Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Beowulf-Sage (Urtext): Der nächtliche Kampf mit Grendel

Sagentext nach altenglischer Urfassung
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]

10. Gelöbnis zur Nacht im Hirschsaal

Dann verließ König Hrodgar, der Hüter der Scyldinge, mit seiner Heldenschar die Halle, denn er wollte in Wealhtheows Armen ruhen. Der ruhmreiche König hatte, wie wir gehört haben, gegen Grendel einen Beschützer der Halle ernannt, der dem Herrscher der Dänen verpflichtet war und den Riesen abwehren sollte. Dieser Gotenheld vertraute tatsächlich fest auf seine Macht und die Gnade des Schöpfers. Daher legte er seine eiserne Rüstung ab, nahm den Helm vom Kopf und übergab sein Schwert, die erlesenste Waffe, einem seiner Gefolgsmänner, mit dem Befehl, die Kampfausrüstung gut zu bewachen. Bevor er sich dann auf sein Lager niederlegte, sprach Beowulf, der kampfmutige Gote, sein Gelöbnis mit folgenden Worten: „Ich schätze mich nicht schwächer an kämpferischer Kraft und Stärke als Grendel selbst. Deshalb will ich ihn nicht mit meinem Schwert töten und seines Lebens berauben, obwohl ich dazu fähig wäre. Er kennt die Kunst nicht, mit der scharfen Klinge zu kämpfen und des Gegners Schild zu zerschlagen, auch wenn er für seine feindseligen Taten bekannt ist. Wie er, so werde auch ich in der heutigen Nacht das Schwert nicht schwingen, wenn er waffenlos zum Kampf erscheint. Dann wird der allwissende Gott, der heilige Herr, ihm oder mir den Siegesruhm gewähren, wie es ihm angemessen erscheint.“ (687)

So verläßt nun Hrodgar mit seinem Gefolge die Kampfhalle und versucht, sich während der Nacht an der Seele als Prinzip der Verursachung im Reich der Natur festzuhalten, damit er am Morgen wieder in die Halle kommen kann. Diese Symbolik erinnert uns wieder an den Väterweg der Erneuerung im Kreislauf von Tag und Nacht, Sommer und Winter, sowie Leben und Tod über die Generationen hinweg. Über Nacht vertraut er die Kampfhalle der Seelenkraft Beowulfs an, damit sie dort allein und ganzheitlich wirken kann. Dazu legt Beowulf Helm und Rüstung ab. Was bedeutet das? Dieses Kunstwerk von Wieland für den begrifflichen Verstand war wohl nur so lange nötig, wie er mit dem König gesprochen hatte. Für den Kampf mit Grendel nützt sie ihm nichts, wie auch sein tödliches Schwert der Unterscheidung als Waffe des Verstandes. Hier nähern wir uns nun langsam der großen Frage, wie man Zerstörung und Tod überwinden kann? Kann man den Tod durch Töten überwinden? Kann man die Zerstörung durch Zerstörung überwinden? Oberflächlich scheint es zu funktionieren, wenn wir andere töten, um das eigene Leben zu erhalten, und wenn wir die Feinde zerstören, die uns zerstören wollen. Doch das ist eine Lösung des Verstandes und im Prinzip der Weg der Vergänglichkeit, auf dem man Grendel vielleicht einige Zeit verdrängen, aber niemals grundsätzlich besiegen kann. Diesen Kampf kann wohl nur das Prinzip der „Acht“ gewinnen, und zwar unmittelbar und direkt, ohne äußerliche Mittel, als ganzheitliches Wesen mit der heiligen Macht der allwissenden und allmächtigen Gottheit selbst. Die vergänglichen Bewußtseins-Ebenen der Nacht bzw. „Nicht-Acht“ können hier nur indirekt helfen, indem sie das große Gelübde hören und die Mittel des Verstandes bewachen.

Dazu gibt es auch in der Edda eine ähnliche Geschichte von Freyr als Kämpfer für den Neubeginn im Frühling, wo wir erstaunlich viele Symbole wiederfinden:
Skirnir („helles Licht“) wollte für Freyr um die Jungfrau Gerda („Garten“) werben und bat dafür um dessen Schwert. Das war ein so gutes Schwert, daß es von selbst focht. Freyr ließ es ihm daran nicht mangeln und gab ihm das Schwert. Da fuhr Skirnir und warb um die Jungfrau für ihn und erhielt die Verheißung, nach neun Nächten wolle sie an den Ort kommen, der Barri heiße (der Wald der stillen Wege), um mit Freyr Hochzeit zu halten. Freyr sprach: Lang ist eine Nacht, länger sind zwei, wie könnte ich drei ertragen? Oft erscheint mir eine halbe Nacht des Harrens länger als ein ganzer Monat.“ Das ist die Ursache, warum Freyr kein Schwert hatte, als er mit Beli (dem „Brüllenden“, Wintersturm) stritt und ihn mit einem Hirschhorn erschlug. Da sprach Gangleri: „Es ist sehr zu verwundern, daß ein solcher Häuptling, wie Freyr es ist, sein Schwert hingab ohne ein gleich gutes zu behalten. Ein erschrecklicher Schaden war ihm das, als er mit jenem Beli kämpfte, und ich glaube gewiß, daß ihn da seiner Gabe gereute.“ Darauf antwortete Har („der Hohe“): „Es lag wenig daran, als er dem Beli begegnete, denn Freyr hätte ihn mit der Hand töten können. Aber es kann geschehen, daß es den Freyr übler dünkt, sein Schwert zu missen, wenn Muspels Söhne (die „Weltzerstörer“) zum Streiten kommen.“ (Prosa Edda, Gylfis Verblendung, 38)

