Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Das tapfere Schneiderlein

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2019]

Auch dieses Märchen ist natürlich wieder voller Symbolik. Schere, Nadel und Faden als Symbole für den Schneider sind uns bereits im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein begegnet. Auch der Schneider selbst ist eine äußerst symbolträchtige Figur, denn mit der Schere zerschneidet er den Stoff und näht mit Nadel und Faden die Stoffstücke wieder zu Kleidern zusammen, mit denen sich die Reichen äußerlich schön machen, während er selbst oft nur ein armer Kerl ist, der sich kaum etwas zu essen leisten kann. Dafür kommt er aber mit vielen Menschen zusammen und sollte über Intuition, Kreativität und gute Menschenkenntnis verfügen, um die passenden Kleider zu schneidern. Diesbezüglich ist er als armer Mann mit einer Arbeit, die viel Konzentration und Geduld erfordert, für tiefere Einsichten in das menschliche Wesen regelrecht prädestiniert.

An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: »Gut Mus feil! Gut Mus feil!« Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: »Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los.« Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und mußte die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: »Das Mus scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.« Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort. »Nun, das Mus soll mir Gott segnen,« rief das Schneiderlein, »und soll mir Kraft und Stärke geben,« holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. »Das wird nicht bitter schmecken,« sprach er, »aber erst will ich den Wams fertig machen, eh ich anbeiße.« Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche. Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederließen. »Ei, wer hat euch eingeladen?« sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach einem Tuchlappen, und »Wart, ich will es euch geben!« schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. »Bist du so ein Kerl?« sprach er und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern: »Das soll die ganze Stadt erfahren.« Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: »Sieben auf einen Streich!« - »Ei was Stadt!?« sprach er weiter, »die ganze Welt soll’s erfahren!« und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.

Was nun in der oberflächlichen Geschichte wie ein lustiger Schwank erscheint, soll natürlich auch an eine tiefere Bedeutung erinnern, und so möchten wir versuchen, die Symbolik näher zu beleuchten. Das Fenster und der Werberuf, der an seine Ohren dringt, kennen wir bereits aus dem Märchen von Schneewittchen, als die Zauberin ihre Äpfel verkaufen wollte. Wenn die Fenster unserer Sinne offenstehen, dann kann der Ruf der Verlockung und Ablenkung in uns hineindringen, und wir richten unser Bewußtsein nach außen und greifen nach den Dingen. Das macht in jede Richtung Mühe, die Bauersfrau muß mit ihrer Last die vielen Treppen emporsteigen, und der Schneider muß seine Sinne bemühen und sich entscheiden. Hier kommt ihm sicherlich seine Armut zugute, die ihn äußerlich zügelt, aber auch die Händlerin verärgert, weil er nur eine kleine Menge von ihrem Mus kauft, das die verführerische Nahrung der Welt symbolisieren könnte, die uns Genuß und Kraft verspricht. Doch er kann sich auch innerlich zügeln, und macht erst seine Arbeit fertig, bevor er sich dem Genuß ergeben möchte. Schon das verlangt bekanntlich eine große Tapferkeit in uns. Dabei macht er eine große Entdeckung, denn er beobachtet die Fliegen, die ähnlich wie unsere Gedanken scharenweise um das Mus schwirren und sich auf die süße Verführung stürzen. Nun kommt vermutlich die Vernunft ins Spiel. und das Schneiderlein ergreift ein Tuch und schlägt zu. Das Tuch holte er aus der ‚Hölle‘: „So heißt nämlich ein Raum unter dem Sitztisch des Handwerkers, in den dieser die Beine steckt, und der tatsächlich als erster Aufenthaltsort der Abfallstücke zu dienen pflegte. [Hess. Blätter S205]“

