Die Botschaft unserer alten Märchen

Die Alte im Wald

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Kursiv [2018]

Es fuhr einmal ein armes Dienstmädchen mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald, und als sie mitten darin waren, kamen Räuber aus dem Dickicht hervor und ermordeten, wen sie fanden. Da kamen alle miteinander um bis auf das Mädchen, das war in der Angst aus dem Wagen gesprungen und hatte sich hinter einem Baum verborgen. Wie die Räuber mit ihrer Beute fort waren, trat es herbei und sah das große Unglück. Da fing es an bitterlich zu weinen und sagte: »Was soll ich armes Mädchen nun anfangen, ich weiß mich nicht aus dem Wald herauszufinden, keine Menschenseele wohnt darin, so muß ich gewiß verhungern.« Es ging herum, suchte einen Weg, konnte aber keinen finden. Als es Abend war, setzte es sich unter einen Baum, befahl sich Gott und wollte da sitzen bleiben und nicht weggehen, möchte geschehen, was immer wollte.

Eine herrschaftliche Familie kommt in die Wildnis, wo sie auf das gleiche Gesetz trifft, daß auch in ihrer Stadt herrscht: Der Stärkere ernährt sich vom Schwächeren. Doch hier im Wald stehen sie plötzlich auf der anderen Seite und werden selbst zum Opfer. Warum existiert dieser große Gegensatz zwischen Stadt und Wald? Warum trifft sie dieses Schicksal? Sehen wir da eine überhebliche Aristokratie, die ihre Erdung in der Natur verloren hat? Selbst das Dienstmädchen scheint in der Wildnis völlig verloren, aber zumindest bleibt sie lebendig.

Wer sind die Räuber im Wald? Was töten und rauben sie, so daß keine Menschenseele mehr im Wald lebt? Und wie kann man diesen wilden Wald verlassen?

Es gibt in vielen Märchen wiederkehrende Motive, die nicht nur dramatische Stationen einer Geschichte sind, sondern auch typische Abschnitte im Leben eines Menschen. Zum Beispiel gibt es den behüteten Menschen, der sich plötzlich von allem Vertrauten getrennt in Gefahr und Angst wiederfindet. Wie unser Dienstmädchen, die bisher von ihrer Herrschaft beschützt wurde, und nun hungrig und einsam auf sich allein gestellt ist. Hat der Mensch Vertrauen und ein gutes Herz, zeigen sich Helfer in der Not. Solche Helfer können auch die Gefahren selbst sein, denn diese zwingen uns auf einen Weg zur Wandlung.

Als es aber eine Weile da gesessen hatte, kam ein weiß Täubchen zu ihm geflogen und hatte ein kleines, goldenes Schlüsselchen im Schnabel. Das Schlüsselchen legte es ihm in die Hand und sprach: »Siehst du dort den großen Baum, daran ist ein kleines Schloß, das schließ mit dem Schlüsselchen auf, so wirst du Speise genug finden und keinen Hunger mehr leiden.« Da ging es zu dem Baum und schloß ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüsselchen und Weißbrot zum Einbrocken dabei, daß es sich satt essen konnte.

Als es satt war, sprach es: »Jetzt ist es Zeit, wo die Hühner daheim auffliegen, ich bin so müde, könnt ich mich doch auch in mein Bett legen.« Da kam das Täubchen wieder geflogen und brachte ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagte: »Schließ dort den Baum auf, so wirst du ein Bett finden.« Da schloß es auf und fand ein schönes, weiches Bettchen; da betete es zum lieben Gott, er möchte es behüten in der Nacht, legte sich und schlief ein. Am Morgen kam das Täubchen zum drittenmal, brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: »Schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden,« und wie es aufschloß, fand es Kleider, mit Gold und Edelsteinen besetzt, so herrlich, wie sie keine Königstochter hat. Also lebte es da eine Zeitlang, und kam das Täubchen alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte, und war das ein stilles, gutes Leben.

Was ist das für ein Schlüssel, der die äußere Schale der Dinge aufschließen kann? Und wie in vielen Märchen, spielt hier das Gold wieder eine ‚Schlüsselrolle‘.

Mit dem goldenen Schlüssel der Erkenntnis kann alles aufgeschlossen werden und hilfreich sein. Welch wunderschönes Symbol! In allen Kreaturen steckt ein Leben, dessen Wesen uns gütig und heilsam ist, wenn es sich denn entfalten darf, und wir es erkennen können.

Einmal aber kam das Täubchen und sprach: »Willst du mir etwas zuliebe tun?« »Von Herzen gerne,« sagte das Mädchen. Da sprach das Täubchen: »Ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen, da geh hinein, mittendrein am Herd wird eine alte Frau sitzen und ›Guten Tag‹ sagen. Aber gib ihr beileibe keine Antwort, sie mag auch anfangen, was sie will, sondern geh zu ihrer rechten Hand weiter, da ist eine Türe, die mach auf, so wirst du in eine Stube kommen, wo eine Menge von Ringen allerlei Art auf dem Tisch liegt, darunter sind prächtige mit glitzerigen Steinen, die laß aber liegen und suche einen schlichten heraus, der auch darunter sein muß, und bring ihn zu mir her, so geschwind du kannst.«

Nach dem stillen Leben, dem Rückzug aus der geschäftigen Welt, ist das Mädchen innerlich gereift und bereit, nun seinerseits wieder Verantwortung zu übernehmen und zu handeln.

