Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Der Räuberbräutigam

Märchentext der Gebrüder Grimm [1819]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2020]

Es war einmal ein Müller, der hatte eine schöne Tochter. Als sie nun herangewachsen war, dachte er, wenn ein ordentlicher Freier kommt und um sie anhält, so will ich sie ihm geben, damit sie versorgt wird. Es trug sich zu, daß einer kam, der sehr reich schien, und da der Vater nichts an ihm auszusetzen wußte, so versprach er ihm seine Tochter. Das Mädchen aber hatte ihn nicht so recht lieb, wie eine Braut ihren Bräutigam liebhaben soll, und fühlte ein Grauen in seinem Herzen, so oft es ihn ansah, oder an ihn dachte. Er sprach zu ihr: »Warum besuchst du mich nicht, da du meine Braut bist?« »Ich weiß nicht, wo euer Haus ist,« sagte das Mädchen. »Draußen ist’s, im grünen dunkeln Wald«, antwortete der Bräutigam. Da suchte es Ausreden und sprach: »Dahin kann ich den Weg nicht finden.« Der Bräutigam aber sagte: »Künftigen Sonntag mußt du hinaus zu mir kommen, dazu hab ich schon Gäste eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir Asche streuen.«

Als es nun Sonntag war, und das Mädchen fortgehen sollte, ward ihm so angst, und es steckte sich beide Taschen voll Erbsen und Linsen. Es kam zu dem Wald, da fand es die Asche gestreut und ging auf dem Weg fort, aber rechts und links warf es bei jedem Schritt ein paar Erbsen und Linsen auf die Erde. Nun ging es fast den ganzen Tag, bis es zu einem Haus kam, das mitten im dunkelsten Walde stand. Es sah niemand darin und es war alles still, aber auf einmal rief eine Stimme:

»Kehr um, kehr um, du junge Braut, du bist in einem Mörderhaus!«

Wie es sich umsah, war’s ein Vogel, der da in einem Bauer saß, und der noch einmal rief:

»Kehr um, kehr um, du junge Braut, du bist in einem Mörderhaus.«

Nun ging die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und durchs ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele war zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau. »Könnt ihr mir nicht sagen«, sprach das Mädchen, »ob mein Bräutigam hier wohnt.« »Ach! du liebes Kind«, antwortete die alte Frau, »du bist in eine Mördergrube gekommen; deine Hochzeit soll mit dem Tode sein, der Räuber will dich ums Leben bringen. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich haben, zerhacken sie dich und kochen dich darin und wollen dich dann essen. Wenn ich dich nicht rette, so bist du verloren!«

Darauf versteckte sie das Mädchen hinter ein großes Faß und sprach: »Reg dich und beweg dich nicht, sonst ist’s um dich geschehen: Wenn die Räuber schlafen, so wollen wir entfliehen. Ich habe auch schon längst fortgewollt.« Kaum war das geschehen, so kamen die Räuber heim und führten eine andere Jungfrau mit, waren trunken, und hörten nicht ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser, ein Glas weißen Wein, ein Glas roten und ein Glas gelben: Davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch und zerhackten ihren schönen Leib in Stücken, und streuten Salz darüber. Da wurde der Braut hinter dem Faß angst, als müßte sie nun auch sterben. Und einer sah, daß an dem kleinen Finger der Gemordeten ein goldener Ring war, und weil er sich nicht gut abziehen ließ, nahm er ein Beil und hieb den Finger ab, aber der Finger sprang in die Höhe und fiel hinter das Faß, der Braut gerade in den Schoß. Der Räuber nahm ein Licht und suchte darnach, konnte ihn aber nicht finden, da sprach ein anderer: »Hast du auch schon hinter dem großen Faß gesucht?« »Ei, rief die alte Frau, kommt und eßt, und laßt das Suchen bis Morgen, der Finger läuft euch nicht fort.«

Da ließen die Räuber vom Suchen ab, gingen und aßen und tranken, die Alte aber tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, daß sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchten. Als die Braut das hörte, trat sie hinter dem Faß hervor und mußte über die Schlafenden hinwegschreiten, die da reihenweise lagen, und hatte große Angst, sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr, daß sie glücklich durchkam, und die Alte stieg mit ihr hinauf und sie machten sich aus der Mördergrube hinaus. Die gestreute Asche war fortgeweht, aber die Erbsen und Linsen hatten gekeimt und waren aufgegangen, und zeigten ihnen beim Mondschein den Weg. Da gingen sie die ganze Nacht, bis sie morgens in der Mühle ankamen. Das Mädchen aber erzählte seinem Vater alles, wie es sich zugetragen hatte.