Mit diesen Worten legte sich Kampfesmutige nieder, und das Ruhekissen empfing sein edles Haupt. All die anderen tapferen Seemänner sanken in der hohen Halle um ihn herum in den Schlaf. Jeder von ihnen fürchtete, seine geliebte Heimat, sein Volk oder seine stolze Burg, in der er aufgewachsen war, nie wieder zusehen. Denn sie hatten gehört, wie der gewaltsame Tod in dieser Weinhalle schon so viele heldenhafte Dänen hinweggerafft hatte. Doch der Herrgott gewährte den Goten das gewebte Schicksal von Kampfglück, Schirm und Schutz, so daß sie den schrecklichen Feind durch die Kraft des Einen besiegen konnten. Damit wurde die Wahrheit kund, daß der allmächtige Gott immer für die Menschheit sorgt. -- Im Dunkel nahte nun der Schattenwandler. All die Kämpfer schliefen, welche die gehörnte Hirschhalle bewachen sollten, bis auf einen. Der wußte, daß ihn der grimmige Feind nicht in die Schattenwelt ziehen konnte, wenn es der Schöpfergott nicht wollte. So erwartete er wachsam, mutig und kampfbereit den haßerfüllten Feind. (709)

Hier sinken nun die vergänglichen Bewußtseins-Ebenen als Gefolge der reinen Achtsamkeit in den gewöhnlichen Schlaf des Unbewußtseins während der Nacht und müssen immer ihre Vergänglichkeit befürchten, wenn sie niemand wieder aufweckt. Doch dafür sorgt die Gottheit, daß nichts verlorengehen kann, denn aus der Ganzheit kann natürlich nichts herausfallen, weil es kein Außerhalb gibt. Doch woraus besteht diese Gottheit? Ewiges Bewußtsein, reines Licht, das Prinzip der „Acht“? So ist wohl alles nur eine Frage der Bewußtseins-Ebene.

Guten Abend, gut' Nacht - Mit Rosen bedacht
Mit Näglein besteckt - Schlupf unter die Deck'
Morgen früh, wenn Gott will - Wirst du wieder geweckt …

Guten Abend, gut' Nacht - Von Englein bewacht
Die zeigen im Traum - Dir Christkindleins Baum.
Schlafe nun selig und süß - Schau im Traum 's Paradies …

Wird deshalb der Wille Gottes so betont? Ja, denn der Ego-Wille kann natürlich als trennende Bewußtseins-Ebene niemals soweit kommen, um das Wesen von Zerstörung und Tod zu überwinden, weil er selber dazu beiträgt. Das kann nur ein Wille der Ganzheit bzw. Gottheit.

11. Der nächtliche Kampf beginnt

Schon bald kam Grendel vom Moor her durch die Nebelwände herangeschlichen, Gottes Zorn tragend. Der haßerfüllte Zerstörer beabsichtigte, sich aller Menschen in dieser Halle zu bemächtigen. So schritt er unter dem dunklen Wolkendach zur Weinhalle, bis er das goldene Gebäude der Menschen im Ganzen vor sich sah. Er kam nicht zum ersten Mal zu Hrodgars Halle, doch so alt er war, niemals zuvor noch danach konnte er hier so einen mächtigen Hallenwächter finden. So erreichte der gehässige Krieger zu seinem Unglück das Gebäude. Unter seiner gewaltigen Faust wich das feste Tor, trotz feuergeschmiedeter Riegel. Voller Haß öffnete der Unhold die Halle und schritt wütend über den buntverzierten Fußboden. Aus seinen Augen schoß ein zorniges Licht, wie verzehrende Feuerflammen. In der Halle sah er viele Helden schlafen, verwandte Männer und kühne Kämpfer. Da lachte sein Herz, und der gehässige Dämon hoffte, noch vor Tagesanbruch jedem das Leben und den Körper zu rauben und sich an diesem üppigen Festmahl zu erfreuen. Doch es sollte nicht sein Schicksal sein, nach dieser Nacht noch mehr Menschen zu verzehren. (736)

Was ist „Gottes Zorn“? Meister Eckhart sagt:
Sehen wir doch, daß in Gott weder Zorn noch Betrübnis ist, sondern (nur) Liebe und Freude. Scheint es auch, daß er mitunter über den Sünder zürne: Es ist nicht Zorn, es ist Liebe, denn es kommt aus großer göttlicher Liebe; die er liebt, die straft er ja, denn er ist die Liebe, die da ist der Heilige Geist. So also kommt der Zorn Gottes aus der Liebe, denn er zürnt ohne Bitternis. (Predigt 35)

So ist es wohl mehr Grendels Zorn und Haß auf die Ganzheit, welche hier als Symbol der Hirschhalle erscheint, die auf dem „buntverzierten Boden“ der natürlichen Vielfalt errichtet wurde. Können wir so ein Wesen auch in uns selbst finden, welches die Ganzheit und damit auch die Gottheit haßt? Wie können wir diesem feindlichen Zorn und Haß begegnen, wenn er uns ergreifen will?

