Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Doktor Allwissend

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2019]

In diesem Märchen geht es um eine wirklich große Frage, die bereits in der Überschrift anklingt: Was ist Allwissenheit? Dazu sollten wir zuerst fragen: Was ist Wissen? Das Wissen spielt eine große, wenn nicht sogar die größte Rolle in unserem Leben, und hat viel damit zu tun, was und wer wir sind. Und so beginnt auch dieses Märchen mit einer kurzen, aber höchst genialen und denkwürdigen Symbolik, die sehr treffend für unser natürliches Wesen ist:

Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Doktor.

Darin gleicht unser Körper einem Ochsenkarren, der von unserem Willen gezogen wird. Dieser Wille ist oft zweigeteilt und von den weltlichen Gegensätzen geprägt. So wird hier auch von zwei Ochsen gesprochen, die uns ziehen. Am besten geht es natürlich voran, wenn beide in die gleiche Richtung ziehen. Bezüglich der Zweiteilung kann man von einem höheren und einem niederen Willen sprechen. Der niedere Wille kann sich zum schweren Ego verhärten, und man sagt dann oft: „Du bist stur wie ein Ochse!“ Und der höhere Wille folgt der höheren Vernunft und macht uns mit der Zeit leicht und frei, sozusagen himmlisch.

Und was ziehen diese Ochsen? Einen Wagen voller Brennholz. Wenn der Wagen unser Körper ist, so könnte das Brennholz unser Karma sein, also das Potential in Form von Verdienst und Sünde, das wir im Leben ansammeln und mit uns herumtragen. Auch das ist sehr eng mit unserem Wissen verbunden. Die Yogis versuchen, dieses Brennholz in einer stetig ruhigen Flamme zu verbrennen, um davon frei zu werden und kein neues anzusammeln. Für uns wird es unter der Herrschaft des niederen Willens gewöhnlich zum Feuer der Leidenschaft, und fleißig sammeln wir immer mehr Brennholz an. Dann fahren wir mit unserer Wagenladung auf den Marktplatz der Welt, um damit zu handeln.

Und wer handelt damit? Ein armer Bauer namens Krebs. Darin könnten wir unser seltsames Ichbewußtsein sehen, das sich oft voller Unzufriedenheit sehr arm fühlt und daher stets auf der Suche ist, im Handeln immer mehr zu gewinnen. Das hat wiederum viel mit unserem Wissen zu tun. Vereinfacht könnte man sagen: Bewußtsein ist aktives bzw. wirkendes Wissen („bewußt“ stammt von „bewissen“, also um etwas wissen). Und Ichbewußtsein ist örtlich und zeitlich ich-gebundenes Wissen, wodurch ein körperliches Wesen mit seiner Lebensgeschichte entsteht bzw. bewirkt wird. Wie also der Bauer sein Feld beackert und mit Samen bestellt, um viele Früchte zu ernten, so arbeitet das Ichbewußtsein auf dem Feld der Welt. Und dieses Feld kann man sehr weit und tiefgründig sehen. Praktisch ist es die gestaltbare Natur, und mittlerweile sprechen sogar einige Wissenschaftler vom feinstofflichen, morphogenetischen, Informations-, Matrix-, Nullpunkt- oder Psi-Feld und stützen sich dabei vor allem auf die Erkenntnisse der Quantenphysik. Die Symbolik des Bauern ist aber nicht nur auf die Feldwirtschaft begrenzt. Es gibt auch andere, die sich zum Beispiel mehr um Tiere kümmern, wie der Hirte, den wir oft in der Bibel finden (zum Beispiel im Hohelied), oder auch Krishna als Kuhhirte in den indischen Puranas.

Und warum heißt er Krebs? Vielleicht dachte man an die großen Krabben, die sich mit ihren mächtigen Scheren verteidigen und ernähren. Man sagt aber auch, das Element des Krebses ist das Wasser, das Urelement des Lebens, das symbolisch für die ewige Lebensquelle steht. Bezüglich dieser Lebensquelle spricht man auch vom ewigen Bewußtsein, das nur vergänglich erscheint, soweit es sich persönlich an vergängliche Dinge bindet, sich damit identifiziert und zum Ichbewußtsein wird. Damit könnte der Krebs auch das Ichbewußtsein bis hin zum verhärteten Ego symbolisieren. Heute denken wir beim Krebs vor allem an die gefürchtete Krankheit, die uns so tödlich verfolgt. Interessanterweise spielen auch hier einzelne Körperzellen eine bedeutende Rolle, die dem ganzen Organismus nicht mehr dienen wollen und sich eigenständig ungezügelt vermehren. Auch das ist eine Art Egoismus, wenn einzelne Zellen nur noch an sich denken und nicht mehr zum Wohl des ganzen Organismus wirken.

Und wofür verkauft sich unser armer Bauer, das Ichbewußtsein, an die Welt? Für „zwei Taler“, die wieder an die weltlichen Dualitäten bzw. Gegensätze erinnern. Dazu gehört vor allem die Dualität von Glück und Leid, und unser Ego hofft immer noch, irgendwann die eine Seite der Münze ohne die andere zu besitzen. So werden wir an die Welt der Gegensätze gebunden, wo das Ego um „sein persönliches Über-Leben“ kämpft, wie auch der Bauer um seinen Lebenserwerb.

Und schließlich steht noch die Frage: An wen verkauft sich das Ich? An „einen Doktor“, ein besonders intelligentes Wesen, das uns zum Lehrer wird. Und wer ist unser Lehrer im Leben? Auch das kann man sehr weit und tiefgründig sehen. Manche sagen sogar: „Die ganze Welt ist unser Lehrer.“ Und wie der Krebs im Lauf des Märchens zum Schlüssel der Erkenntnis wird, so wird der Doktor zum Weg dorthin.

Nun könnte man sagen: Was für eine Phantasie! Das soll alles in dem Satz verborgen sein: „Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Doktor.“ Aber ja, dieser Satz am Anfang des Märchens ist ein wunderbares Beispiel für die Symbolsprache früherer Zeiten, womit man tiefste Erkenntnisse über Geist und Natur zum Ausdruck brachte. Schade, daß wir uns heute kaum noch vorstellen können, wieviel tiefgründiges Wissen hinter der Symbolik solch einfacher, aber oft genialer Geschichten steht, weil wir heute auf anderen Wegen denken. Hätte man den Menschen damals E=mc² an die Tafel geschrieben, hätten sie vermutlich genauso unverständlich geschaut, wie wir heutzutage ihre Geschichten als primitive Kindermärchen betrachten. Seltsamerweise glauben wir, daß die heutigen Menschen wesentlich intelligenter sind als vor einigen tausend Jahren, was man weder genetisch noch körperlich oder angesichts unseres Verhaltens auf der Erde begründen kann. Die Menschen haben sicherlich auch früher intensiv nach Erkenntnis gesucht und Wissenschaft betrieben, nur mit anderen Zielen und entsprechend auch mit anderen Mitteln, um das Wissen in einer Sprache zu formulieren und weiterzugeben.

