Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Die Kristallkugel

Märchentext der Gebrüder Grimm [1857]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2020]

Es war einmal eine Zauberin, die hatte drei Söhne, die sich brüderlich liebten: Aber die Alte traute ihnen nicht und dachte, sie wollten ihr ihre Macht rauben. Da verwandelte sie den ältesten in einen Adler, der mußte auf einem Felsengebirge hausen, und man sah ihn manchmal am Himmel in großen Kreisen auf- und niederschweben. Den zweiten verwandelte sie in einen Walfisch, der lebte im tiefen Meer, und man sah nur, wie er zuweilen einen mächtigen Wasserstrahl in die Höhe warf. Beide hatten nur zwei Stunden jeden Tag ihre menschliche Gestalt. Der dritte Sohn fürchtete, sie möchte ihn auch in ein reißendes Tier verwandeln, in einen Bären oder einen Wolf, so ging er heimlich fort. Er hatte aber gehört, daß auf dem Schloß der goldenen Sonne eine verwünschte Königstochter säße, die auf Erlösung harrte: Es müßte aber jeder sein Leben daran wagen, schon dreiundzwanzig Jünglinge wären eines jämmerlichen Todes gestorben und nur noch einer übrig, dann dürfte keiner mehr kommen. Und da sein Herz ohne Furcht war, so faßte er den Entschluß, das Schloß von der goldenen Sonne aufzusuchen.

Wir möchten zunächst versuchen, dieses Märchen aus psychologischer Sicht mit möglichst einfachen Begriffen zu betrachten. Als Rahmen könnte man sich drei Brüder vorstellen, die sich lieben, doch einige Jahre auseinander liegen. Der jüngste von ihnen erkennt irgendwann, wie sich seine älteren Brüder seltsam verwandeln und oft ganz anders sind, als er sich selbst sieht. Der Älteste lebt vielleicht schon in einer intellektuellen Verstandeswelt, der er nicht mehr folgen kann, und erscheint wie ein Adler auf einem unerreichbaren Felsen. Der Mittlere lebt vielleicht in einer sprudelnden Gefühlswelt, die der Jüngste nicht mehr verstehen kann, und erscheint so gewaltig wie ein Wal in den unergründlichen Tiefen des Meeres. Nur ab und zu sind sie so, wie er selbst sich sieht. Dann können sie wieder reden oder spielen, wie er es bisher gewohnt war. Doch meistens erscheinen ihm die älteren Brüder wie von einer höheren Macht verzaubert. Vielleicht sieht er auch, daß sie nicht immer glücklich sind, oder fürchtet, sich ähnlich zu entwickeln, oder wird sich einer Herausforderung bewußt, der er lieber entfliehen möchte. Vielleicht fühlt er sich sogar von seiner Mutter betrogen, weil sie seine Brüder so erzogen hat, daß sie ihm fremd wurden. Vielleicht wird ihm auch sein wachsendes Ego bewußt, daß sich oft wie ein wildes Raubtier verhält, eine Gier entfaltet, die er nicht beherrschen kann, und damit sogar andere Menschen verletzt, die er gar nicht verletzen will. Vielleicht beginnt er sogar, sich vor diesem unbeherrschbaren Tier zu fürchten, das ihm zunehmend im Inneren bewußt wird, und sucht die Flucht. Und wohin entflieht ein Kind? Vielleicht in eine wunderbare Zauberwelt der Phantasie. Es schlüpft in die Rolle eines großen Helden, der zum König in einem goldenen Schloß wird, der die vollkommene Herrschaft gewinnt und keine Sorgen mehr hat. Es wünscht sich aus seiner sorgenvollen Welt zur goldenen Sonne, wo es keine dunklen Wolken mehr gibt. Und womöglich hat es bereits ein Märchen über einen solchen König gehört, das ihm vielleicht sogar seine eigene Mutter erzählte. Das ist gut, denn nun faßt das Kind Mut und wagt sein Leben, um diesen Weg zu gehen, die Seele in Gestalt einer schönen Prinzessin zu erlösen und sich von allen Sorgen zu befreien. Und in gleicher Weise, wie das Kind vom Weg zum goldenen Schloß erfahren hat, so lernt es nun im folgenden Märchen, was ihm alles auf diesem Weg begegnen könnte und wie es damit umgehen sollte. Es ist ein Weg, typisch für die alten Märchen, der sich durch das ganze Leben erstrecken kann, und das Wichtigste ist, daß das Kind zu gehen beginnt:

Er war schon lange Zeit herumgezogen und hatte es nicht finden können, da geriet er in einen großen Wald und wußte nicht, wo der Ausgang war. Auf einmal erblickte er in der Ferne zwei Riesen, die winkten ihm mit der Hand, und als er zu ihnen kam, sprachen sie: »Wir streiten um einen Hut, wem er zugehören soll, und da wir beide gleich stark sind, so kann keiner den andern überwältigen: Die kleinen Menschen sind klüger als wir, daher wollen wir dir die Entscheidung überlassen.« »Wie könnt ihr euch um einen alten Hut streiten?« sagte der Jüngling. »Du weißt nicht, was er für Eigenschaften hat, es ist ein Wünschhut, wer den aufsetzt, der kann sich hinwünschen, wohin er will, und im Augenblick ist er dort.« »Gebt mir den Hut,« sagte der Jüngling: »Ich will ein Stück Wegs gehen, und wenn ich euch dann rufe, so lauft um die Wette, und wer am ersten bei mir ist, dem soll er gehören.« Er setzte den Hut auf und ging fort, dachte aber an die Königstochter, vergaß die Riesen und ging immer weiter. Einmal seufzte er aus Herzensgrund und rief: »Ach, wäre ich doch auf dem Schloß der goldenen Sonne!« Und kaum waren die Worte über seine Lippen, so stand er auf einem hohen Berg vor dem Tor des Schlosses.

So irrt er zunächst durch die große Welt und kann den Weg nicht finden, von dem er im Märchen gehört hat. Bei einem Kind ist das vor allem die innere Welt, welche die Erwachsenen als „Phantasiewelt“ bezeichnen. Für ein Kind ist diese Welt völlig normal, und so trifft er hier vielleicht seine eigenen Brüder in Gestalt zweier Riesen, die ihn zunächst magisch anziehen. So könnte man hier von Verstand und Gefühl sprechen, die sich untereinander streiten, wer „den Hut“ aufhaben soll. Darüber erhebt sich gewöhnlich ein Wesen, das wir Ego nennen und spontan den Hut und damit die Herrschaft über unsere Wünsche ergreift. Dann mögen sich Verstand und Gefühl streiten, das Ego kümmert sich nicht weiter darum. Warum auch? Es will doch nur zum Schloß der goldenen Sonne, wo das große Glück winkt.

Er trat hinein und ging durch alle Zimmer, bis er in dem letzten die Königstochter fand. Aber wie erschrak er, als er sie anblickte: Sie hatte ein aschgraues Gesicht voll Runzeln, trübe Augen und rote Haare. »Seid Ihr die Königstochter, deren Schönheit alle Welt rühmt?« rief er aus. »Ach,« erwiderte sie, »das ist meine Gestalt nicht, die Augen der Menschen können mich nur in dieser Häßlichkeit erblicken, aber damit du weißt, wie ich aussehe, so schau in den Spiegel, der läßt sich nicht irre machen, der zeigt dir mein Bild, wie es in Wahrheit ist.« Sie gab ihm den Spiegel in die Hand, und er sah darin das Abbild der schönsten Jungfrau, die auf der Welt war, und sah, wie ihr vor Traurigkeit die Tränen über die Wangen rollten. Da sprach er: »Wie kannst du erlöst werden? Ich scheue keine Gefahr.« Sie sprach: »Wer die kristallne Kugel erlangt und hält sie dem Zauberer vor, der bricht damit seine Macht, und ich kehre in meine wahre Gestalt zurück. - Ach,« setzte sie hinzu, »schon so mancher ist darum in seinen Tod gegangen, und du junges Blut, du jammerst mich, wenn du dich in die großen Gefährlichkeiten begibst.« »Mich kann nichts abhalten,« sprach er, »aber sage mir, was ich tun muß.« »Du sollst alles wissen,« sprach die Königstochter, »wenn du den Berg, auf dem das Schloß steht, hinabgehst, so wird unten an einer Quelle ein wilder Auerochs stehen, mit dem mußt du kämpfen. Und wenn es dir glückt, ihn zu töten, so wird sich aus ihm ein feuriger Vogel erheben, der trägt in seinem Leib ein glühendes Ei, und in dem Ei steckt als Dotter die Kristallkugel. Er läßt aber das Ei nicht fallen, bis er dazu gedrängt wird, fällt es aber auf die Erde, so zündet es und verbrennt alles in seiner Nähe, und das Ei selbst zerschmilzt und mit ihm die kristallne Kugel, und all deine Mühe ist vergeblich gewesen.«

Was findet das kleine Ego in diesem großen Schloß? Es läuft ungeduldig durch alle Räume und ist am Ende schwer enttäuscht von dem, was es hier erblickt. Nun, was findet ein Mensch, wenn er in sein Inneres schaut? Zunächst jede Menge Bilder, Ansichten und Erfahrungen. Die sind nicht immer schön, auch wenn das der große Wunsch des kleinen Egos ist.

Wir wollen zunächst versuchen, diesen Abschnitt auf der Ebene der Kindererziehung zu betrachten. Wer ist hier der wichtigste Spiegel des Kindes? Die Personen der Umgebung und vor allem natürlich die Eltern. Könnten sie dem Kind durch ihr eigenes Wesen die Schönheit einer reinen Seele zeigen, dann könnten wir uns fast jede Erziehung ersparen. Welches Kind würde dann nicht seinen Eltern folgen, hochmotiviert sein und nach dem Weg dahin suchen? Das wäre der Idealfall der Kindererziehung, nämlich durch authentisches Vorbild. Das setzt natürlich voraus, daß die Eltern diesen Weg bereits erfolgreich gegangen sind. Und ein solcher Weg wird in diesem Märchen skizziert. Es ist der berühmte Kampf mit dem störrischen Ochsen oder feuerspeienden Drachen, sozusagen mit dem wilden Tier in uns, das es zu besiegen gilt. Dieses Tier in uns erkennt man vor allem an Begierde, Haß und Egoismus, die uns mit unbändiger Leidenschaft überwältigen. Das ist der gewöhnliche Kampf, den wohl alle Eltern kennen, äußerlich mit ihren Kindern und innerlich mit sich selbst.