Der mächtige Held, Hygelaks Neffe, beobachtete achtsam, wie der bösartige Mörder mit seinen Krallen schlagartig vorgehen wollte. Das Ungeheuer dachte nicht daran zu zögern, sondern ergriff mit blitzartigen Krallen den ersten, ihm nahen Schläfer, zerriß ihn hemmungslos und biß in den Leib, um das Blut zu trinken und das Fleisch zu fressen. Schnell hatte er den Leblosen mit Beinen und Armen ganz und gar verschlungen. Dann schritt er weiter und griff mit seinen Krallen nach dem heldenhaften Kämpfer auf seinem Ruhebett. Doch der Edle war achtsam, erkannte die bösartige Absicht des Feindes und packte ihn am Arm. Da erschrak der Haßerfüllte und erkannte, daß er in ganz Midgard, der Menschenwelt auf Erden, noch nie einem Mann begegnet war, der mit seiner Hand so mächtig zupacken konnte. Sogleich wurde er innerlich von größter Angst erfüllt, wollte fliehen, aber konnte es nicht. Sein Geist strebte mit aller Macht hinaus, zurück in die Dunkelheit, um die Höhle des Dämons aufzusuchen, denn dieser Kampf war ganz anders, als er es jemals erlebt hatte. (757)

Hier kann man nun überlegen, welcher Geselle von Beowulf zuerst von Grendel ergriffen und verschlungen wird? Vielleicht das materielle Prinzip der Erde als Körperlichkeit? Und warum schaut Beowulf zu und macht nichts „dagegen“? Er ist sich wohl bewußt, daß hier nichts verlorengehen kann, und vertraut auf die Gottheit. Darum gibt es natürlich auch keinen mächtigeren Menschen, denn hier geht es um die Ganzheit jenseits des Ego-Verstandes von Ich und die Anderen. So vereint das Prinzip der „Acht“ alle anderen Prinzipien in sich, sozusagen den ganzen Monat der „dreißig Männerstärke“ im Mondlichtzyklus. Und dieser ganzheitlichen Kraft und Macht war wohl Grendel noch nie begegnet. Warum nicht? Weil er sich als getrenntes Wesen in seiner Höhle versteckt, wo er das Licht der Ganzheit ausschließen will. Darin finden wir dann auch das übliche Wesen der Dämonen als Feinde der Götter. Die einen streben nach Trennung, und die anderen nach Ganzheit. Und dazwischen steht irgendwo der Mensch.

Da erinnerte sich der edle Held, Hygelaks Neffe, an sein Gelöbnis vom Abend, richtete sich auf und packte noch fester zu, bis die feindlichen Krallen brachen. Der Riese drängte hinaus, doch der Held folgte ihm auf jedem Schritt. Gern wäre der Dämon weiter hinaus geflohen, und von dort in das geheime Versteck im Moor, doch er wußte, daß seine Krallen in der Gewalt des Helden waren. So wurde es nun ein Weg des Leidens, den der haßerfüllte Krieger in die Hirschhalle gegangen war. Laut hallte der Kampflärm in der Halle wider und ließ im weiten Umkreis alle Dänen, Burgbewohner und tapferen Helden aufschrecken. Mit mächtiger Gewalt rangen die beiden Kämpfer. Das ganze Gebäude schwankte. Ein großes Wunder war es, daß die Weinhalle den Kämpfern standhielt und nicht in Trümmer stürzte, das schöngebaute Haus auf Erden. So fest war die Halle innen und außen mit geschmiedeten Eisenbändern geschickt verstrebt. Denn wie ich hörte, zerbrach nur manche goldgeschmückte Met-Bank, auf denen die beiden kämpften. So hatten es auch die Weisen der Scyldinge erwartet, daß die herrliche, horngeschmückte Halle kein Sterblicher jemals zerstören konnte, weder mit Kraft noch mit List, es sei denn, die Umarmung des Feuers verschlänge sie im Inferno. Ein bisher ungehörter Lärm erscholl, und entsetzliches Grauen drang in die Herzen aller Dänen, die von der hohen Halle her das Geheul vernahmen, das grausige Lied des Besiegten, das der Feind Gottes sang, der als Gefangener der Hölle seine Schmerzen beklagte. Denn er wurde von einem Mann festgehalten, der damals der Stärkste und Mächtigste aller Menschen war. (790)

Was nun hier aus geistiger Sicht geschieht, ist schwer zu erklären. Wer sich schon mit Meditationstechniken beschäftigt hat, kann hier den Weg der Konzentration auf ein Objekt wiederfinden. Dabei geht es nicht darum, die äußerliche Form zu „ergreifen“, denn das ist der Weg von Grendel, sondern das Objekt im Ganzen bewußt wahrzunehmen und keine Trennung zuzulassen. Was geschieht dann mit einem Objekt in der Ganzheit, wenn es sich nicht mehr abtrennen kann? Ja, in diesem Kampf, der vollkommen anders ist als alle anderen Kämpfe, kommt natürlich auch die ganze Kampfhalle ins Wanken, die von der Weisheit für diesen Kampf geschaffen wurde. Doch die Ganzheit kann in Wahrheit niemals zerbrechen…

So geht es hier im Grunde um die Bewußtseinsebene der reinen Achtsamkeit, das traumlose Wachsein, den Götterweg der Erleuchtung und Erlösung im reinen Licht. Wer kann ihn gehen? Was ist das für ein außergewöhnlicher Kampf ohne begriffliche Rüstung und tödliches Schwert jenseits des Verstandes, der vielen Menschen so schrecklich, schmerzlich und grauenhaft erscheint? Was ist das für ein Kampflärm, der in dieser ganzheitlichen Halle als höllisches Leiden widerhallt und die Menschen aus ihrem Schlaf aufweckt? Ist das die Glocke zum Erwachen?