Als nun der Tag kam, wo die Hochzeit sollte gehalten werden, erschien der Bräutigam, der Müller aber ließ alle seine Verwandten und Bekannten einladen. Wie sie bei Tische saßen, ward einem jedem aufgegeben, etwas zu erzählen. Da sprach der Bräutigam zur Braut: »Nun, mein Herz, weißt du nichts? Erzähl uns auch etwas!« Sie antwortete: »So will ich einen Traum erzählen: Ich ging durch einen Wald und kam an ein Haus, da war keine Menschenseele darin, aber ein Vogel im Bauer rief zweimal:

»Kehr um, kehr um, du junge Braut, du bist in einem Mörderhaus!«

Mein Schatz, das träumte mir nur. - Da ging ich durch alle Stuben, die waren alle leer, bis ich in den Keller kam, wo eine steinalte Frau saß. Ich sprach: »Wohnt mein Bräutigam hier?« Sie aber antwortete: »Ach! du liebes Kind, du bist in eine Mördergrube gekommen, der Bräutigam will dich zerhacken und töten, und will dich dann kochen und essen.« - Mein Schatz, das träumte mir nur. - Aber sie versteckte mich hinter ein großes Faß, und kaum war das geschehen, so kamen die Räuber heim und schleppten eine Jungfrau mit sich, der gaben sie dreierlei Wein zu trinken, weißen, roten und gelben, davon zersprang ihr das Herz. - Mein Schatz, das träumte mir nur. - Darauf zogen sie ihr die feinen Kleider ab, und zerhackten auf einem Tisch ihren schönen Leib in Stücke, und bestreuten sie mit Salz. - Mein Schatz, das träumte mir nur. - Und einer von den Räubern sah, daß an dem Goldfinger noch ein Ring steckte, und weil er schwer abzuziehen war, nahm er ein Beil und hieb ihn ab, aber der Finger sprang in die Höhe und sprang hinter das große Faß, und fiel mir gerade in den Schoß, und da ist der Finger mit dem Ring!« Bei diesen Worten zog sie ihn hervor, und zeigte ihn den Anwesenden.

Der Räuber, als er das sah und hörte, wurde vor Schrecken kreideweiß und wollte entfliehen, aber die Gäste hielten ihn fest, und überlieferten ihn dem Gericht. Da wurden er und die ganze Bande für ihre Schandtaten gerichtet. [1819]

Der Räuberbräutigam - Tod der Seele

Nun, der erste Eindruck ist natürlich schockierend, und man fragt sich: Ist das wirklich ein Kindermärchen? Ja, im Prinzip entspricht es einem alten Kindermärchen. Denn es gibt die typischen Widersprüche auf der Handlungsebene, die dafür sorgen sollen, daß der Mensch mit wachsender Vernunft die äußere Handlung mehr und mehr hinterfragt und auf die tieferen Ebenen der Symbolik vordringen kann. Am „deutlichsten“ zeigen sich die Widersprüche in Anbetracht des Weges, der hinzu mit Asche markiert wurde und rückzu mit Erbsen und Linsen, die über Nacht keimten und in einem Wald, wo es überall sprießt und grünt, im Mondlicht den Weg weisen. Oder auch im Bräutigam, der seine Braut tötet, bevor er sie kennengelernt hat. Solche offensichtlichen Widersprüche in einer Geschichte können eigentlich nur Kinder akzeptieren, ohne die Geschichte als unsinnig abzulehnen.