Doch das Großartige an diesem Märchen liegt in der zweiten Botschaft: Man soll in diesem Kampf zwar das Tier töten, aber nicht das fruchtbare und kreative Leben. Verliert das Kind diese Lebendigkeit, dann war alle Erziehungsmühe umsonst. Das ist die große Gefahr, und daran sind wirklich schon viele Jünglinge gestorben. Vor allem früher war das ein großes Problem, als die Erziehung viel härter und konsequenter war und manches Kind regelrecht erstickt und zu einer toten Maschine wurde. Vor dieser Härte fürchten wir uns heute, sind also wieder einen Schritt zurückgegangen und lassen lieber das Tier wachsen, um das fruchtbare Leben zu bewahren. Aber die Werte, die wir damit an die Kinder weitergeben, sind sehr bedenklich. Man fragt sich, ob wir mit diesem Schritt nicht wieder am Anfang des Märchens stehen, als die Mutter ihre eigenen Kinder in Tiere verzauberte, weil sie sich selbst nicht zügeln oder einschränken wollte. Werden wir auf diesem Weg nicht immer tierischer und rühmen uns sogar als Tiere? - Du mußt ein Schwein sein in dieser Welt! Rampensau, Lackaffe, Geldhai, Arbeitstier, Bürohengt, Hamster im Rad, Shoppingmaus, Partylöwe, Schnapsdrossel, Bordsteinschwalbe oder Pornostar! Komasaufen oder Freßtheater! Alkohol, Drogen, Sex und Gewalt! - Sind das unsere modernen menschlichen Werte, die wir unseren Kindern weitergeben? Werden auch unsere Kinder und Enkelkinder bald fragen: Warum habt ihr uns in Tiere verwandelt? Wir wollten doch vernünftige Menschen werden...

Ohje, das war wohl noch nicht der Weg zum Schloß der goldenen Sonne. Doch auf ähnliche Weise kann man auch über eine Ehebeziehung nachdenken. Auch hier geschieht es oft, daß sich die erwartete Schönheit und Liebe in häßliche Vergänglichkeit wandelt, und aus Bulle und Kuh zwei wilde Stiere werden, die leidenschaftlich aufeinanderprallen. Selbst zwei störrische Ochsen sind schwer vor einen Wagen zu spannen. Sie streiten sich, jeder hat seinen Willen und versucht, den anderen zu beherrschen, ohne daß er es je gelernt hätte, sich selbst zu beherrschen. Dann wandelt sich das anfängliche Feuer der Liebe schnell in ein Feuer der Leidenschaft und droht, jegliches Eheleben zu verbrennen. Das nennt man schließlich eine tote Ehe. Der Hauptgrund ist natürlich, daß es keiner der Partner geschafft hat, das wilde Tier in sich selbst zu besiegen. Und ohne diesen Sieg kann es keine wahre Liebe geben...

Also müssen wir noch einen Schritt zurück und untersuchen eine noch tiefere Ebene des Märchens, die allein in unserem Inneren spielt. Die Prinzessin bzw. Seele spricht: „Die Augen der Menschen können mich nur in dieser Häßlichkeit erblicken.“ Woher kommt das Häßliche in der Welt? - Wir glauben gewöhnlich, daß wir mit unseren Augen die reine Wahrheit sehen. Vielleicht wäre es besser, hier von „Wirklichkeit“ zu sprechen, denn was unsere Sinne „wahrnehmen“, sind vor allem Wirkungen. Wenn wir durch die Wirkungen hindurch die Ursache bis zur wahren Quelle erkennen würden, könnten wir vielleicht von Wahrheit sprechen. Doch gewöhnlich schauen wir nur auf die Oberfläche und sehen dort das Vergängliche und sich stets Wandelnde. Und was ist häßlicher als eine verwelkte Blume oder eine vertrocknete Schönheit!? - Ach, könnten wir nur einen wahren Blick auf das innere Wesen der Geschöpfe werfen, dann würden wir uns nicht mehr von oberflächlichen Schönheiten verführen lassen, die sich immer wieder ins Häßliche und Leidvolle wandeln müssen. Würde uns jemand einen Spiegel reichen, um die reine Schönheit unserer Seele zu erkennen, dann müßte sogleich eine höhere Liebe erwachen mit der großen Frage: Wie kann ich die Seele von dieser häßlichen Vergänglichkeit erlösen? Was muß ich tun?

Die Seele selbst kann uns diesen Weg zuflüstern. Doch hier droht der Tod! Warum mußten schon so viele Jünglinge sterben? Ja, dazu gehört wirklich viel Mut. Vielleicht haben gerade Jünglinge und Kinder viel mehr Mut für diesen Weg als Erwachsene, weil sie wesentlich weniger zu verlieren haben. Und vielleicht muß ein Erwachsener erst wieder ein Kind werden, um überhaupt die leise Stimme der Seele zu hören, die zu uns spricht und den Weg zu ihrer Erlösung erklärt. Was erklärt sie? Vielleicht könnte man es so interpretieren: Wir müssen zuerst hinab in die Tiefe zur Quelle des Lebens. Dort wartet der große Kampf mit dem wilden Tier in uns. Doch nun wird es spannend: Stirbt das Tier, dann verbrennt das ganze Leben, und ein gewaltig lodernder Feuervogel erhebt sich in die Luft und trägt das fruchtbare Leben, als glühendes Ei symbolisiert, für immer davon. Doch gerade im Lebendigen liegt doch der Schlüssel zur Erlösung für die Seele. Damit steht die große Frage: Wie könnte man es schaffen, daß dieses Leben auf der Erde bleibt und nicht im Feuer verbrennt? Und das ist eine wirklich große Frage: Wie kann man die Seele von der häßlichen Vergänglichkeit der Welt befreien und gleichzeitig das fruchtbare und kreative Leben bewahren?

Diese Essenz des Lebens, sozusagen das Gelbe vom Ei, das unvergleichliche Sonnenjuwel, die Kristallkugel, in der sich die ganze Welt spiegelt, ist demnach der große Schlüssel, mit dem der Zauberer und die Zauberin ihre Illusionskraft verlieren, der Geist gereinigt und die Seele erlöst wird. Wow!

Der Jüngling stieg hinab zu der Quelle, wo der Auerochse schnaubte und ihn anbrüllte. Nach langem Kampf stieß er ihm sein Schwert in den Leib, und er sank nieder. Augenblicklich erhob sich aus ihm der Feuervogel und wollte fortfliegen, aber der Adler, der Bruder des Jünglings, der zwischen den Wolken daherzog, stürzte auf ihn herab, jagte ihn nach dem Meer hin und stieß ihn mit seinem Schnabel an, so daß er in der Bedrängnis das Ei fallen ließ. Es fiel aber nicht in das Meer, sondern auf eine Fischerhütte, die am Ufer stand, und die fing gleich an zu rauchen und wollte in Flammen aufgehen. Da erhoben sich im Meer haushohe Wellen, strömten über die Hütte und bezwangen das Feuer. Der andere Bruder, der Walfisch, war herangeschwommen und hatte das Wasser in die Höhe getrieben. Als der Brand gelöscht war, suchte der Jüngling nach dem Ei und fand es glücklicherweise: Es war noch nicht geschmolzen, aber die Schale war von der plötzlichen Abkühlung durch das kalte Wasser zerbröckelt, und er konnte die Kristallkugel unversehrt herausnehmen.

So beginnt nun der Kampf, der mehr oder weniger bewußt in uns allen stattfindet. Auch diesen Abschnitt kann man zunächst aus Sicht der Kindererziehung betrachten. Hier kennt sicherlich jeder das Problem des „störrischen Ochsens“. Doch das ist noch nicht der große Ochse an der Quelle, sondern viele kleine, ähnlich den vielen Köpfen des Drachens, die immer wieder nachwachsen. Doch das Prinzip des Kampfes ist ähnlich. Man sollte sich bewußt sein, daß jedes Kind diesen Kampf innerlich mehr oder weniger erfolgreich führt. Die Erziehungs-Frage ist, wie kann man dem Kind am besten bei diesem Kampf helfen? So begegnen uns hier im Märchen die beiden Brüder wieder, die wie von selbst in das Geschehen eingreifen und dafür sorgen, daß das Feuer nicht alles verbrennt: Der vernünftige Verstand begrenzt das Feuer, und liebevolle Gefühle löschen es. Wunderbare Symbolik! Verstand und Gefühl sind sicherlich in der Kindererziehung entscheidende Mittel. Wichtig ist es, einen mittleren Weg zu finden. Manchmal heißt es: „Wer nicht hören will, muß fühlen!“ Und manchmal: „Wer nicht fühlen will, muß hören!“

Darüber hinaus gibt es natürlich den großen Kampf, der in uns selbst an der Quelle des Lebens stattfindet, die man zuerst einmal finden muß. Hier geht es vermutlich um den höchsten Sieg, den der Mensch überhaupt erringen kann, nämlich das Tier in sich nicht nur zu zügeln, sondern zu töten und trotzdem das fruchtbare und kreative Leben zu bewahren. Dazu dient das berühmte Schwert, das gleichzeitig tötet und lebendig macht. Und dazu dient der Verstand, der sich zur Vernunft als großer König erheben sollte, gemeinsam mit dem Gefühl, das zum Mitgefühl der reinen Liebe wird, die keinen Egoismus mehr kennt. Damit zerbröckelt die körperlich bzw. materielle Schale des Lebens, das wahre Wesen wird sichtbar, und der Geist erkennt die mystische Kristallkugel, in der sich die ganze Welt spiegelt:

Als der Jüngling zu dem Zauberer ging und sie ihm vorhielt, so sagte dieser: »Meine Macht ist zerstört, und du bist von nun an der König vom Schloß der goldenen Sonne. Auch deinen Brüdern kannst du die menschliche Gestalt damit zurückgeben.« Da eilte der Jüngling zu der Königstochter, und als er in ihr Zimmer trat, so stand sie da in vollem Glanz ihrer Schönheit, und beide wechselten voll Freude ihre Ringe miteinander.