Auch heute kennen wir noch das Sprichwort: „Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“ Das heißt, zwei Probleme gleichzeitig zu lösen. Damit steht die große Frage, welche sieben Probleme der Schneider hier mit einem Schlag gelöst hat? In Erinnerung unserer Interpretationen zu Schneewittchen, die sieben Raben, sechs Diener usw. liegt es nahe, wieder an die fünf Sinne mit den Gedanken und der Vernunft zu denken. Zumindest werden das Gehör beim Ruf der Händlerin, das Auge beim Blick aus dem Fenster, die Nase beim Riechen des Muses und der Geschmack bei der Hoffnung auf süßen Genuß ausdrücklich erwähnt. Das Gefühl könnte man in der Mühe des Hochtragens sowie im Ärger und Zorn finden, die unruhigen Gedanken in den Fliegen und die Vernunft in seiner Erkenntnis. Und wie löst er das Problem? Nun, er bringt die gierigen Gedanken zur Ruhe, und damit löst sich mit einem Schlag auch das Problem der fünf Sinne, denn die breitgeklatschte Mus-Schnitte mit den toten Fliegen war nun sicherlich keine süße Verführung mehr. Außerdem hat er schlagartig keinen Appetit oder Hunger mehr. Das könnte man zumindest symbolisch als eine Art Erkenntnis betrachten, die sich nun das Schneiderlein auf einen Gürtel schreibt, um sie nie wieder zu vergessen.

So ein Gürtel, der uns wie ein magischer Ring umgibt, hat als Symbol eine lange Tradition. Er steht für Kraft, Macht und Herrschaft, aber auch für Reinheit. Denken wir an den Gürtel von Thor, der dessen Kraft verdoppelte, oder den Gürtel vom Zwergenkönig Laurin, der ihm die Kraft von zwölf Männern verlieh. Im modernen NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) würde man hier vielleicht von einem Anker für die neue Erkenntnis sprechen.

Mit der Stadt, die alles erfahren soll, könnte zunächst unser eigener Körper gemeint sein und mit der Welt unser innerer Kosmos, wenn wir dieses Märchen auf geistige Weise in unser inneres Wesen abbilden. Denn eine höhere Erkenntnis ist nur etwas wert, wenn sie sich auf unser ganzes Wesen auswirkt. Sofern man aber diese Stadt in der Außenwelt sieht und die Erkenntnis weltlichen Ruhm verspricht, wird das Märchen zum lustigen Schwank, und der Mut, den das Schneiderlein mit seiner Erkenntnis gewonnen hat, erscheint als weltliche Überheblichkeit in einer Kindergeschichte, über die wir zunächst lächeln, bis wir mit der Zeit eine tiefere Ebene finden.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen könnte, er fand aber nichts als einen alten Käs, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte, der mußte zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: »Guten Tag, Kamerad, gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?«

Wenn es darum geht, die Sinne und Gedanken zu besiegen, dann ist sicherlich nicht das Töten gemeint, sondern das Beherrschen. Denn wer die Herrschaft über seine Sinne, die Gedanken und Vernunft hat und nicht mehr ihr Sklave ist, der hat wirklich viel Kraft und Macht gewonnen und kann im Leben alles erreichen, auch wenn er körperlich schwach erscheint. Um uns den Beweis dafür zu liefern, verläßt nun unser Schneiderlein seine häusliche ‚Hölle‘ und zieht in die Welt. In seinem Haus findet er nur ‚alten Käse‘, vielleicht die Reste seiner alten Gedanken, Wünsche und Gewohnheiten, und vor dem Tor ein Vöglein, das er befreit und das zum Symbol für seine Reise voller Leichtigkeit in eine größere und höhere Welt wird. So kommt er leicht und mühelos auf den gleichen Berg, wo auch die weltlichen Riesen mit viel körperlicher Kraft hinkommen, sozusagen die Gewaltmenschen in unserer Welt, die mit viel rationaler und materieller Gewalt ihre Ziele verfolgen. Das sind zwei Arten, die Welt zu gewinnen. Heutzutage tendieren wir mehr zu den Riesen und versuchen, mit gewaltiger Maschinenkraft, materieller Energie und Naturwissenschaft unsere Ziele zu erlangen. Diesbezüglich erinnert uns das Ganze auch an den berühmten Kampf zwischen David und Goliath:

Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: »Du Lump! Du miserabler Kerl!« - »Das wäre!« antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel, »Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.« Der Riese las: »Sieben auf einen Streich!«, meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drückte ihn zusammen, daß das Wasser heraustropfte. »Das mach mir nach,« sprach der Riese, »wenn du Stärke hast.« - »Ist’s weiter nichts?« sagte das Schneiderlein, »das ist bei unsereinem Spielwerk,« griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn, daß der Saft herauslief. »Gelt,« sprach er, »das war ein wenig besser?« Der Riese wußte nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, daß man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte: »Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach.« - »Gut geworfen,« sagte der Schneider, »aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen«; griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. »Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?« fragte der Schneider.