12. Der Sieg über Grendel und das Siegeszeichen

Der Beschützer der Helden sah keinen Grund, den leidigen Mörder lebendig entkommen zu lassen, dessen Lebenstage wohl keinem Menschen nützlich waren. Dazu schwangen nun auch die Gefolgsmänner von Beowulf ihre ererbten Waffen, um das Leben ihres Führers und Herrn zu verteidigen, so gut sie konnten. Tapfer schlugen sie von allen Seiten zu, um die Seele des Feindes zu treffen. Doch sie wußten nicht, als sie sich in den Kampf gegen den sündhaften Zerstörer stürzten, daß ihn keine Schwertschneide der Welt verletzen konnte, sei sie auch noch so scharf geschmiedet. Durch seinen Schwur (des Hasses) war er gegen jede feindliche Waffe gefeit, gegen jede drohende Schneide. Trotzdem sollte noch an diesem Tag sein Leben im Elend enden und sein feindlicher Geist in die dämonische Hölle sinken. (808)

Warum können ihm die Gesellen mit ihren ererbten Waffen, die ihrem jeweiligen Wesen entsprechen, in diesem Kampf nicht helfen? Es sind wohl Bewußtseinsebenen und Mittel der Trennung, womit man den Haß und damit auch die Zerstörung und den Tod niemals besiegen kann, denn dieser lebt und ernährt sich von der Trennung. Nur ein ganzheitliches Bewußtsein kann diesen Kampf gewinnen. Und doch ist es wohl wichtig, daß in dieser Nacht alle Gesellen erwachen und diesen Kampf bezeugen, um daraus zu lernen, zumindest bis auf den einen, den Grendel schon verschlungen hatte.

Da erkannte Grendel, der Gott haßte und mit feindlichem Sinn an der Menschheit schon so viele Greueltaten begangen hatte, daß ihm sein Körper nicht mehr dienen konnte, den Hygelaks Neffe mit mächtiger Hand gepackt hatte. Es gelang ihm nicht, sich lebendig von ihm zu trennen. (Trotzdem versuchte er es mit aller Gewalt.) Da fühlte der schreckliche Riese unerträgliche Schmerzen in seinem Körper, an der Schulter klaffte eine große Wunde, die Sehnen zerrissen, und die Knochen zerbrachen. Beowulf gewann den Ruhm des Siegers, und Grendel mußte tödlich verwundet ins tiefe Moor fliehen, ins freudlose Heim. Er wußte sicher, daß nun sein Lebensende nahte, und seine Tage gezählt waren. (823)

Vorzügliche Symbolik! Darüber kann man viel nachdenken, wie sich Grendel selbst zerreißt und zertrennt, sich damit großes Leiden schafft, sich selbst verwundet und dann auch tötet, denn Trennung bedeutet schließlich Tod. Denn wie könnte es ohne Trennung irgendeinen Tod als Ende des Lebens geben? Dann müßte das Ganze sterben, und es gäbe gar kein Leben mehr. Doch selbst das kann sich der menschliche Verstand vorstellen, wie Friedrich Nietzsche vom „tollen Menschen“ schrieb:
„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? …“ (Fröhliche Wissenschaft)

Wenn auch Beowulf die Ganzheit noch nicht vollkommen erreichen konnte, so zeigt er zumindest seinem Gefolge und damit auch unserem Verstand deutlich, wie Trennung entsteht, Leiden entsteht und Tod entsteht, aber auch, wie diese überwunden und besiegt werden können.

So wurde nach gewaltigem Kampf der Wunsch der Dänen erfüllt, denn der fremde, weise und mutige Held hatte Hrodgars Halle gereinigt und vom Feind befreit. Da freute sich der Gotenheld seines nächtlichen Werkes, daß er mit mächtiger Kraft sein kühnes Versprechen erfüllen konnte, welches er den Dänen gab. Von großem Leiden hatte er sie geheilt und ihre Angst gelindert, von quälender Sorge befreit und von schwerem Schicksal und elender Not erlöst, die sie lange erdulden mußten. Als sichtbares Zeichen hängte der siegreiche Held Grendels Schulter, Arm und Hand unter das hohe Hallendach, die ganze schreckliche Kralle seines Griffs. (836)

Über den „Greif“ als Ursache der Verkörperung und des Egos haben wir in der Wolfdietrich- und Hagelingsage schon viel nachgedacht. Hier finden wir nun ein ähnliches Symbol für das Ergreifen- und Festhaltenwollen in Form von Grendels Kralle. Doch was ist nun der Unterschied zwischen Grendels „Ergreifen“ und Beowulfs „Zupacken“? Hier kann man wieder an die beiden prinzipiellen Wege denken, entweder in die Trennung oder zur Ganzheit. Und so kämpft der eine mit Haß und Begierde, und der andere mit Liebe und Hingabe. Das Siegeszeichen dieses Kampfes ist die Erkenntnis des grundlegenden Werkzeuges für Zerstörung und Tod, das nun in der Kampfhalle allen sichtbar wird, nämlich die Greifkralle, die symbolisch aus drei Teilen besteht, wie alles in der Natur im Dreiecksprinzip wirkt. Hier könnte man wieder an Begierde, Haß und Unwissenheit denken, die Hand als greifende Begierde, die Schulter als schuldiger Haß und der Arm als ärmliches Unwissen.

Interessanterweise wird auch von Walhall ein ähnliches Symbol beschrieben, daß über dem Westtor, wo zur Nacht die Sonne untergeht, ein Adler als Greifvogel hängt und darunter ein Wolf:
Die zu Odin kommen und ihn sehen, können leicht seine Halle erkennen. Angehangen vor dem Westtor gewahren sie den Wolf, und über ihm den Adler. (Lied von Grimnir, 10)

Hier erinnert uns das Westtor in die Nacht an die Unwissenheit des Nacht-Bewußtseins, der Adler an das Ergreifenwollen der Begierde, und der Wolf an das Verlierenkönnen der Vergänglichkeit, das daran hängt.