Sie haben sich vielleicht gewundert, warum die Brüder keinen Vater hatten und die Prinzessin keine Mutter. Hier geht es sicherlich nicht um den heutigen „Gender-Wahn“. Wir vermuten, damit werden in diesem Märchen symbolische Polaritäten hervorgehoben, so daß die Zauberin die Brüder verzaubert und der Zauberer die Prinzessin. Entsprechend verzaubert die Natur den Geist, und der Geist verzaubert die Natur. Das ist der ewige Tanz im Kosmos, der mit den Polaritäten von Männlich und Weiblich oder chinesisch Ying und Yang versinnbildlicht wird. Und das Märchen könnte uns sagen: Wenn der Geist durch Erkenntnis gereinigt wird, dann verschwindet die Macht der Illusion, die uns verzaubert, das illusorische Ego stirbt, die reine Vernunft wird zum König und die reine Seele zur Königin, und alles erstrahlt in vollkommener Schönheit. Der Ring der wahren Liebe vereint das Weibliche und das Männliche, Yin und Yang, das durch die Macht der Illusion nur äußerlich in verschiedenen Formen und Begriffen getrennt wurde. Dafür gibt es dieses wunderbare Symbol von Yin und Yang, wie aus der Polarität eine lebendig-fließende Welle und aus der Welle ein Kreis wird. Und sobald man durch die oberflächliche Schale unserer Körperlichkeit hindurchschauen kann, wird dieser Kreis zur Kristallkugel, in der man die Essenz des Lebens erkennt:

Ein Märchen? Sicherlich, es klingt ganz anders als die Formeln der klassischen Wissenschaft, der Psychologie oder die Grundätze der Marktwirtschaft. Hier geht es um uralte Wege, die früher sogar als Volksmärchen im gewöhnlichen Volk erzählt und lebendig bewahrt wurden und uns heute sehr fremd geworden sind, obwohl es seit fast hundert Jahren eine wissenschaftlich anerkannte Quantenphysik gibt, die ähnliches bestätigt. Doch das materialistisch-egoistische Weltbild hat sich mittlerweile so verhärtet, daß bereits die Vorstellung, ohne Ego zu leben, für viele Menschen völlig absurd ist. Und in der Egolosigkeit noch ein lebendiges Glück zu suchen, erscheint noch absurder.

Unser Ego hat seltsamerweise große Ähnlichkeit mit dem, was wir „Geld“ nennen. Wir denken: Ohne Geld können wir nicht existieren, ohne Geld kein Leben. Und je mehr Geld, um so mehr Leben und um so mehr Wünsche kann „Ich“ mir erfüllen. Und doch sind es nur bedruckte „Scheine“ oder „geprägte“ Münzen. Weil aber die meisten Menschen daran glauben, wird es zur Wahrheit. Eine sehr fragliche Wahrheit, und manchmal gleicht es einer seelischen Befreiung, wenn man den Mut hat, so einen „Schein“, der uns gewöhnlich zum Sklaven macht, einfach zu verbrennen...

Soweit zu diesem wundervollen Zaubermärchen voll geballter Symbolik, das die Gebrüder Grimm nach eigenen Angaben aus einem anderen Märchen übernommen und offenbar aus psychologischer Sicht mit ihrer vorzüglichen Erfahrung aufbereitet haben. Eine ähnliche Handlung findet man auch in der „Chronika der drei Schwestern“ von Johann Karl August Musäus, woraus in ähnlicher Weise das Märchen „Die drei Schwestern“ der Gebrüder Grimm entstanden ist.

Damit haben wir versucht, einige Ebenen dieses Märchens zu interpretieren. Um nun die geistige bzw. spirituelle Ebene noch tiefer zu untersuchen, wollen wir uns dem Original zuwenden, das 1844 in dem Buch „Hundert neue Mährchen im (Riesen-) Gebirge gesammelt von Friedmund von Arnim“ veröffentlicht wurde. Das Original hat noch einen zweiten Teil, der wesentlich zum Verständnis beiträgt. Darüber hinaus ist es noch viel kerniger geschrieben und gleicht dem Stil der alten Zen-Meister, die ihre Worte wie Donnerschläge benutzten, nach dem Motto: „In der Kürze liegt die Würze!“ Keine einfache Herausforderung, aber nur Mut, wir wollen es versuchen...

Vom Schloß der goldenen Sonne

Es war eine Mutter, die hatte drei Söhne. Den ersten hatte sie zu einem Adlerkönig verwünscht, der alle Tage 22 Stunden Adler und 2 Stunden Mensch sein mußte. Den zweiten hatte sie zu einem Fischkönig verwünscht, wieder 22 Stunden Fisch, 2 Stunden Mensch. Der dritte war davon gegangen, um von seiner Mutter nicht verwünscht zu werden, und hatte erzählen gehört vom Schloß der goldenen Sonne, daß es dort eine Prinzessin gäbe, die erlöst werden könnte; daß schon 23 ihren Tod dort gefunden, und daß für den 24sten noch ein Feld offen wäre.

Dieses Märchen beginnt wieder mit den drei Brüdern, die als männliche Wesen an den Geist der Tiere von Luft, Wasser und Erde erinnern. So liegt es nahe, was die Gebrüder Grimm später ergänzten, daß der dritte und jüngste Bruder in einen Bären als König der Erdentiere verwünscht werden sollte. Erstaunlich ist, daß man hier bereits in allen Tieren auch die enge Verwandtschaft mit dem Menschen erkannte, so daß sie ihre tierische Gestalt und ihr tierisches Wesen nur äußerlich für eine bestimmte Zeit aufgrund eines Zaubers oder einer Illusion der großen Mutter Natur annahmen. Das ist natürlich eine äußerst umfassende Sicht auf das menschliche Wesen, die nicht nur die drei Brüder miteinander vereint, sondern auch den Mensch mit allen Tieren, auch wenn er sich gern als etwas Besonderes dünkt. Und das Märchen meint: Er könnte sogar etwas Besonderes sein, wenn er sich nicht von der Natur zum König der Erdentiere verwünschen läßt, sondern einen besonderen Weg geht, wie er hier im Märchen skizziert wird, um die Seele von der Illusion zu erlösen.

So finden wir gleich zu Beginn zwei grundlegende geistige Prinzipien. Das erste vereint alle Wesen miteinander, wofür die Blutsverwandtschaft der Brüder steht, die von einer gemeinsamen Mutter geboren wurden. Man könnte es eine universale Intelligenz nennen, die alle Geschöpfe miteinander verbindet. Wer sich dessen bewußt war und sein Bewußtsein entsprechend erweiterte, konnte mit Tieren und Pflanzen sprechen und sogar mit Flüssen und Steinen. Das zweite Prinzip trennt die Lebewesen voneinander, wie auch die Brüder getrennt werden. Hier finden wir das Ichbewußtsein, das sich bis zum Ego verhärten kann und sich vor allem in den tierischen Trieben von Begierde und Haß verkörpert. Damit erkennen wir uns als getrennte Individuen. Wie geschieht das? Das Märchen spricht von „verwünschen“. Nun, vielleicht wünschen wir uns einfach das Falsche, so daß uns die unersättlichen Wünsche zu despotischen Königen auf der Erde machen, die ihre tierischen Triebe nicht zügeln können, ja, nicht einmal wollen. Das hat natürlich viel mit Illusion zu tun, und so spricht hier die obige Grimm-Version des Märchens von einer Zauberin. Und sicherlich, es gibt wohl nichts, was uns mehr verzaubern kann, als die Natur, aber „verwünschen“ tun wir uns nur selbst, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Dazu gibt es noch zwei mystische Zahlenspiele, worunter man zuerst die beiden Stunden der Dämmerungen zwischen Tag und Nacht verstehen könnte. Die Dämmerungen waren früher oft mystische Zeiten, wo sich sozusagen die Gegensätze treffen, und der Geist lebendig werden kann. Entsprechend nutzte man sie für Rituale und Gebete. Man kann auch an die berühmte „Geisterstunde“ um Mitternacht denken. Dieser scheinbar kleine Raum zwischen den Gegensätzen, wo sich der Geist besonders entfaltet, wird uns in diesem Märchen noch öfters begegnen.

Mit den 24 Feldern der Seele könnte ein Entwicklungszyklus ähnliche eines 24-Stunden-Tages gemeint sein, auf dem die bisherigen 23 Stufen von Geburt und Tod gezeichnet waren, aber nun die Zeit für Höheres reif ist. Solche Zyklen waren in den alten Kulturen normal, denn man konnte sie überall in der Natur finden: im Lauf der Sonne, des Mondes, der Sterne und der Jahreszeiten sowie in Geburt und Tod, Blühen und Verblühen oder auch Glück und Leid. Alles lief in Zyklen ab, auch die geistige Entwicklung. Und das in diesem Kreislauf immer auch ein Feld offen ist, das versinnbildlicht bereits der berühmte Zen-Kreis, sozusagen die Gallionsfigur des Zen-Buddhismus:

Und natürlich, alle vorhergehenden Stufen treffen irgendwie auf den Tod, solange man in diesem „Hamsterrad“ der äußeren Welt gefangen bleibt und die eigene Seele in Vergänglichem sucht. So geht es auf dem geistigen Weg zur Erlösung vor allem darum, die weltliche Bindung an Verlust und Tod zu überwinden.

Er reiste also darauf zu und kam in einen großen Wald, verlief sich darin und wie er sich so umsah, sah er zwei Riesen stehen, die winkten ihm. Wie er darauf zukam, hatten die beiden ein Hütchen, darum stritten sie sich. Da meinten die Riesen zu ihm, sie wären jeder gleich stark, und könnten sich nicht einigen, wer das Hütchen bekommen sollte, er möchte das doch entscheiden. Er läßt sich also das Hütchen geben, und sagt ihnen: Er würde damit ein Ende fortgehen; dann sollten sie zu ihm gelaufen kommen: wer zuerst käme, der sollte es bekommen. Sie hatten ihm aber gesagt, daß es ein Wunschhütchen wäre; wenn man es aufsetzte, könnte man sich hinwünschen, wohin man wollte. Wie er nun immer weiter fortgelaufen war, ohne den Riesen zu rufen, so setzte er mit einem Male das Hütchen auf und wünschte sich auf das Schloß der goldenen Sonne.