Vom Typ her ist es eine Schockgeschichte, die uns vor irgendetwas warnen soll. Aber wovor? Für ein Kind könnte es zunächst eine Warnung sein, sich nicht im tiefen Wald zu verlaufen, wo die bösen Räuber wohnen. Für die Mädchen mag es ein Warnung sein, auf ihr Herz zu hören, wenn es um die Wahl ihres Bräutigams geht. Und die Eltern sollten davor gewarnt sein, sich bei der Wahl des Bräutigams nicht vom äußeren Schein blenden zu lassen. Doch das wird sicherlich nicht die ganze Botschaft sein. Das wäre mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Eine weitaus größere Wirkung läge darin, wenn man verhindern könnte, daß diese tierische Gewalt überhaupt ausbricht, von der wir gewöhnlich sagen: Welcher vernünftige Mensch würde so schreckliche Dinge tun? Und doch, irgendwie lebt dieser tierisch grausame Trieb in uns allen und will irgendwie beherrscht oder sogar besiegt werden.

Über den Wert solcher Schock-Geschichten für die Kindererziehung kann man natürlich streiten. Man sollte sich aber bewußt sein, daß Kinder früher wesentlich weniger solche Geschichten konsumierten und das vor allem auf mündliche Weise. Entsprechend war es sicherlich viel einfacher, sich bei aufkommenden Ängsten an die dazugehörige Geschichte zu erinnern, um den explosiven Stoff nach und nach zu verarbeiten und damit sogar die tieferen Botschaften solcher Märchen zu ergründen. Man könnte hier sogar von „nachhaltigem Lernen“ sprechen. Zumindest scheint sich dieses Mittel in der Kinderziehung über mehrere tausend Jahre bewährt zu haben. Auch heute werden Schockgeschichten in den Medien gern und ausgiebig verwendet, nicht nur um Kinder zu erziehen, sondern vor allem Erwachsene. Doch mit welchen Zielen? Geht es noch um die Entwicklung einer höheren Vernunft? Oder soll gerade diese Vernunft mit Gewalt unterdrückt werden, um die Diktatur der Angst über ein Volk von Konsumsklaven zu errichten, für die sogar die Gesundheit zum Konsumgut wird?

Darüber hinaus kann man in diesem Märchen auch eine psychotherapeutische Ebene finden, die uns zeigt, wie man mit solchen Schockerlebnissen umgehen kann. Es gibt viele Gelegenheiten, in denen man seelisch schwer verletzt wird, vor allem durch Gewalt, auch wenn man sie nur beobachtet. Das Märchen meint, hier findet man zunächst Hilfe bei der uralten Mutter Natur, die tief in unserem Innern wohnt. Zu ihr sollte man Vertrauen haben, daß sie es gut mit uns meint und uns auf den richtigen Weg führt. Und wenn man soweit ist, kann man über diese Erlebnisse sprechen, als wäre es ein Traum gewesen, den man erlebt hat. Mit dem Satz „Mein Schatz, das träumte mir nur.“ wird das Schockerlebnis wie mit einem Mantra schrittweise aufgelöst. Daß sie den Räuberbräutigam hier „Schatz“ nennt, ist vielleicht sogar der wichtigste Aspekt, nämlich die Vergebung. Mit etwas Übung kann man jede negative Energie in eine positive wandeln, oder zumindest den Haß überwinden, der mit solchen Schockerlebnissen verbunden ist. Am Ende bestraft sich der Räuber selbst und muß die Wirkung seiner Taten ertragen. Das war früher die göttliche Gerechtigkeit, auf die man vertrauen konnte. Dafür könnte auch der Finger mit dem goldenen Ring stehen, nämlich daß wir alle mit einer höheren Wahrheit verbunden sind.

