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Märchentext von Undine & Jens [2026]
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]
Unsere Inspiration zu dieser Märcheninterpretation stammt aus dem Märchenfilm „Die drei Königskinder“ aus der ARD-Mediathek, der dort noch bis 2030 frei verfügbar sein soll. Wir empfehlen, den Märchenfilm zuerst anzuschauen. Falls der Internet-Link hinter dem Titelbild nicht mehr funktioniert, bitte in der Mediathek nach dem Titel suchen.
Auf den ersten Blick ist es ein schönes Märchen, dessen Geschichte man einfach genießen kann. Auf den zweiten Blick stellen sich einige Fragen, über die man nachdenken könnte. Und auf den dritten Blick kann man eine tiefgründige Botschaft entdecken, die alle Grenzen unseres gewöhnlichen Verstandes durchbrechen kann. Dazu möchten wir nun einige Inspirationen niederschreiben, die uns dabei durch den Kopf gingen. Herzlichen Dank an den Drehbuchschreiber und das Filmteam!
Es war einmal eine mächtige Königin, deren Ehemann und König gestorben war. So mußte sie das weite Königreich allein regieren.
Was bedeutet das? Eine weibliche Natur, die den männlichen Geist verloren hatte? Auch heute leben viele Menschen in einer solchen äußerlichen Natur, die den Geist verloren hat und nur noch nach physikalischen Gesetzen funktioniert. Deshalb sind wir auch der Meinung, daß der größte Teil der Natur im ganzen Universum tot ist, denn es fehlt der Geist, der sie lebendig macht. Das ist dann unsere „moderne Weltanschauung“ des Materialismus. Geist ist demnach nur ein Produkt des Gehirns, vergleichbar mit der Software für eine Computerhardware. Ein seltsamer, wenn nicht sogar schlechter Anfang für ein Märchen… Aber vielleicht entwickelt es sich doch noch zum Guten. Wir laden Sie herzlich ein, gemeinsam mit uns darüber nachzudenken:
Denn es gab auch einen Königssohn, einen jungen und schönen Prinzen mit Namen Alexander, der mit der Zeit erwachsen wurde. Als er im Wald auf der Jagd war und ein Reh verfolgte, begegnete ihm eine schöne Bauerntochter. Sie verliebten sich unsterblich über beide Ohren und beschlossen zu heiraten. Mutter Königin wünschte sich zwar lieber eine stolze Prinzessin, die in ihrem Sinne herrschen würde, doch gegen die Macht der Liebe konnte sie nichts tun.
Kann der Prinz mit einer Bauerntochter ein „Alexander der Große“ werden? Wen hat er da in der Natur gefunden? Vielleicht die Seele der Natur? Man sagt ja nicht umsonst: „Ein Blick auf unsere wahre Seele, und wir sind unsterblich verliebt.“ Und wer hat sie gefunden? Erwacht da etwa eine weitsichtige Vernunft im jungen König? Wird der väterliche Geist im Großen und Ganzen wieder lebendig? Ist damit die Herrschaft der äußerlichen Mutter Natur mit all ihren herrschenden Naturgesetzen bedroht? Was ist das für eine Herrschaft?
Die alte Königin war nicht begeistert von ihrer Schwiegertochter, die ihrem Sohn drei Kinder gebar, zwei Jungen und ein Mädchen. Nein, die Bauerntochter sollte die Herrschaft nicht bekommen, und erst recht nicht ihre Kinder! Also tauschte sie die Neugeborenen mit jungen Hundewelpen aus und ließ die Kinder von ihrem Diener in einem Fluß aussetzen. Eigentlich sollte er sie sogar töten, doch das brachte er nicht übers Herz. Später erklärte die hartherzige Schwiegermutter der jungen Königin, daß sie offenbar verflucht sei, weil sie nur Tiere gebären könne, und schickte sie in den Zauberberg, um den Fluch zu lösen. Doch dort wurde sie in Stein verwandelt.
Das wars dann für die lebendige Seele. Und wer ist dieser Diener der äußerlichen Natur? Ist es unser begrifflicher Verstand, der den Gesetzen der Natur dient? Im Märchenfilm wird er Corbinian genannt. Der Name leitet sich von lateinisch „Corvus“ ab und bedeutet „Rabe“. Der Rabe wird wegen seiner besonderen Klugheit gern als Symbol für den Verstand verwendet. Ähnlich finden wir beim nordischen Gottvater Odin zwei Raben als Gedanken und Gedächtnis, worauf sich der kluge Verstand stützt, der seine Nahrung im Wald der Vorstellungen sucht. So sagt uns auch der wissenschaftliche Verstand, daß wir von Menschenaffen abstammen, unsere Gene fast vollständig denen von Hausschweinen gleichen, und wir im Prinzip wie Tiere leben, nur mit etwas mehr Verstand. Ähnlich redet auch die alte Königin der jungen ein, daß sie nur Tiere geboren hat, gibt ihr die Schuld dafür und schickt sie in den Tod.
Aber der Diener übergab die drei Königskinder dem Fluß mit den Worten: „Gott beschütze euch!“ Während der junge König seiner Mutter glaubte, daß die drei Hunde seine Kinder seien und seine geliebte Ehefrau gestorben war. Eine traurige Zeit begann, doch die Liebe wollte im Königssohn nicht erlöschen. Oft saß er wie ein Jäger mit seinen drei Jagdhunden nachdenklich am Fluß, schnitzte kleine Hunde aus Holz, die seinen vermeintlichen Kindern glichen, und warf sie in die Strömung…
Aber der Diener hatte auch ein gutes Herz. Denn wie unser Verstand einer begrifflich zertrennten Welt der äußerlichen Natur dienen kann, so kann er auch einer göttlichen Welt der ganzheitlichen Vernunft dienen, das heißt, nicht nur der verwitweten Königin, sondern auch dem jungen König. Doch dieser konnte sich noch nicht zur göttlichen Ganzheit erheben, sondern glaubte der äußerlich-körperlichen Natur, sah darin seine Mutter als herrschende Königin und schnitzte immer noch an toten Figuren, die im Fluß des Lebens lebendig werden sollten.
Damit steht nun eine große Frage im Mittelpunkt der gesamten Märchengeschichte: Welche Rolle spielen die Tiere in unserer Welt? Wie können die geschnitzten Figuren im Fluß des Lebens lebendig werden? Warum hatte der männliche Geist nicht die Macht dazu? - Es fehlte ihm wohl das, was wir gern Seele nennen, sozusagen eine Schnur der Verursachung, mit der sich der Geist verbinden und die lebendige Wirklichkeit zulassen kann. Diesbezüglich sprechen wir von „Menschenseele“, „Hundeseele“ oder „Baumseele“, was doch im Grunde nur eine Seele als Prinzip der Verursachung ist. Hier liegt wohl auch die Gefahr unserer Naturwissenschaft, wenn sie in der äußeren Natur keine innerliche Seele zuläßt, mit der sich der Geist fruchtbar verbinden kann. Es ist, als würde man versuchen, die alte verwitwete Königin als äußere Natur zu begatten, die nicht mehr fruchtbar ist. So hatte auch der junge König die fruchtbare Seele verloren, weil sie im Zauberberg der Materie versteinert wurde.
Weil aber in der Gottheit nichts verlorengeht, und es auch der Wunsch des guten Dieners war, so trug der Fluß des Lebens die drei ausgesetzten Königskinder aus der dunklen Nacht des Todes in die lebendig-sonnige Welt einer einfachen Bauernfamilie, die in einem kleinen Garten wie in einem kleinen Paradies lebte, das von der Welt vergessen schien.