Der große Wald ist ein verbreitetes Symbol für unsere Welt der Namen und Formen, in dem wir uns gewöhnlich verlaufen. Hier treffen wir sozusagen auf die großen Gegensätze der Natur, die man sich als Riesen vorstellen kann, die gegeneinander kämpfen, wie Tag und Nacht, Feuer und Wasser, Leben und Tod, Verstand und Gefühl oder Glück und Leid. Wie die Pole einer Batterie sind sie gleich stark und stützen die Ordnung der Welt in engen Grenzen. Gewöhnlich haften wir an diesen Gegensätzen mit Begierde und Haß. Und man sagt, zwischen diesen Gegensätzen gibt es einen kleinen Raum, wo der Geist lebendig werden und seine Wünsche erfüllen kann. Denken wir an den gigantischen Gegensatz unserer extrem heißen Sonne und der extremen Kälte des Weltraums. Dazwischen gibt es eine winzig kleine Zone, wo unsere Art des Lebens möglich ist. Und der tolerierte Bereich unserer Körpertemperatur ist noch viel kleiner. Entsprechend gibt es auf der Erde auch viele sensible Gleichgewichte, die nötig sind, damit wir in relativ engen natürlichen Grenzen leben können. Dieser natürliche Raum unserer menschlichen Existenz erscheint im Vergleich zu den gigantischen Extremen und Weiten des Weltalls winzig klein und eng. Schon unsere Erde ist hier nur ein unscheinbares Staubkörnchen, auf dessen Oberfläche wir leben.

Doch so, wie wir zur Zeit leben, wird dieser Lebensraum, den man auch Wohlfühlbereich oder Komfortzone nennen könnte, immer enger und das natürliche Gleichgewicht immer anfälliger. Wir schließen uns zunehmend in enge künstliche Hüllen ein, um uns gegen eine Natur zu wehren, die immer feindlicher erscheint, weil wir sie durch unsere materialistisch-egoistische Sichtweise dazu machen. Viele Menschen leben praktisch schon wie Topfpflanzen in einem künstlichen Umfeld mit einem wissenschaftlich ausgearbeiteten Plan zum Wässern, Düngen, Beschneiden, Ernten und schließlich Entsorgen. Dafür soll uns eine wirtschaftlich orientierte Wissenschaft zusammen mit einem wirtschaftlich orientierten Gesundheitssystem helfen, die gerade jetzt immer mehr zu einer blinden Diktatur werden, denn Geld macht blind. Damit trennen wir uns immer weiter von einem vernünftig-natürlichen Leben, können bald nur noch künstlich gepflegt als „Zimmerpflanzen“ oder auch „Blumentöpfe“ in sterilen Räumen existieren, um uns vor einer feindlichen Natur zu schützen, die wir durch unser eigenes Denken und Handeln zu einem bedrohlichen Feind gemacht haben. Mögen wir langsam wieder beginnen, unser enges Bewußtsein zu erweitern und über den Rand des materiellen Topfes hinausschauen.

Vielleicht ist das die Bedeutung des Wunschhütchens, das man zwischen den Riesen findet und durch seine Symbolik bereits eine enge Verbindung zu unserem Kopf mit dem Denken hat. Wofür wir heute tote Maschinen wie Autos, Flugzeuge oder Raketen benötigen, das konnten die Menschen früher allein mit ihrem Geist bzw. Bewußtsein verwirklichen. Und je weiter man diese großen Gegensätze der Natur versöhnt und sich geistig daraus erheben kann, um so weiter kommt man zum „Schloß der goldenen Sonne“. Dieser Weg jenseits der Gegensätze erinnert uns auch an den „Mittleren Weg“, von dem im Buddhismus viel gesprochen wird:

Die höchste Wahrheit ist nicht schwierig,
Allein, sie läßt keine Wahl zwischen zweierlei...
Bleibe nicht bei gegensätzlichen Gedanken.
Sie zu suchen, davor hüte dich...
Mit einem Male wirf beiseite die Teile und die Gegenteile,
Jeden Vorteil und jeden Nachteil...
Wer vom Gegensätzlichen nur einen Hauch behält,
Dessen Geist bleibt verworren...
(Das Sutra des Seng-Tsan)

Und dieser Weg jenseits der Gegensätze kann zum „Schloß der goldenen Sonne“ führen, eine wunderbare Symbolik, über die man lange nachdenken kann. Das Gold kennen wir bereits als Symbol der Wahrheit, die strahlende Sonne als reine Energie oder reinen Geist, der alles vereint, und ein Schloß ist etwas, wozu man einen Schlüssel braucht, um hineinzukommen. Und wer wohnt in diesem Schloß? Man sagt, dort lebt die reine Seele, das Höchste, was wir in der Welt finden können und wonach im Grunde alle Wesen suchen, die Essenz unseres Lebens.

Als er dort hinkam, schaute er die Prinzessin, die sah aber sehr schlecht aus. Er sagte ihr: »Wenn ich gewußt hätte, daß Ihr so fürchterlich aussähet, so wäre ich gar nicht hergekommen.« Sie holte aber einen Spiegel, da sollte er hineinsehen, daß er wüßte, wie schön sie sein würde, wenn sie erlöst wäre.

Diese Erfahrung ist nicht außergewöhnlich. Oft begegnet uns das Häßliche durch die Vergänglichkeit der Natur in Form von Verlust, Alter, Krankheit und Tod. Denken wir nur an einen verblühten Blumenstrauß, den wir auf den Müll werfen, weil er nicht mehr schön aussieht. Könnten wir es schaffen, die Schönheit auch in der verwelkten Blüte zu sehen, in der Frucht und im Samen, dann hätten wir eine viel tiefere Weltsicht. Wir würden weniger den vergänglichen Dingen nachjagen, die Vergänglichkeit würde an Macht verlieren und vielleicht sogar der Tod.

Ein Mönch fragte: „Was ist, wenn der Baum verdorrt und die Blätter fallen?“
Der Meister sprach: „Vollkommene Manifestation des goldenen Windes.“
(Yün-men (864-949), Zen-Meister)

Doch auch geistig erblicken viele Menschen, die irgendwann in ihr Inneres schauen, viel Häßliches. Früher sprach man von einer dunklen Seele, die von Sünde verunreinigt wurde. Das sind die Müllberge, die wir nicht nur äußerlich in der Natur, sondern auch innerlich ansammeln und nie recyceln. Das ist vermutlich auch der Grund, warum wir lieber den Blick auf schöne äußere Dinge richten. Dieses Schreckliche im Innern will sich niemand gern anschauen. Vor allem heutzutage sehen wir keinen Sinn darin, hier sauberzumachen. Denn wir wissen nichts mehr von der eigentlichen Schönheit der Seele, wir erahnen sie nicht einmal und bestreiten sogar, daß es überhaupt eine Seele gibt. Warum sollten wir also in unserem Inneren saubermachen? Es reicht doch, wenn es uns äußerlich gut geht. Unsere Kataloge sind voll schöner Bilder von Dingen, die wir begehren und kaufen sollen. Die moderne Kunst steuert dagegen und liebt das Schreckliche. Das ist sicherlich kein Zufall, denn darin spiegelt sich bereits unser Inneres wieder. Wer zeigt uns also noch die Schönheit der Seele in reiner Harmonie? Wo sind die Maler mit dem Zauberspiegel? Man sagt: Nur ein Blick auf die reine Seele, und wir sind für immer verliebt. Und das ist eine ganze andere Liebe, als wir gewöhnlich kennen. Und dann geht man auch ganz andere Wege, als wir gewöhnlich gehen:

So sagte er, als er hineingesehen: »Das ist gut! Was ist denn meine Arbeit?« »Da unten am Quell steht ein Ochse«, sagte die Prinzessin: den müßte er erst totschlagen. Wenn der Ochse tot wär, sollte er achtgeben. Es würde ein feuriger Vogel fortfliegen, der trüge ein glühendes Ei bei sich; wenn der Vogel sehr bedrängt würde, so ließe er es fallen und wo es hinfiele, da würde alles verbrannt, bis das Ei geschmolzen und nicht mehr zu finden wäre. In dem Ei stecke aber eine Kugel, wenn er die erhalten könnte, so würde dadurch der Geist befriedigt, der sie jetzt gefesselt halte. Sie würde erlöst und er König vom Schloß der goldenen Sonne.

Wow, geniale Symbolik! Wir wollen uns daran versuchen. Zuerst wird von einer Quelle gesprochen. Das muß schon etwas Großes sein, und so würden wir hier die Quelle des Lebens vermuten, den Ursprung, wo unsere Person entsteht. Schon diese Suche kann ein weiter Weg sein, denn gewöhnlich suchen wir die Lösung unserer Probleme irgendwo außerhalb. Um so erstaunlicher, daß wir hier im Inneren an der Quelle einen Ochsen finden. Den Ochsen kennen wir bereits als Symbol aus dem Märchen „Doktor Allwissend“ für den Ich-Willen, der den Wagen des Lebens zieht, auf dem wir unsere Lebensgeschichte aufladen. Dazu gehören auch die oben erwähnten Müllberge, für die man oft das Symbol des Brennholzes benutzt. Doch in diesem Märchen steht hier nur ein einzelner Ochse, sozusagen „All in One“, der getötet werden sollte.

Was meinen wir gewöhnlich, wenn wir sagen „Du bist so störrisch wie ein Ochse!“? Vermutlich geht es genau um diesen störrischen Eigensinn, den wir auch „Ego“ nennen, sozusagen das wilde und gierige Tier in uns. Zumindest ist dieses Ego eine wichtige Grundlage unserer Person, und früher wußte man: Wer dieses Ego besiegt, kann die Seele befreien.

Meine Sünden und Mängel verschwinden mit meinem Ich.
(Ikkyu (1394-1481), Zen-Meister)

Der Kampf gegen das Ego ist allerdings ein kompliziertes Thema. Die große Frage ist, wer kämpft hier gegen wen? Und mit welchen Waffen? Solange Ich mit dem Ego kämpfe, kämpft das Ego mit sich selbst und gleicht einem Sportler auf dem Weg zum „Iron Man“, der durch Training und Wettkampf nur immer stärker wird. Man braucht also irgendeine andere Kraft jenseits vom „Ich“. Und hier kommt gewöhnlich die Vernunft ins Spiel, die man bereits auf der Suche nach der Quelle benötigt und entwickelt. Mit Vernunft könnte man das Ego besiegen. Das klingt zunächst einfach, aber das Ego ist nicht wie eine Laus, die man sich vom Kopf kratzt, sondern ein gewaltiger Berg an Energie, den wir im Leben persönlich angesammelt haben, sozusagen die oben genannte Wagenladung an Brennholz: alle Sünden und Verdienste, was man in Indien den Karma-Berg nennt. Für diese gewaltige, unberechenbare und explosive Energie steht das treffliche Symbol des wilden Stiers oder in gezähmterer Form als Ochse. Und diese Energie geht nicht einfach so verloren, wie wir aus der Physik vom berühmten Energieerhaltungssatz wissen.