Übrigens: Eine ähnliche Symbolik vom Körperwagen, der von zwei Ochsen gezogen wird, findet man auch in der uralten indischen Fabelsammlung „Panchatantra“, wo sogar der Krebs seine Rolle spielt. Überhaupt hat dieses ganze Märchen einen sehr starken Bezug zur indischen Überlieferung, wie wir später noch sehen werden.

Wie ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, saß der Doktor gerade zu Tisch: da sah der Bauer, wie er schön aß und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich, ob er nicht auch könnte ein Doktor werden. »O ja,« sagte der Doktor, »das ist bald geschehen.« »Was muß ich tun?« fragte der Bauer. »Erstlich kauf dir ein ABC-Buch, so ist eins, wo vorn ein Gockelhahn drin ist; zweitens mache deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff dir damit Kleider an und was sonst zur Doktorei gehört; drittens laß dir ein Schild malen mit den Worten »Ich bin der Doktor Allwissend«, und laß das oben über deine Haustür nageln.«

Damit ist schön beschrieben, welche Aufgabe der Neid in dieser Welt hat. Man betrachtet etwas als gut, begehrt danach, will es ebenfalls besitzen und ist bereit, dafür Opfer zu bringen. Das ist das natürliche Wesen des Ichbewußtseins. Und das Ganze hat immer auch mit Wissen zu tun. Wenn man es tiefer betrachtet, besteht sogar unsere ganze Welt nur aus Wissen, oder moderner ausgedrückt, aus Information. Vor allem unser Ego stützt sich darauf und weiß: Wissen verspricht Macht, Reichtum und Wohlstand. Und der Inbegriff eines Menschen voller Wissen ist nicht nur in unserem Märchen der Titel „Doktor“. Genau das wünscht unser armer Bauer zu werden. Dafür gehen wir gewöhnlich viele lange Jahre in die Schule, lernen und absolvieren zahlreiche Prüfungen.

Doch der Rat in unserem Märchen scheint zunächst etwas spöttisch zu sein. Erstens: Kaufe dir Wissen, daß dich stolz wie einen Gockel macht. Zweitens: Verkaufe deinen Willen an die Welt, und lege dir das typische Bild eines Doktors zu. Drittens: Sei selbstbewußt, trage einen Titel und verkünde ihn überall. - Nun, man sagt, daß funktioniert auch heute noch... Nur mit „Doktor Allwissend“ muß man vorsichtiger sein, denn die Menschheit hat mittlerweile so viel Wissen angesammelt, daß die Universalgelehrten schon seit über 100 Jahren praktisch ausgestorben sind, und es sogar in den einzelnen Disziplinen wie Mathematik oder Physik kaum noch Gelehrte gibt, die das ganze Wissen ihres Fachgebietes beherrschen.

Aber wie kann so ein „gekaufter Doktor“ funktionieren? Jeder vernünftige Mensch müßte doch erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt oder nur Blahblah redet. Doch das scheint praktisch nicht so einfach zu sein. Warum?

Nun, damit näheren wir uns dem Kern des Märchens, der Frage nach der Wahrheit von Wissen. Allwissenheit würde bedeuten, daß man jede Frage zu jedem Thema wahrheitsgetreu beantworten kann. Doch wer entscheidet, ob die Antwort wahr oder falsch ist? Und damit entsteht auch die heikle Frage: Gibt es überhaupt absolut wahres Wissen? Wenn man es tiefer untersucht, wird man nämlich feststellen, daß unser weltliches Wissen immer nur relativ wahr ist, relativ zu einem bestimmten Ziel oder Standpunkt, einem bestimmten Modell, einer bestimmten Person oder auch Weltanschauung. Denken wir zum Beispiel an den großen Streit um das heliozentrische Weltbild. Heute wissen wir, daß weder die Erde noch die Sonne im Zentrum steht. Die Urknalltheorie besagt sogar, daß es nirgendwo ein Zentrum im Universum gibt. Oder denken wir an das Beispiel unserer klassischen Physik, die es geschafft hat, ein Weltbild zu bauen, in dem es die Kraft des Geistes einfach nicht mehr gibt. Und dabei ist sie doch in unserer alltäglichen Lebenserfahrung die wichtigste Kraft, mit der auch jeder Wissenschaftler arbeitet. Trotzdem funktioniert die klassische Physik immer noch im praktischen Leben, weil sie relativ wahr und nützlich ist. Aber absolut wahr ist sie nicht, das bestätigen Quantenphysik und Relativitätstheorie, die aber auch nicht alle Fragen beantworten können. Dafür wurde dann die Stringtheorie entwickelt, und so geht es wohl ewig weiter...

Ehrlich gesagt: Wenn es in dieser Form wirklich absolutes Wissen gäbe, hätte es die Menschheit nach vielen Millionen Jahren sicherlich schon gefunden, denn an genialen Menschen mangelte es noch nie. Unsere Sprache hat nicht umsonst zwei Begriffe dafür, nämlich Glauben und Wissen. In höheren Dingen sollte man von Glauben sprechen und sich stets bewußt sein, daß alles weltliche Wissen nur relativ wahr ist. Sobald man sich absolutes Wissen einbildet, steckt man in einer bestimmten Ansicht fest, und eine Höherentwicklung zum Großen und Ganzen ist versperrt. Das endet schnell im Buchstabenwissen der klugen ABC-Bücher für stolze Gockelhähne. Das ist gefährlich, denn absolutes Wissen macht stolz, und Stolz macht blind. Das kann so absurd werden, daß vernunftbegabte Menschen über einen „Wahren Glauben“ streiten und dafür sogar schrecklichste Kriege führen. Wer kommt nur auf solche Ideen? Glaube ist ein Weg, der zum höchsten Gipfel führen soll. Und wie wir wissen, gibt es immer viele Wege, die zum Gipfel führen. Jede Kultur hat ihre eigenen Wege, und vielleicht sogar jeder Mensch. Und selten führen diese Wege direkt zum Ziel. Nicht umsonst ist unsere Erde rund, und so kommt jeder irgendwann an.