Dort wurden die Kinder mit Liebe aufgenommen, wuchsen kräftig heran und lernten das einfache Leben draußen in der Natur kennen. Der Älteste wurde Theo genannt, sein Bruder Fritz, und ihre Schwester war die Jüngste und hieß Lotte.
Das Bauernehepaar erinnert uns symbolisch an unsere körperlichen Eltern, denen vom Fluß des Lebens die Kinder geschenkt werden. Solange sie natürlich und einfach leben, geht es ihnen gut, und sie fragen nicht, woher ihre Kinder kommen und warum sie geboren wurden.
Über die symbolische Bedeutung der drei Kinder kann man wieder viel nachdenken. Im Mädchen könnte man die Seele der Mutter wiederfinden, so daß sie auch im Märchenfilm ein „Muttermal“ trägt. Der Name Lotte läßt sich von Charlotte ableiten, was interessanterweise „freier Mann bzw. Geist“ bedeutet, was bereits an ihre große Aufgabe erinnert, die sie erfüllen soll. Der Name Theo erinnert an „Gott“, und Fritz an „Friedrich“ als „Friedens-Reich bzw. -Herrscher“, wie wir auch von Gott und Mensch sprechen. In das Innere eines Menschen verlegt, könnten wir an die göttlich-ganzheitliche Vernunft und den friedlich-vernünftigen Verstand denken, zusammen mit der natürlichen Seele, die dieser Dreiheit Sinn und Richtung gibt. Und daß es hier um das Große und Göttliche geht, legt auch der Name ihrer Mutter nahe. So wird sie im Film als Mutter der drei Königskinder Marie genannt, was uns an Maria als biblische Gottesmutter erinnert.
So vergingen zwölf glückliche Jahre. Jedes Kind lernte seine Aufgabe in der Bauernfamilie kennen. Theo sorgte für das Feuerholz, fällte vertrocknete Bäume und spaltete das Holz. Fritz verschnitt die Obstbäume, damit sie fruchtbar blieben, und half dem Vater beim Reparieren des Hauses. Und Lotte lernte, die Wäsche im Fluß zu waschen, Wasser zu holen und im Garten zu helfen. Manchmal fand sie im Fluß kleine geschnitzte Hunde, die von der Strömung dort angespült wurden, wo sie selbst als Kinder gefunden worden waren. Sie fischte sie heraus, und hatte inzwischen schon drei Stück gefunden. Die Arbeit im Garten fiel ihr oft schwer. Doch als sie eines Tages ein kleines Gemüsebeet umgraben sollte, kam sie auf die Idee, einfach die beiden Hausschweine auf das Beet zu lassen, die gern im Boden wühlten und ihr die Arbeit voller Freude abnahmen. So erkannte sie, wie hilfreich Tiere sein können. Nachdenklich betrachtete sie oft die geschnitzten Hunde. Wozu könnten sie helfen?
Hier wird nun verdeutlicht, wie die drei Prinzipien in einem körperlichen Menschen ihre Aufgaben erfüllen: Die Vernunft sorgt dafür, daß die vertrockneten Bäume im Wald der Vorstellungen zerkleinert und verbrannt werden. Der Verstand kümmert sich um das Körperhaus und die Früchte vom Baum des Lebens. Und die Seele macht den Garten der Natur fruchtbar und reinigt alles Verunreinigte mit dem Wasser bzw. Geist im Fluß des Lebens. Erneut wird die Rolle der Tiere für die Seele angesprochen und wie sie der Seele helfen, ihre Aufgabe in der Welt zu erfüllen. Denn es ist nun einmal das Wesen des Schweines, in der Erde zu wühlen. Sogar die geschnitzten Hunde werden nun wirksam und führen das Mädchen auf ihren Weg:
An einem sonnigen Sommertag lief sie neugierig am Fluß hinauf der Quelle entgegen. Nachdem sie ein Stück gegangen war, kamen ihr drei lebhafte Hunde entgegen und begrüßten das Mädchen voller Freude. Nicht weit davon saß der junge König auf einem abgebrochenen Baumstamm und schnitzte an einem Hund. Als er das Mädchen erblickte, erinnerte er sich daran, wie er an ähnlicher Stelle im Wald seine Marie getroffen hatte, als sie ein Reh beschützen wollte, das er damals als Jäger verfolgt hatte. Das Mädchen fragte ihn, warum er solche Hunde schnitzte und dann in den Fluß warf, wo sie schon drei Stück davon gefunden hatte. Er schaute sie nachdenklich an und sprach: „Das Schnitzen erinnert mich an meine Frau, die vor vielen Jahren gestorben ist.“ Darauf setzte sie sich traurig zu ihm und erzählte zu seiner Freude, daß sie auch schnitzen könne. So saßen sie eine Weile zusammen, und das Mädchen schnitzte ein kleines Reh, das viel lebendiger aussah, als die Hunde des jungen Königs. Sie schenkte ihm das Reh, doch er mußte versprechen, gut darauf aufzupassen und es nicht wieder in den Fluß zu werfen. Er gab das Versprechen, und darauf sprang das Mädchen auf, denn es war Zeit ins Bauernhaus zurückzukehren. Zum Abschied erfuhr er noch ihren Namen „Lotte“. Seufzend schaute er ihr nach, denn so hatte er sich seine Tochter immer vorgestellt, die nun in ähnlichem Alter gewesen wäre.
So sitzt nun der junge König wieder mit einer Seele am Fluß des Lebens, und es geht erneut darum, die Formen der Natur zu beleben. Doch sie erkennen sich nicht, und es ist auch nicht seine Ehefrau. Trotzdem schenkt sie ihm eine Erinnerung, auf die er gut aufpassen soll. Hier kann man nun darüber nachdenken, ob nicht alle Dinge der Natur dafür gegeben werden, um den Geist daran zu erinnern, aus seiner Illusion zu erwachen. Denn „Lotte“ ist der Ruf nach „freiem Geist“, der natürlich auch ein achtsamer Geist sein muß. Vielleicht hätte er bereits auf seine wahren Kinder achtsamer aufpassen müssen und nicht so sehr der äußeren Natur vertrauen sollen?
Im Königsschloß erzählte er seiner Mutter von dem Mädchen, das er am Fluß getroffen hatte, und wie sie ihn an seine Ehefrau und Tochter erinnert hatte. Die alte Königin wurde sofort mißtrauisch. Schon am nächsten Tag ließ sie sich in ihrer Kutsche am Fluß entlangfahren, bis sie das Bauernhaus fand und die drei Königskinder entdeckte. Erschrocken sah sie die Erben der Königsherrschaft vor sich und dachte: „Nein, das darf nicht sein!“ Da faßte sie einen Plan, um sie endgültig zu töten. „Alles muß ich selber machen! Auf keinen Diener ist Verlaß!“ Bald darauf erschien sie als eine alte Kräuterfrau verkleidet, die sich den Fuß verstaucht hatte, am Bauernhaus und traf auf das Mädchen, das ihr sogleich helfen wollte. Sie führte die alte Frau zum Fluß, um den Fuß zu kühlen. Dort lenkte die Alte das Gespräch geschickt zu der großen Frage: „Wer sind deine wahren Eltern?“ Als das Mädchen keine Antwort wußte, erzählte sie ihr vom Vogel der Wahrheit, der im Zauberberg zu finden sei und alle Antworten kenne, wenn man ihm zwei magische Geschenke bringt, nämlich den goldenen Mistelzweig und das Wasser des Lebens. Mit dieser Vorstellung ließ sie das Mädchen zurück und verschwand mit der Hoffnung, daß die drei Königskinder im Zauberberg ebenso versteinert würden wie deren Mutter, das einfache Bauernmädchen, das sie nicht als Königin sehen wollte.