Denn nichts ist verborgen, das nicht offenbar werde, auch nichts Heimliches, das nicht kund werde und an den Tag komme. [Bibel, Lukas 8.17]

Doch all die vielfältigen Symbole dieses Märchens deuten noch auf eine viel tiefere Botschaft hin. Alles beginnt mit einem Müller, sozusagen der Betreiber der Mühle dieser Welt, die mit dem Rad der Zeit als Mühlstein alles Grobe in Feines zermahlt. Diese Mühle kennen wir auch als das Hamsterrad, in dem wir uns abmühen, oder die Gedankenmühle, die sich ständig im Kopf kreist. Das Kreisen ist natürlich auch eng mit den Wellen der Entstehung und Entwicklung verbunden, wie zwischen Geburt und Tod, Blühen und Verwelken, Entstehen und Vergehen, Glück und Leid, Ein- und Ausatmung, Wachen und Schlafen, Sein und Nichtsein im ewigen Rhythmus und Wandel der Natur. Und wer betreibt diese Mühle der Welt? Ist es Geist, Gott oder der große Vater? Seine Tochter wäre dann unsere Seele als ein Teil der weiblichen Natur, die hier sehr eng mit unserem Gefühlsleben verbunden ist. Doch je weiter ein Kind nach der körperlichen Entstehung reift und sich entwickelt, um so mehr verbindet sich die Seele mit der geistigen Dimension des Lebens, dem männlichen Wesen in Form von Verstand, Intellekt und Gedanken bis zur höheren Vernunft. Dieses Geistige ist der „Freier“, der um die Seele wirbt, und das sogar im wörtlichen Sinne, indem der Geist die Seele aus den Zwängen der Natur „befreien“ will. Diese Symbolik findet man in sehr vielen Märchen, und gewöhnlich enden sie im Happy-End der großen mystischen Hochzeit von Geist und Seele, wie man sie auch im Hohelied der Bibel findet. Doch der Weg dahin ist natürlich für beide voller Herausforderungen. Und so geht es in diesem Märchen vor allem um eine „totgequälte“ Seele und einen offenbar „wahnsinnigen“ Geist, die beide durch die Welt irren, sich suchen, verlieren und hoffentlich vom Wahn befreit wiederfinden.

Nun möchten wir bezüglich der Räuber nicht so sehr über die einzelnen Psychopathen sprechen, die sich daran erfreuen, sich selbst und andere zu quälen. Wir möchten unseren Blick auf die Menschheitsentwicklung der westlichen Gesellschaft in den vergangenen vier bis sechs Jahrhunderten richten. Auch wir haben damals einen Weg begonnen, der uns viel Reichtum versprach, um unserer Seele alle erdenklichen Wünsche zu erfüllen. Natürlich gab es auch Zweifel, aber die Hoffnung war groß, und das Schicksal hatte es offenbar so beschlossen. So ging es von der Religion über die Alchemie bis zur modernen Medizin und Wissenschaft. Damit wandelte sich unser Weltbild grundlegend. Das Geistige, was bisher Grundlage war, wurde zu einer materiellen Nebenwirkung, und die materielle Natur, die früher durch das Geistige geschaffen wurde, galt nun als Grundlage von allem. Und wie sich die menschliche Herrschaft früher auf den Geist stützte, so stützt sie sich nun auf die Natur.

... Er sprach zu ihr: »Warum besuchst du mich nicht, da du meine Braut bist?« »Ich weiß nicht, wo euer Haus ist,« sagte das Mädchen. »Draußen ist’s, im grünen dunkeln Wald«, antwortete der Bräutigam. Da suchte es Ausreden und sprach: »Dahin kann ich den Weg nicht finden.« Der Bräutigam aber sagte: »Künftigen Sonntag mußt du hinaus zu mir kommen, dazu hab ich schon Gäste eingeladen, und damit du den Weg durch den Wald findest, so will ich dir Asche streuen.« ...