Übrigens: Das Thema des Buchstabenwissens aus ABC-Büchern für den stolzen Gockelhahn hat übrigens auch Hans Christian Andersen in seinem Märchen „Das ABC Buch“ auf wunderbare Weise dargestellt.

Der Bauer tat alles, wie’s ihm geheißen war. Als er nun ein wenig gedoktert hatte, aber noch nicht viel, ward einem reichen großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doktor Allwissend gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen müßte, wo das Geld hingekommen wäre. Also ließ der Herr seinen Wagen anspannen, fuhr hinaus ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Doktor Allwissend wäre. »Ja, der wär er.« »So sollte er mitgehen und das gestohlene Geld wiederschaffen.« »O ja, aber die Grete, seine Frau, müßte auch mit.«

Er hatte noch nicht viel gedoktert. Das ist wichtig, und wir gehen davon aus, daß er noch nicht viel Wissen verkauft hat. Ist es gut, Wissen zu verkaufen? In den alten indischen Schriften war es zumindest eine große Sünde, die Veden zu verkaufen, das hieß, sich als Lehrer oder Arzt bezahlen zu lassen. Auch die alten Schamanen haben angeblich nicht für Geld geheilt. Für uns ist es heute völlig normal, daß man alles kaufen und verkaufen darf. So sterben auch die Ärzte aus, die noch an ihren Hippokratischen Eid gebunden waren, und man kann sich nicht mehr sicher sein, wie weit es um den Patienten oder ums Geschäft geht. Sogar unsere Krankenhäuser werden zunehmend von Prokuristen anstatt von Chefärzten beherrscht. Und in der Wissenschaft ist es schon längst normal, daß man sein Wissen verkauft. Das sind seltsame Ansichten, denn das meiste Wissen haben auch die Wissenschaftler und Mediziner von anderen gelernt. Trotzdem sind manche der festen Meinung, ihr Wissen persönlich zu besitzen, wie der reiche Herr sein Geld in unserem Märchen. Das ist auch eine Form von absolutem Wissen, das sich das Ichbewußtsein einbildet, und je größer das Ego, desto härter ist diese Einbildung...

Und warum ist es hier wichtig, daß unser armer Bauer noch nicht viel gedoktert hat? Er nimmt seine weibliche Seite noch mit. Das heißt: Er hat noch eine Verbindung zur Natur, ist also nicht völlig „verkopft“ und in seiner Einbildung gefangen.

Der Herr war das zufrieden und ließ sie beide in den Wagen sitzen, und sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den adligen Hof kamen, war der Tisch gedeckt, da sollte er erst mitessen. »Ja, aber seine Frau, die Grete, auch«, sagte er und setzte sich mit ihr hinter den Tisch. Wie nun der erste Bediente mit einer Schüssel schönem Essen kam, stieß der Bauer seine Frau an und sagte »Grete, das war der erste«, und meinte, es wäre derjenige, welcher das erste Essen brächte. Der Bediente aber meinte, er hätte damit sagen wollen »das ist der erste Dieb«, und weil er’s nun wirklich war, ward ihm angst, und er sagte draußen zu seinen Kameraden: »Der Doktor weiß alles, wir kommen übel an: er hat gesagt, ich wäre der erste.« Der zweite wollte gar nicht herein, er mußte aber doch. Wie er nun mit seiner Schüssel hereinkam, stieß der Bauer seine Frau an: »Grete, das ist der zweite.« Dem Bedienten ward ebenfalls angst, und er machte, daß er hinauskam. Dem dritten ging’s nicht besser, der Bauer sagte wieder: »Grete, das ist der dritte.«

Klar, in einer ersten Ebene könnte man sagen: Wer Unrecht begeht, der erntet ein schlechtes Gewissen, das ihn verfolgt, so daß er in ständiger Angst leben und sich irgendwann verraten muß. Das ist bereits eine gute Botschaft, über die man nachdenken sollte.

Darüber hinaus erscheint noch eine tiefere und höchst wunderbare Symbolik. Wer sind diese Diener, die den persönlichen Besitz stehlen? Wir würden vermuten, hier sind wieder die üblichen Prinzipien der Natur gemeint: die vier Diener als Symbol für die vier Elemente der mittelalterlichen Alchemie, nämlich Erde, Wasser, Feuer und Wind. Auch der Vergleich mit der Nahrung, welche uns die Sinnesorgane von den Elementen servieren, ist genial. Denn alles, was das Ichbewußtsein als Reichtum bzw. Nahrung in der Natur ergreift, kommt im Prinzip von diesen Elementen und geht wieder in sie zurück, so daß wir uns erst beschenkt und dann wieder beraubt fühlen. Und was rauben sie uns? In diesem Märchen geht es um Geld, das an unser Verdienst erinnert, mit dem wir unsere Wünsche erfüllen können. In anderen Versionen der Geschichte ist es auch Gold, das auf den Verlust der Wahrheit hindeutet, oder auch ein kostbarer Ring, der an den Verlust der Einheit erinnert. Alles das kann uns die Natur geben, aber auch nehmen. Je ganzheitlicher wir die Natur erkennen, um so mehr gewinnen wir diese drei Reichtümer. Je mehr unser Ichbewußtsein zum Ego wächst, das nur behalten will, und je weiter wir uns von der Natur trennen, um so mehr müssen wir deren Verlust befürchten. So läßt auch Goethe seinen Mephisto in [Faust II] sagen:

In jeder Art seid ihr verloren;
Die Elemente sind mit uns verschworen,
Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.

Diese Prinzipien der Natur zu erkennen, galt als großes Wissen, und so heißt es auch in [Faust I]:

Wer sie nicht kennte, die Elemente,
Ihre Kraft und Eigenschaft,
Wäre kein Meister über die Geister.

Doch wie erkennt unser armer Bauer die Elemente der Natur? Auf ganz andere Art, als wir es mit begrifflichem bzw. rationalem Wissen gewöhnt sind. Er hat seine weibliche Seite dabei, ist sozusagen mit der Natur verbunden und mit dem ganzen Feld um ihn herum, diesem mystischen Feld, das wir eingangs erwähnt haben. So spricht er zur Natur, und das Feld antwortet indirekt, wie von selbst, sozusagen intuitiv. Das ist der große Vorteil, wenn man noch mit dem Ganzen verbunden ist und nicht nur im eigenen, begrenzten Kopf lebt.