Nein, die äußere Natur darf keine innere Seele und keinen freien Geist haben! Ähnliches hören wir von führenden Naturwissenschaftlern. Und doch hat die Quantenphysik in diese Richtung viele Entdeckungen gemacht, die man aber gern in den Zauberberg verbannt und sagt: Die Zauberwelt im Mikrokosmos hat mit unserem Makrokosmos der äußeren Natur praktisch nichts zu tun. Dennoch ist es gerade die äußere Natur, die uns so große Fragen nach unserem Ursprung stellt, bis zur höchsten Selbsterkenntnis: „Wer bin ich?“ Sie gibt uns zwar keine Antwort darauf, aber weist uns den Weg. Über die Motivation dazu kann man natürlich streiten. Vielleicht ahnt sie auch, daß sie ihre äußerliche Herrschaft verlieren wird, wenn wir unser innerliches, wahres Wesen entdecken und aus der Abhängigkeit von den Naturgesetzen in die geistige Freiheit kommen. Davor haben vielleicht auch viele Naturwissenschaftler Angst und befürchten, ihre Macht als Gesetzeslehrer zu verlieren, wie es in ähnlicher Weise von der biblischen Christus-Kreuzigung berichtet wurde.
Interessant ist auch das Thema „Alles muß ich selber machen!“, das in unserer Geschichte noch eine große Rolle spielen wird. Darauf werden wir später noch ausführlicher eingehen.
Am Abend erzählte Lotte ihren beiden Brüdern von der Kräuterfrau und dem Vogel der Wahrheit im Zauberberg: „Er kann uns sagen, wer unsere Eltern sind.“ Fritz erwiderte: „Wer sie auch sind, sie wollten uns nicht.“ Und Theo meinte: „Es ist doch ganz gleich, wo wir herkommen. Wir haben es gut hier.“ Doch am nächsten Morgen verabschiedete sich Theo bereits sehr zeitig, um im Wald Feuerholz zu holen. Lotte lief ihm ahnungsvoll ein Stück nach und fragte: „Du gehst zum Zauberberg!?“ - „Ich bin der Älteste!“, antwortete er: „Wenn einer geht, dann ich.“ Sie umarmten sich noch einmal, und Lotte rief ihm nach: „Vergiß nicht den goldenen Mistelzweig und das Wasser des Lebens für den Vogel der Wahrheit!“ - „Ja, bis zum Sonnenuntergang bin ich zurück.“ Mit diesen Worten begab sich Theo auf den weiten Weg zum Zauberberg.
Hier zeigen sich wieder die drei Wesen der Kinder: Die verursachende Seele, der trennende Verstand und die ganzheitliche Vernunft. Und schließlich ist es die Vernunft, die sich als erstes der großen Frage nach der Selbsterkenntnis stellt und sich auf die Suche nach der Wahrheit begibt. So läuft nun die Zeit, bis die Sonne des Bewußtseins am Abend für das körperliche Leben untergeht. Dies scheint uns eine lange Zeit, doch der Weg ist weit.
Der Weg führte im Sonnenschein den Fluß hinab durch eine blühende Natur. Bald stand Theo vor einer dunklen Höhle, die tief in einen Berg führte. Doch er ging wie durch eine magische Wand und stand plötzlich wie in einer Spiegelwelt, in der wiederum eine Sonne schien, Berge standen und Bäume wuchsen. Verwundert sah er sich um. Da erblickte er einen großen Baum, auf dem die goldene Mistel wuchs. Entschlossen musterte er den Baum und überlegte, wie er am besten nach oben klettern könnte. Da strich ihm eine schnurrende Katze um die Füße. Doch er fühlte sich nur gestört und rief: „Hau ab, Katze, stör mich nicht! Ich muß da hoch!“ Mühsam kletterte er mit all seiner Kraft nach oben, bis in die hohe Krone des Baumes, wo die Äste immer dünner wurden. Weit streckte er dort seinen Arm aus, um nach der goldenen Mistel zu greifen. Doch da krachte es, und er fiel auf die Erde hinab und wurde zu einem Stein, wie wir ihn heute noch „Findling“ nennen.
Was ist das für eine Zauberwelt im Zauberberg? Hier könnten wir über eine innere geistige Welt nachdenken, die sich in der äußeren körperlichen Welt widerspiegelt. Dann würde es auch Sinn machen, dort nach der Wahrheit zu suchen, woher unsere Verkörperungen kommen und wer oder was wir in Wahrheit sind. So ist es vor allem eine symbolische Welt, in der wir die Ursachen für das Leben und auch den Tod finden können, wie sich der Geist in lebendiger Materie als Menschen, Hunde und Katzen verkörpert oder auch in toter Materie wie Holzhunde oder Steine. Entsprechend erinnert uns der große Baum an den Baum des Lebens, in dessen Krone eine goldene Mistel wächst. Die Mistel ist ein altes und sehr mystisches Symbol, denn sie hat ihre Wurzeln nicht in der Erde, sondern wächst sozusagen zwischen Himmel und Erde, wie die Seele zwischen Geist und Körper. Und weil die Mistel auch im Winter grün bleibt, und das Gold an die Reinheit erinnert, können wir darin bezüglich des Märchens ein Symbol für die reine unsterbliche Seele sehen, wie dann auch das Wasser des Lebens ein Symbol für den reinen ewigen Geist wäre. Das heißt: Um den Vogel der Wahrheit zu finden, benötigen wir eine reine unsterbliche Seele und einen reinen ewigen Geist, was natürlich Sinn macht.
Eine weitere große Frage ist: Wie kann die Vernunft aus der Krone des Lebensbaumes hinab zur Erde fallen und körperlich werden, ja, sogar ein Stein, den wir als tote Materie betrachten? Hier deutet uns die Märchensymbolik einige Denkrichtungen an: Einerseits, wenn man versucht, alles selber machen zu wollen, ohne sich von der lebendigen Natur helfen zu lassen, wie von der Katze, die sich anbietet. Was ist dieses „Selbermachen“ im Gegensatz zur „Selbsterkenntnis“? Fällt man dadurch aus der Krone der Ganzheit? Anderseits wird das „Ergreifen“ angedeutet, was zu einem Festhaltenwollen führt. Und was ist Materie anderes, als durch Kernkräfte festgehaltene Energie, wie es die Kernphysik erklärt? Einige Physiker sprechen sogar von gebundenem Licht, und Licht erinnert uns an Bewußtsein. In dieser Richtung könnte man sich symbolisch vorstellen, wie sich die Vernunft als ganzheitliches Bewußtsein verkörpern und sogar versteinern kann. Das ist wohl der Effekt, wenn das Bewußtsein versucht, die Seele zu ergreifen und festzuhalten, die doch jedem Wesen ganz natürlich gegeben wird. Ähnlich sagt auch Christus: „Wer sein Leben festhalten will, der wird es verlieren.“ Doch wer kann nun helfen? Wer kann den Stein wieder lebendig machen?