Und das Märchen hat recht: Damals war die Natur noch richtig grün und die Wälder weit und tief. Und mitten in dieser grünenden Natur siedelte sich zunächst im Dunklen eine seltsame Räuberbande an, welche die Seele auf einen dunklen Weg führte. Mit bangem Herzen mußte sie einer grauen Aschespur durch den grünen Wald folgen. Was könnte damit gemeint sein? Graue Formel-Theorie, tote Materie, graue Soldatenuniformen, graue Arbeiterheere in verräucherten Fabriken oder vernichtende Kriege bis zu Hiroshima? Die moderne Naturwissenschaft begann, die lebendige Natur zu toter Materie zu reduzieren. Und vor toter Materie braucht man weder Respekt noch ein Gewissen zu haben, man kann sie gnadenlos ausbeuten. Damit entstand die Idee der toten Maschinen. Das Pferd wandelte sich zum Auto, der Ochse wurde zum Traktor, der Vogel zum Flugzeug, der Mensch zum Roboter, die Heilpflanze zur Chemiepille, die Phantasie zum Fernseher, unser Gehirn zum Computer, und das Smart-Phone wurde zu unserem besten Freund. Auf diesem Weg, der sozusagen von toter Asche gezeichnet wurde, geht nun unsere Seele mit großer Angst, aber traut der toten Materie nicht. Sie füllt ihre Taschen mit Samen, in denen noch Leben ist, und markiert damit den Weg, der sie zurück zum Vater führen soll.

So kam sie an ein dunkles Haus, das war leer und ohne Leben. Nur ein gefangener Vogel rief aus einem Käfig verzweifelt: „Kehr um! Du bist in einem Mörderhaus!“ Könnte mit dem „Mörderhaus“ unser modernes Weltbild gemeint sein, das die Natur zu toter und unbeseelter Materie macht? In einem solchen Denkgebäude lebt der Mensch heute, und der Vergleich mit den Räubern liegt ebenfalls nahe, denn wir verhalten uns entsprechend. Doch auch nach der zweiten Warnung kehrt die Seele noch nicht um. Sie geht weiter, weil sie weitergehen muß, um eine grauenhafte und schockierende Erfahrung zu machen. Dafür hilft ihr eine steinalte Frau im Keller des Hauses, vermutlich die uralte Mutter Natur, die uns allen dient. Sie bereitet die Nahrung für die Räuber, wie sie auch alle anderen Lebewesen mit Nahrung versorgt. Sie meint es immer mit allen Wesen gut und wird nicht müde, uns zu warnen und zu belehren, um uns vor uns selbst zu retten. Und so sorgt sie auch dafür, daß wir im Leben entsprechende Erfahrungen machen müssen, die nicht immer glücklich sind.

... Darauf versteckte sie das Mädchen hinter ein großes Faß und sprach: »Reg dich und beweg dich nicht, sonst ist’s um dich geschehen: Wenn die Räuber schlafen, so wollen wir entfliehen. Ich habe auch schon längst fortgewollt.« ...

Was empfiehlt sie der Seele? Setz dich hin, beweg dich nicht und schau achtsam zu! Dann kannst du gemeinsam mit der Mutter zurück zum Vater kommen. Ein Yogi würde wohl ähnliches empfehlen, nur nennt man das heutzutage Meditation. Zuerst sollte man also in sein Inneres schauen. Nicht umsonst spielt diese Szene im Keller des Hauses, wo das große Faß mit unserem angesammelten Karma steht, und die eigentlichen Räuber leben. Hier im Inneren können wir das erkennen, was sich über viele Generationen in der äußeren Welt ereignet hat. Das kann wirklich schockierend sein. Hier sieht man plötzlich die Räuber, wie sie berauscht vom Wein der Welt, die Seele mit Gewalt ergreifen. Damit begann unser „modernes Zeitalter“ mit einer totalitären Religion, die sich zu den Nachfolgern von Jesus Christus erklärt haben und alle anderen Ansichten gnadenlos vernichten wollten. Keine andere Religion hat auf der Erde so gewütet und versucht, ganze Kulturen und Völker auszurotten. Sicherlich darf man hier nicht alle Christen über einen Kamm scheren, aber es waren vor allem die „Geistlichen“ der Kirche, die nach der totalen Weltherrschaft über alle Seelen griffen und eine Spur von Brand, Mord und Vernichtung nach sich zogen, und da half kein Schreien und Jammern.

... Kaum war das geschehen, so kamen die Räuber heim und führten eine andere Jungfrau mit, waren trunken, und hörten nicht ihr Schreien und Jammern. Sie gaben ihr Wein zu trinken, drei Gläser, ein Glas weißen Wein, ein Glas roten und ein Glas gelben: Davon zersprang ihr das Herz. Darauf rissen sie ihr die feinen Kleider ab, legten sie auf einen Tisch und zerhackten ihren schönen Leib in Stücken, und streuten Salz darüber. ...

