Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Der wunderliche Spielmann

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2018]

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterseelenallein und dachte hin und her. Und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen.“ Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, daß es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt. „Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen,“ sagte der Spielmann. Aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm: „Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“ - „Das ist bald gelernt,“ antwortete der Spielmann, „du mußt nur alles tun, was ich dir heiße.“ - „O Spielmann,“ sprach der Wolf, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.“ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. „Sieh her,“ sprach der Spielmann, „willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt.“ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, daß er wie ein Gefangener da liegenbleiben mußte. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen anderen Gesellen herbeiholen,“ nahm seine Geige und fiedelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen. „Ach, ein Fuchs kommt,“ sagte der Spielmann, „nach dem trage ich kein Verlangen.“ Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach: „Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“ - „Das ist bald gelernt,“ sprach der Spielmann, „du mußt nur alles tun, was ich dir heiße.“ - „O Spielmann,“ antwortete der Fuchs, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.“ - „Folge mir,“ sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträucher standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach: „Wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.“ Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. „Füchslein,“ sprach er, „nun reich mir die rechte.“ Die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäumchen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, daß es in der Luft schwebte und zappelte. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Wiederum sprach er zu sich: „Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbeiholen,“ nahm seine Geige und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen dahergesprungen. „Ach, ein Hase kommt!“ sagte der Spielmann, „den wollte ich nicht haben.“ - „Ei, du lieber Spielmann,“ sagte das Häschen, „was fiedelst du so schön, das möchte ich auch lernen.“ - „Das ist bald gelernt,“ sprach der Spielmann, „du mußt nur alles tun, was ich dir heiße.“ - „O Spielmann,“ antwortete das Häslein, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.“ Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Walde kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. „Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum!“ rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte. Und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sprach der Spielmann und ging weiter.

Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen, und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten freigemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern, und schrie aus Leibeskräften: „Bruder Wolf, komm mir zu Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen!“ Der Wolf zog die Bäumchen herab, biß die Schnur entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.

Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fiedel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ und mit dem Beil unter dem Arme herankam, die Musik zu hören. „Endlich kommt doch der rechte Geselle,“ sagte der Spielmann, „denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere.“ Und fing an und spielte so schön und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert dastand, und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, daß sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen: „Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun.“ Da ward den Tieren angst und sie liefen in den Wald zurück; der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

Die Geschichte ist simpel: einem Musiker ist auf seinem Weg durch die Wildnis langweilig, und so spielt er Musik, weil es ihn nach einem Gefährten verlangt. Vom schönen Spiel angelockt, kommen drei Tiere aus dem dunklen Wald, die sich ungebeten an die Fersen des Spielmannes heften, und die jener mit üblen Tricks wieder loswerden möchte. Nun, die Fallen, die er wählt, halten nicht lange, sondern erst der Holzfäller kann sie endgültig vertreiben. Für ihn, der nur zuhört und sonst nichts vom Spielmann begehrt, spielt er zum Dank wunderschön und ... geht wieder seiner Wege, allein. Eine wirklich seltsame Geschichte, die förmlich danach verlangt, das ganze äußere Geschehen in unser inneres Wesen abzubilden, wo der dunkle Wald an das Unterbewußtsein erinnert, aus dem sich unsere tierischen Triebe erheben.

Die Symbolik für Tiere hat sich gewiß im Laufe der Zeit deutlich gewandelt. Wir glauben heute, daß der Wolf zur Zeit der Germanen ein Krafttier, weiser Lehrer und spiritueller Begleiter war, und daß er im Mittelalter ganz gegensätzlich mit Gier, unstillbarem Hunger und Grausamkeit verbunden wurde. Bis heute ist der Hase in Geschichten ängstlich und der Fuchs listig. Doch jeder, der Tiere wirklich beobachtet, sieht zwar einige Grundmuster in ihrem Verhalten, doch auch viele verschiedene Charaktere. Nicht jeder Fuchs ist gleich mutig oder listig, und Wölfe pflegen in ihrem Rudel das Mitgefühl und harmonische Miteinander konsequenter als manche Menschen in ihrer Familie. Inwieweit nun Wolf, Fuchs und Hase hier für Gier, Hinterlist und Furchtsamkeit stehen, wollen wir offen lassen, aber sie stehen gewiß für tierische Triebe, die hartnäckig an einem anhaften, auch wenn man sie gar nicht willkommen heißt oder haben will. Daß keine echten Tiere gemeint sein können, scheint uns klar, denn die drei gehen sich normalerweise aus dem Weg und machen keine gemeinsame Sache, auch wenn sie reden könnten. Und die übliche, ausufernde dreimalige Wiederholung ist uns aus anderen Märchen und dem eigenen Geist auch schon bekannt, denn geistige Veränderung braucht gewöhnlich viel Zeit und häufige Wiederholung.