Als der Abend kam und die Sonne langsam unterging, standen Lotte und Fritz besorgt am Bauernhaus und schauten mit bangem Herzen in die Ferne. „Warum kehrt er nicht zurück? Ist ihm etwas passiert?“ Beim gemeinsamen Abendessen herrschte betretene Stille am Tisch, denn ein Stuhl blieb leer. Die Mutter schaute immer wieder zum Fenster hinaus, und der Vater fragte: „Wo bleibt denn Theo?“ Nach einer Weile gestand Lotte: „Theo war nicht im Wald, um Holz zu holen. Er ist zum Zauberberg gegangen, um den Vogel der Wahrheit zu finden, der uns sagen kann, wer unsere wahren Eltern sind.“ Erschrocken rief der Vater: „Was? Zum Zauberberg?“ Die Mutter schlug die Hände zusammen: „Von dort ist noch niemand zurückgekehrt. Man sagt, alle, die dorthin kamen, wurden versteinert.“ - „Dann dürfen wir nicht zögern!“, rief der Vater entschlossen: „Wir müssen ihn suchen. Komm, Fritz, wir brechen sogleich auf!“ Gesagt, getan. Sie gingen in die Nacht hinein durch den dunklen Wald. Da gruselte sich der kleine Fritz, doch der Vater nahm ihn an die Hand und beruhigte ihn: „Hab keine Angst, mein Kind. Ich werde dich beschützen.“ Im ersten, goldenen Morgenlicht fanden sie den Zauberberg. Der Vater wollte vorangehen, doch er konnte nicht hinein. Eine magische Wand hielt ihn zurück. Was er auch versuchte, mit all seiner Kraft kam er nicht hindurch. Da steckte Fritz seine Hand durch die magische Wand, und siehe da, sie öffnete sich wie von Zauberhand vor ihm. Noch ein Schritt, er schlüpfte in die Zauberwelt und verschwand vor den Augen des Vaters, der vergeblich versuchte, ihm zu folgen.
Wenn man die Vernunft verliert, ist es ganz natürlich, erschrocken zu sein und Angst zu haben. Und nachdem die Vernunft noch allein in den hellen Tag ging, finden wir nun das typische Gespann der Dualität von Körper und Verstand, die auf der Suche nach der Vernunft durch den dunklen Wald der Vorstellungen wie durch eine Nacht des Traumbewußtseins wandern. Zuerst beschützt der Körper den Verstand, und wenn das Kind größer wird, dann versucht der Verstand den Körper zu beschützen. Doch in die innerliche geistige Welt kommt natürlich nur der geistige Verstand und nicht der materielle Körper.
Verwundert stand der kleine Fritz in der Zauberwelt und rief nach seinem älteren Bruder Theo. Da erblickte er den großen Baum mit der goldenen Mistel in der Krone. Wieder schlich die Katze um seine Füße, doch auch er beachtete sie nicht, sondern überlegte, wie er an die Mistel kommen könnte. Da fiel ihm das kleine Katapult ein, das er sich einst gebaut hatte. Er sammelte ein paar Steinchen auf und schoß sie in die Krone des Baumes. Und siehe da, bald fiel ein goldener Mistelzweig herab. Damit ging er weiter, auf der Suche nach Theo, und kam zu einem hohen Felsen, an dem er oben die leuchtende Quelle vom Wasser des Lebens erblickte. Über ihr kreiste ein Falke, und Fritz rief: „Machst du dich über mich lustig, weil ich nicht fliegen kann? Na warte, ich werde es dir zeigen!“ Und er begann, mit all seiner Kraft und Geschicklichkeit den steilen Felsen hochzuklettern. Als er kurz vor der Quelle war, streckte er ihr seine Trinkflasche entgegen. Nur noch ein kleines Stück! Doch da rutschte er vom glatten Felsen ab, fiel hinab zur Erde und wurde wie sein älterer Bruder in einen Stein verwandelt.
Kommt uns das bekannt vor? Nachdem die Vernunft versteinert wurde, begann auch in unserer Welt der Verstand seinen Siegeszug der „wissenschaftlich-technischen Revolution“. Ausgeklügelte Maschinen sollen uns nun in allen Lebensbereichen helfen, unsere Ziele zu erreichen. Die Natur spielt sogar eine ganze Weile mit, gibt die Möglichkeiten dazu und gewährt große Erfolge. Und doch endet der Griff nach dem Wasser des Lebens in Absturz und toter Materie, denn auch die Maschinen sind vor allem tote Hilfsmittel, wie das Katapult und die Steinchen von Fritz. Doch es ist schon einmal ein Versuch, sich auf dem Weg zur Wahrheit von der Natur helfen zu lassen.
Als die goldene Morgensonne langsam höherstieg und niemand aus dem Wald nach Hause zurückkehrte, konnte die Mutter ihre Sorge nicht mehr ertragen und machte sich mit Lotte auf den Weg zum Zauberberg. Dort trafen sie den Vater, der verzweifelt vor der dunklen Höhle saß und auf Fritz und Theo wartete. Er erzählte ihnen, was geschehen war. Währenddessen ging Lotte einige Schritte weiter, fühlte zwar die magische Wand, doch konnte einfach hindurchgehen und verschwand. Die Mutter sah es, erschrak und wollte ihr folgen, doch sie prallte von der Wand wie von einem Felsen zurück. Der Vater winkte nur ab und sprach: „Laß es! Es hat keinen Sinn. Wir müssen hier warten, bis sie wieder herauskommen.“
Hier finden wir nun ein zweites Gespann der weiblichen Dualität als Körpernatur und Seele, das sich in der goldenen Morgensonne auf die Suche nach den männlichen bzw. geistigen Wesen begibt. Auch hier kommt nur die Seele in das Innere des Zauberberges, in die geistige Welt, wo sie ihre Brüder als Vernunft und Verstand sucht. Ihre körperlichen Eltern müssen in der äußeren Welt warten, bis sie wieder in die Welt der Formen „herauskommen“. Wunderbare Symbolik!
So kam nun auch Lotte in die goldene Zauberwelt und suchte nach ihren Brüdern. Da erblickte sie den großen Baum mit der goldenen Mistel in der Krone, und auch die Katze schlich um ihre Füße. Doch sie streichelte sie und fragte nach ihrem Bruder Theo. Daraufhin sprang die Katze auf einen Findling unter dem Baum. Lotte verstand die Botschaft des Tieres und erkannte, daß hier nur der Vogel der Wahrheit helfen kann. „Aber wie soll ich an den goldenen Zweig für ihn kommen, soweit oben im Baum?“ Da schnurrte die Katze und sprang leichtfüßig den Baumstamm empor. Lotte freute sich, und bald fiel ein goldener Mistelzweig aus dem Baum in ihre Hände. „Danke, liebe Katze!“ Und weiter ging sie ihren Weg. So kam sie zu dem hohen Felsen, wo oben die Quelle vom Wasser des Lebens leuchtete. Über ihr kreiste ein Falke, und sie fragte ihn, ob er ihren Bruder Fritz gesehen habe. Da flog er auf einen Findling am Fuß des Felsens, und Lotte verstand auch diese Botschaft des Tieres. Nun bat sie den Vogel, ihr zu helfen. Mit einer kleinen Trinkflasche flog er hinauf, kehrte zurück und ließ ihr die gefüllte Flasche mit dem Wasser des Lebens in den Schoß fallen. „Danke, lieber Vogel!“

So können wir nun auf wunderbare Weise lesen, wie Seele und lebendige Natur zusammenarbeiten, um die Ziele der Schöpfung zu erreichen. Denn es ist nun einmal das Wesen einer Katze, Bäume hochzuklettern und Nester zu räubern, und das Wesen eines Falken, als „Greifvogel“ in die Luft zu fliegen. Dieses Thema wurde bereits oben mit den Schweinen angedeutet, die ihr im Gemüsebeet halfen, sowie mit dem Reh, das ihrer Mutter Marie half, den Königssohn zu lieben, und auch mit den lebendigen und geschnitzten Hunden. Welche große Aufgabe haben die Tiere in unserer Welt?