13. Ein neuer Morgen und die Geschichte von Siegmund

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing, praise for the morning
Praise for them springing fresh from the wor(l)d

Der Morgen ist angebrochen, wie der allererste Morgen
Die Amsel hat gesungen, wie der allererste Vogel
Gepriesen sei der Gesang, gepriesen sei der Morgen
Gepriesen sei ihre Schöpfung, erneut aus dem Wort (der Welt)

Der Morgen begann, und wie ich hörte, kamen viele Kämpfer zur Gabenhalle: Die Besten des Volkes kamen von nah und fern auf ihren Wegen daher, um das Wunder zu schauen und den blutigen Spuren des Feindes zu folgen. Keiner, der die Spuren des Ruhmlosen sah, bedauerte dessen Abschied vom Leben, wie er machtlos fortgeschlichen war, besiegt im Kampf, und sich tödlich verwundet in seine Dämonenhöhle zurückgezogen hatte. Blutig brodelte dort das Wasser, und schrecklich wirbelnde Wellen vermischten sich mit dem geronnenen Blut, dem Blut aus der Wunde des Todgeweihten, der aller Freude beraubt im tiefen Moor sein Leben lassen mußte, eine gottlose Seele, von der Hölle umfangen. Dann eilten die alten und auch jungen Helden zurück, vom Moor heimwärts, auf falben Rossen (hellbraun mit dunkler Mähne) im fröhlichen Ritt. Laut erscholl von ihren Lippen das Lob Beowulfs. Viele sagten, daß süd- und nordwärts zwischen all den Meeren auf der ganzen Erde kein besserer Held unter dem weiten Himmel zu finden sei, kein Träger des Schildes, der des Königsthrones würdiger wäre. Doch damit tadelten sie in keiner Weise ihren geliebten Freund und Herrn, denn auch der edle Hrodgar war ein guter König. Zuweilen ließen die tapferen Kämpfer die Falben springen oder um die Wette laufen, wenn die gegebenen Wege dazu geeignet waren. (867)

Welchen Sinn hat es, daß nach einem solchen Sieg in der Welt ein neuer Tag beginnt? So geht es wohl in diesem Kapitel aus geistiger Sicht vor allem um das Lernen in Bezug auf Vorbilder. Und so folgen die Helden den Spuren des Kampfes, werden sich des dunklen Sumpfes bewußt, sowie des Blutes im Wasser des Lebens und der Wellen auf dem Wasser. Sie preisen den Helden, der diesen großen Kampf gewinnen konnte, und reiten auf ihren Körperpferden im Wettkampf, um auch selbst das große Ziel zu erreichen. Dazu tritt nun wieder der königliche Spielmann auf, der von den Geschichten singt, die sich schicksalhaft in der Welt verwirklichen wollen:

Zuweilen sang ein Spielmann des Königs, der die Dichtkunst beherrschte und viele alte Sagen kannte, den edlen Helden ein Lied, indem er die Wahrheit in Worte faßte. Kunstvoll besang er Beowulfs Heldentat und ließ geschickt die gereimten Verse fließen, daß sich ein Reim zum anderen fügte. Dann sang er auch von vielem, was er von Siegmund einst sagen hörte, von den geheimnisvollen Wundertaten des Sohnes von Wölsung, seinen Irrwegen, Kämpfen und schrecklichen Taten, die kein Mensch jemals völlig erfuhr, außer seinem Neffen Fitela, dem der Oheim alles anvertraute. Denn in jedem Kampf waren sie notwendige Gefährten und hatten gemeinsam mit ihren Schwertern viele übermächtige Riesen niedergestreckt. Doch nach seinem Tod gewann vor allem Siegmund großen Ruhm, denn der unschlagbare Held hatte den mächtigen Drachen getötet, der den Schatz hütete. In der uralten grauen Steinhöhle wagte er ganz allein den gefährlichen Kampf. Fitela war nicht bei ihm. Dennoch war es ihm vergönnt, mit seinem Schwert den wundersamen Lindwurm zu durchbohren, bis das edle Eisen im groben Gestein feststeckte. Der Drache starb, und so hatte es der mutige Kämpfer erreicht, daß er über den goldenen Schatz der Ringe nach Belieben verfügen konnte. Da belud der Sohn von Wölsung sein Schiff und brachte den glänzenden Schatz in dessen Bauch, während der Lindwurm in seiner eigenen Hitze zerschmolz. So wurde er durch seine Tat der Berühmteste unter den Helden aller Völker und ein Vorbild der Kämpfer, seit König Heremod seine kämpferische Kraft, seinen tapferen Mut und allen Ruhm verloren hatte. Denn die Riesen (von Begierde und Haß) hatten ihn betrogen und schnell verführt, so daß ihn seine hin- und herwogenden Sorgen zu lange bedrückten und lähmten. Damit wurde er für sein Volk und alle Edelmänner zu einer großen, lebensfeindlichen Last. Viele von ihnen betrauerten den Irrweg des hartherzigen Königs, denn viele der weisen Helden hatten sich von ihm eine Hilfe in ihrer Not erhofft, wenn das Königskind heranwächst und den Thron seines Vaters einnimmt, um das Volk, die Schätze und die Burgen zu beschützen, das Reich der Helden und das Erbe der Scyldinge. - Viel hilfreicher für die Menschheit war nun Hygelaks Neffe, während die anderen für sich selber kämpften. (915)

Neben Beowulf werden hier vom Spielmann zwei weitere Vorbilder besungen, ein gutes und ein schlechtes. Siegmund konnte die Riesen besiegen und sogar den Ego-Drachen, um den Schatz der goldenen Ringe zu gewinnen, als Symbol der Wahrheit und Ganzheit, was wohl das Höchste ist, das der Mensch in dieser Welt erreichen kann. Dagegen wurde Heremod von den Riesen überwältigt und ging als tyrannischer Ego-König den Weg von Begierde und Haß, zum Leidwesen seines Königs. So läßt sich auch der altenglische Name Heremod von „here“ als englisch „army, war“ und „mód“ als englisch „mind, mood” ableiten, was an einen „launenhaften Kampf-Verstand“ erinnert. Diesbezüglich könnte man in Heremod den König sehen, der die Dänen regierte, bevor Scyld in seinem Boot ankam und zum König wurde.