Der Mensch im Spiel der vier Elemente - [Petrarca 1532]
(Wasser und Erde sind wackliger Stand, Wind treibt und Feuer zieht)

Auf einer noch tieferen Ebene kann man hier sogar das Prinzip erkennen, wie das Ichbewußtsein in Form des Bauers durch seine Verbindung mit der Natur in Form seiner Frau mit den materiellen Elementen in Form der Diener interagiert. Das Ichbewußtsein meint seine Nahrung, und die materiellen Elemente fühlen sich angesprochen und reagieren in einer Art Resonanz. Wow! Hier wird auf symbolische Weise eine wirklich große Frage angesprochen: Wie kann das Bewußtsein die Materie bewegen? Wie kann ein Gedanke unsere Arme oder Beine bewegen? Und das Märchen sagt sogar, daß diese Wechselwirkung eigentlich auf einem Mißverständnis beruht, was uns an die altindische Vorstellung erinnert, daß unsere Sicht auf diese Welt vor allem von Illusion (auf Sanskrit „Maya“) beherrscht wird. Auch das unterstreicht, daß unser Wissen immer nur relativ wahr ist, so daß die menschliche Entwicklung einem Lernprozeß von Versuch und Irrtum gleicht, was jeder an sich selbst, aber auf jeden Fall an anderen beobachten kann, oder wie das Sprichwort sagt: „Irren ist menschlich!“ Im [Faust I] von Goethe verkündet sogar Gott selbst:

Es irrt der Mensch so lang er strebt.

Der vierte mußte eine verdeckte Schüssel hereintragen, und der Herr sprach zum Doktor, er sollte seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge; es waren aber Krebse. Der Bauer sah die Schüssel an, wußte nicht, wie er sich helfen sollte, und sprach: »Ach, ich armer Krebs!« Wie der Herr das hörte, rief er: »Da, er weiß es, nun weiß er auch, wer das Geld hat.«

Mit dem vierten Element wird die Aufgabe noch komplizierter, und es steht die große Frage nach dem Leben, das in diesem Element versteckt ist. Unser Bauer fühlt, daß er dieses Rätsel mit seinem eigenen Wissen, sozusagen aus dem ABC-Buch der tausend Begriffe, nicht lösen kann. Er wird sich seiner Unfähigkeit bewußt, kann sich selbst nicht mehr weiterhelfen, gesteht sich seine persönliche Armut ein und spricht: „Ach, ich armer Krebs!“ Ja, das ist die große Antwort: Ich bin es selbst, der Krebs als Symbol für das Ichbewußtsein, das die Elemente lebendig macht. Und das gilt vor allem für das Wasser, das Element des Lebens, das unser vierter Diener ist. Schon Goethe sang in [Faust II] ein Loblied auf diese wunderbare Erkenntnis:

Heil! Heil! auf’s neue!
Wie ich mich blühend freue,
Vom Schönen, Wahren durchdrungen…
Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!
Alles wird durch das Wasser erhalten!
Ozean gönn’ uns dein ewiges Walten.

Ähnlich findet man auch in der Bibel das Gleichnis von Jesus, der über das Wasser ging. Auch hier geht es vermutlich nicht um das materielle Element, sondern um das Vertrauen zum Leben als unsere geistige Basis. Und die Verwendung des Wassers für die christliche Taufe hat damit sicherlich auch viel zu tun.

Dem Bedienten aber ward gewaltig angst, und er blinzelte den Doktor an, er möchte einmal herauskommen. Wie er nun hinauskam, gestanden sie ihm alle viere, sie hätten das Geld gestohlen: sie wollten’s ja gerne herausgeben und ihm eine schwere Summe dazu, wenn er sie nicht verraten wollte: es ginge ihnen sonst an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld versteckt lag.

Nun geschieht etwas, das wohl auf dem geistigen Weg eine sehr große Errungenschaft ist. Die Macht der natürlichen Elemente schwankt, sie bitten uns heraus und gestatten uns sozusagen einen Blick hinter die Kulissen. Und wer die Natur auf diese Weise „von außen“ betrachten kann, auch wenn es nur ein kurzer Moment ist, der hat bereits viel gewonnen und erkennt, wo der wahre Reichtum liegt. Und klar, verraten kann man darüber nicht viel, denn was könnte man über das erzählen, was außerhalb der Natur liegt? Deshalb nennt man es auch das Ungestaltete. Darüber hinaus wäre es auch, wie es im Märchen heißt, ein dummer „Verrat“, den Prinzipien der Natur die Schuld für unser Leiden zu geben, wenn wir das verlieren, was wir uns als „persönlichen Besitz“ einbilden.

Wanderer am Weltenrand - Flammarion 1888

Im Buddhismus spricht man diesbezüglich von der Leerheit, das große Charakteristikum von Allem. Auch Goethe fühlte dieses Ungestaltete und nannte es das Reich der Mütter, das man auch als Meer der Ursachen bezeichnen kann und praktisch dem mystischen Feld der gestaltbaren Natur entspricht, das wir eingangs erwähnten. Mit dieser Ahnung der Leerheit wandelte sich auch der weltliche Doktor Faust innerlich zu einem geistlichen Priester, und es heißt in [Faust II]:

Und hättest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,
So sähst du dort doch Well' auf Welle kommen,
Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
Gestillter Meere streichende Delphine;
Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne--
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst...

Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche!
Ergetze dich am längst nicht mehr Vorhandnen;
Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe,
Den Schlüssel schwinge, halte sie vom Leibe! ...

Ein glühnder Dreifuß tut dir endlich kund,
Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund.
Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn,
Die einen sitzen, andre stehn und gehn,
Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.
Umschwebt von Bildern aller Kreatur;
Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur.

Mit dieser Vision der Leerheit kann Goethe sogar die Vergänglichkeit und den Tod anzweifeln, und schreibt am Ende von [Faust II]:

Es ist vorbei...
Vorbei! ein dummes Wort.
Warum vorbei?
Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!
Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!
"Da ist's vorbei!" Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär' es nicht gewesen,
Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre.
Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.