»Werfen kannst du wohl,« sagte der Riese, »aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.« Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte: »Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde heraustragen.« - »Gerne,« antwortete der kleine Mann, »nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das Schwerste.« Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, mußte den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war da hinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen »Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus...«, als wär das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: »Hör, ich muß den Baum fallen lassen.« Der Schneider sprang behendiglich herab, faßte den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: »Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.«

So ein Gewaltmensch, der nur auf das Körperliche vertraut, kann sich nicht vorstellen, daß der Geist kraftvoller sein kann. Ähnlich zweifeln auch heute noch viele Wissenschaftler, ob es überhaupt eine geistige Kraft gibt. Deshalb werden die großen Kräfte der Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Demut oder Zufriedenheit in unserer Gesellschaft unterbewertet und oft sogar mißachtet, wie auch der Riese das dürre Schneiderlein mißachtet. Doch das Schneiderlein zeigt seinen Mut, und es kommt zum Kräftemessen. Und hier siegt das Weiche über das Harte, das Leichte über das Schwere und das Schwache über das Starke. Entscheidend ist die geistige Beweglichkeit, so daß man die gewöhnlichen Grenzen des rationalen Intellekts überschreiten und weit darüber hinaus denken kann. Damit gelingt dem Schneiderlein das rational Unmögliche. Wäre der Riese etwas achtsamer gewesen, hätte er dem Schneiderlein vermutlich Betrug vorgeworfen, denn unser Intellekt unterscheidet natürlich ganz klar zwischen Stein, Käse und Vogel. Betrachtet man es aber tiefer, so findet man mehr und mehr Verbindungen, und auf atomarer Ebene verschwinden fast alle Unterschiede. Unser gewöhnlicher Intellekt wird auch nicht glauben wollen, wieviel Leben noch in einem Käse steckt, geschweige denn in einem Stein. So glaubt auch der Riese nicht, daß die große Krone vom Baum leichter ist, als der wesentlich dünnere Stamm. Wir glauben eben vor allem an die Welt unserer fünf Sinne mit den Gedanken, die unser Schneiderlein besiegt hat, so daß er davon nicht mehr beherrscht wird. Einen anderen Unterschied erkennt man daran, daß der Riese mit seinem Ego versucht, alles selber zu erzwingen, während unser Schneiderlein auf das Leben vertraut, den Vogel fliegen und sich vom Baum tragen läßt. Damit hat er es einfach, überall zu gewinnen, denn das ist der große Vorteil eines beweglichen Geistes, der tiefer schaut und nicht in den rationalen Grenzen der äußerlichen Welt gefangen ist. Aber klar, ein normaler Schullehrer würde sicherlich an einem solchen Schüler verzweifeln...

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeigingen, faßte der Riese die Krone des Baums, wo die zeitigsten Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: »Was ist das, hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?« - »An der Kraft fehlt es nicht,« antwortete das Schneiderlein, »meinst du, das wäre etwas für einen, der sieben mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du’s vermagst.« Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also daß das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.

Das ist typisch für Gewaltmenschen, sie biegen die Zweige vom Baum des Lebens zu sich herab, um die höheren Früchte zu ergreifen, anstatt sich selbst zu erheben, und erzeugen damit viele Spannungen im Leben. Wie heutzutage zum Beispiel auch das altbewährte Yoga auf unsere weltliche Ebene herabgezogen und zum Wellness degradiert wird, womit man sogar noch Geld verdienen will, anstatt daß wir uns zu den geistigen Höhen aufschwingen. Gleiches findet man in den Religionen, Wissenschaften und sogar in der Justiz. Das ist das Problem von vor allem geistig schweren Menschen, daß sich beim Greifen nach den hohen Früchten die Zweige vom Baum des Lebens zu ihnen herabbiegen, und sie sich nicht erheben können. Doch unser Schneiderlein ist leicht und beweglich, läßt sich emporheben und kommt sogar unbeschadet wieder herab. Denn wahrlich, hier unten im Gebüsch der Welt schießen überall Jäger, nicht nur der Tod, sondern auch Krankheit, Alter, Verlust und Leid. So ist es gut, wenn man geistig leicht und beweglich genug ist, um sich in höhere Welten erheben zu können. Dem körperlich schwerfälligen Riesen gelingt das nicht, und er bleibt im Gestrüpp der Welt hängen.