Was nun? Eine gängige Vorstellung ist, dieses Karma wie einen Berg aus Holz zu verbrennen. Können Sie sich das vorstellen? Dann erhebt sich mit dem sterbenden Ochsen ein riesiges Feuer wie ein Vogel zum Himmel. Und dieses Feuer trägt mit dem Karma auch den Samen des Lebens mit sich davon. Selbst wenn dieser Samen wieder auf fruchtbare Erde fallen würde, wird er nicht mehr keimen, sondern völlig verbrennen. Es gibt also auch keine Wiedergeburt mehr, wie man sich früher die Fortsetzung des eigenen Lebens vorstellte. Das wäre das Ende des Prinzen, eine Art Selbstmord und eigentlich keine Erlösung, denn es gibt noch ein Problem: Die Prinzessin im Schloß der goldenen Sonne bleibt unerlöst. - Sehr interessant, denn so stellt sich gewöhnlich das Ego seine Erlösung vor: „Ich bin erlöst! Was geht mich die Welt noch an?“ Das ist natürlich eine sehr engstirnige Vorstellung von der Erlösung bzw. großen Befreiung von den weltlichen Zwängen, zumindest nicht im Sinne unserer Prinzessin.

Dagegen stellt unser Märchen die wirklich große Frage: Wie kann man das Karma verbrennen und gleichzeitig das fruchtbare und kreative Leben bewahren, sozusagen das Gelbe vom Ei, um damit die Seele im Schloß der goldenen Sonne zu befreien?

Und was heißt „den Geist befriedigen, der die Seele jetzt fesselt“? Hier geht es offenbar nicht um irgendwelche materiellen oder technologischen Errungenschaften, sondern um eine geistige Erkenntnis, die zum Frieden führt. Und diesen Weg beschreibt unser Märchen in genialer Kürze. Doch mit der Symbolik haben wir es heute schwer, denn das Wesen eines störrischen Ochsens oder eines lebendigen Feuers ist keine selbstverständliche Alltagserfahrung mehr, die uns in Fleisch und Blut übergangen ist. Autos, Traktoren, Elektroherde und Fernheizung haben ein anderes Wesen. Vor allem die tiefe Bedeutung eines lodernden Feuers können wir heute kaum noch nachvollziehen. Denn Dinge, die im Feuer verbrennen, wandeln ihr Wesen. Heute sprechen wir von toter Energie, doch früher dachte man auch an geistig-lebendig Kräfte. Entsprechend hatte auch das Opferfeuer eine wichtige Bedeutung, wodurch sich das Wesen von der festen und schweren Erde in die geistigen Bereiche des weiten und leichten Himmels erheben konnte. Darum wurden die Toten verbrannt, damit sich ihr Geist bzw. ihre Seele erheben konnte und die körperlichen Reste als Asche wieder in die Elemente der Erde und des Wassers zurückkehren. Das Feuer war ein wichtiges Element der Reinigung. Und wie man äußerlich verschiedene Früchte im Feuer opferte, so konnte man auch innerlich das Karma (die angesammelten Früchte der Taten) verbrennen. Dieser Prozeß war wohl in allen Kulturen bekannt, nur heute kümmern wir uns kaum noch darum.

Hier geht es also nicht um einen schießwütigen Prinzen, der sportlich auf die Jagd geht, um irgendein wildes Tier zu töten, sondern um das größte Opfer, daß man als Mensch darbringen kann, nämlich das eigene Ego mit allem persönlichen Besitz. Und im Prinzip ist das auch fair: Denn nur wer alles gibt, kann auch alles erreichen:

Er tat so, wie ihm die Prinzessin geheißen, und erschlug den Ochsen. Als aber der feurige Vogel fortfliegen wollte, kam sein Bruder, der Adler und stieß mit seinem Schnabel auf den Vogel, so daß der Vogel das Ei fallenließ. Das fiel gerade in eine Fischerhütte nah an einem Wasser, denn der Adler hatte den Vogel gerade dem Wasser zugedrängt. Die Hütte wollte schon anfangen zu brennen, und es roch schon sehr danach, aber der Bruder Walfisch kam zu Hilfe und spie eine Woge nach der andern darüber aus, so daß das Ei abgekühlt wurde und nicht mehr brennen konnte. Von der schnellen Abkühlung war aber die dicke Schale ganz bröcklich geworden, so daß er die Kugel leicht herausnehmen konnte. Er brachte sie dem Geist; die Prinzessin war erlöst, und er war nun König vom Schloß der goldenen Sonne.

Nun geht es um die Frage, wie man in diesem Prozeß des Verbrennens das fruchtbare und kreative Leben bewahren kann. Hier kommen wie von selbst die beiden Brüder ins Spiel. Und das ist eine sehr wichtige Botschaft dieses Märchens auf dem geistigen Weg: Man darf nie die Verbindung mit dem Ganzen verlieren. Nur so kann man verhindern, daß das Feuer der Reinigung alles verbrennt und der geistige Weg zur Befreiung im Nichts endet. Oder wie der Volksmund sagt, daß man das Kind mit dem Bade ausschüttet.

Ähnlich wird auch im Samyutta Nikaya von Buddha berichtet, daß im gleichen Moment, als er die Erleuchtung und Erlösung erreichte und sich aus der Welt vollkommen zurückziehen wollte, Gott Brahma vor ihm erschien, sich verneigte und bat, daß er weiterhin in der Welt wirken und die heilige Lehre zum Wohle der Welt und aller Wesen verbreiten solle. Entsprechend widmet man im Buddhismus auch alles Verdienstvolle mit Gebeten wie: „Möge ich durch dieses Heilsame schnell den Buddha-Zustand verwirklichen; und möge ich dann alle Lebewesen auf diese Ebene führen.“ (Die Sieben Zweige)

Diese Verbindung mit allem wird hier im Spiel der Elemente auf geniale Weise verdeutlicht, indem das Feuer der Vernichtung von oben durch das Windelement begrenzt wird und von unten durch das Wasserelement, um die Fischerhütte auf der Erde zu bewahren, die vermutlich unsere Körperlichkeit symbolisiert. Aus Sicht der geistigen Prinzipien kommen uns hier Adler und Walfisch zur Hilfe. Der Adler steht dann für die universale Intelligenz mit der reinen Vernunft, die das verbrennende Ichbewußtsein nach oben begrenzt, und der Walfisch für das Gefühl mit dem reinen Mitgefühl der wahren Liebe, womit das Feuer von unten gelöscht wird. Damit könnte das wilde Tier in uns, sozusagen das Ego mit allem Karma, verbrennen und gleichzeitig das Leben zwischen reiner Vernunft und wahrer Liebe in Form eines höheren Ich-Seins erhalten werden. Während das gewöhnliche „Ich“ ein trennendes Prinzip ist, das eng mit den gegensätzlichen Gedanken zusammenhängt, ist das höhere „Ich“ ein vereinendes Prinzip, das einer universalen Intelligenz, Vernunft oder Weisheit entspricht und sich als ein Ganzes erkennt. Dieses höhere „Ich“ meinte wohl auch Jesus, als er sprach: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Im Buddhismus würde man bezüglich Adler und Walfisch von Weisheit und Mitgefühl sprechen, die man auf dem geistigen Weg zur Erlösung entwickeln und nie verlieren sollte. Nur so kann man verhindern, nicht in die Extreme von Nihilismus oder Eternalismus zu verfallen, also in absolutes Nichtsein oder absolutes Sein. Das ist der berühmte „Mittlere Weg“, auf dem das fruchtbare und kreative Leben bewahrt wird, und das Ei als Symbol für unsere Fruchtbarkeit nicht verbrennt. Im Gegenteil, die harte Schale der Materie zerbricht und gibt den Blick in das innere Wesen frei. Und das ist, wie das Märchen meint, sehr wichtig, denn hier ist der Kern des Lebens verborgen, sozusagen das Gelbe vom Ei, die Essenz des Lebens, unsere innere goldene Sonne, die uns erleuchtet. Wenn man diese Erkenntnis bzw. Erleuchtung dem Geist darbringt, nicht nur theoretisch, sondern lebendig, kann der gereinigte Geist auch die Seele von der häßlichen Vergänglichkeit erlösen. Damit werden wir zum König vom Schloß der goldenen Sonne, und das ist die mystische Hochzeit von Seele, Geist und Natur, ihre Einheit und die große Erlösung und Befreiung.

Dabei geht es natürlich um eine ganz andere Art von Freiheit, als wir uns gewöhnlich vorstellen, wenn wir beispielsweise von Emanzipation sprechen, wo sich der Ehemann von seiner Frau oder die Ehefrau von ihrem Mann trennt und die Familien zerbrechen, weil das Ego grenzenlose Freiheit begehrt. Aber das ist keine Freiheit, sondern leidenschaftliche Zügellosigkeit. Hier siegt das Ego über die Vernunft, und nicht die Vernunft über das Ego.

Diesen störrischen und höchst kraftvollen Ochsen, Stier, Bullen oder Büffel zu zähmen, war schon immer eine große Herausforderung. Denken wir nur an die Ochsenbilder des Zen-Buddhismus, über die wir am Ende noch kurz sprechen wollen, oder den Himmelsstier im Gilgamesch-Epos. Auch die berühmt-berüchtigten Stierkämpfe in Spanien sind ein äußerer Ausdruck dafür. In der indischen Mystik dient der Stier sogar den Göttern als Reittier, wie der weiße Stier von Shiva, dem Gott der Auflösung, oder der schwarze Stier von Yama, dem Totengott. Entsprechend spielt der Ochse auch in alten Fabeln, wie im Panchatantra, eine zentrale Rolle. Sogar der Sanskrit-Begriff Yoga, der heute in aller Munde ist, bedeutet soviel wie „anjochen“ und weist auf den störrischen Ochsen hin, der auf diesem Weg zu zähmen ist.