Auch im Christentum war dieses „reine Nichts“ bzw. „ewig Leere“ bekannt. Meister Eckhart spricht zum Beispiel: „Alle Kreaturen sind ein reines Nichts. Ich sage nicht, daß sie geringwertig oder überhaupt etwas seien: sie sind ein reines Nichts. Was kein Sein hat, das ist nichts. Alle Kreaturen haben kein Sein, denn ihr Sein hängt an der Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott nur einen Augenblick von allen Kreaturen ab, so würden sie zunichte. [Eckhart, Predigt 4]“

Damit war der Doktor zufrieden, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und sprach: »Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt.« Der fünfte Bediente aber kroch in den Ofen und wollte hören, ob der Doktor noch mehr wüßte. Der saß aber und schlug sein ABC-Buch auf, blätterte hin und her und suchte den Gockelhahn. Weil er ihn nicht gleich finden konnte, sprach er: »Du bist doch darin und mußt auch heraus.« Da glaubte der im Ofen, er wäre gemeint, sprang voller Schrecken heraus und rief: »Der Mann weiß alles!«

Auch in der Alchemie gab es über den materiellen vier Elementen noch ein fünftes Element, nämlich die Quintessenz des Geistes, woraus auch unser Ichbewußtsein entsteht. Um das zu erkennen ist es gut, daß er den stolzen Gockelhahn im ABC-Buch nicht mehr finden konnte. Denn ein stolzes Ego kann und will sein wahres Wesen, d.h. seinen wahren Ursprung, niemals erkennen. Es spiegelt sich immer in den Elementen der Natur und liebt die Illusion von persönlicher Identifikation und persönlichem Besitz. Dort steckt es drin, wie in einem Ofen (denn unser Körper gleicht einem Verbrennungsofen von geistiger und materieller Nahrung), in dem das Feuer der Leidenschaft mit dem angesammelten Brennholz lodert, und muß doch irgendwann heraus. Und man sagt, wer diese geistige Quintessenz von Allem und damit sich selbst erkennt, erreicht wahre Allwissenheit. Allwissenheit heißt also nicht, immer mehr Wissen anzusammeln, sondern die wesentliche Quintessenz zu erkennen, aus der alles Wissen entsteht.

Das würde interessanterweise bedeuten, daß sich unsere moderne Naturwissenschaft immer weiter von der Allwissenheit entfernt, soweit sie nur den kleinen Teil der äußeren Natur betrachtet und das Geistige ignoriert. Wie klein dieser Anteil ist, wird den Wissenschaftlern langsam bewußt, wenn sie zum Beispiel eingestehen, daß sie bisher nur 4% des materiellen Universums kennen. Den Rest von 96% bezeichnen sie als dunkle Materie und dunkle Energie, wo ihr greifbares Wissen endet. In der altindischen Kosmologie ist der Anteil der materiellen bzw. sichtbaren Welt im Universum sogar nur ein halbes Prozent, und der Rest besteht aus geistigen Welten (siehe z.B. Vayu Purana 2.39).

Schon Goethe ahnte, daß es zweifelhaft ist, die Natur ohne Geist erkennen zu wollen und schrieb in [Faust I]:

Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist Euch, es müßt so sein:
Das Erst wär so, das Zweite so,
Und drum das Dritt und Vierte so;
Und wenn das Erst und Zweit nicht wär,
Das Dritt und Viert wär nimmermehr.
Das preisen die Schüler allerorten,
Sind aber keine Weber geworden.
Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae* nennt's die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
(* Ergreifen der Natur)

Aber zurück zum Märchen: Wer ist nun dieser mächtige Herr, vor dem unser armer Bauer soviel Respekt hat? In anderen Versionen dieses Märchens ist es sogar ein König, und einen König zu betrügen war damals nicht nur eine Frage der Ehre, sondern eine von Leben und Tod. So wollen wir auch diese Figur etwas näher beleuchten. Sie ist vielleicht sogar die wichtigste, wenn es um die Frage des Wissens geht, denn sie prüft uns. Wenn Wissen nicht geprüft wird, könnten wir uns eigentlich alles einbilden, wie es im Traum möglich ist, wo sogar die gewöhnlichen Naturgesetze mit ihren Zwängen von Ursache und Wirkung nicht mehr gelten.

Gewöhnlich ist es eine verführerische Vorstellung, sich in so eine Welt zu träumen, wo alles geschieht, was wir begehren. Das ist wohl der große Traum des Egos. Und wenn das Ego ewig träumen könnte, würde es aus dieser Illusion nie aufwachen wollen. So möchte man fast behaupten, daß es die Aufgabe der Natur ist, dieses Ichbewußtsein immer wieder herauszufordern, bis es aus seiner Illusionsblase erwacht, zuerst aus dem traumhaften Schlaf und danach aus dem traumhaften Wachzustand, den wir die Wirklichkeit der Welt nennen. Und wie wird es wachgerüttelt? Mit den Hammerschlägen der Gegensätze wie Glück und Leid, Gewinn und Verlust, Gesund und Krank, Leben und Tod, die wir durch die Natur erfahren. Aus dieser Sicht wäre die Natur unser bester Freund, denn sie prüft, wie wahr unser Wissen ist. So nimmt auch Goethes Doktor Faust diese Herausforderung der Natur an und spricht:

Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen-
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

Vermutlich haben sich deshalb die alten Weisen gern in die rauhe Natur zurückgezogen und den sinnlichen Genüssen entsagt, um die Herausforderung anzunehmen und die vollkommene Wahrheit zu erkennen. Wir gehen gern die andere Richtung und versuchen, die Natur zu bestechen oder zu vergewaltigen, damit wir uns nach Belieben im sinnlichen Genuß betrügen können. Oder wie es in [Faust II] heißt:

Ist eben hier eine Mummenschanz
Wie überall, ein Sinnentanz.
Ich griff nach holden Maskenzügen
Und faßte Wesen, daß mich's schauerte...
Ich möchte gerne mich betrügen,
Wenn es nur länger dauerte...

Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wer’s gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten viel Geld zur Belohnung und ward ein berühmter Mann.

Früher wußte man: Diese Allwissenheit oder auch Selbsterkenntnis ist der größte Reichtum, den man auf Erden finden kann. Das ist der wahre Ruhm und der ewige Reichtum beider Seiten, von Geist und Natur, den niemand stehlen kann. Diese Allwissenheit ist kein weltliches Wissen, das die Dinge unterscheidet und wie der süße Brei immer mehr wird. Es ist die Erkenntnis der Einheit oder auch die große und unparteiische Liebe, mit der das Ego von seinem Wahn des persönlichen Besitzes erlöst wird. Oder wie Goethe am Ende von [Faust II] sagt:

Wenn starke Geisteskraft
Die Elemente an sich herangerafft,
Kein Engel trennte geeinte Zwienatur der innigen beiden,
Die ewige Liebe nur vermag’s zu scheiden.