Der Riese sprach: »Wenn du ein so tapferer Kerl bist, so komm mit in unsere Höhle und übernachte bei uns.« Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: »Es ist doch hier viel weitläuftiger als in meiner Werkstatt.« Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er sollte sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, er legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch, und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht. Mit dem frühsten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen in einer Hast fort.

Auch in unserer normalen Welt gibt es solche geistig leichtbeweglichen Menschen. Eigentlich wäre es gut, mit ihnen zusammenzuleben und von ihnen zu lernen. Doch den Riesen sind solche Menschen nicht geheuer, denn sie fürchten, was sie nicht verstehen können. Zumindest hat unser Schneiderlein den Mut dazu, aber meidet das große Bett des Riesen. Was ist das für ein Bett, worauf sich ein Riese ausruht? Hiermit könnte Erfolg, Ruhm, Reichtum und ähnliches gemeint sein. Dann wäre es verständlich, daß sich unser Schneiderlein lieber in eine stille Ecke zurückzieht, denn solche verführerischen Betten sind auf dem geistigen Weg sehr gefährlich. Damit bleibt er auch am Leben, und die Riesen verzweifeln nun völlig, als sie das Unglaubliche vor sich sehen, das ihr ganzes Weltbild bedroht. Doch ändern sie ihr Bild von der Welt? Nein, sie laufen davon, denn dann können sie weiter ignorieren, was sie nicht verstehen wollen.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit empfand, so legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es da lag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel: »Sieben auf einen Streich.« - »Ach,« sprachen sie, »was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muß ein mächtiger Herr sein.« Sie gingen und meldeten es dem König, und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen dürfte. Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. »Eben deshalb bin ich hierher gekommen,« antwortete er »Ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten.« Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung angewiesen.

Nun wird es richtig interessant, denn es geht zum König, zum herrschenden Geist in unserem Innern, um die mystische Hochzeit zu feiern und das ganze Königreich zu gewinnen. Unser Schneiderlein hat die besten Voraussetzungen, er ist unbeschwert und mutig, beherrscht seine Sinne und bleibt gelassen. Selbst im Schlaf hilft ihm sein Gürtel, und der König empfängt ihn, um seine Dienste zu nutzen. Soweit muß man auf dem geistigen Weg erst einmal kommen, um diesen König in sich selbst zu treffen und ihm bewußt zu dienen. Und wirklich, dieser Prozeß gleicht einem Erwachen aus einem langen Traum, worauf der herrschende Geist mit seinen Abgesandten lange warten muß.

Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg. »Was soll daraus werden?« sprachen sie untereinander, »wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich sieben. Da kann unsereiner nicht bestehen.« Also faßten sie einen Entschluß, begaben sich allesamt zum König und baten um ihren Abschied. »Wir sind nicht gemacht,« sprachen sie, »neben einem Mann auszuhalten, der sieben auf einen Streich schlägt.« Der König war traurig, daß er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, daß seine Augen ihn nie gesehen hätten, und wäre ihn gerne wieder losgewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen.

Diese Symbolik ist wunderbar gestaltet und könnte meinen, daß sich unser gewöhnliches Sinnesbewußtsein, das dem König bisher gut gedient hat, angesichts des höheren Bewußtseins unseres Schneiderleins zurückzieht. Doch der König ist skeptisch und zweifelt, ob der eine wirklich besser als die ganze Schar seiner bisherigen Diener ist. Kann man dem höheren Bewußtsein vertrauen, das in uns erwacht, oder bleiben wir lieber bei den alten Gewohnheiten? Ist es eine neue Illusion oder wirkliche Wahrheit? Solche Zweifel sind normal auf dem geistigen Weg, und ein langer Kampf voller Prüfungen steht bevor:

Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten, niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten. »Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist,« dachte das Schneiderlein, »eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich wird einem nicht alle Tage angeboten.« - »O ja,« gab er zur Antwort, »die Riesen will ich schon bändigen, und habe die hundert Reiter dabei nicht nötig: wer sieben auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.«