Wie lang oder schwer ist dieser Weg? Manche sprechen vom glückseligen Sieg innerhalb einer Stunde, manche von tausenden Leben und schrecklichen Höllen, die dazu nötig sind. Das kommt sicherlich ganz darauf an, wie weit man bereits gegangen ist, und erfahrungsgemäß fühlt es sich nicht gut an, wenn das Ego angegriffen oder sogar verletzt wird. Wichtig ist, daß man Schritt für Schritt einigermaßen in die richtige Richtung geht. Allzuviel Ungeduld oder Begierde sind hier unangebracht.

Die kleine Schnecke,
ganz langsam steigt sie hinauf
auf den großen Berg Fujiyama.
(Kobayashi Issa, 1763 - 1828)

Denn solange das leidenschaftliche Ego versucht, den Stier zu zähmen oder sogar zu besiegen, wird sich der Stier vielleicht krümmen, aber vermutlich nur vor Lachen. Deshalb geht dieses Märchen hier noch weiter und erklärt für den Weg, der bisher so genial und einfach skizziert wurde, mit ähnlich mystischer und kurzgefaßter Symbolik noch einige grundsätzlichen Probleme und Hinweise.

Er hatte ihr aber versprechen müssen, sie nicht fortzuholen in andere Gesellschaft. Einmal rühmte er sich nun doch, als er allein in eine Gesellschaft sich gewünscht hatte, und sagte: daß er die Königin vom Schloß der goldenen Sonne hätte. Man wollte es nicht glauben. Um es zu beweisen, versprach er in einer halben Stunde mit ihr da zu sein und führte es auch aus. Doch kränkte das die Prinzessin, daß er so in einem Augenblick wider sein Versprechen gehandelt. Als sie daher im Garten laufen mußte und er einschlief, war sie mit dem Wunschhütchen fort. Als er erwachte, standen ein Paar eiserne Schuh da mit den Worten: »So wenig als du die eisernen Schuh wirst zerlaufen, so wenig wirst du König vom Schloß der goldenen Sonne heißen.«

Damit wird sogleich das größte Problem der mystischen Wahrheitserkenntnis angesprochen. Warum hat noch niemand diese höchste Erkenntnis über den Kern des Lebens klar und deutlich aufgeschrieben oder gleich in Stein gemeißelt? Weder Jesus noch Buddha haben dies getan. Ihre Lehre wurde erst viele Jahre oder Generationen später kristallisiert und aufgeschrieben. Sie selbst haben nur nach dem jeweiligen Verständnis der Zuhörer davon gesprochen und den Weg gewiesen. Buddha hat immer wieder betont, daß man die Seele nicht wie ein Objekt ergreifen kann, denn sie existiert und existiert auch nicht.

Dies ist das große Mysterium.
Du existierst und existierst doch nicht.
(Shen-Ts'ing, Zen-Meister)

Auch Jesus sagte: „Wer seine Seele festhalten will, der wird sie verlieren...“ So wußte man schon lange, daß man diese Wahrheit, das Gelbe im Ei und die Essenz von allem, nicht mit Worten und Gedanken be- und ergreifen kann:

Wenn ein Unwissender versteht, wird er ein Heiliger.
Aber wenn ein Heiliger versteht, wird er ein Unwissender.
(Mumon Ekai (1183-1260), Zen-Meister)

Ähnlich fällt auch unser Prinz wieder in die Welt zurück und wünscht, vor anderen etwas darzustellen. Damit erwacht natürlich wieder das Ego, und zack, vorbei ist es mit dem Königsein im Schloß der goldenen Sonne. Er schläft ein und sinkt sozusagen in den Traumzustand der weltlichen Illusion zurück. Damit fällt er wieder in die Welt der Gegensätze und verliert durch Unwissenheit auch seine geistige Kraft, sich alle Wünsche zu erfüllen.

Wie kann das geschehen, wenn er doch das Ego in Gestalt des Ochsen schon getötet hatte? Diesbezüglich wird oft darüber diskutiert, ob man hier vom Töten oder Zähmen des Ochsen sprechen sollte. Auch im Christentum gab es dieses Thema, nur sprach man hier von einem Drachen. Der Heilige Georg hat diesen Drachen zum Beispiel getötet, und die Heilige Martha hat ihn gezähmt. Beide Symbole meinen sicherlich das Gleiche. Doch sind beide Vorstellungen auch tückisch. Beim Töten könnte man an etwas denken, was außerhalb von uns ist und durch einen Gewaltakt einfach verschwindet. Beim Zähmen könnte man an ein innerliches Unterdrücken denken, einen ewigen Kampf, den man zwar mit ganzer Liebe führen, aber niemals ganz gewinnen kann. Dieses Problem kennen wir auch von der Kindererziehung: Soll man dem kleinen störrischen Ego mit konsequenter Gewalt oder mit unermüdlichen Engelszungen begegnen? Auch hier liegt wohl die Wahrheit wieder irgendwo in der Mitte und ist mit Worten nur schwer greifbar, der berühmte „Mittlere Weg“.

„Mu“ ist die dritte Möglichkeit jenseits von „ja“ und „nein“. Es besagt, daß ein Dafür oder Dagegen die Frage nicht beantworten kann. Solche Antworten erfassen die Wahrheit nicht. (Shan-Ts'ing, Zen-Meister)

Auf jeden Fall erwacht unser Prinz wieder in der gewöhnlichen Welt der Gegensätze, schwer bestraft mit den eisernen Schuhen. Angeblich gibt es im “Museum of medieval Torture Instruments” in Prag einen eisernen Schuh, zu dem es heißt:
Er war geformt wie ein normaler Schuh und hatte an seiner Spitze ein Glöckchen. Er umschloß den Fuß des zu Bestrafenden und konnte diesen mit Hilfe von Schraubgewinden quetschen. Der zu bestrafende Verurteilte mußte mit diesen Schuhen durch den ganzen Ort laufen und mit den Glöckchen die Bevölkerung auf sich aufmerksam machen. Jeder, der ihn laufen sah und hörte, wußte sofort, daß hier eine öffentliche Bestrafung durchgeführt wurde. Damit hatte der eiserne Schuh auch noch einen finanziellen Vorteil für die Gerichtsbarkeit. Nach dem Anlegen der Schuhe bestrafte sich der Delinquent praktisch selbst. Er litt durch seinen Lauf körperliche Qualen und stand durch seine Glöckchen öffentlich am Pranger.

Darüber hinaus erinnert diese Symbolik auch daran, daß er nun wieder an die Erde gebunden ist, durch den dunklen Wald irrt und sich nicht mehr zum Schloß der goldenen Sonne erheben kann. Doch die Erinnerung, die im Grunde in uns allen schlummert, ist noch wach, und so beginnt die große Suche erneut:

Er lief mit den Schuhen überall durch Wald und Tal. Niemand konnte ihm Auskunft geben, bis endlich, da kam er an ein Spitzbubenhaus; da sollte er kein Quartier kriegen. Es war ein altes Weib da, und die meinte: Es wäre eine Räuberbande da, und die würden ihn um den Hals bringen; er müßte denn geradezu in die Feueresse kriechen. Sie wollte ein Feuer anmachen, daß sie es nicht röchen. Nun kommen meine Räuber heim. Wie sie kamen, sagten sie: »Es röche nach Menschen.« Da sagte das Weibchen, es wären welche dagewesen, sie wären aber wieder fort. Die Räuber gingen danach zu suchen, sie fanden ihn aber nicht. Er blieb aber in der Esse. Nachher kamen sie wieder und sprachen mit einander. Da sagte der eine: »Ich hab einen Stiefel, wenn ich den anziehe und sag „Stiefel lauf!“, so bin ich imstande und mache alle Schritte eine Meile.« »Und ich habe einen Mantel,« sagte der andere, »wenn ich den anziehe, so sieht mich niemand.« Der dritte sprach: »Ich habe einen Sattel und wenn ich sag „Flieg!“, so geht er noch schneller als der Wind.« Darauf gingen sie schlafen. Da machte er sich runter, zog den Stiefel an, hing den Mantel um, setzte sich auf den Sattel und flog davon.

Diese Geschichte erinnert uns zunächst an das Märchen vom „Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Zumindest gibt es auch hier ein altes Weib, das dem Prinzen hilft, wie uns auch Mutter Natur auf allen Wegen unterstützt. Und auch hier gibt es drei wertvolle und mystische Hilfsmittel zu gewinnen, die allerdings mit großer Gefahr verbunden sind. Ähnliches finden wir auch im Märchen von den „Sechs Dienern“. Hier haben wir bereits von den Siddhis gesprochen, den übernatürlichen Fähigkeiten, die man auf dem Yoga-Weg erreichen bzw. im Inneren finden kann. Doch was haben diese Dinge mit den Spitzbuben oder Räubern zu tun? Sehr viel, denn sie sind auch sehr gefährlich. Das wird hier wieder mit genialer Symbolik zum Ausdruck gebracht. Sobald man diese außergewöhnlichen Mittel für körperliche oder sinnliche Ziele verwendet, sobald wir also nach Menschenfleisch riechen, rauben sie uns das Leben.

Diese „übernatürlichen Fähigkeiten“ kann man durch meditative Konzentration, bestimmte Körperübungen oder auch durch Drogen erreichen. Sicherlich wußten die alten Yogis, Mönche oder Schamamen um die Wirkung verschiedenster Drogen und konnten diese auch entsprechend verwenden. So versuchte man auch in der berühmten „Flower-Power“ Zeit der 60er Jahre den Weg zum großen Glück mit Drogen abzukürzen, was offensichtlich nicht glücklich endete. Warum? Nun, das liegt wahrscheinlich an unserem modernen materialistisch-egozentrischen Weltbild, mit dem wir gar nicht fähig sind, solche Drogen verantwortungsvoll und heilsam zu benutzen. Doch dazu später mehr...