Es ist höchst erstaunlich, wie sich dieses kurze Märchen, das zunächst nur wie ein dummer Schwank erscheint, in einem Menschenkopf entfalten kann, wenn man in Ruhe längere Zeit darüber nachdenkt. Und damit ist hier sicherlich noch nicht alles ergründet. Dieses wunderbare Wesen der Märchen fasziniert uns immer wieder. Bereits in den Kinderköpfen kann es viel Gutes bewirken. So denken wir, auch dieses Märchen motiviert ein Kind zunächst zum Lernen aus dem ABC-Buch, um im Leben etwas Großes zu werden und Reichtum zu verdienen. Es bereitet die Kinder aber auch darauf vor, daß ihr Wissen geprüft wird, wie hier von einem mächtigen Herrn, der in anderen Versionen auch als König auftritt, womit diese Prüfung noch härter wird. Und ein Kind, daß sich dem Prinzip der Intuition noch nicht bewußt ist, könnte mit diesem Märchen erkennen, daß es besser ist, nicht mit eingebildeter Allwissenheit zu prahlen, sondern verläßliches Wissen zu lernen und mit Fleiß die weltliche Schule zu besuchen. Doch der kleine Mensch entwickelt sich weiter, Schritt für Schritt erwacht eine höhere Vernunft, und irgendwann auch der Zweifel über Sinn und Verläßlichkeit unseres weltlichen Wissens. Oder wie es bei Goethe in [Faust I] heißt:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehn Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum -
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.

Wie groß die Frage nach dem Wesen des Wissens auch früher schon war, zeigt sich in der weiten Verbreitung dieses Märchenstoffs. Dazu findet man viele Informationen in den Anmerkungen zu den Hausmärchen der Brüder Grimm, wie zum Beispiel auch einen Hinweis auf ein sehr interessantes Zwillingsmärchen, das angeblich bereits im 1. oder 2. Jahrhundert in Indien aufgezeichnet wurde und heute in dem Werk Kathasaritsagara aus dem 11. Jahrhundert zu finden ist. Davon gibt es eine englische Übersetzung von Charles Henry Tawney aus dem Sanskrit von 1880. Und weil wir große Fans der alten indischen Texte sind, werden wir hier natürliche eine deutsche Übersetzung dafür liefern:

Der allwissende Brahmane Harisharman

In einem kleinen indischen Dorf lebte einst ein armer Brahmane (Priester bzw. Gelehrter) namens Harisharman („von Vishnu beschützt“). Er war weder besonders gelehrt noch fleißig, hatte aber viele Kinder, und erntete auf diese Weise die Wirkung der Sünden, die er im vergangenen Leben angesammelt hatte. So ging er mit seiner Familie betteln und erreichte irgendwann eine Stadt, wo er in den Dienst des reichen Hausherrn Sthuladatta („Körper-Geschenk“) trat. Seine Söhne hüteten dessen Kühe und andere Tiere, und seine Frau wurde zur Dienerin des Herrn. Er selbst lebte in der Nähe des Herrenhauses und übernahm ebenfalls verschiedene Dienerpflichten. Eines Tages gab es ein großes Hochzeitsfest für die Tochter des Herrn, und Harisharman hoffte, sich hier mit Fleisch, Butter und anderen Leckerbissen den Bauch zu füllen und auch seine Familie damit zu versorgen. Doch während er furchtsam darauf wartete, endlich bewirtet zu werden, beachtete ihn niemand. Schließlich ging er enttäuscht wieder nach Hause und sprach des Nachts verzweifelt zu seiner Frau:
Wegen meiner Armut und Unwissenheit werde ich hier so respektlos behandelt. Ich sollte ihnen ein Kunststück von übernatürlichem Wissen vorführen, so daß ich vor unserem Herrn zum Gegenstand des Respekts werde. Wenn du also die Gelegenheit findest, dann sage ihm, daß ich übernatürliches Wissen besitze.

So sprach er und kam auf die Idee, des Nachts, als alle schliefen, das Pferd vom Schwiegersohn seines Herrn zu entführen. Er versteckte es irgendwo in der Nähe, und am Morgen konnten die Diener das Pferd nirgendwo finden. Der Hausherr war höchst besorgt über dieses unheilsame Omen und ließ das gestohlene Pferd überall suchen. Da kam die Frau von Harisharman und sprach:
Oh Herr, mein Mann ist ein Weiser, der in Astrologie und magischen Wissenschaften gelehrt ist. Er kann dir das Pferd zurückholen. Warum fragst du ihn nicht?

Als der Hausherr ihre Worte hörte, ließ er Harisharman rufen und sprach:
Oh Brahmane, entschuldige, daß ich dich gestern vergessen hatte. Doch heute wurde ein Pferd gestohlen, und so habe ich an dich gedacht. Vergib mir bitte, und sage mir, wo es ist.

Daraufhin zeichnete Harisharman viele künstlich-magische Diagramme und sprach:
Das Pferd wurde von den Dieben an der südlichen Grenze der Stadt versteckt. Geht schnell und holt es, damit sie es nicht noch weiter entführen.

Sogleich liefen einige Männer los, brachten das Pferd herbei und lobten die Hellsicht von Harisharman. Er wurde als Weiser geehrt, von seinem Herrn respektiert und lebte nun glücklich.

Nun, nach einiger Zeit wurden viele Schätze aus Gold und Juwelen aus dem Palast des Königs gestohlen. Weil der Dieb nicht gefunden wurde, rief der König Harisharman herbei, denn sein Ruf als hellsichtiger Weiser hatte sich bis zu ihm verbreitet. Doch als er ratlos vor dem König stand, versuchte er zunächst etwas Zeit zu gewinnen und sprach: „Ich werde es morgen verkünden.“ So wurde er vom König in eine Kammer gebracht und gut versorgt. Als er allein war, überwältigte ihn die Traurigkeit, weil er Wissen versprach, das er nicht besaß.