Diesbezüglich könnte man über das biblische Gleichnis von der Schöpfung der Tiere und der Trennung Adams in Mann und Frau nachdenken. Dort heißt es: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gehilfin machen, die ihm entspricht. (1.Mose 2.18)« Und mit „allein“ ist hier wohl nicht das „All-Eine“ gemeint, sondern ein abgetrenntes Wesen, das „selber etwas machen will“, was der Mensch als „Ebenbild Gottes“ nicht sein sollte. Und die „Gehilfin“, die dieses getrenntlebende Wesen dringend braucht, ist die ganze Schöpfung und vor allem die Tiere, die dem Menschen am ähnlichsten sind, und in denen er sich als ganzheitliches bzw. göttliches Wesen wiedererkennen sollte: »Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte.« Nun könnte man fragen: Was wäre wohl geschehen, wenn Adam sich selbst und Gott als Ganzheit in allen Tieren erkannt hätte? Doch er erkannte sich nicht darin, weder körperlich noch geistig, sondern gab den Tieren unterschiedliche Namen. Um ihm weiter zu helfen, zerteilte ihn der Schöpfergott in Adam und Eva, und so stand er sich auch körperlich selbst gegenüber. Eine geniale Lösung, um sich selbst zu erkennen! »Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.« So erkannten sich Adam und Eva körperlich und wurden körperlich fruchtbar, aber nicht geistig. Und das ist wohl immer noch unsere große Aufgabe in dieser Welt, daß wir uns körperlich und geistig in Allem erkennen. Vielleicht kann man es auch so sagen: Gott hat die Trennung geschaffen, damit wir die Ganzheit wiederfinden. Er hat die Vergänglichkeit geschaffen, damit wir das Unvergängliche wiederfinden. In dieser Hinsicht hätte uns Gott nicht nur die Tiere, sondern die ganze Schöpfung als „Gehilfin“ gegeben, um uns darin selbst zu erkennen.
Nun ging sie weiter auf der Suche nach dem Vogel der Wahrheit, um einen Weg zu finden, ihre Brüder wieder lebendig zu machen. Bald kam sie zu einem großen Busch, in dem viele bunte Papageien saßen und alle durcheinander riefen: „Ich bin der Vogel der Wahrheit! - Nein, ich bin der Vogel der Wahrheit!“ Bis es ihr im Kopf schwindlig wurde. Da wandte sie sich ab und erblickte in einem niedrigen Büschlein einen kleinen, unscheinbaren Vogel. Und sie wußte sogleich: Das ist der Vogel der Wahrheit. Sie gab ihm den goldenen Mistelzweig und vom Wasser des Lebens. Da sprach der Vogel: „Ich soll der Vogel der Wahrheit sein? Bist du dir sicher?“ - „Ja, bitte sage mir, wie meine Brüder, die hier im Zauberberg versteinert wurden, wieder zum Leben erwachen können.“ - „Das soll ich wissen?“ - „Ja, du weißt doch alles. Bitte sag mir, was du weißt.“ - „Oh ja, jetzt fällt es mir ein: Mit dem Wasser aus der Quelle des Lebens! Bespritze einfach den Stein damit.“ - „Und dann?“ - „Das wars…“ Der Vogel flog davon, und Lotte rief ihm nach: „Danke lieber Vogel!“
Wunderbare Symbolik! Der große Busch mit den vielen verworrenen Ästen und bunten Papageien erinnert an unser gewöhnliches Kopfkino mit den verworrenen Gedanken und kunterbunten Stimmen, die alle die Wahrheit sprechen wollen. Wenn wir darauf hören, schwindelt uns irgendwann der Kopf, denn Schwindel kommt von Schwindeln, was dann oft sogar ein Lügen ist. Besser wäre ein kleiner Gedankenbusch, der eine Weile schweigen kann. Dann könnten wir eine Stimme hören, die wir Intuition nennen und aus einer viel tieferen Quelle kommt als die gewöhnlichen Gedanken. Um diese Intuition zu wecken und diese Quelle zur Wahrheit bewußt zu öffnen, benötigt man natürlich den goldenen Mistelzweig und das Wasser des Lebens als reine Seele und reinen Geist, die nicht an irgendwelchen Vorstellungen anhaften. Zumindest, wenn man die Wahrheit als das Grundlegende betrachtet: was war, bevor etwas wurde und sich an Formen gebunden hat.
Wunderbar, wer diese Quelle findet! Woher sonst hatte ein Jesus als Sohn eines einfachen Handwerkers sein Wissen? Oder ein Krishna, der in einem einfachen Hirtendorf aufwuchs? Oder was ganz in unserer Nähe geschah: Ein Jacob Böhme, der als einfacher Bauernsohn das Schusterhandwerk erlernte?
Im Märchenfilm wird der Vogel auf lustige Weise dargestellt, doch gerade damit wurde das einfältige Wesen der Intuition vorzüglich getroffen. Fein gemacht! Denn die wahre Intuition reagiert natürlich ganz anders als unser intellektueller Verstand, der alles ernsthaft zu wissen glaubt. So erfuhr Lotte den Weg, um ihre Brüder wieder lebendig zu machen. Nun wird hier mancher sagen: „Ach Lotte, das Wasser des Lebens auf den Stein zu spitzen, hätte dir auch selber einfallen können!“ Ja, doch das hätte vermutlich nicht funktioniert, weil es wieder ein „Selbermachen“ gewesen wäre, ohne die Quelle der Wahrheit gefunden zu haben.
So schnell sie konnte, lief sie zum hohen Felsen, an dessen Fuß der versteinerte Fritz lag. Sie bespritzte den Findling mit dem Wasser des Lebens aus ihrer Trinkflasche, und siehe da, er wurde wieder lebendig. Doch er wußte nicht, was ihm geschehen war. Erstaunt fragte er: „Lotte, was machst du denn hier?“ - „Ich bin so froh, daß du lebst!“ - „Na was denn sonst?“ - „Gerade warst du noch ein Stein.“ - „Ach, so ein Unsinn…“ Da flatterte ein Vogel heran und zwitscherte: „Doch, eben warst du noch ein dicker, großer Stein. Stimmt! Oder nicht?“ Fritz schaute ihn mit großen Augen an, jubelte, umarmte seine Schwester und rief: „Lotte, du hast es geschafft! Du hast den Vogel der Wahrheit gefunden!“
Die Trinkflasche mit dem Wasser des Lebens ist ebenfalls ein schönes Symbol, denn von diesem Geist, der alles lebendig macht, trinkt und lebt natürlich auch die Seele. Des weiteren kann man hier darüber nachdenken, wie sich unser waches Bewußtsein des Verstandes nur schwer vorstellen kann, sogar ein toter Stein sein zu können. Oder ist das gar keine Wahrheit?