Das Mädchen ging zu dem Häuschen und trat zu der Türe ein; da saß eine Alte, die machte große Augen, wie sie es erblickte, und sprach: »Guten Tag, mein Kind.« Es gab ihr aber keine Antwort und ging auf die Türe zu. »Wohinaus?« rief sie und faßte es beim Rock und wollte es festhalten, »das ist mein Haus, da darf niemand herein, wenn ich’s nicht haben will.« Aber das Mädchen schwieg still, machte sich von ihr los und ging gerade in die Stube hinein. Da lag nun auf dem Tisch eine übergroße Menge von Ringen, die glitzten und glimmerten ihm vor den Augen; es warf sie herum und suchte nach dem schlichten, konnte ihn aber nicht finden.

Wie es so suchte, sah es die Alte, wie sie daherschlich und einen Vogelkäfig in der Hand hatte und damit fort wollte. Da ging es auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand, und wie es ihn aufhob und hineinsah, saß ein Vogel darin, der hatte den schlichten Ring im Schnabel. Da nahm es den Ring und lief ganz froh damit zum Haus hinaus und dachte, das weiße Täubchen würde kommen und den Ring holen, aber es kam nicht.

Alle Mutproben wurden vom Mädchen bestanden: sie konnte schweigen, als es darauf ankam, und handeln, als sie gehindert wurde. Und sie ließ sich von dem kostbaren Schatz nicht ablenken und blenden, sondern verfolgte standhaft ihr Ziel, denn ihre Absicht war edel und rein.

Was will uns der Vogel sagen, der den Ring im Schnabel hat und im Käfig der Hexe sitzt? Vielleicht dreimal gefangen? Der Ring ist im Schnabel des gierigen Vogels gefangen, der Vogel im Käfig und der Käfig in der Hand der Hexe.

Warum ein einfacher Ring? Er deutet vielleicht auf die Verbindung des Königssohns mit einem einfachen Mädchen hin. Diese Einfachheit, die sich Gott ergibt, als alles ausweglos erschien, und plötzlich die Hilfe von der Natur und dem Geist empfängt, der in der Natur lebt. Schließlich befreit sie sogar den verzauberten Geist, und hilft in diesem Fall dem Königssohn, wieder ‚menschlich‘ zu werden. Wie er seine ‚Menschlichkeit‘ verloren hat, wird in diesem Märchen nicht weiter erklärt, aber irgendwie ist er in die Hand der Hexe gekommen, und vielleicht hat er eine ähnliche Katastrophe erlebt, wie die herrschaftliche Familie am Anfang der Geschichte.

Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf das Täubchen warten, und wie es so stand, da war es, als wäre der Baum weich und biegsam, und dann senkte er seine Zweige herab. Und auf einmal schlangen sich die Zweige um es herum und waren zwei Arme, und wie es sich umsah, war der Baum ein schöner Mann, der es umfaßte und herzlich küßte und sagte: »Du hast mich erlöst und aus der Gewalt der Alten befreit, die eine böse Hexe ist. Sie hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tage ein paar Stunden war ich eine weiße Taube, und solang sie den Ring besaß, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wiedererhalten.« Da waren auch seine Bedienten und Pferde von dem Zauber frei, die sie auch in Bäume verwandelt hatte, und standen neben ihm. Da fuhren sie fort in sein Reich, denn er war eines Königs Sohn, und sie heirateten sich und lebten glücklich.

Und wieder dieses schöne Symbol: Im Baum und im Tier steckte der rechte Gefährte, die Wahrheit. Denn überall ist das eine Leben, das sich in vielen verschiedenen Gestalten zeigen mag. Wer den Zauber der Hexe durchdringt, erkennt dies und kann sich mit der Wahrheit verbinden.

Der Ring ist ebenfalls ein sehr altes Symbol, zum einen für die Verbindung, sofern er etwas umschließt, und zum anderen für die Ewigkeit, weil er ohne Anfang und Ende ist. Noch heute kennen wir die Ehe- und Freundschaftsringe. In diesem Fall war der Ring des Prinzen in der Hand der Hexe, das heißt, er war mit einer dunklen Macht verbunden, die ihn in die Natur gebannt hat, aus der er sich nur ab und zu als Täubchen erheben konnte. Von welcher Art diese dunkle Macht war, bleibt relativ offen. Zumindest sollte man ihr keine Antwort geben, sich nicht mit ihr einlassen. Auch hier wird wieder mit der Männlich-Weiblich Symbolik gespielt und der üblichen Hexe, die für Trennung sorgt. Schließlich wird das Männliche aus den zwanghaften Bindungen der Natur befreit, und Mann und Frau vereinen sich...
Dann leben sie ein reiches und glückliches Leben und fühlen sich nie mehr einsam.

Wie am Anfang der herrschaftliche Zug im Wald unterging, so verläßt am Ende wieder ein herrschaftlicher Zug den Wald. Und das Mädchen, das zuvor eine Dienerin war, ist nun die Braut des Königssohns. Was für eine wunderbare Wandlung geschah in dieser Zeit im Wald...


Einleitung
Jorinde und Joringel
Der Eisenhans
Die Alte im Wald
Hänsel und Gretel
Rumpelstilzchen
Frau Holle
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Rotkäppchen
Hans im Glück
Der Gevatter Tod
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein
Marienkind
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
Der süße Brei
Katze und Maus in Gesellschaft
Vom Fischer und seiner Frau
Der goldene Vogel
Die zwölf Brüder
Die sieben Raben
Schneewittchen
Die sechs Diener

[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[2018] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de