Doch im Palast lebte eine Dienerin namens Zunge, die den Schatz mithilfe ihres Bruders aus dem Inneren des Palastes gestohlen hatte. Sie war wegen der Ankunft von Harisharman beunruhigt, ging nachts zu seiner Kammer und legte ihr Ohr an die Tür. Harisharman selbst war sehr verzweifelt und beschuldigte gerade seine voreilige Zunge, die solch dummes Wissen verkündet hatte, und rief:
Oh Zunge, was hast du in deiner Gier getan? Du dummes Ding, bald wirst du für alles bestraft werden!

Als die Dienerin diese Worte hörte, dachte sie voller Entsetzen, daß sie vom Weisen bereits entdeckt worden war, betrat die Kammer, fiel zu Füßen des vermeintlichen Weisen und sprach:
Oh Brahmane, ich bin die Zunge, die du als Dieb des Schatzes entdeckt hast. Ich habe ihn im Garten hinter dem Palast unter dem Granatapfelbaum in der Erde vergraben. Vergib mir bitte, ich gebe dir auch alles, was ich noch an Gold besitze.

Als Harisharman ihre Worte hörte, antwortete er großzügig:
Ich weiß alles aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber ich werde dich nicht verraten, weil du so ein unwissendes Geschöpf bist, das meinen Schutz gesucht hat. Dafür gib mir, was du an Gold besitzt.

So sprach er zu der Dienerin, sie war einverstanden und ging schnell davon. Und Harisharman überlegte voller Erstaunen:
Das Schicksal bewirkt wie im Spiel Dinge, die eigentlich unmöglich erscheinen. Als mein Unglück schon so nahe war, wer hätte gedacht, daß uns der Zufall noch solchen Erfolg bringt? Während ich meine Zunge beschuldigte, warf sich die gleichnamige Dienerin zu meinen Füßen nieder. Wahrlich, geheime Verbrechen offenbaren sich durch Furcht.

Mit diesen Gedanken verbrachte er glücklich die restliche Nacht in seiner Kammer. Am Morgen führte er den König mit viel künstlichem Brimborium in den Garten, zeigte ihm den Schatz und sprach, daß der Dieb mit einem kleinen Teil davon entkommen war. Daraufhin freute sich der König und verlieh ihm die Steuereinnahmen mehrerer Dörfer.

Aber sein Minister namens Gottweis flüsterte dem König ins Ohr:
Wie kann ein Mann solches Wissen besitzen, daß man nur durch langes Studium der heiligen Texte erreicht? Ich vermute, daß es einer von jenen ist, die sich ihren Lebensunterhalt auf unehrliche Weise beschaffen und heimlichklug mit den Dieben zusammenarbeiten. Es wäre besser, ihn mit einer weiteren Aufgabe zu prüfen.

Daraufhin holte der König eine zugedeckte Schüssel, in die er einen Frosch gesetzt hatte, und sprach zu Harisharman:
Oh Brahmane, wenn du auch weißt, was in dieser Schüssel ist, werde ich dir noch größere Ehre erweisen.

Nun war der Brahman völlig ratlos und dachte, daß seine letzte Stunde geschlagen hatte. Sein ganzes Leben zog an ihm vorbei, und er erinnerte sich, wie ihn sein Vater in der Kindheit mit dem Spitznamen „Frosch“ gerufen hatte. Und zu seinem Glück begann er, sein Schicksal zu beklagen und rief:
Dies ist eine wunderschöne Schüssel für dich, du dummer Frosch. Doch schon bald wird sie der Tod für dein unwissendes Wesen sein.

Da applaudierten die Leute ringsherum mit Beifallsrufen, weil seine weisen Worte das Gesuchte so gut trafen, und sprachen unter sich:
Ah! Was für ein großer Weiser, der sogar den Frosch kennt, der in der Schüssel verborgen ist.

Der König war nun von der Allwissenheit des Harisharman überzeugt, freute sich sehr über diesen Weisen und ehrte ihn neben den Steuereinnahmen der Dörfer noch mit einem königlichen Schirm und einer stattlichen Kutsche. Auf diese Weise wurde Harisharman in der ganzen Welt berühmt.

Die Ähnlichkeit mit unserem deutschen Märchen ist höchst erstaunlich, und vor allem die Schlüsselszene mit dem symbolischen Wassertier in der Schüssel ist praktisch identisch. Manchmal wird hier auch eine Schlange benutzt, wie zum Beispiel im Märchen von der „Weißen Schlange“, und eine ähnliche Symbolik findet man im Märchen vom „Froschkönig“ oder vom „Geist im Glas“. Das lebendige Wesen in der Natur der scheinbar toten Elemente zu finden, gilt auch hier als Gipfel der Erkenntnis.

Dazu finden wir auch in diesem indischen Märchen viele übliche Symbole, wie zum Beispiel Tochter und Schwiegersohn, die an Natur und Geist und an die mystische Hochzeit erinnern, wo unser Brahmane nicht beachtet wurde, das Pferd des Geistes, das nach der Vernunft klingt, die uns zum großen Ziel tragen kann, und auch der König als Herrscher.

Die Symbolik der Dienerin namens „Zunge“ bezieht sich als Sinnesorgan wahrscheinlich auch auf das Wasserelement, das hier als ihr Bruder angedeutet wird. In der altindischen Philosophie gibt es nicht nur vier, sondern fünf große Elemente, die wie folgt den fünf Sinnesorganen zugeordnet werden:

Erde - Nase - Geruch
Wasser - Zunge - Geschmack
Feuer - Auge - Sichtbarkeit
Wind - Gefühl - Fühlbarkeit
Raum - Ohr - Klang

Über diesen fünf Elementen steht das Ichbewußtsein mit den Gedanken, darüber die universale Intelligenz mit der höheren Vernunft und schließlich das Ungestaltete bzw. Meer der Ursachen, das an das mystische Feld erinnert, das wir eingangs erwähnten. Das sind die acht prinzipiellen Ebenen der Natur, die man oft in Kreisen symbolisiert, wobei das Niedere immer im Höheren enthalten ist. Und über allem herrscht der Höchste Geist bzw. das reine Selbst (siehe z.B. Markandeya Purana Kapitel 45). Dieses Selbst als Grundprinzip des Lebens in allem zu erkennen führt zur mystischen Selbsterkenntnis. Wer diese Quintessenz erkennt, der erkennt alles, so daß man von wahrer Allwissenheit sprechen kann.