Doch was hat die Tiere angelockt? Die wunderbare Musik des Spielmanns. Ein Zauber, dem sich keiner entziehen kann. Und sogleich wollen die Tiere auch so schön spielen können, wollen den Rausch festhalten und für sich haben, was ihnen begehrenswert erscheint. Kommt Ihnen das bekannt vor? Dieser Durst nach etwas, das wir nicht haben oder beherrschen, und von dem wir meinen, es macht uns glücklich? Und der Durst ist hartnäckig in unserem Verhalten, läßt sich nicht so einfach in die Schranken weisen. Man kann ihn eine Weile unterdrücken und ignorieren, aber um sich wahrlich von ihm zu befreien, sind andere Mittel nötig. Der Spielmann wählt zunächst die List, um die ihn bedrängenden Triebe zumindest kurzfristig loszuwerden. Töten und vertreiben kann er die Triebe nicht, nur fesseln, wie sie uns fesseln, und vorerst hinter sich lassen. Überhaupt kann er sie nur fesseln, weil sie sich mit ihrem Verlangen schon selbst gebunden haben. Endgültig war die Lösung nicht, doch sie verschafft ihm genug Raum und Zeit, um auf seinem Weg dem rechten Gesellen zu begegnen, der ihm wahrhaft helfen kann.

Jedes Tier wird auf andere Weise gefesselt. Und wenn wir kurz bei den vorhin genannten Eigenschaften der Tiere bleiben wollen: Dem gierigen Wolf werden die Pfoten eingeklemmt, wie die Leidenschaft uns an die Taten bindet. Der listige Fuchs wird in die Luft gehoben, weil Tücke nun mal keinen festen Boden unter den Füßen hat. Und die Angst? Nun, der Hase rennt solange im Kreis, bis die Schlinge der Angst ihm die Luft und sogar das Leben abschnürt, und er sich nicht mehr bewegen kann. Hier geht es also sicherlich nicht um Tierquälerei, sondern um treffliche Symbole für menschliche Eigenschaften und ihre Wirkungen!

Als der Spielmann den einfachen Holzfäller trifft, sagt er: „Endlich ein Mensch!“ Für uns stellte sich an dieser Stelle sogleich die Frage: Was unterscheidet nun uns Menschen von den Tieren? Selbst die Wissenschaft kann die Grenzen nicht mehr klar ziehen, denn solch „typisch menschlichen“ Eigenschaften wie Mitgefühl, Fleiß, Gemeinsinn oder Persönlichkeit finden wir bei unvoreingenommener Beobachtung auch bei vielen Tieren und sogar manchen Pflanzen. Also was hat der Holzfäller, was die Tiere des Waldes nicht haben? Als Gegenkraft zu den tierischen Trieben könnten wir eine gewisse Selbsterkenntnis annehmen, die auf Vernunft und klarem Verstand fußt. Und wenn der Wald für das Dunkle, Unbewußte steht, dann ist der Holzfäller die ordnende Kraft im Chaos, die mit der Axt, also der scharfen Klinge der Erkenntnis wirkt. Auch muß es sich beim Holzfäller um eine höhere Erkenntnis handeln, denn er hat das Anhaften schon hinter sich gelassen. Ihm genügt es, zuzuhören und den Moment zu genießen. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, die Musik erlangen und beherrschen zu wollen. Er will nichts besitzen und braucht mit dem Spielmann nicht einmal ein Wort zu wechseln. Er kann den Augenblick wahrnehmen, so wie er ist, ohne nach mehr zu verlangen. Und damit ist er achtsam, und allein schon diese Achtsamkeit und das Aufzeigen der eigenen Erkenntnis genügen, daß die tierischen Triebe dahin zurückkehren, woher sie kamen.

Doch wer oder was ist nun der Spielmann, der anfangs so mit den eigenen Gedanken beschäftigt war und dann Langeweile fühlte? Ja, wer sich viele Gedanken macht, kennt auch die Langeweile, dieses quälende Vakuum, das bei uns so unbeliebt ist, daß wir es mit hektischer Betriebsamkeit und allen Mitteln unserer heutigen, technisch- medialen Welt ausfüllen wollen. Telefonieren beim Autofahren, Musikhören beim Joggen, Fernsehen und gleichzeitig mit anderen sprechen, Baby füttern und währenddessen SMS tippen... Dabei ist die Langeweile, früher wurde sie auch Muße genannt, eine wichtige Sache. Wer die Langeweile zuläßt, taucht in seinen eigenen, dunklen Wald hinab, indem nicht nur tierische Triebe schlummern, sondern auch Harmonie, Kreativität, Erkenntnis und am Ende sogar wahrhafter Frieden.

Nun, wie der Titel des Märchens schon sagt, es ist ein „wunderlicher“ Spielmann, eine Gestalt voller Wunder und Überraschungen und wohl kein gewöhnlicher Musiker. Er beherrscht die Harmonie in Form von entzückendster Musik, und erscheint uns damit als vollendete Poesie, die wie die selbstlose Liebe in der Lage ist, Getrenntes zu vereinen. Denn nicht umsonst sucht er die ordnende Kraft in Form der Vernunft. Finden sich einmal vernünftige Erkenntnis und märchenhafte Poesie, wird ihre Verbindung noch lange fruchtbar sein. Der Holzfäller ist nicht betrübt, daß die zauberhafte Musik weiterzieht, denn er will sie nicht festhalten. Und der Spielmann, der dankbar weiterwandert, nachdem ihn die Vernunft von den tierischen Trieben befreit hat, fühlt sich nicht mehr allein.