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rand des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern: »Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.« Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen: Sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, daß sich die Äste auf- und niederbogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: »Was schlägst du mich?« - »Du träumst,« sagte der andere, »ich schlage dich nicht.« Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. »Was soll das?« rief der andere, »warum wirfst du mich?« - »Ich werfe dich nicht,« antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen sie’s gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die Brust. »Das ist zu arg!« schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen wider den Baum, daß dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, daß sie Bäume ausrissen, aufeinander losschlugen, so lang, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. »Ein Glück nur,« sprach es, »daß sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen andern springen müssen: Doch unsereiner ist flüchtig!« Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: »Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht: Aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der sieben auf einen Streich schlägt.« - »Seid Ihr denn nicht verwundet?« fragten die Reiter. »Das hat gute Wege,« antwortete der Schneider, »kein Haar haben sie mir gekrümmt.« Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein: Da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume.

Schon die erste Prüfung ist sehr schwer, denn hier geht es um den Sieg über zwei Riesen, welche die Gegensätze symbolisieren könnten, von denen wir gewöhnlich beherrscht werden. Dazu gehören Leben und Tod, Mein und Dein, Besitz und Verlust, warm und kalt, schön und häßlich, reich und arm und viele andere Gegensätze, mit denen wir in der Welt normalerweise kämpfen. Diese Polaritäten zu überwinden ist eine sehr große Herausforderung auf dem geistigen Weg zur Einheit, und wie wir wissen, kann man sie nicht direkt besiegen. Denn sobald man gegen den einen Pol kämpft, verstärkt sich automatisch der Gegenpol. Und so ist die Symbolik hier vorzüglichst beschrieben, wie man die Gegensätze reizt, damit sie sich selbst vernichten. Das erinnert an die übliche Analytik in der Meditation. Und hier muß man wirklich sehr achtsam sein, daß man sich nicht den Ast absägt, auf dem man sitzt. Auch hier spielt die geistige Beweglichkeit wieder eine entscheidende Rolle, und man sollte beim Lesen auf die vielen kleinen Nuancen im Text achten. Schließlich könnte man wirklich soweit kommen, daß uns die Gegensätze nichts mehr anhaben können. Denn solange man von Gegensätzen beherrscht wird, wird man auch von Illusion beherrscht und kann die Wahrheit nicht erkennen. Ähnlich heißt es auch im indischen Mahabharata:
Oh Sohn, werde Herr deiner Sinne, überwinde die Gegensätze von Hitze und Kälte, Hunger und Durst sowie den inneren Wind. Und wenn du sie beherrschst (wie ein Yogi), dann übe Gerechtigkeit (Dharma). Geh den heilsamen Weg der Wahrheit und Ehrlichkeit, der Freiheit von Zorn und Böswilligkeit, der Selbstzügelung und Entsagung sowie des Wohlwollens und Mitfühlens. Sei beständig in der Wahrheit gegründet, entschlossen der Gerechtigkeit gewidmet und gib jegliche Täuschung und Illusion auf. Friste dein Leben von den Resten der Nahrung, nachdem Götter und Gäste gespeist sind. Dein Körper ist ebenso vergänglich wie der Schaum auf den Wellen des Meeres. Die Seele wohnt ungebunden in ihm, wie ein Vogel in einem Baum sitzt. Die vielfältigen Verbindungen mit all den angenehmen Dingen sind äußerst kurzlebig. Warum, oh Sohn, schläfst du in solcher Vergeßlichkeit? Deine Feinde (die Leidenschaften) sind stets achtsam und wach. Sie sind immer bereit und warten auf ihre Gelegenheit. Warum bist du so verblendet, sie nicht zu erkennen? [MHB 12.322]

Wenn sich also die Gegensätze der Natur gegenseitig selbst vernichten, wäre schon viel erreicht, und man könnte sich dem großen Ziel der Königsherrschaft im Reich der Natur sehr nahe fühlen. Aber:

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung, den aber reute sein Versprechen (1812: einem unbekannten Kriegshelden seine Tochter in die Ehe zu geben) und er sann aufs neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. »Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst,« sprach er zu ihm, »mußt du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das mußt du erst einfangen.« - »Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; sieben auf einen Streich, das ist meine Sache.« Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen. »Sachte, sachte,« sprach er, »so geschwind geht das nicht,« blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. »Jetzt hab ich das Vöglein,« sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick erst um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Das Einhorn ist ein großes Mysterium, über das die Menschen schon lange nachdenken. Schon 400 v. Chr. tauchte es in einem griechischen Text von Ktesias von Knidos auf: „In Indien gibt es wilde Esel, die den Pferden gleich, nur größer sind. Der Leib ist weiß, der Kopf purpurrot, die Augen dunkelblau. Auf der Stirne haben sie ein Horn von der Länge einer Elle. Abgefeilte Teilchen desselben werden in einen Trank getan und sind ein Schutzmittel gegen tödliche Stoffe...“ Zumindest findet man in den alten indischen Epen viele Geschichten über einen Eber, der als göttliche Inkarnation (Varaha) mit nur einem Hauer die versunkene Erde aus dem Wasser hob. Heutzutage hört man oft die Meinung, daß hier eigentlich von einem Rhinozeros oder vom ausgestorbenen Elasmotherium mit einem wesentlich längeren Horn gesprochen wird. Wie auch immer, wichtig ist die Symbolik, die hier verwendet wird. Und weil das Einhorn im Gegensatz zu den gewöhnlichen Tieren mit zwei Hörnern steht und oft sogar so gemalt wird, als wären zwei Hörner zu einem Horn zusammengedreht, denken wir natürlich nach dem Sieg über die Gegensätze an das Erreichen der Einheit, in der alle Gegensätze verschwinden. Seltsamerweise erscheint uns diese Einheit zunächst sehr bedrohlich und droht uns „aufzuspießen“. Aber das ist verständlich, denn damit wird vor allem unser gewöhnliches Ego tödlich bedroht, das natürlich vom Gefühl der Trennung lebt und in der Einheit nicht mehr bestehen kann. Doch dieses Ego-Problem bleibt sicherlich keinem auf dem geistigen Weg erspart und muß irgendwie gelöst werden. Auch hier lauern manche Gefahren auf dem Weg, denn die Vorstellung von der Einheit kann leicht in Nihilismus verfallen, der ringsherum alles verneint, zerstört und jeden Sinn im Leben vernichtet. So muß man auch diese Prüfung bestehen, und das Eine so geschickt einfangen, daß man dabei das Leben nicht tötet. Wie das geht, ist natürlich kein einfacher Weg, aber es wird hier genial angedeutet, indem man das Eine mit dem Leben und der Natur verbindet, wofür der Baum als Symbol stehen könnte. In einer älteren Version des Märchens von [1812] wird dies noch deutlicher gesagt: „Als solches der Schneider sah, herzuginge, dem Einhorn den Strick, so er mit sich genommen hätt, um den Hals thät und an den Baum bande, hinaus zu seinen Gesellen ging, ihnen seinen Sieg über das Einhorn anzeigt, solches hernach dem König zu wissen thät...“

Diese Erkenntnis der Einheit bringt auch der christliche Mystiker Meister Eckhart (1260-1328) in seinen überlieferten Predigten mit einer unvergleichlichen Tiefe zum Ausdruckt. Dort liest man zum Beispiel:
„Als ich aus Gott floß, da sprachen alle Dinge: Gott ist. Dies aber kann mich nicht selig machen, denn hierbei erkenne ich mich als Kreatur. In dem Durchbrechen aber, wo ich ledig stehe meines eigenen Willens und des Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selber, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder »Gott« noch Kreatur, bin vielmehr, was ich war und was ich bleiben werde jetzt und immerfort. Da empfange ich einen Aufschwung, der mich bringen soll über alle Engel. In diesem Aufschwung empfange ich so großen Reichtum, daß Gott mir nicht genug sein kann mit allem dem, was er als »Gott« ist, und mit allen seinen göttlichen Werken; denn mir wird in diesem Durchbrechen zuteil, daß ich und Gott eins sind. Da bin ich, was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte (mehr) in dem Menschen, denn der Mensch erringt mit dieser Armut, was er ewig gewesen ist und immerfort bleiben wird. Allhier ist Gott eins mit dem Geiste, und das ist die eigentlichste Armut, die man finden kann. - Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, so lange wird er diese Rede nicht verstehen. Denn es ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar. [Eckhart, Predigt 32]“

Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren, und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten. »Gerne,« sprach der Schneider, »das ist ein Kinderspiel.« Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren’s wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, daß sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen. Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen: Der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Türe hinter ihm zu. Da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbehilflich war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die mußten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen. Der Held aber begab sich zum Könige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten mußte und ihm seine Tochter und das halbe Königreich übergab. Hätte er gewußt, daß kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten, und aus einem Schneider ein König gemacht.