In dieser Hinsicht lassen sich auch in dieser indischen Version des Märchens drei prinzipielle Stufen des Wissens erkennen:

1) rationales und begriffliches Wissen
2) intuitives und symbolhaftes Wissen
3) Allwissenheit und Selbsterkenntnis

Rationales Wissen ist wie das Pferd zu finden, das man selbst versteckt hat, und zwar im Süden, was im alten Indien die Richtung des Totenreiches war. Das entspricht im Prinzip unserem materialistisch-naturwissenschaftlichen Ansatz, dem ABC-Wissen bzw. Buchstabenwissen der toten Begriffe. Wir zerteilen die Ganzheit der Natur mit tausenden Begriffen und sind dann stolz darüber, die Begriffe wieder zu künstlichen Systemen zusammenzusetzen. Auch unsere Marktwirtschaft basiert auf diesem rationalen Prinzip und weiß, daß man zuerst einen Bedarf erzeugen muß, um etwas gewinnbringend zu verkaufen. Dafür mußte wohl auch unsere uralte Naturheilkunde zuerst verschwinden, damit die wissenschaftliche Medizin anerkannt wurde und das auf künstliche Weise verkaufen kann, was sie zuvor versteckt hat, wie der Brahmane das Pferd. Wunderbare Symbolik! Ähnlich ging es dem Geist in der modernen Wissenschaft, der praktisch aus dem Weltbild gestrichen wurde, damit man die Herrschaft über die Natur verkaufen konnte. Und irgendwann wird die Wissenschaft auch den Geist neu entdecken, das heißt, aufdecken, was sie zuvor verdeckt hatte, um ihn gewinnbringend zu verkaufen. Dem uralten Glauben an Gott ging es nicht besser, der uns Menschen über Jahrtausende das Vertrauen in etwas Höheres als materiellen Besitz geben konnte. Das sind zumindest die Schattenseiten des rationalen Wissens.

Wenn man daran zu zweifeln beginnt, erwacht das intuitive Wissen im Einklang mit der Natur. Ein Wissen, daß sich ähnlich der schuldigen Diener in unserem Märchen wie von selbst offenbart. Die Natur beginnt sozusagen, mit uns zu sprechen. Das können wir uns heute kaum noch vorstellen, weil unser modernes Weltbild die Natur weitestgehend zu geistloser bzw. toter Materie degradiert hat. Sogar Tieren spricht man ein Bewußtsein ab, das dem menschlichen gleicht, von Pflanzen und Steinen gar nicht zu reden. Und entsprechend überheblich geht der moderne Mensch mit der Natur um. Doch wenn die Intuition erwacht, kann alles um uns herum lebendig werden und mit uns sprechen. Im Zen-Buddhismus gibt es dafür den schönen Spruch:

Der Mann aus Holz fängt an zu singen,
Die Frau aus Stein fängt an zu tanzen,
Rationales Wissen bringt das nicht zustande.

Und je mehr sich dann noch das engstirnige Ego auflöst, desto größere Dimensionen eröffnen sich bis zur Allwissenheit der Selbsterkenntnis. Das ist ein Wissen, das sich nicht mehr auf Sinnesorgane und Gedanken stützt, und man erkennt, was man durch die Sinne nicht erkennen kann, wie den Frosch in einer zugedeckten Schüssel bzw. das Lebendige in der Materie.

Nun fragen vielleicht manche Leser dieses Märchens: „Dieser zweifelhafte Weg des einfältigen Bauers soll der Weg zur Allwissenheit sein?“ Naja, das ist im Grunde unser großes Problem, das wir immer etwas Spektakuläres suchen, irgendein besonderes Wissen, das das körperhafte Ego besitzen kann, um sich mit stolzgeschwellter Brust auf den Sockel der Wahrheit zu erheben. Doch was erwartet man, wenn wir hinter die Kulissen der Natur schauen? Was erwartet man von der großen Wahrheit, die wir hier empfangen können? Die Allwissenheit ist ein essentielles Wissen, das man früher auch Gotterkenntnis nannte. Meister Eckhart spricht dazu:
Gott ist weder dies noch das. Und ein Meister sagt: Wer da glaubt, daß er Gott erkannt habe, und dabei irgend etwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht. [Eckhart, Predigt 10]

Erstaunlich ist, daß uns diese drei Ebenen des Wissens, die man auch begrifflich, symbolhaft und göttlich nennen kann, in der deutschen Variante des Märchens fast noch kerniger und klarer erscheinen, als in der indischen. Daraus könnte man schlußfolgern, daß verschiedene Motive und Symbole aus Indien nach Europa gewandet sind und in Europa auf ein tiefgründiges Verständnis trafen, an die hiesige Kultur angepaßt wurden und über lange Zeit sogar im Volk lebendig waren. Man könnte sich natürlich auch vorstellen, daß die Symbolik von Europa nach Indien gewandert ist, denn auch dort liebte man tiefgründige Geschichten. Wie sich die Märchen in der Welt wirklich verbreitet haben, ist immer noch ein großes Rätsel, wozu es verschiedenste Theorien gibt. Einen kurzen Überblick zu diesem Thema findet man zum Beispiel im Artikel „Ursprung und Eigenart des Volksmärchens“ von [Karl Ernst Maier].

Zum Schluß möchten wir wieder zu unserer modernen Wissenschaft zurückkehren. Wie wir zu Beginn erwähnten, gibt es bereits einige bedeutende Wissenschaftler, die sich im gereiften Alter sehr tiefgründig mit der Beziehung von Geist und Natur beschäftigen. Zu ihnen zählt auch der Biologe und Physiker Ulrich Warnke, der zum Beispiel folgendes Interview zum erstaunlichen Thema „Die Wissenschaft wird die Hierarchie des Geistes erkennen“ gegeben hat:


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Rapunzel
Der treue Johannes
Der wunderliche Spielmann
Die weiße Schlange
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Das Mädchen ohne Hände
Dornröschen
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener
Der Arme und der Reiche
Der Spielhansl
Das kluge Gretel
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
Das tapfere Schneiderlein
Der kluge Knecht
Fundevogel
Doktor Allwissend

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Eckhart] Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, Diogenes 1979
[Faust I] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 1, Eine Tragödie, Tübingen 1808.
[Faust II] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 2 (1832)
[Karl Ernst Maier] Jugendliteratur: Formen, Inhalte, pädagogische Bedeutung, Klinkhardt 1993
[Petrarca] Von der Artzney bayder Glück, des guten und widerwertigen, 1532
[2019] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de