Denn: „Poesie ist Wahrheit, die in Schönheit wohnt.“
Robert Gilfillan (1798 - 1850), schottischer Dichter

Man kann bei der Deutung von Spielmann und Holzfäller auch noch weiter gehen und nicht beim Zusammenspiel von Poesie und Vernunft im eigenen Geist stehen bleiben. Ist doch die Entwicklung unseres Geistes im Laufe eines Lebens dem Großen und Ganzen von Welt, Natur und Göttlichem recht ähnlich.

Wenn Kinder spielen, ist uns das vertraut. Erwachsene dürfen noch mit Musikinstrumenten oder bei Parties gegen die Langeweile anspielen. Doch wenn ein Bauarbeiter seine Arbeit als Spiel bezeichnen würde, wäre das schon befremdlich. Und wer gar mit dem Leben selbst, den eigenen Ideen, Konzepten, Idealen und Gefühlen spielt, vor dem haben wir beinahe Angst. Dabei kennen wir es doch von der Malerei, Musik oder Poesie. Die Kunst, die das Spielerische verbannt, nur noch nach Geld oder Ruhm giert und dabei wie am Fließband produziert wird, verliert ihren eigentlichen Sinn. Sie wird uns nicht mehr erheben können, sondern zieht uns herab in die gewöhnliche und materialistische Welt. Im Hinduismus gibt es für dieses Spielerische den Begriff „Lila“, das göttliche Spiel des Lebens. Viele Westler schrecken vor dieser Vorstellung zurück und sagen: „Das Leben ist doch kein Spiel! Es ist eine ernste Sache!“ Mit diesem Thema hat sich auch Hermann Hesse in seinem Buch [Das Glasperlenspiel] auf sehr tiefgründige Weise beschäftigt. Dort läßt er zum Beispiel seinen Hauptdarsteller sagen: „‚Spielen‘ hat mehrere Bedeutungen, vor allem aber bedeutet es etwas, was der damit Beschäftigte ganz besonders wichtig und ernst nimmt. Das Spiel des Kindes wird mit größtem Ernst gespielt. Das Spiel der Musiker wird wie Gottesdienst zelebriert. Jedes Karten- oder Gesellschaftsspiel noch zeichnet sich dadurch aus, daß man es zwar als minder ernsthaft vom ,Leben‘ unterscheidet, daß es aber ganz feste Regeln hat, und daß jeder Spieler diese Regeln viel genauer einhält und sich ihrem Sinn viel mehr unterwirft, als die meisten Menschen im ,wirklichen‘ Leben es mit den Regeln der Vernunft ... tun... Zu diesem Spielsinn nun steht der Ernst der politischen Überzeugungen, Bestrebungen ... im Gegensatz. Es fehlt hier die Demut des Wissens, daß man eben doch nur spielt und ein Kind ist, und Gott über sich hat. Statt dessen handelt, denkt, spricht man mit einem übersteigerten, blinden, andre vergewaltigenden Ernst...“

Welkes Blatt [Hermann Hesse]

Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.
Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.
Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Laß es still geschehen.
Laß vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

Der Spielmann ist vielleicht auch der Inbegriff der höheren Intelligenz, die auf spielerische Weise die vollkommene Kunst der Poesie und Harmonie der Musik entfaltet. Diese Intelligenz wandert durch das Universum, nimmt unterschiedlichste Formen an, verbindet sich mit verschiedensten Körpern, wird zu den seltsamsten Wesen und ist doch immer weiter auf der Suche. Das Wort ‚Spielmann‘ bedeutet ein männliches Wesen, vielleicht sogar der eine und ewige Geist, der mit der Vielfalt der vergänglichen Formen spielt. Warum spielt er dieses seltsame Spiel? Er ist auf der Suche, ohne wirklich zu wissen, wonach er sucht. Er wird getrieben von Gedanken und einer seltsamen Langeweile. Deshalb wandert der Geist ‚mutter-seelen-all-ein‘ durch die Natur, läßt sein wunderbares Lied erklingen, spielt mit den Formen des Lebens und wandert immer weiter. Er spielt mit den Tieren, und bindet sie durch ihr eigenes Wesen. Er freut sich über den Menschen, der in der Natur hart arbeitet, ein einfaches Leben führt und diese mächtige Waffe findet, mit der er die tierischen Triebe überwinden kann.

Flötenspiel [Hermann Hesse]

Ein Haus bei Nacht durch Strauch und Baum
Ein Fenster leise schimmern ließ,
Und dort im unsichtbaren Raum
Ein Flötenspieler stand und blies.
Es war ein Lied so altbekannt,
Es floß so gütig in die Nacht,
Als wäre Heimat jedes Land,
Als wäre jeder Weg vollbracht.
Es war der Welt geheimer Sinn
In seinem Atem offenbart,
Und willig gab das Herz sich hin,
Und alle Zeit ward Gegenwart.


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Das Glasperlenspiel] Hermann Hesse, Suhrkamp, Berlin 1951
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de