Lotte sprach: „Ja, aber nun schnell, wir müssen noch Theo befreien!“ Also eilten sie zum großen Baum und bespritzten auch dort den Findling, den die Katze ihr gezeigt hatte. Da erwachte Theo wieder, erhob sich und fragte verwundert: „Was macht ihr denn hier? Ich habe euch doch gesagt, ich mache das ganz allein. Das ist hier viel zu gefährlich für euch.“ Fritz antwortete: „Ja, als Stein bekommt man wirklich nichts mit.“ Da erblickte Theo in den Händen seiner Schwester den goldenen Mistelzweig und die Trinkflasche mit dem Wasser des Lebens. Er umarmte sie und rief: „Lotte, du hast es geschafft!“ Sie antwortete: „Ja, die Tiere haben mir geholfen. Aber jetzt müssen wir uns beeilen, Mutter und Vater machen sich bestimmt Sorgen.“ Doch als sie sich zum Gehen wandten, sprach Fritz: „Wartet! Wollten wir nicht wissen, woher wir kommen?“
Hier zeigt sich nun die große Aufgabe der Seele in der Natur, nämlich die Vernunft lebendig erwachen zu lassen. Damit dient auch „Charlotte“ mit ihrem Namen dem „freien Geist“. Und wenn die Vernunft erwacht, dann erkennt sie als Vernunft, daß der Verstand und die Seele immer mit dabei sind. Das muß auch so sein, wenn die Vernunft ein ganzheitliches Bewußtsein ist. Dann wird sie auch erkennen, daß sie selbst eigentlich gar nicht handelt, sondern handeln läßt. Einen Teil macht der Verstand, doch im Grunde macht alles die Seele der Natur als Prinzip der Verursachung, und der freie Geist wird sich der Wirkungen bewußt.
Tue nichts, und alles ist getan. (Laotse)
Zu Recht tadelt der Verstand die schlafende bzw. unerwachte Vernunft, daß sie als Stein fast nichts mitbekommt. Deshalb sagen wir auch gern, ein Stein lebt nicht. Doch die Frage von Tod und Leben ist wiederum eine Verstandesfrage der begrifflichen Kategorisierung. Aus ganzheitlicher bzw. vernünftiger Sicht ist natürlich das ganze Universum lebendig, auch jeder Stein.
Schließlich kann man hier noch darüber nachdenken, warum Vernunft und Seele ihre Aufgabe im Zauberberg bereits als erfüllt betrachten? Ihnen reicht es natürlich zur Selbsterkenntnis, den reinen Geist und die reine Seele mit der Wahrheit gefunden zu haben. Nur der begriffliche Verstand fragt nun weiter nach den wahren Eltern, damit die Geschichte in der äußeren Welt weitergeht.
Da erschien der Vogel der Wahrheit, setzte sich auf einen Stein, und Lotte fragte ihn: „Lieber Vogel, wer hat uns zur Welt gebracht?“ Er antwortete: „Das soll ich wissen? … Ach, ich weiß es wirklich! Ihr seid die Kinder des Königs.“ - „Die Kinder des Königs?“, wiederholten alle drei erstaunt. Und Fritz setzte hinzu: „Das denkst du dir nur aus.“ - „Nein, es ist die Wahrheit. Ihr seid alle drei die Kinder von König Alexander und Königin Marie. Die Mutter des Königs - ihren Namen habe ich vergessen - hat euch aussetzen lassen. Sie wollte euch nach der Geburt töten, doch ihr Diener hatte Erbarmen. Aber euer Vater weiß nichts von euch.“ - „Und Marie?“, fragte Lotte. - „Die alte Königin hat Alexander glauben lassen, Marie sei gestorben. Doch sie ist gar nicht tot…“ Da rief Lotte: „Das müssen wir sofort dem König sagen!“ Schnell liefen sie davon, und Theo rief noch: „Danke lieber Vogel!“
So sagt uns der Vogel der Wahrheit, daß wir im Grunde alle Kinder des Königs sind, des höchsten Herrschers in dieser Welt, sozusagen „Gotteskinder“. Doch nur soweit, wie die ganzheitliche Vernunft eines ganzheitlichen bzw. göttlichen Bewußtseins in uns erwacht ist. Daher zweifelt der Fritz-Verstand noch und glaubt, daß dies nur ein Gedankenkonstrukt ist.
Warum konnte sich die Intuition nicht an den Namen der alten Königin erinnern? Im Film heißt sie Elisa, was „Gott hilft“ bedeuten kann. Ja, dafür sollte eigentlich die äußere Natur da sein, wie wir auch oben im biblischen Gleichnis die ganze Schöpfung als „Gehilfin“ erkannt haben. Doch sie selbst hatte wohl ihr wahres Wesen vergessen, als sie die Königskinder und deren Mutter nicht leben lassen wollte, so daß sie diesen Namen auch nicht mehr verdiente.
Aber eine Marie als Maria und Gottesmutter der Gotteskinder kann natürlich in Wahrheit nicht sterben. Dann gäbe es keinerlei Hoffnung mehr in der ganzen Schöpfung. Nun muß sich nur noch der junge König dieser Wahrheit bewußt werden, um ein „Alexander der Große“ zu sein.
Bemerkenswert ist noch, daß nun alle drei Königskinder die Stimme der Intuition hören, nachdem die Seele den Vogel der Wahrheit gefunden hatte, und daß sich jetzt auch Theo bei den Tieren bedankt, nachdem er mit Hilfe der Seele „erwacht“ ist. Starke Symbolik!
So kehrten schließlich alle drei wieder gemeinsam aus dem Zauberberg in die äußere Welt der Körperlichkeit zurück, wo ihre Eltern auf sie warteten. Was für eine Freude! Was für ein Glück, als sie ihre Kinder wieder in die Arme schließen konnten! Der Vater rief: „Wir dachten schon, wir sehen euch nie wieder.“ Doch Theo sprach: „Lotte hat uns gerettet.“ Fritz fügte hinzu: „Sie hat den Vogel der Wahrheit gefunden.“ Und Lotte offenbarte: „Stellt euch vor, wir sind die Kinder des Königs. Das hat uns der Vogel der Wahrheit gesagt, und auch, daß Marie gar nicht tot ist. Wir müssen schnell zum Schloß!“ Die Eltern standen verblüfft da und schauten ihre Kinder nachdenklich an. Doch schon bald fuhren sie gemeinsam in einer Eselskutsche bis vor die Tore des Schlosses. Dort verabschiedeten die Eltern mit mancher Träne ihre Kinder und sprachen: „Diesen Weg müßt ihr nun allein gehen. Doch wir sind immer für euch da.“
Hier finden wir wieder die Hilfe der Tiere vor der Eselskutsche, wie auch die Königsfamilie mit einer Pferdekutsche fährt. Unser Verstand hat dafür heutzutage viele künstliche Maschinen erfunden, um uns noch schneller und besser zu transportieren, aber oft ohne Vernunft. Entsprechend sehen wir auch die Schattenseiten der toten Maschinen als Umweltverschmutzung, wie die Straßen mit Autos vollgestopft sind, die Meere belastet und der blaue Himmel voller Krickelkrakel der Düsenflieger. Unsere Seele wünscht sich wohl mehr die Hilfe von lebendigen Wesen, wie uns das Märchen andeutet. Daher fährt die kleine Familie mit der Eselskutsche zum Königsschloß. Doch wie im Zauberberg, so müssen die drei Königskinder auch dort ihren Weg allein weitergehen. Und wir fragen uns: Haben nun die körperlichen Eltern ihrer Kinder verloren, die sie bisher gepflegt hatten und für die sie immer da waren?
