich, ihrer zu erwähnen, bis es eines Tags von ungefähr die Leute von sich sprechen hörte, das Mädchen wäre wohl schön, aber doch eigentlich schuld an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ward es ganz betrübt, ging zu Vater und Mutter und fragte, ob es denn Brüder gehabt hätte, und wo sie hingeraten wären. Nun durften die Eltern das Geheimnis nicht länger verschweigen, sagten jedoch, es sei so des Himmels Verhängnis und seine Geburt nur der unschuldige Anlaß gewesen. Allein das Mädchen machte sich täglich ein Gewissen daraus und glaubte, es müßte seine Geschwister wieder erlösen. Es hatte nicht Ruhe und Rast, bis es sich heimlich aufmachte und in die weite Welt ging, seine Brüder irgendwo aufzuspüren und zu befreien, es möchte kosten, was es wollte. Es nahm nichts mit sich als ein Ringlein von seinen Eltern zum Andenken, einen Laib Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit.

Das Ichbewußtsein, das uns jegliche Identität als Mensch gibt, ist wirklich ein Wesen, das zum einen sehr schwach und verletzbar wie das kleine Mädchen erscheint, so daß wir oft Angst haben, es zusammen mit unserem Leben zu verlieren. Zum anderen ist es aber höchst mächtig, hat diese ganze Welt geschaffen, kann gewaltige Kriege führen und großes Leiden hervorbringen. Es kann uns aber auch erlösen, wenn es von Illusion, Begierde und Zorn gereinigt wird. Im Grunde dreht sich unser ganzes Leben um dieses Ichbewußtsein. Und das reine Ichbewußtsein könnte sogar Gott selbst sein, wie auch Jesus in der Bibel spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater. [Bibel, Johannes 4.6]“ So verläßt nun die Tochter (bzw. das Ichbewußtsein) Vater und Mutter und geht in die Welt, um ihre Brüder (d.h. die Sinne mit Denken und Vernunft) zu erlösen. Auch hier klingt die biblische Vision an, daß Christus in diese Welt gekommen ist und all das Leiden auf sich genommen hat, um uns zu erlösen.

Auch in der hinduistischen Philosophie spielt dieses Ichbewußtsein im Schöpfungsmythos eine grundlegende Rolle, wie er zum Beispiel im [Markandeya Purana Kap. 45] erklärt wird. Dieser hohe Stellenwert entspricht natürlich zuerst der praktischen Erfahrung, die jeder Mensch im Leben machen kann. Sicherlich würde auch kein Wissenschaftler behaupten, daß er ohne Ichbewußtsein arbeiten würde. Und wenn anfangs in der modernen Wissenschaft vor allem nur von Energie als Basis des Universums gesprochen wurde, so hört man heute mehr und mehr den Begriff der Information, der aber genauso schwer zu fassen ist wie Geist oder Bewußtsein, und im Grunde vielleicht sogar das Gleiche bedeutet. Der berühmte deutsche Physiker Werner Heisenberg (1901-1976), der die Quantenmechanik erforschte, soll gesagt haben: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Diesen Becher können wir am Ende unseres Märchens wiederfinden.

Auch wir selbst haben Physik und Informatik studiert und wundern uns oft sehr, wie schwer sich heutige Wissenschaftler mit dem Begriff des Geistes tun. Daß Gedanken unsere Arme und Beine bewegen und kreativ sein können, ist doch eigentlich offensichtlich. Und daß diese geistige Kraft keine nebensächliche Rolle in unserem Leben spielt, sollte doch auch offensichtlich sein. Das gleiche gilt für die geistigen Werte wie Tugend, Weisheit, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit. Einer der prägendsten Physiker unserer Zeit, der sich vehement als ‚Atheist‘ bezeichnete, war Stephen Hawking (1942-2018). Aber auch er sagte: „Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum von selbst aus dem Nichts erschaffen.“ ("Because there is a law such as gravity, the universe can and will create itself from nothing.") Wir fragen uns natürlich: Wen meint er mit dem kleinen Wörtchen ‚selbst‘? Dieses Selbst kann der große Schlüssel sein, der eng mit unserem „Ich bin“ verbunden ist. Sicherlich ist es normal und gut, zuerst in der äußeren Welt nach der Wahrheit zu suchen. Doch dann sollte man auch im Inneren suchen und vor allem in sich selbst, wie unser kleines Mädchen hier im Märchen mit ihrem Körper und der Erinnerung an ihren Ursprung die große Suche nach dem geistigen Wesen beginnt.