Siegmund wäre dann der „Sieg-Beschützer“, und Fitela erinnert an die „vitale Lebenskraft“, der hier sicherlich nicht umsonst als Neffe genannt wird und wohl der Schlüssel zum tiefsinnigen Rätsel dieses Gesangs ist. Denn wer die Nibelungen-Sage von Siegmund kennt, der weiß natürlich, daß dessen Sohn Siegfried den Drachen getötet hatte und den Nibelungenschatz zwar gewann, aber sich nicht persönlich aneignete. Warum sollte man sich auch etwas aneignen, was man nicht verlieren kann? Nur Vergängliches kann man verlieren. Und wer die Wölsung-Sage kennt, der weiß, daß auch bezüglich dieser Geschichte Siegmunds Sohn verheimlicht wird, der dort Sinfjötli hieß und zwar sein Neffe als Schwestersohn war, aber gleichzeitig auch sein leiblicher Sohn, den er mit seiner Zwillingsschwester gezeugt hatte. Damit möchte der Sänger wohl andeuten, daß gewöhnlich die Könige im Vordergrund stehen und der wirkliche Held oft nicht den Ruhm erntet, der ihm gebührt. So ist auch Beowulf ein Neffe seines Königs Hygelak, der hier als Schwestersohn den Ruhm dieser großen Tat verdient und auch als größeres Vorbild zu achten und zu verehren ist, vor allem, weil er uneigennützig zum Wohl der ganzen Menschheit handelte.

Aus geistiger Sicht kann man unter dem „Schwestersohn“ den Sohn der Seele sehen, der vom Geist gezeugt wurde und sozusagen zur „Seelenkraft“ wird, zur „vitalen Lebenskraft“, die in Wirklichkeit alle Taten in dieser Welt vollbringt, aber gewöhnlich nicht erkannt wird, weil der herrschende Geist die Früchte davon erntet. Auch hier kann man im Prinzip wieder an die beiden Wege denken, entweder in die Trennung oder in die Ganzheit, entweder mit dem begrifflichen Verstand für den einzelnen Menschen oder über den Verstand hinaus mit ganzheitlicher Vernunft für die ganze Menschheit. Vor allem Könige haben es hier schwer, weil sie ja ohne Verstand nicht regieren und die Interessen ihres Volkes bzw. Körpers vertreten können. So könnte auch der plötzliche Übergang zwischen der Geschichte von Siegmund zu Heremod darauf hindeuten, wie schnell ein Siegmund zum tyrannischen Heremod werden kann, wenn man sich nicht seiner ganzheitlichen Seelenkraft bewußt wird, die hier in der Rolle von Beowulf erscheint, und diese achtet und ehrt, wie die Sage nun auch weitergeht. Denn wer die Seelenkraft ehrt, der ehrt den Weg der Ganzheit, den Weg der Einherier im göttlichen Kampf um die Einheit.

So ritten die Helden in raschem Wettlauf auf staubiger Straße. Die Morgensonne stieg höher, und manch entschlossener Kämpfer ging jetzt zur hohen Halle, um das große Wunder zu schauen. Auch der König selbst trat würdig aus dem Gemach seiner Ehefrau, der berühmte Hüter des Schatzes der goldenen Ringe, und schritt mit seinem großen und edlen Gefolge an der Seite seiner Königin, der ihre Jungfrauen folgten, den Weg zur Met-Halle. (924)

In dieser Hinsicht ist wohl auch das Vorbild von Beowulf gemeint, nämlich über den gewöhnlichen Verstand aller guten und schlechten Vorbilder hinaus, in der aufsteigenden Morgensonne auf dem Weg zur hohen Met-Halle, wo der Schatz der goldenen Ringe als ganzheitliche Wahrheit bewahrt wird.

14. Danksagung

Hrodgar ging in die Halle, blieb auf den Stufen stehen, betrachtete staunend Grendels Kralle unter dem goldenen Dach und sprach: „Für diesen Anblick sei Dank dem ewigen Allherrscher! Viel Leid und Kummer habe ich durch Grendel erfahren. Doch Gott kann immer wieder Wunder bewirken, der ewige Wächter des Ruhms. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, so lange ich auch lebte, des bitteren Leidens ledig zu werden, daß das edelste aller Gebäude so blutbesudelt vom Mord an den Helden dastand. Diese große Sorge überwog alles andere, eine endlose Verzweiflung meiner weisen Berater, die im Laufe ihres Lebens die Festung der Nationen vor Feinden, Dämonen und Ungeheuern schützen sollten. Doch nun hat ein Held mit Gottes Hilfe diese Großtat vollbracht, die wir mit all unserer Weisheit nicht erreichen konnten. Mit Recht kann man der Frau sagen, die diesen Helden gebar, wenn sie heute noch unter Menschen lebt, daß der uralte Schöpfergott zu des Sohnes Empfängnis seinen Segen gab. Mein lieber Beowulf, Bester aller Männer, ich werde dich nun wie einen Sohn in meinem Herzen lieben. Pflege fortan diese neue Verwandtschaft! Es soll dir an weltlichem Gut nichts fehlen, soweit es in meiner Macht steht. Schon oft habe ich geringere Dienste reich belohnt und mit Schätzen Helden geehrt, die im Kampf weniger erfolgreich waren. Durch deine Taten hast du es selbst erreicht, daß dein Ruhm für immer und ewig lebt. Möge dir der Allwaltende solche Taten auch weiterhin mit Güte vergelten, wie er es bisher getan hat!“ (956)