Was bleibt nach dem Überwinden der Gegensätze und dem Finden der Einheit? Auch danach verschwindet diese Welt nicht. Sie funktioniert ganz normal weiter. Nur haben wir jetzt durch unsere leichte und geistige Beweglichkeit die Macht, die schwere, wilde, tierhafte und triebhafte Natur zu überwinden bzw. zu heilen. In der körperlichen Welt spricht man hier von Genen und zwanghaften Verdrahtungen unseres Gehirns, in der geistigen Welt von Gewohnheiten, Prägungen, Erbsünde und angesammeltem Karma aus diesem und vielen anderen Leben. Damit erscheint nun die dritte Prüfung. Und auch diese Symbolik ist gut, denn man fängt hier das wilde Tier, das in uns lebt, im heiligen Tempel Gottes und erhebt die körperliche ichhafte Natur auf eine geistige göttliche Ebene. Diesen heiligen Tempel kann man sogar über das ganze Universum ausbreiten. Das war der Wege, den man früher ging, um die wilde Feindlichkeit der Natur in eine freundliche Göttlichkeit zu verwandeln. Entsprechend beginnt auch die Bibel damit, daß Gott die Natur erschuf und sah, daß alles gut war. Auch in den alten indischen Texten findet man diese kosmische Verkörperung Gottes in Gestalt des ganzen Universums. Das ist allerdings schwer zu verstehen, und man sollte diese Symbolik nicht mißbrauchen. Denn bevor man nicht die beiden vorhergehenden Prüfungen bestanden hat, ist es sicherlich nicht heilsam, alles als Göttlich zu betrachten und die eigenen Sünden Gott anzulasten. Meister Eckehart sagt zu diesem Thema:
„Unsere Meister stellen die Frage: Ob die Engel betrübt werden, wenn der Mensch Sünde tut? Wir sagen: Nein! Denn sie schauen in die Gerechtigkeit Gottes und erfassen darin alle Dinge in ihm (=in Gott), wie sie in Gott sind. Deshalb können sie sich nicht betrüben. [Eckhart, Predigt 51]“

So gewinnt nun unser Schneiderlein die Königstochter, Geist und Natur feiern ihre mystische Hochzeit. Aber damit ist in diesem Märchen erst das halbe Königreich gewonnen und die große Glückseligkeit noch nicht erreicht, denn offensichtlich ist noch eine große Frage offen: „Wer bin ich?“

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: »Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen.« Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anders als ein Schneider wäre. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: »Laß in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.« Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mit angehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. »Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben,« sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit mit seiner Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Türe und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn es schlief, fing an mit heller Stimme zu rufen: »Junge, mach den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe sieben mit einem Streiche getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen, und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!« Als diese den Schneider so sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag König.

Damit droht plötzlich von Seiten der Natur eine neue Gefahr, so daß immer noch größte Achtsamkeit geboten ist. Die dargestellte Symbolik ist sehr interessant: Wenn der König hier mehr auf Seiten seiner Tochter steht als auf der Seite eines unbekannten Helden, dann würde es symbolisch bedeuten, daß der herrschende Geist mehr auf Seiten der Natur steht als auf der Seite eines Menschen, der sich selbst nicht kennt. Damit begegnet uns die nächste Herausforderung auf dem Weg, nämlich die sogenannte Selbst-Erkenntnis.