Zu diesem Thema gibt es auch im uralten indischen [Markandeya Purana Kapitel 61] eine interessante Geschichte über die Anwendung einer sogenannten Hexensalbe oder Flugsalbe, also eine Droge, die über die Haut aufgenommen wurde. Auch dort wird deutlich, was wir in allen indischen Überlieferungen finden konnten, daß solche „übernatürlichen Fähigkeiten“ unter bestimmten Umständen hilfreich sein können, aber nicht das eigentliche Ziel auf dem geistigen Weg sind. Im Gegenteil, wie im [Markandeya Purana Kapitel 40] wird überall davor gewarnt: Sobald sich die Begierde damit verbindet, werden sie zum Hindernis und sehr gefährlich. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, wie sich auch der Prinz in der Feueresse verstecken muß und die Natur unter ihm ein Feuer entzündet. Wer hier noch viel materielle Körperlichkeit besitzt und daran anhaftet, hat schlechte Chancen. Darüber hinaus sind Drogen besonders problematisch, weil sie heutzutage leicht zu erlangen sind und keine geistige Übung voraussetzen. Mit jedem Versprechen, den geistigen Weg zum großen Glück abzukürzen, sollte man prinzipiell vorsichtig sein. Hier appelliert die Werbung an unsere Begierde, und das ist sicherlich nicht der Weg zum wahren Glück. Die Yoga-Wege der Meditation und Körperübung sind wesentlich zuverlässiger. Auch damit kann man die „übernatürlichen Fähigkeiten“ gewinnen. Aber klar, man muß mit viel Fleiß und Geduld üben, denn ohne Fleiß, kein Preis:

Nun gab er sich alle Mühe auf der Welt, flog hin zur Sonne, hin zum Mond und zu dem Stern und frug, ob sie nichts vom Schloß der goldenen Sonne wüßten. Es wußte Niemand etwas. Also ging er zum Wind, erst zum Mittagswind, zum Morgenwind, Abendwind, zum Mitternachtswind; es wußte Niemand was. Er ging zum großen Wirbelbind, aber auch der wußte nichts; der sagte jedoch: Er hätte noch einen kleinen Bruder, vielleicht wüßte der etwas. Wie er zu dem kam, meint dieser: Ja, er müßte Wäsche abtrocknen. Die Königin wäre Braut.

Das klingt zunächst sehr modern, denn gerade heute suchen wir gern unser Glück irgendwo auf dem Mond, fliegen zu den Sternen oder jagen in den vier Himmelsrichtungen umher. Denn der Mittagswind war früher der Südwind, der Morgenwind kam von Osten, der Abendwind von Westen und der Mitternachtswind von Norden. Der Wirbelwind entstand aus zwei entgegengesetzten Windrichtungen. Doch in diesem Märchen geht es vermutlich um eine Symbolik, die wir im Inneren finden und im Yoga wohlbekannt ist. Denn dort finden wir eine Sonnenseite und eine Mondseite mit subtilen Energiekanälen, die sich auf die Gehirn- und Körperhälften beziehen. Der Stern könnte das mystische dritte Auge zwischen den Augenbrauen bezeichnen, und die fünf inneren Körperwinde sowie die Energie-Wirbel der Chakren kennt der Yogi auch. Darüber hinaus spricht das Märchen von einem „kleinen Bruder des Wirbelwindes“, der sich um das Wäschetrocknen kümmert und das Schloß der goldenen Sonne kennt. Im Yoga spricht man hier von einer Schlangenkraft namens Kundalini, die eng mit den Energie-Wirbeln der Chakren verbunden ist, und die man durch Übung erwecken kann. Sie bewirkt einen Reinigungsprozeß und soll auch zu hellsichtigen Fähigkeiten und höheren Erkenntnissen führen. Mag sein, daß diese Deutungen wirklich weithergeholt sind und der Erzähler dieses Märchens nie einen Yoga-Kurs besucht hat. Doch wir sollten bedenken: Yoga ist keine theoretische Wissenschaft sondern eine praktische Erfahrung, die jeder machen kann, auch wenn er noch nie von Indien oder Yoga gehört hat...

Zumindest erfährt unser Held damit den Weg, und daß seine Frau mittlerweile mit einem anderen verlobt ist. Wow! Die Seele geht fremd! Erstaunlich! Er scheint es aber relativ gelassen zu nehmen. Das ist auch gut so, denn mit Neid und Eifersucht, wäre er sicherlich nie bis hierher gekommen. Doch nun ist es Zeit, die besonderen Fähigkeiten zu benutzen:

Wie er das gehört, setzt er sich auf den Sattel. Der Wind meint, er würde ihm wohl nicht folgen können. Er aber sagt: »Nun wir wollen sehen.« Er sagte also: »Hallo Sattel, vorwärts!« Da sprach der Wind: »O ha, nur nicht so geschwind!« So fuhren sie fort. - Wann er würde hinkommen, meinte der Wind, da würde die Königin zu Tafel sitzen. Finge sie an zu suppen, so sollte er unter seinem Mantel unsichtbar ihr die Suppe aus dem Löffel essen und so alle Speisen; dann würde sie betrübt werden und hinausgehen; draußen sollte er sich ihr entdecken und wenn sie fragte: was sie tun sollte, so müßte er sagen: »Daß sie einst einen Schlüssel verloren hat; jetzt hätte sie diesen alten Schlüssel wiedergefunden. Der alte wär ihr lieber als der neue.« Dann würde der neue König fortgehen. So geschah es auch. »Wenn der alte da wäre,« sagte der neue König: »dann wäre er nichts nütze« und ging. Und so war er wieder König und hatte sein Wunschhütchen auch wieder.

Nun, das ging schnell. Schauen wir uns die Symbolik etwas näher an: Der Sattel wird gern als Symbol verwendet, denn hier sitzt der Führer. Das ist bei uns für gewöhnlich das Ego, doch damit kommt man nicht zum Schloß der goldenen Sonne. Dafür braucht es einen höheren Führer, eine höhere Intelligenz, die man auch Vernunft nennen kann. Der Sattel ist nun das „gezähmte oder besiegte Ego“, auf dem wir nach Hause reiten. Dieser reine Geist in Form von reinem Bewußtsein ist natürlich immer schneller als der Wind und kann sich in ungeahnte Regionen erheben. Und die Symbolik, wie man die Seele vom fremden König befreit, ist natürlich wieder genial. Zum ersten muß man sich unsichtbar machen. Diese Fähigkeit erwarb auch der Drachentöter Siegfried in der Nibelungensage. Das bedeutet vermutlich vor allem, daß man seine materielle Körperlichkeit ablegen kann. Wie will man auch die Seele gewinnen, solange man sich mit dem äußerlichen Körper identifiziert? Danach gilt es, den Strom der Nahrung und damit die Illusion aufzulösen. Deswegen fasten die Yogis und üben in der Einsamkeit Askese, bis die Seele verzweifelt den Speiseraum verläßt. So treffen sich Bewußtsein und Seele sozusagen außerhalb der körperlichen Welt. Hier erkennen sie sich wieder, wie man auch von der Höchsten Erkenntnis spricht, dem Schlüssel zum Schloß der goldenen Sonne, den wir verloren bzw. vergessen und nun wiedergefunden haben. Es ist der uralte Schlüssel, der bereits im Gelben vom Ei gefunden wurde. Das heißt: Schlüssel und Schloß sind eins. Und nicht nur Schlüssel und Schloß, sondern auch König und Schlüssel. Wunderbar! Und der falsche König verschwindet wie von selbst. Wie kann etwas einfach so verschwinden? Es gibt eigentlich nur eins, was spurlos verschwinden kann, und das ist die Illusion. Und man fragt: War sie überhaupt da? So spricht man hier oft von einem Traum, aus dem wir erwachen können.

Die zehn Ochsenbilder

Zum Abschluß dieser Märchen-Interpretation möchten wir noch kurz die zehn Ochsenbilder des Zen-Buddhismus vorstellen, die wir oben erwähnt haben und einen ähnlichen Weg beschreiben, wie unsere beiden Märchen:

1. Den Ochsen suchen

Auf der Suche nach dem Ochsen
kämpfe ich mich durch Wälder,
folge dem Lauf namenloser Flüsse,
irre auf gewundenen Bergpfaden umher.
Erschöpft und schon verzweifelnd,
finde ich nichts als raschelndes Laub
und das Schrillen der Zikaden im Abendlicht.

2. Seine Spuren finden

Hufabdrücke - unter Bäumen am Flußufer,
zwischen duftenden Gräsern und auf einsamen Bergen.
Diese Spuren sind so allgegenwärtig wie der Himmel,
so wenig verborgen wie meine eigene Nase.

3. Den Ochsen sehen

Vogelzwitschern aus dem Geäst,
warme Sonne und kühler Wind,
grüne Wiesen am Ufer des Flusses.
Nirgends könnte sich der Ochse verbergen.
Wer vermöchte einen so gewaltigen Kopf und
diese alles durchdringenden Hörner zu malen?

4. Den Ochsen einfangen

Ich mühe mich wacker, den Ochsen einzufangen.
Ich kämpfe mit seinem störrischen Eigensinn
und seiner unerschöpflichen Kraft,
während er hoch hinauf in dunstverhangene Berge
oder tief hinab in unwegsame Schluchten entweichen will.

5. Den Ochsen zähmen

Mit Peitsche und Zügel,
die sein Abschweifen in die Wildnis verhindern,
wird der Ochse schließlich gut erzogen
und von natürlicher Fügsamkeit sein -
gehorsam ohne Zwang.

6. Auf dem Ochsen nach Hause reiten

Ich reite auf dem Ochsen ohne Hast heimwärts.
Die Melodie meines Liedes grüßt den Abend.
Ich bin der Rhythmus, die Harmonie.
Wer könnte sagen, ich sei keiner der Weisen?

7. Kein Ochse mehr

Heimgekehrt, der Ochse ist verschwunden.
Ich sitze allein im Frieden.
Glückselig erlöst, grüße ich die Abendsonne,
Peitsche und Zügel beiseite gelegt,
in meinem bescheidenem Heim.

8. Kein Irgendetwas

Peitsche und Zügel, Seele und Ochse,
nichts davon ist ein Ding.
Am klaren blauen Himmel ist nichts von Botschaft.
Kann eine Schneeflocke im lodernden Feuer bestehen?
Das ist der Ort der alten Meister.

9. Rückkehr zum Ursprung

Zur Wurzel zurückgekehrt, und das Ringen ist vorbei.
Von Anfang an war da niemand,
der irgendetwas hätte sehen oder hören können.
Außerhalb meiner wahren Heimat gibt es nichts.
Flüsse strömen still, und rote Blumen erblühen.

10. Rückkehr in die Welt

Barfuß und mit leeren Händen betrete ich den Marktplatz.
Meine Kleider mögen zerlumpt sein, doch ich lächle.
Ich brauche keine Wunderkräfte,
vor meinen Augen erblühen die vertrockneten Bäume.