Während die Kinder sich im Zauberberg befanden und die alte Königin glaubte, ihr Ziel erreicht zu haben, versuchte sie, den jungen König mit einer fremden Prinzessin zu verheiraten, die sie für ihn ausgesucht hatte. Umsonst sprach Alexander immer wieder: „Ich werde keine andere heiraten, denn ich liebe Marie noch immer.“ Doch die hartherzige Mutter drang auf ihn ein: „Ein König braucht eine Königin und einen Thronfolger! Was ist das für ein Schwächling, der zwölf Jahre um ein einfaches Bauernmädchen trauert! Marie war nichts weiter als eine elende Bauerndirne, die dir drei Hunde geboren hat. Hör auf mich, ich will doch nur dein Bestes!“ Aber der junge König antwortete: „Es geht dir doch nicht um mich, sondern nur um dich und deine Macht. Ich glaube dir kein Wort mehr! Du hast Marie von Anfang an verachtet.“
Ja, die Liebe zwischen Geist und Seele ist eine ewige und unvergängliche Liebe, sobald man sich ihrer bewußt wird. - Einen ähnlichen Neid und Kampf zwischen äußerer und innerer Natur haben wir in der Nibelungensage im Streit zwischen Brunhild und Kriemhild kennengelernt. Eigentlich sollten sie harmonisch zusammenarbeiten. Doch dafür muß eine ganzheitliche Vernunft herrschen. Diese war wohl hier als alter König und belebender Geist der alten Königin gestorben und ließ sozusagen eine tote Natur als Herrscherin zurück. Daher konnte sie weder das Wesen von Marie erkennen, noch zulassen, daß die Vernunft wieder lebendig wird und die Herrschaft in einer lebendigen Natur übernimmt.
Bald darauf betraten die drei Königskinder den Schloßhof. Dort kam ihnen der alte Diener der alten Königin entgegen und fragte sie, wohin sie wollten. „Bitte, wir müssen sofort zum König!“, antwortete Lotte. Der Diener schaute die drei Kinder nachdenklich an, und als er das Muttermal an dem Mädchen entdeckte, sank er vor ihnen auf die Knie und sprach: „Vergebt einem alten Mann seine Sünden! Ihr seid die Kinder des Königs. Ich habe euch damals alle drei ausgesetzt.“ Und Lotte antwortete: „Ihr habt uns das Leben gerettet, und wir stehen tief in Eurer Schuld. Doch nun müssen wir zum König, unserem Vater.“ Der Diener erhob sich mit Freudentränen in den Augen und führte die drei Kinder sogleich zum König.
Hier können wir wieder über die Rolle des Verstandes als Diener der äußeren Natur nachdenken. Er kann die Königskinder auf Wunsch der äußeren Natur töten oder sich erbarmen und sie im Fluß des Lebens aussetzen, um sie später wiederzuerkennen und zur Königsherrschaft zu führen. Ja, über die Rolle des gedanklichen Verstandes in unserer Welt kann man viel grübeln. Er kann uns in die Dunkelheit des Todes führen oder auch in die Lichtheit des Lebens. Denn er dient der körperlichen Natur unserer vergänglichen Welt in Zeit und Raum, die zwischen ewiger Dunkelheit und ewiger Lichtheit existiert. So dient er dem Tod und dem Leben. Was war dann seine Sünde? Man sagt, Sünde ist die Trennung von der Gottheit bzw. Ganzheit. Und er hatte die Kinder von Mutter und Vater getrennt, sozusagen den Fluß von seiner Quelle. Doch nun bringt er sie wieder zusammen. Wunderbar!
Hinter dem jungen König stand die alte Königin, und als der Diener die drei Kinder in den Saal brachte, erschrak sie zutiefst und rief: „Corbinian („Rabe“), bring dieses Gesindel weg!“ Doch der Diener stand und schwieg. Der junge König erkannte das Mädchen wieder, das er am Fluß getroffen hatte. Verwundert sprach er: „Lotte!?“ Und sie antwortete: „Ja, und wir müssen Euch etwas Wichtiges sagen: Marie ist nicht tot! Das hat uns der Vogel der Wahrheit gesagt.“ Erstaunt fragte der König: „Ihr wart beim Vogel der Wahrheit? Und das hat er euch gesagt?“ Theo antwortete: „Ja, Lotte hat alle Prüfungen bestanden, den goldenen Mistelzweig gewonnen, das Wasser des Lebens erhalten und mit dem Vogel der Wahrheit gesprochen.“ Und Fritz bestätigte: „Ja, das stimmt.“ Da wandte sich der junge König zu seiner Mutter um und fragte zutiefst betroffen: „Was hast du mit Marie gemacht?“ Doch sie antwortete verächtlich: „Ach, hätte ich doch diese Kinder eigenhändig ertränkt!“ Darauf sprach der König: „Du hast mich belogen und betrogen! Wo ist Marie? Wo sind meine Kinder?“ - „Sie war keine Frau für dich! Ich habe sie in den Zauberberg geschickt. Sie hatte es nicht anders verdient. Und das habe ich für dich getan.“ - „Du hast mir alles geraubt, mein Glück, meine Frau und meine Kinder. Wachen! Wachen, schafft sie in den Kerker!“ Daraufhin wurde die Königin abgeführt und in den Kerker unter dem Schloß eingesperrt.
So erwacht nun auch die Vernunft im König, und er erkennt, wie er von der äußeren Natur belogen und betrogen wurde. Ja, aus ganzheitlicher Sicht der Vernunft kann man die äußere Natur der vergänglichen Formen als Illusion erkennen und den Tod als Lüge betrachten. Doch sie sagt auch: „Das habe ich nur für dich getan.“ So kann man im Grunde auch erkennen, daß dies die äußere Natur wirklich nur für den Geist macht, sozusagen als „Gehilfin“, damit dieser aus seinem Traum erwachen kann. Nämlich zur „Selbsterkenntnis“, wie auch die Königskinder im Zauberberg den Zugang zur Wahrheit gefunden haben. Und das Paradoxe daran ist, daß der Geist dafür alles Eigene verlieren muß, „mein Glück, meine Frau und meine Kinder“, um in der Ganzheit alles wiederzufinden. Nur dann kann sich der vernünftige Geist als König über die äußere Natur erheben und zum wahren Herrscher werden, weil er selbst nicht mehr beherrscht wird. Dafür sorgen die „Wachen“ als Wachsamkeit. Vorzügliche Symbolik! Und über den Kerker werden wir am Ende noch nachdenken.
Dann wandte sich der König wieder den drei Kindern zu, und Lotte sprach: „Wir sind deine Kinder: Ich bin Lotte, das ist Fritz und das ist Theo.“ Was für eine Freude für den König! Nun erkannte er auch das Muttermal am Mädchen. Sie umarmten sich voller Glück, und dann sprach der König: „Nun müssen wir Marie finden.“ Darauf hatte Fritz die Idee: „Der Vogel der Wahrheit kann uns helfen.“ Mit der königlichen Kutsche waren sie schon bald am Zauberberg, in den sie gemeinsam hineingingen. Dort kamen sie zum großen Baum, in dessen Krone die goldene Mistel wuchs, und auf einem Stein saß der Vogel der Wahrheit. Lotte fragte ihn: „Bist du dir sicher, daß dieser Findling Marie ist?“ - „Marie?“, zwitscherte der Vogel, „Soll ich das wissen? ... Doch, ich weiß es: Ja, das ist sie!“, flog auf und davon, und alle schauten ihm nach. Dann bespritzte Lotte den Stein mit dem Wasser des Lebens aus ihrer Trinkflasche, und siehe - was für ein Wunder - da lag Marie auf der Erde und war wieder lebendig. Der König kniete sich zu ihr nieder und sprach: „Vergib mir! Meine Mutter hat mich glauben lassen, du wärst gestorben.“ Und sie antwortete: „Sie hat mich hierhergeschickt, um den Fluch zu lösen.“ Darauf half der König seiner Königin auf und offenbarte ihr: „Du bist nicht verflucht. Schau, das sind deine Kinder: Theo, Fritz und Lotte.“ Da umarmten und küßten sie sich voller Glück und Freude, weil sie sich alle wiedergefunden hatten.