Und wer könnte des Königs Waffenträger sein, der die Waffen des herrschenden Geistes trägt? Intuition, Vernunft oder Erkenntnis - irgend jemand warnt unser Schneiderlein. So erkennt man auch in diesem letzten Abschnitt einen Wandel, denn zuerst spricht er im Traum als Knecht, der unter der Herrschaft seines Meisters steht, und dann spricht er bewußt im Wachsein als Meister zu den Knechten. Damit fliehen schließlich die Leiden der Welt, die uns beständig bedrohen und in Angst versetzen. Der arme Schneider, der einst Knecht seiner Sinne und des Körpers war, ist nun zum geistigen Schneider-König geworden, der mit Elle, Schere, Nadel und Faden das Gewebe der Natur beherrscht. Und wenn es zu Beginn des Märchens heißt, daß er aus „Leibeskräften“ nähte, so näht er nun aus „Geisteskräften“. Denn er hat mit einem Streich die fünf Sinne und das Denken mit der Vernunft besiegt, die Gegensätze überwunden, die Einheit gewonnen und das tierische Wesen in sich selbst bezwungen. Wunderbar! Diese geistige Entwicklung gipfelt schließlich darin, daß man sein wahres Selbst erkennen kann, zu dem es in der berühmten Bhagavad-Gita heißt:
„Das Selbst wird nie geboren noch stirbt es jemals. Es kennt kein Wachsen und kein Vergehen. Ungeboren, unvergänglich, ewig und uralt ist es. Es stirbt nicht mit dem Körper. Wer es als unzerstörbar, unvergänglich und unveränderlich erkannt hat, wie könnte er töten, getötet werden oder noch töten wollen? Wie ein Mensch abgetragene Kleidung ab- und neue anlegt, so wirft das verkörperte Selbst die verbrauchten Körper ab und erscheint als andere, sozusagen neue Körper. Waffen zerspalten es nicht, Feuer verbrennen es nicht, Wasser durchnässen es nicht, und Winde verwüsten es nicht. Keiner kann es spalten, verbrennen, davonspülen oder austrocknen. Es ist unveränderlich, alldurchdringend, beständig, verläßlich und ewig. So wird es als unentfaltet, unvorstellbar und unveränderlich bezeichnet. Ist dieses Wesen wahrhaft erkannt, mußt du nicht mehr darüber klagen. [MHB 6.26]“

So hoch kann sich der Mensch entwickeln und aus den Zwängen der Natur erheben. Und diesbezüglich war es sicherlich ein guter König, der sich selbst beherrschen konnte und nicht mehr von der Natur beherrscht wurde. Er hatte die Leidenschaft der Sinne und Gedanken besiegt und war kein Sklave mehr von Begierde, Haß und Illusion. Darin liegt wohl auch der grundlegende Unterschied zwischen einem Tyrannen und einem guten König.

Zugegeben, diese ganze Deutung klingt ebenso abenteuerlich wie das Märchen selbst. Doch wahrlich, so abenteuerlich kann unser Leben sein, und solche Welten können wir erreichen. Die geistigen Wege sind natürlich ebenso vielfältig wie die alten Märchen, denn jeder Mensch erfährt diese Wege anders. Darum sind vermutlich auch so viele Märchen entstanden, die ähnliche Prinzipien ganz unterschiedlich betrachten und beschreiben. Das ist die typische Vielfalt praktischer Wege und Erfahrungen, die noch nicht völlig von rationalen Konzepten vorgeprägt sind. Doch heute ist es wirklich schwer, die benutzte Symbolik noch zu verstehen, die vielleicht früher so selbstverständlich war wie heutzutage ein Fernsehfilm. Wer kümmert sich heute noch um geistige Welten? Für viele Menschen ist der Geist nur noch ein Gespenst aus den dunklen Zeiten des Aberglaubens. Entsprechend sehen wir von den überlieferten Märchen oft nur noch die äußere Hülle und lächeln über die Dummheit unserer mittelalterlichen Vorfahren. Doch auch das ist immer noch besser, als unsere alten Märchen ganz zu vergessen. Zumindest könnte dieses Märchen vom tapferen Schneiderlein schon über 500 Jahre alt sein. Der Kern der zweiten Hälfte wurde bereits 1557 von Martin Montanus in einem Buch veröffentlicht. Und weil die Schneider-Zünfte erst im 12. Jahrhundert entstanden sein sollen, müßte es irgendwo dazwischen seine Geburt genommen haben, um sich in Europa weit zu verbreiten.


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
Das tapfere Schneiderlein
Der kluge Knecht

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Eckhart] Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, Diogenes 1979
[Hess.Blätter] Hessische Blätter für Volkskunde, Band 10, W. Schmitz Verlag, 1911
[MHB] www.mahabharata.pushpak.de
[2019] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de