Daraus entstanden zuerst die mittelalterliche Alchemie und okkulte Wissenschaft, die mit Gedankenkraft die Natur und sogar den Teufel gewaltsam bezwingen wollten, und das vor allem für weltlichen Reichtum. Denken wir an den „Dreifachen Höllenzwang“ des berühmt-berüchtigten Dr. Faust. Sie gaben der Seele dreierlei Wein und zerbrachen ihr Herz. Die Farben des Weins in den Gläsern könnten an die Alchemie erinnern, als man versuchte, die Seele, die bisher ein Ganzes war, aus einzelnen Elementen zu komponieren. Dreierlei Wein erinnert aber auch an den geistigen Betrug der Kirche: Sie predigten Wasser und tranken Wein. Sie trugen das Banner der Liebe und führten schreckliche Kriege. Sie versprachen Befreiung und knebelten mit Dogmen. Das verursachte den Tod der Seele und ihren eigenen Niedergang. Aus der totalitären Religion entwickelte sich nun eine totalitäre Wissenschaft. Man nahm der Seele ihre lebendige Schönheit und zerhackte ihren Körper. Das erinnert auch an die Zeit der Leichensezierungen, die noch im Verborgenen durchgeführt wurden, weil es noch viele Menschen gab, die hier kein gutes Gefühl hatten. Daraus entwickelte sich die moderne Medizin und vernichtete auf ihrem Weg gnadenlos alle Andersdenkenden, wie die ganzheitliche Natur- und Pflanzenheilkunde. Heute jammern wir, wieviel wertvolles Wissen damals verlorengegangen war.

Damit setzte sich der seltsame Anspruch der christlichen Religion auf den „einzig wahren Heilsweg“ als Monopol in der modernen Medizin und Wissenschaft fort, nur unter einem anderen Vorzeichen. Entsprechend wurde in der Naturwissenschaft alles Geistige rigoros entfernt und als Aberglauben und Esoterik verteufelt. Es entstand eine geistlose physikalische Naturwissenschaft, die sich vor allem für tote Körper interessiert. Ein seltsamer Genuß für die Sinne!


Ist die Natur nicht wunderschön!?

Sie schufen ein Weltbild, das fast nur noch aus toten Materieteilchen und Kräften bestand. Das ganze Gebilde wurde in ein System aus grauer Mathematik gezwungen, auf den Sockel der Wahrheit gehoben und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung gemacht, die sich Kapitalismus nannte. Das Wertvollste, was die Seele damit verlor, war ihr vertrauensvoller Glaube in eine höhere Intelligenz bzw. göttliche Vernunft. Dafür könnte der abgehackte kleine Finger mit dem goldenen Ring als Symbol der Verbundenheit stehen, den die Seele natürlich irgendwie bewahren muß. Denn wenn sie diese Verbindung zum Ganzen verliert, dann verliert sie sich selbst und verwandelt sich in ein Ego-Wesen, das nur noch gedanklich im Kopf bzw. Gehirn existiert und seine wahre Seele nicht mehr kennt. Damit begann das Zeitalter der Super-Egos, die mit unersättlichem Materialismus ihre Seele töten.

Das mag zunächst relativ dunkel klingen. Natürlich gab es in dieser menschlichen Entwicklung auch gute Dinge, aber die sammeln wir gewöhnlich nicht in unserem Innern an. Über das Angenehme und Glückliche denken wir viel nach, erfreuen uns daran und verdauen es. Das Unangenehme und Schreckliche verdrängen wir gern in die Tiefen unseres Kellers, reden nicht drüber und wollen es auch nicht sehen. Daraus entsteht das Erbe vieler Generationen, das wir alle mehr oder weniger in uns tragen: All dieser Wahn der totalitären Religion, Wissenschaft und Medizin, des totalen Krieges und schließlich des totalen Kommerz. Mit diesem Erbe einer gnadenlosen „Mono-Kultur“ müssen wir nun irgendwie klarkommen.