(Kuoan Shiyuan um 1150, deutsche Übersetzung aus „Zen Wisdom“ von Tim Freke, 1997)

Das ist wunderbar, unser Märchen stammt aus dem schlesischen Riesengebirge und diese Ochsenbilder aus China auf der anderen Seite der Erde. Und doch gibt es so viele Ähnlichkeiten, und im Grunde wird der gleiche Weg beschrieben. Es wird erklärt, wie schwer es bereits ist, bis zur Quelle des Egos vorzudringen. Dessen Wirkungen kann man überall finden, doch nur an der Quelle läßt sich der Kampf gewinnen. Dort kann der Ochse gezähmt werden und wird in Form von Vernunft und Weisheit zum Heimweg, der zum Schloß der goldenen Sonne führt. Peitsche und Zügel symbolisieren die konsequente Selbstbeherrschung und unermüdliche Führung durch Achtsamkeit. Die alten Zen-Meister beherrschten diese Kunst auch gegenüber ihren Schülern, und nicht selten hieß es bei achtlosen Reden: „Gebt ihm Schläge im Takt seiner Worte!“ Irgendwann verschwindet der Ochse plötzlich, und damit auch die Frage nach dem Zügeln oder Töten. Und auch hier geht es nicht darum, das Leben zu vernichten, sondern das Leben auf einer viel höheren Ebene zu bewahren, in die Welt zurückzukehren, und das blühende Leben sogar in vertrockneten Bäumen zu sehen.

Klar, für solche Wege interessieren sich heute nur wenige Menschen. Aber all dieses uralte Wissen, wie man das eigensinnige Ego zähmen und besiegen kann, könnte schon in naher Zukunft eine existentielle Frage werden, wenn wir erkennen, wie uns dieses extrem wachsende, ungezügelte und gierige Ego in eine schreckliche, äußere und innere Naturkatastrophe führt. Irgendwann werden weder Technologie noch Bürokratie oder Geld helfen. Spätestens dann müssen wir „modernen Menschen“ darüber nachdenken, wie wir den Ochsen zumindest etwas zähmen können. Es wird nicht gleich um die große Befreiung gehen, aber vielleicht um das Überleben der Menschheit auf diesem blau-grünen Planeten.

Der grenzenlose Himmel der Meditation,
Das klare Mondlicht der Weisheit,
Die Wahrheit als ewige Stille offenbart.
Diese Erde ist das reine Lotus-Land,
Dieser Körper ist der Leib des Buddha.
(Hakuin, Zen-Meister)

Das Problem des verdrehten Weltbildes

Zum Schluß vielleicht noch ein paar Gedanken zu den beiden Weltbildern, die wir im obigen Text erwähnt und bereits im letzten Märchen vom „Daumesdick“ näher beschrieben haben. Die schematische Darstellung des ganzheitlich-beseelten Weltbildes zeigt, wie von außen nach innen die natürlichen Prinzipien mit ihren Eigenschaften aus dem Ganzen entstehen. Entsprechend muß man umgekehrt von innen nach außen zuerst die materielle Körperlichkeit auflösen, um überhaupt an das Ichbewußtsein oder Ego heranzukommen. Und dieser Prozeß der materiellen Auflösung ist gar nicht so unmöglich, wie es zunächst erscheint. Auch die moderne Wissenschaft hat dafür mit den Entdeckungen der Quantenphysik die Grundlagen gelegt. Darüber spricht sogar der fernsehberühmte Astrophysiker Harald Lesch in seinem Video „Materie besteht nicht aus Materie“.

Super, auch wenn er nur die alten Griechen kennt, damit wären zumindest schon 99,8% unserer materiellen Körperlichkeit aufgelöst, und was er die „Energie der Bindung“ durch „Haß und Liebe“ nennt, erinnert uns schon sehr an die Eigenschaften des Ichbewußtseins. Werner Heisenberg, einer der Pioniere der Quantenphysik, sagte dazu: „Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Dieser Erkenntnis-Weg der Auflösung bzw. Erlösung zum Ganzen und wenn man will, zu Gott, wird in diesem Märchen genauso so beschrieben, wie in zahllosen östlichen Überlieferungen. Und wenn das Ichbewußtsein besiegt und erlöst ist, bleibt immer noch die lebendige Seele mit der universalen Intelligenz bzw. Vernunft:

vedisches Weltbild
ganzheitlich-beseeltes Weltbild

Ganz anders sieht es in unserem gewöhnlichen materialistisch-egozentrischen Weltbild aus, wie es von den meisten Wissenschaftlern seit mehreren Jahrhunderten und auch heute noch entgegen den Erkenntnissen der modernen Quantenphysik propagiert wird (siehe z.B. Video: Harald Lesch - Entstehung des Lebens aus toter Materie). Und wie man im folgenden Schema sieht, muß man in diesem Weltbild, um an das Ichbewußtsein herankommen, zuerst die Vernunft auflösen. Dann könnte man das Ego auflösen, und zurück bleibt ein unbeseeltes totes Universum. Das will keiner! Denn damit gleicht die Auflösung des Egos einem typischen Selbstmord, vor dem wir vernünftigerweise zurückschrecken:

materialistisches Weltbild
materialistisch-egozentrisches Weltbild

Interessanterweise gleicht dieses Szenarium auch dem, was wir gegenwärtig allgemein in der Wissenschaft und speziell in der Corona-Krise 2020 erleben. Es geht nicht darum, mit einer heilsamen Motivation den Egoismus aufzulösen, aber man versucht gewaltsam, das subjektive Ichbewußtsein von der Natur zu entfernen, um die Natur objektiv zu beherrschen. Das klingt absurd, und ist auch absurd, wenn man das ganzheitlich-beseelte Weltbild betrachtet. Aber so etwas geschieht gegenwärtig: Die höhere Vernunft, welche die Natur als ein Ganzes betrachtet, verschwindet, Kurzsichtigkeit und Angst regieren, der gedankliche Verstand wird zum Diktator und tötet sich aus Angst selbst, weil er unfähig ist, das Ganze und Wesentliche zu erkennen und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Dieser Prozeß gleicht einem kranken oder überlebten Organismus, der sich am Ende selbst tötet. Wenn es so weiter geht, steht uns ein gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Selbstmord bevor, ähnlich dem Untergang der „Sieben Schwaben“.

Von dieser Verdrehung unseres Weltbildes kann man verschiedene Entwicklungen der Menschheit ableiten, vor allem die technisch-wissenschaftliche Revolution, die unsere Welt mit toten Maschinen angefüllt hat, weil sich nun das Leben auf tote Materie stützt. Dazu entstand ein kapitalistisches Gesellschaftssystem, das sich grundsätzlich an materiellen Werten orientiert. Gleichzeitig konnten viele Menschen die alten Märchen, die seit vielen Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden lebendig überliefert wurden, nicht mehr verstehen, und die Brüder Grimm versuchten im 19. Jahrhundert noch zu retten, was zu retten war. Denn mit dem materialistisch-egozentrischen Weltbild kann man die tiefere Bedeutung dieser uralten Geschichten nicht mehr verstehen, weil es in diesem Weltbild kein geistbasiertes Leben mehr gibt, und so wurden sie schließlich zu Kindermärchen degradiert. Eine weitere Entwicklung, die man von unserem verdrehten Weltbild ableiten kann, ist der wachsende Egoismus, der zur Basis unseres Wirtschaftssystems wurde, und sich zunehmend in Leidenschaft, Begierde und krankhafter Sucht manifestiert, die kaum noch beherrschbar sind. Dazu kommt noch eine wachsende Existenzangst, weil sich nun unser Leben auf tote Materie gründet und sozusagen auf Sand gebaut ist. Daß eine solche Entwicklung nicht lange gut gehen kann, hat der Untergang vieler sozialistischer Staaten gezeigt, die in gleicher Weise materialistisch orientiert waren, und uns geht es gegenwärtig nicht wesentlich besser. Mögen wir uns wieder an die höhere Vernunft erinnern und unser Weltbild vom Kopf auf die Füße stellen!

Eins und Alles
(Johann Wolfgang von Goethe)

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen
Sich aufzugeben ist Genuß.

Weltseele, komm' uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebend'ges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.


Für weitere Informationen zum erwähnten Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg, der übrigens auch ein großer Verehrer von Goethe war, können wir seine höchst interessante Autobiographie „Der Teil und das Ganze“ oder kurzgefaßter das folgende Video über seine große Lebensfrage empfehlen: „Was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält?“ Hier hört man zum Beispiel ab 1:18:40 von Dr. Rembser, einem Physiker im CERN: Was wir heute messen, dazu würde Werner Heisenberg immer noch sagen: „Genau, ich habe richtig gelegen.“ Elementarteilchen werden durch sogenannte Wellenfunktionen beschrieben. Das heißt, man kann gar nicht sagen, wo jetzt das Teilchen richtig ist. Es sind im Prinzip Wolken, wenn man das so sagen will. Es gibt Aufenthaltswahrscheinlichkeiten. Erst dann, wenn ich nachgucke, wenn ich dem Teilchen etwas zum Wechselwirken gebe, dann, wenn Kräfte wirken, erst dann wird das Teilchen sichtbar und ist das, was in mein sogenanntes Weltbild reinpaßt. Aber es ist richtig: Ein Teilchen ist eine Welle, kein Ball. [1:20:35] Die Physiker entwickeln immer neue Technologien, bei denen man die Quantenphysik nutzen und anwenden kann. Doch die Konsequenzen für unser Weltbild werden kaum mehr hinterfragt... Ich muß sagen, daß man sich im Grundstudium mit diesen fundamentalen Fragen gar nicht auseinandersetzt. Das ist ein Thema, das nicht auf den Tisch kommt, wenn man Physik anfängt zu lernen... und während des Studiums tangiert man diese Fragen eigentlich gar nicht. [1:21:20] Und Werner Heisenberg sagt hier im fortgeschrittenen Alter persönlich: „Die meisten meinen ja wohl, daß eben die Atomtechnik die wichtigste Konsequenz (der Quantenphysik) sei. Mir ist es eigentlich immer anders gegangen. Ich habe geglaubt, daß die philosophischen Konsequenzen aus der Physik auf lange Sicht wohl noch mehr verändern werden, als die technischen Konsequenzen...“


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[1857] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 7. Auflage, Berlin 1857
[Faust II] Johann Wolfgang von Goethe, Faust Teil 2 (1832).
[Makandeya] Das Markandeya Purana, www.pushpak.de/markandeya
[2020] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de
Veröffentlichung: 10. Mai 2020