Im altenglischen Urtext werden vor allem zwei Worte für Gott verwendet, „god“ und „metod“. Ersterer bezeichnet mehr den Opfergott, der bezeugt, schöpfen und fließen läßt, und letzterer den Schöpfergott oder auch Schicksalsgott. Beide bezeichnen ein ganzheitliches Wesen. Ersterer erinnert auch an altenglisch „gód“ für gut, Gutsein, Güte, Gutheit und Gaben, und letzterer an altenglisch „medo, meodo, medu“ für den Met, den wir als Symbol für den Göttertrank der Ganzheit sehen können. Für diese beiden Aspekte werden vereinzelt noch zwei weitere Namen genannt, der „ælmihtig“ als Allmächtiger und der „alwalda“ als Allwaltender.

So bedankt sich nun König Hrodgar nicht nur bei Gott für dieses große Tat, sondern auch bei Beowulf, der Seelenkraft, die er jetzt als seinen geistigen Sohn im Herzen annimmt. Damit wird wohl der Kreis zu der obigen Rätsel-Geschichte von Siegmund geschlossen, in welcher der Sänger als Herausforderung für die Hörer das entscheidende Wirken des Sohnes verheimlicht hatte.

Darauf sprach Beowulf, Ecgtheows Sohn: „Willig und gern wurde dieses Werk vollbracht, und kühn gewagt der Kampf mit dem mächtigen Feind. Doch mir wäre es lieber, du könntest jetzt den ganzen Leib des Dämons sehen, der dem Kampf erlag. Meine Absicht war es, ihn auf meinem Ruhebett sogleich mit festem Griff im Kampf zu packen, so daß er im Griff meiner Hand um sein Leben ringen müsse und sein Körper nicht entkommen könne. Doch ich konnte nicht verhindern, daß er sich losriß. Es war wohl nicht des Schöpfergottes Wille, so daß mir die Kraft fehlte, den tödlichen Feind zu halten. Er war zu mächtig und entkam auf seinen Füßen. Doch mußte er seine Hand mit Arm und Schulter hierlassen, um sein Leben zu retten. Aber damit hat sich der Elende keinen Sieg gewonnen, denn der haßerfüllte Zerstörer wird nicht mehr lange leben, von seinen eigenen Sünden niedergeworfen. Die Wunde hat ihn mit der Fessel des Schmerzes gebunden, und dort muß das mit Verbrechen befleckte Geschöpf auf das große Gericht warten, das ihm der strahlende Schöpfer verordnen wird.“ (979)

Hier wird nun der schwer verständliche Kampf mit Grendel noch etwas deutlicher beschrieben, denn Beowulf vollbringt diese große Tat ohne die begriffliche Verstandes-Rüstung und ohne das Schwert des Tötens. Als grundlegende Kraft kann man die uneigennützige Liebe sehen, hinter der natürlich die ganzheitliche bzw. göttliche All-Liebe steht. Was ist dann der Unterschied, ob der Leib getötet oder „vom Kampf erschöpft“ wird? Darüber kann man viel nachdenken. Das Töten erinnert an das Abtrennen und Verdrängen einer Wirkung, das Ausschöpfen an ein Auswirken, um auch die Ursache für die Wirkung aufzulösen. Letzteren Weg kennen wir auch von den Yogis, die in dieser Welt leben, um das angesammelte Karma ihre Handlungen sich auswirken zu lassen, aber ohne neues Karma anzusammeln. Das kann natürlich nur funktionieren, wenn auch die gedankliche Vorstellung eines Handelnden als Ich-Bewußtsein abgebaut wird, was wiederum nur durch uneigennütziges Handeln in der ganzheitlichen All-Liebe möglich ist. Nur so kann man auch das dämonische Wesen von Haß, Zerstörung und Tod überwinden. Denn sobald man mit Haßgedanken oder Tötenwollen dagegen kämpft, wird es logischerweise nur immer stärker, weil es sich davon ernährt. Es geht hier also um einen ganz besonderen Kampf, der nicht „gegen irgendetwas“ kämpft. So war es wohl auch Beowulfs Absicht, auf dem Ruhebett als „Nichthandelnder“ zu verweilen, doch mit einem wachen und traumlosen Bewußtsein auf einer so hohen Ebene der Ganzheit, wo es keine Trennung mehr geben kann.

Hier könnte man nun fragen, was geschehen wäre, wenn er es geschafft hätte, wie beabsichtigt, ohne daß sich Grendel losreißen und zertrennen konnte? Dann hätte er wohl Wirkung und Ursache gleichzeitig besiegen und das ganze Wesen von Grendel in der ganzheitlichen Kampfhalle aufzeigen bzw. bewußt machen können. Doch so konnte er „nur“ die Wirkung als das Werkzeug in Form von Grendels Kralle besiegen und in der Ganzheit bewußt machen, was bereits eine überaus große Tat war, die der gewöhnliche Verstand kaum begreifen kann:

Auch Unferth („Unfried“), Ecglafs Sohn, der von kühner Tat so viel geprahlt hatte, wurde nun schweigsamer, als die Kämpfer unter dem hohen Hallendach die Kralle des dämonischen Feindes sahen. Dessen Haut war härter als Stahl, und die mächtigen Fingernägel der Kralle glichen den eisernen Sporen der Reiter. Nun konnte jeder sehen, daß keine Waffe, nicht einmal die schärfste aus härtestem Eisen, die zerstörerische Hand des Dämons hätte abschlagen können. (990)