So erkennt nun der herrschende König auch seine Königskinder als Vernunft, Verstand und Seele wieder, die ihm die Seele der Natur lebendig geboren hatte. Und im Zauberberg wird die Königin wieder lebendig und von ihrem Fluch erlöst, daß sie nur Tiere gebären könne. Hier kann man nun fragen: Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Vor allem nur die Ebene des Bewußtseins, so daß man gern von der Vernunft spricht, die der Mensch dem Tier voraushat. Ja, mögen wir alle diese ganzheitliche Vernunft finden und verwirklichen!
Weiter könnte man noch fragen, warum die königlichen Eltern in den Zauberberg kommen konnten, während die körperlichen Eltern von der magischen Wand zurückgehalten wurden? Das liegt wohl daran, daß die königlichen Eltern mehr geistige Eltern sind, die dann in das geistige bzw. innerliche Reich der Natur gehen und dort den Vogel der Wahrheit hören können.
Inzwischen waren die anderen Eltern mit der Eselskutsche in ihr Bauernhaus zurückgekehrt, das ihnen ohne die Kinder nun ganz leer und trostlos erschien. Als sie dann in ihrem Garten arbeiteten und ernteten, fragten sie sich: „Wer soll nun das ganze Gemüse essen?“ Da hörten sie plötzlich, wie eine Pferdekutsche näherkam und vor dem Garten anhielt. Es war die königliche Kutsche, die von Corbinian geführt wurde. Ach, wie groß war die Freude, als ihre drei Kinder heraussprangen und sie sich alle wieder in die Arme fielen! Dann stieg auch das Königspaar aus. Die Kinder standen zwischen ihnen, und Lotte brach das Schweigen und sagte: „Darf ich vorstellen: Das sind unsere Eltern Marie und Alexander. Und das sind unsere Eltern Emmi und Hans.“ Da umarmten sich auch die Eltern, und Marie gestand: „Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken kann.“ Darauf antwortete Emmi: „Es war doch unser größtes Glück.“ Danach begaben sie sich in den schönen Garten des Bauernhauses und feierten gemeinsam ein großes Fest. Sie aßen, tranken, sangen und tanzten. Der alte Corbinian lebte wieder auf, und auch die drei Hunde des Königs fühlten sich hier im Grünen pudelwohl. So fand das Märchen ein glückliches Ende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

Damit finden sich im Großen und Ganzen alle wieder zusammen: Die körperlichen Eltern, die für die körperliche Welt sorgen, und die geistigen Eltern, die für die geistige Welt sorgen, sowie ihre Kinder, die deren Weg in einer lebendigen Natur gemeinsam fortsetzen. Aus dem kleinen Bauernparadies wird ein paradiesisches Königreich, und die Königskinder finden in beiden Welten ihren Platz und ihre Aufgabe. Theo wird irgendwann ein guter König, Fritz ein guter Berater, und Lotte die gute Seele des Königreichs. Dann herrscht die Vernunft mit Verstand und Seele in ganzheitlicher Liebe, und der Vogel der Wahrheit wird immer mit dabeisein. Happy-End!
In dieser Hinsicht können wir auch über unsere ganzheitliche Geburt nachdenken, an der alle unsere Vorfahren beteiligt sind. Und das ganze Universum bis zum Urknall hat mehr oder wenig draufhingewirkt. Darin liegt dann auch die „Selbsterkenntnis“, wenn wir erkennen, wer wir in Wahrheit sind, bereits vor der Geburt waren und immer sein werden. Happy-Beginn!
Doch was geschah mit der alten Mutter im Kerker des Schlosses? Sie stand in ihrem königlichen Prachtkleid vor dem kleinen vergitterten Fenster und sah, wie die Sonne aus der hellen Welt in das dunkle Kerkerloch schien. Da rief sie in ihrem herrischen Ton: „Corbinian, laß mich hier raus! Das ist ein Befehl! Corbinian!“ Doch er hörte sie nicht mehr. Verzweifelt ließ sie sich auf einen alten Holzschemel fallen und schrie wie eine Verrückte, die den Verstand verloren hatte. Über ihr saß eine gurrende Taube im Gebälk. Vom Geschrei erschrocken fiel ein weißer Taubenschiß herab und traf sie mitten ins Gesicht. Da schloß sie die Augen und schwieg…
So endet der Märchenfilm. Es ist wohl in jedem Märchen eine große Herausforderung, das vermeintlich „Böse“, das die Geschichte angetrieben hat, schließlich irgendwie zu versöhnen und zu verarbeiten, wie es auch in unserem Leben eine große Herausforderung ist. Der Corbinian-Verstand, der bisher gedient hatte, hilft nun nicht mehr. Doch dafür hilft wieder ein Tier, wie sich dieses Thema durch das gesamte Märchen zieht. Die Taube wird oft als Symbol des Friedens und auch des Heiligen bzw. Heilsamen Geistes verwendet. Können wir darin den Vogel der Wahrheit wiederfinden? Zumindest sorgt die Taube hier für Demut und Frieden. Vielleicht kann die alte Königin schließlich doch noch ihrem Namen „Elisa“ mit der Bedeutung „Gott hilft“ gerecht werden. Was geschieht nun in ihrem Inneren mit der „Weisheit“ auf der Stirn? Und was geschieht äußerlich mit der alten Königin im Kerker? Welche reine Freude könnte in der Königsfamilie herrschen, wenn die Mutter und Großmutter im Schloßkerker gefangensitzt? Dazu könnten wir uns folgenden Schluß vorstellen:

Plötzlich flossen Tränen aus ihren Augen, denn ihr hartes Herz war gebrochen. Aus den Tränen wurde ein Fluß, der auf wunderbare Weise die kalte, dicke Kerkerwand öffnete. Ein Gang wurde sichtbar, wie in eine tiefe Höhle, und in der Tiefe erschien ein helles Licht. Sie erhob sich und ging dem Licht entgegen. So kam auch sie in den Zauberberg, und der Fluß ihrer Tränen führte sie zu dem großen Baum. Dort saß ein alter Mann, der auf sie wartete. Als sie in sein Gesicht blickte, erkannte sie ihn wieder: Es war ihr Ehemann und König, den sie verloren hatte. Aus Scham wollte sie sich verbergen, doch er erhob sich und fragte: „Warum weinst du?“ Da sank sie vor ihm nieder und antwortete: „Ich habe unseren Sohn belogen und betrogen, unsere Enkel verdammt und dein Reich mit Lügen befleckt. Ich wollte herrschen, doch habe alles verloren.“ Er aber nahm ihre Hand, so wie einst, als sie jung waren, und sagte: „Du hast verloren, ja, doch dadurch gewonnen. Denn wer seinen Stolz verliert, findet die Liebe.“ Dann führte er sie zur Quelle des ewigen Lebens. Und man sagt, sie herrschen noch heute als König und Königin vereint im Zauberberg.
Als dann das junge Königspaar ins Schloß zurückkehrte, gingen sie zuerst in den Kerker, um nach der Mutter zu sehen. Doch zu ihrer Überraschung war der Kerker leer, obwohl die Wachen versicherten, daß die Tür fest verschlossen geblieben war. Da hörten sie im Gebälk eine Taube gurren. Sie blickten zu ihr empor, und die Taube erzählte ihnen alles, was geschehen war. Dann flog sie durch das vergitterte Fenster davon…
Eins und Alles
(Johann Wolfgang von Goethe)
Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen
Sich aufzugeben ist Genuß.
Weltseele, komm' uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schafft und schuf.
Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebend'ges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.
Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
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Textinspiration und Titelbild: Die drei Königskinder, 2019, ARD/SWR |