Nun ging es immerzu, weit weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich, und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er: »Ich rieche rieche Menschenfleisch.« Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: »Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.«

Es gab wirklich schon Menschen, die bis zum Mond geflogen sind, wo es schrecklich kalt, grausig und böse sein kann. Und wenn die Sonne nicht so unerträglich heiß wäre, hätten wir auch dort schon unsere Fußspuren hinterlassen. Der Morgenstern ist gewöhnlich ein Planet, meistens die Venus, der vor dem Sonnenaufgang noch der hellste Punkt am Horizont ist. Heutzutage sind es tote Himmelskörper, die da draußen durch den Raum fliegen. Damals waren sie noch lebendig und konnten zu uns sprechen. Und auf geistiger Ebene kann man sie sogar in unserem Inneren finden. Wer sich bereits mit Yoga beschäftigt hat, wird vielleicht wissen, daß dort von einer Sonnen- und Mondhälfte in unserem Körper gesprochen wird. Der Mond ist unsere linke und weibliche Seite, die Sonne unsere rechte und männliche Seite. Wenn eine dieser Seiten dominiert und zu unserer Persönlichkeit wird, dann sprechen wir von Mann und Frau, und das bedeutet gewöhnlich das Ende der unschuldigen Kindheit, was hier vielleicht mit dem Fressen der Kinder gemeint sein könnte. Inmitten unseres Körpers finden wir im Yoga die sogenannten Chakras bzw. Energiezentren, die gewöhnlich als Sterne oder Mandalas dargestellt werden. Davon gibt es auch sieben Stück, die man den fünf Elementen und Sinneserfahrungen mit dem Denken und der Vernunft zuordnen kann. Das beginnt am unteren Ende der Wirbelsäule mit der Erde und dem zugehörigen Geruch, dann kommt das Wasser mit dem Geschmack im Genitalbereich, das Feuer mit der Sichtbarkeit im Nabelbereich, der Wind mit den Gefühlen in der Brust, der Raum mit den Klängen in der Kehle, das Denken mit den Gedanken auf der Stirn und die Vernunft mit dem reinen Bewußtsein am Scheitel. So könnte man sagen, daß jedes Chakra auf seinem besonderen Stühlchen sitzt.

Damit wollen wir hier nicht behaupten, daß es indische Yogis waren, die unsere Märchen erzählt und lange Zeit bewahrt haben. Doch im Yoga geht es vor allem um praktische Erfahrungen und weniger um theoretische Philosophien, Systeme und Begriffe. Und diese Erfahrungen kann jeder Mensch auf seine Weise machen, egal wo er in der Welt lebt, wenn er achtsam in seinen Körper schaut. Dann findet man zum Beispiel die Erde am Ende des Darms, das Wasser in der Blase, das Feuer im oberen Darm und Magen, den Wind in der Lunge, den Raum in der Kehle, die Gedanken und die Vernunft im Kopf und Sonne und Mond als die beiden Gehirnhälften. Und wenn man noch achtsamer schaut, findet man Zentren der Gefühle, Energiebahnen, Beziehungen, Blockierungen und vieles mehr. Dafür braucht man nicht unbedingt eine Yoga-Ausbildung. Im Gegenteil, allzu viele Begriffe und Erwartungen können hier sogar destruktiv wirken. Yoga ist ein praktischer Weg. Warum sollten also unsere Vorfahren in Europa nicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Denken wir zum Beispiel an das berühmte Bild von Johann Georg Gichtel (1638-1710) aus den Hochzeiten der mittelalterlichen Alchemie, als viele Menschen versuchten, durch Wandlung und Synthese der inneren und äußeren Erfahrungen den Weg zur Wahrheit, zum sogenannten „Stein der Weisen“ zu finden. So verband man zum Beispiel auf verschiedenste Weise die inneren Chakren mit den äußeren sieben Wandelsternen (Saturn, Venus, Jupiter, Merkur, Mars, Mond und Sonne) und nannte sie „Brennöfen der Seele“: [anthrowiki.at/Johann_Georg_Gichtel]:

Mit dem Morgenstern könnte auch das dritte Auge der ‚Einsicht‘ auf der Stirn gemeint sein, das uns mit dem menschlichen Verstand einen Schlüssel zum Glasberg geben kann. Dafür wird hier das Symbol eines Hühnerbeinchen verwendet, das vermutlich an ein Opfertier erinnern soll. Denn ohne Opfer kommt man nicht in den Glasberg, wo die Brüder gefangen sind.