Was meint das Märchen dazu? Es sagt: Kehre wieder um, liebe Seele! Verlasse diese Räuberbande im Mörderhaus! Kehre dieses tote Weltbild wieder in ein lebendiges um! Nutze die Zeit, wenn die Räuber schlafen. Nutze die Zeit des Friedens, sei vorsichtig und wecke sie nicht auf. Laß dir von Gott helfen und gehe gemeinsam mit Mutter Natur den Weg zurück. Geh nicht den Weg der grauen Asche! Laß die tote Asche vom Wind eines lebendigen Geistes verwehen, und gehe den Weg des sprießenden Lebens im fruchtbaren Licht des Mondes. Ein Weg, auf dem Linsen und Erbsen in Symbiose wachsen, also keine Mono-Kultur (denn Erbsen können als Stützfrucht der Linsen dienen). Folge deinem Gefühl und vertraue nicht dem intellektuellen Wahn grauer Theorien. Gehe durch die Nacht hindurch zu einem neuen Tag und kehre zurück zum Vater. Klage ihm dein Leid, und er wird dir helfen.

Und wie hilft der Vater am Tage der Hochzeit? Er versammelt alle Bekannten und Verwandten. Und für den Großen Vater ist das die ganze Schöpfung, die nun als Zeuge für den Wahn der räuberischen Menschheit dient. Und jedes Wesen hat seine Geschichte zu erzählen, auch unsere Seele. Und das ist wichtig. Was nützt es uns, die Probleme unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als wären sie nicht da? Sie müssen ans Licht kommen, damit sie gelöst werden können. Autos, Flugzeuge, Chemie und Plastikmüll sind nicht die wahren Ursachen für das große Leiden der Natur. Schauen wir unsere Welt doch mit offenen Augen an! Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht kommerzialisiert wird. Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime, Politik, Medizin, Kultur, Kunst und sogar die Erotik werden vom Kommerz beherrscht und vom Geld regiert. Von der Geburt bis zum Tod ist fast alles in Räuberhand. Und wo sind diese Räuber? Sie sitzen in unseren eigenen Köpfen in Form von unersättlicher Begierde, Haß und Leidenschaft: Ein wachsender Egoismus und wahnhafter Geist, der unsere Seele mehr oder weniger ergriffen hat. Und wo sind die Mörder? Es klingt vielleicht hart, aber die eigentlichen Mörder, die der Natur ihr lebendiges und beseeltes Leben genommen und sie zu toter Materie zerstückelt haben, sollten wir im Geist unserer modernen Wissenschaft suchen. Damit wurde sozusagen ein Mörderhaus gebaut, nämlich unser modernes Weltbild, das der unersättlichen Begierde dient und zur Stütze einer unersättlichen Gesellschaft wurde.

Diese Mörder und Räuber klagt nun die Seele vor dem Weltgericht öffentlich an, das der Vater versammelt hat. Sie beklagt den Wahn der totalitären Religionen, die ihre fanatischen Glaubenskriege führen. Sie beklagt den Wahn der totalitären Medizin im Dienste einer gigantischen Pharmaindustrie, die täglich Tonnen Medikamente verkauft, welche rücksichtslos die ganze Natur belasten. Sie beklagt den Wahn der totalitären Wissenschaft, die alles Geistige negiert und die lebendige Natur zu toter Materie reduziert, die man rücksichtslos ausbeuten darf. Sie beklagt den Wahn der totalen Kriege mit gewaltigsten Waffen für eine ideale Herrenrasse oder mit giftigster Chemie gegen alle Bemühungen der Natur, um eine landwirtschaftliche Monokultur zu vermeiden. Sie beklagt den Wahn des Materialismus, in einer toten Natur künstlich leben zu wollen, wie in einem zoologischen Garten hinter Gittern, auf der Intensivstation eines Krankenhauses unter ständiger Überwachung und Kontrolle oder in einem sterilen Pflegeheim von Robotern versorgt. Wir töten die Seele der lebendigen Natur und haben panische Angst vor dem Tod. Das ist wirklich ein seltsamer Traum der Menschheit! Die Seele sagt „Mein Schatz, das träumte mir nur.“ und meint vermutlich: „Mein Schatz, das ist Wahnsinn!“