Diesen Glasberg findet man auch in anderen Märchen. Hier könnte er ein Symbol für unser inneres Wesen sein. Denn es geschieht oft, daß wir zwar die Probleme in uns sehen, wie schlechte Angewohnheiten, Ängste, Zorn, Lüge usw., aber keinen Zugang in unser Inneres finden und bei jedem Versuch wie gegen unsichtbare Wände laufen. Glas erinnert auch an das Wesen der Illusion oder an unsere geistige Kristallisation im Inneren. Und wenn es darum geht, die Sinne mit dem Denken und der Vernunft zu erlösen, dann müssen wir uns sicherlich auch ins Innere wenden und einen Zugang finden. Im Yoga bedeutet dies die Reinigung der Chakras, was man mit Bewußtseinskonzentration und Atmung versuchen kann.

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, und ging wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? Seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloß glücklich auf. Als es eingegangen war, kam ihm ein Zwerglein entgegen, das sprach: »Mein Kind, was suchst du?« - »Ich suche meine Brüder, die sieben Raben.« antwortete es. Der Zwerg sprach: »Die Herren Raben sind nicht zu Haus, aber willst du hier so lang warten, bis sie kommen, so tritt ein.« Darauf trug das Zwerglein die Speise der Raben herein auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen; in das letzte Becherchen aber ließ es das Ringlein fallen, das es mitgenommen hatte.

Nun, das Hühnerbeinchen ging irgendwie verloren, was vielleicht bedeuten soll, daß auch die alten Schamanen- oder Hexenriten mit ihren Tieropfern verlorengingen. Aber ja, es ist wohl besser, man bringt ein eigenes Opfer dar, als andere zu opfern. Dafür muß man sich sicherlich nicht gleich einen Finger abschneiden. Ein großes Opfer ist heutzutage schon das stille Verweilen für ein paar Minuten. Dann opfert man das äußere Handeln für die geistige Sicht nach Innen. So könnte dieser Finger als Teil der Hand auch ein Symbol für das Opfer des Handelns sein. Und dieses Opfer kann man nicht nur in stiller Meditation darbringen, sondern auch in der alltäglichen Tätigkeit, indem man die Früchte der Handlungen im Geiste etwas Höherem opfert und sich nicht mehr persönlich damit identifiziert, um das gierige Ego zu nähren. Und das ist wirklich ein großes und höchst schweres Opfer, das zum Beispiel in der berühmten Bhagavad Gita beschrieben wird [MHB 6.27].

Wir sollten natürlich langsam mit ein paar Minuten stiller Einkehr beginnen. Vielleicht öffnet sich dann bereits unser Glasberg und eine innere Stimme erklingt, die uns Hilfe gibt. Dafür sollte zumindest noch ein kleiner Zwergenanteil der Vernunft zu Hause sein, auch wenn alle anderen Sinne mit den Gedanken in der Welt umherirren, und wir geduldig warten müssen, bis sie zurückkehren. In der Zwischenzeit können wir unsere geistige Konzentration üben, das Ichbewußtsein mit dem Atem von Stühlchen zu Stühlchen, also von Chakra zu Chakra wandern lassen und von jedem Tellerchen kosten und aus jedem Becherchen trinken. Das ist eine wunderbare Meditation, die sehr zu empfehlen ist. Das heißt praktisch: Wir beginnen mit dem untersten Chakra und erinnern uns aufsteigend an den Duft der Erde, den Geschmack des Wassers, das Licht des Feuers, das Gefühl des Windes, den Klang des Raumes, die Gedanken des Denkens und das reine Bewußtsein der Vernunft. Und in den letzten Becher geben wir den mystischen Ring der Vereinigung von Männlich und Weiblich, d.h. Sonne und Mond, die große Hochzeit der Gegensätze.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein: »Jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.« Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern: »Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.« Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte, daß es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach: »Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.« Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küßten einander, und zogen fröhlich heim.

Und wenn nun die Sinne und Gedanken zurückkehren, dann spüren sie, daß ihre Speise von einem reinigenden Bewußtsein berührt wurde, um sie von ihrem Umherirren und ihrem tierischen Wesen zu erlösen. Die großen Gegensätze, die uns vorher unvereinbar schienen, beginnen sich nun aufzulösen und ein wunderbares Gefühl der Einheit entsteht. Dann könnte langsam unser wahres Ichbewußtsein hervortreten, das von Illusion, Begierde und Haß gereinigt wurde und jetzt nicht mehr als gieriges Ego erscheint, sondern als wahre Liebe und vollkommene Glückseligkeit in menschlicher Gestalt erstrahlt. Damit kehren wir zu unserem wahren Ursprung zurück, womit auch dieses Märchen ein gutes Ende findet.


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de
[Bibel] Luther Bibel, 1912