Doch warum sagt sie „Schatz“? Der Geist ist und bleibt ihr größter Schatz. Seele und Geist sind immer miteinander verbunden und waren noch nie getrennt. In diesem Kontext könnte man das beschriebene Hochzeitsmahl verstehen, das interessanterweise vor der Hochzeit stattfindet, oder auch die Verwandlung des kleinen Fingers in den Gold- bzw. Ringfinger. Und deshalb erhebt sie diesen warnenden Finger mit dem goldenen Ring, damit dieser räuberische und mörderische Geist aufwacht. Seinem Gericht kann er nicht entfliehen, aber er kann seinen Wahn bereuen und zu einer höheren Vernunft erwachen, dem wahren Schatz der Menschen. Ein Happy-End? Es könnte noch werden, man sagt ja: Problem erkannt - Gefahr gebannt...

Vielleicht ist es für uns alle gut, über diese höhere Vernunft, die hier erwachen sollte, einmal nachzudenken. Dann könnten wir vielleicht verstehen, daß ein gesundes Leben vor allem eine lebendige Seele und die natürliche Vielfalt benötigt. Woher kommt dieser seltsame Wahn der sterilen Monokultur, der Ascheweg in eine tote materielle Welt? Dieses Märchen meint, das Problem liegt nicht so sehr in unserer Seele, sondern in der Entwicklung des Geistes. Und hier geht es vor allem um das räuberische Ego, das sich aus dem Ichbewußtsein bildet. Dieser Räuber kann in seinem unersättlichen Wahn wirklich alles Gute in Böses und alles Glück in Leiden verwandeln. Was ist das für ein „Ich“? Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Meinte er damit wirklich das im Körper eingeschlossene gierige Ego, dieses „Ich will!“, das sich als einzigwahrer Weg, absolute Wahrheit und Inbegriff des Lebens begreift? Oder meint er ein „Ich bin.“, eine viel höhere Intelligenz und ganzheitliche Vernunft, die sich nicht mehr als ein kleines getrenntes Wesen betrachtet, das in einem vergänglichen Körper mit allen Mitteln um sein persönliches Überleben kämpfen muß? Sollte das vielleicht unsere „menschliche Vernunft“ sein, die es zu verwirklichen gilt: der Weg, die Wahrheit und das Leben? Könnten wir damit dieses Räuberwesen überwinden, das Leben von Natur und Seele retten und das Mörderhaus verlassen? Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber seine Seele verliert?


Warum tun sich Menschen gegenseitig so viel Schreckliches an? - Eckhart Tolle


... Inhaltsverzeichnis aller Märchen-Interpretationen ...
Fundevogel - (Thema: Weg zur Befreiung, geistige Werte)
Doktor Allwissend - (Thema: Wissenschaft, Geist)
Der Geist im Glas - (Thema: Das Wesen des Geistes, Schulsystem, Homöopathie)
Die Erbsenprobe / Prinzessin auf der Erbse - (Thema: Natürliche Sensibilität)
Die sieben Schwaben - (Thema: Corona-Hysterie, Das Wesen der Angst)
Daumesdick / Däumling - (Thema: Was ist die Seele? Stimmt unser Weltbild?)
Die Kristallkugel / Vom Schloß der goldenen Sonne - (Thema: Egoismus, das innere Tier besiegen)
Des Kaisers neue Kleider - (Thema: Mahnmal 2020 - GELD-MACHT-BLIND)
Rattenkönig Birlibi - (Thema: Geld, Feindschaft, Sucht und Armut)
Das Dietmarsische Lügenmärchen - (Thema: Lügen, Gedanken und Vernunft)
Der Räuberbräutigam (Thema: tote Seele, geistiger Mord)

[1819] Jacob und Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 2. Auflage, 1819
[Bibel] Luther Bibel, 1912
[2020] Text und Bilder von Undine & Jens / www.pushpak.de
Veröffentlichung: 21. Juli 2020