15. Gabenspende für Beowulf

Nun wurde umgehend befohlen, das Innere der Hirschhalle von fleißigen Händen festlich zu schmücken. Viele Männer und Frauen kamen, um die Weinhalle als Gästehaus herzurichten. Goldglitzernde Kunstgewebe verschönerten die Wände und waren für die Menschenaugen wie Wunder anzuschauen. Denn trotz der eisernen Bänder war das Gebäude stark beschädigt, und sogar die Tore waren aus den Angeln gerissen. Nur das Dach war heil und ganz geblieben, als der dämonische Riese von schwerer Schuld beladen um sein Leben fürchtete und gewaltsam die Flucht ergriffen hatte. Das ist kein leichter Weg, doch man kann es versuchen. Denn schließlich müssen alle Erdenbewohner, die eine Seele besitzen, vom Schicksal gezwungen den Ort aufsuchen, wo nach dem Festmahl ihre Körper auf dem Sterbebett gebunden in den Schlaf fallen. (1008)

Warum ist es kein „leichter Weg“, am Leben festzuhalten? Dazu sagte auch Christus: »Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren. Wer aber sein Leben in dieser Welt losläßt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen. (Joh. 12.25)« oder »Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für mich aufgibt, der wird es für immer gewinnen. (Luk. 9.24)« Ja, hier können wir wieder über die enge Verbindung von Festhaltenwollen und Verlierenkönnen nachdenken. Vielleicht erkennen wir dann: Wer irgendeine Form festhalten will, der verliert das Formlose, das ewige Leben als formloses Bewußtsein, das jede Form annehmen kann.

So kam auch die Stunde, da Healfdenes Sohn zur Halle ging, der gütige König Hrodgar, um sich am Festmahl zu erfreuen. Nie hörte ich, daß sich eine so große Zahl an Helden edler und anständiger um ihren Gabenspender der goldenen Ringe versammelten. Die Ruhmreichen ließen sich auf den Bänken nieder und freuten sich über das Festmahl. Mit Würde empfingen sie manchen Met-Kelch in der hohen Halle, wie auch die beiden Verwandten, die edlen Herrscher Hrodgar und Hrodulf (der König und sein Neffe, die auf dem Thron saßen). Die ganze Halle war von Freude erfüllt, denn die edlen Scyldinge waren nun vom übelgesinnten Verbrecher befreit. (1019)

Hier scheint sich nun der Sinn des Gesangs vom Spielmann fortzusetzen, und König Hrodgar zeigt sich an der Seite seines Neffen. Hrodulf wird allgemein als Sohn von Halga, dem „Heiligen“, angenommen, und wäre damit ein Brudersohn von Hrodgar. Der Name Hrodulf läßt sich von altnordisch „hrod“ für Ruhm und Ehre und „ulf“ für Wolf ableiten und bedeutet damit „Ruhm- oder Ehr-Wolf“, was wir ähnlich wie bei Beowulf wieder umkehren müßten, so daß diese Ehrung der Wolfsjagd dient. Entsprechend wird nun auch Beowulf von diesen beiden Herrschern als „Speer der Ehre“ und „Wolf der Ehre“ nicht nur mit Danksagung, sondern auch mit besonderen Gaben geehrt:

Daraufhin überreicht König Hrodgar, der Sohn von Healfdene, ein goldenes Banner als Siegesgeschenk an Beowulf, eine goldbestückte Standarte für den Sieger, sowie einen Helm und eine Rüstung (Brünne). Dazu wurde dem Helden noch ein wertvolles Schwert von den (beiden) Männern überreicht. Beowulf trank den gefüllten Kelch mit Freuden, denn solcher Gaben brauchte er sich im Kreis der Helden nicht zu schämen. Ich habe nie gehört, daß solche vier goldgeschmückten Schätze auf der Bierbank freundlicher von der gütigen Hand der (beiden) Männer dargebracht wurden. Um das Dach des Helmes, das den Kopf schützte, befand sich ein eisernes Kettengeflecht, damit die scharfgeschliffene Klinge (den Nacken und Hals) nicht verletzen konnte, wenn der Gerüstete grimmigen Feinden begegnen mußte. Danach ließ der Herrscher noch acht Rosse mit goldgeschmücktem Zaumzeug in die Halle führen. Auf einem war ein ganz besonderer Sattel, kunstvoll verziert und mit Juwelen veredelt. Das war der Kampfsattel des hohen Königs, auf dem der Sohn von Healfdene in den Schwertkampf geritten war, wo er stets ruhmreich an vorderste Front gekämpft hatte, dort, wo die Feinde fielen. So schenkte der königliche Beschützer der Freunde des Ing (Yngvi, vermutlich Freyr als Gott des Frühlings und Neubeginns) sowohl Waffen als auch Rosse dem siegreichen Helden Beowulf und gebot ihm, diese gut zu nutzen. So belohnte der ruhmreiche König und Hüter der Helden-Schätze auf männliche Weise die Heldentat mit Rossen und Schätzen, was wohl keiner tadeln kann, ohne lügen zu wollen. (1049)

Auf diese Weise wird Beowulf als menschliche Seelenkraft des Bewußtseins mit allem geehrt und beschenkt, was in der Welthalle für den siegreichen Kampf wichtig ist. Symbolisch können wir darin das goldene Banner der Wahrheit sehen, das göttliche Schwert der Weisheit, den Helm der Gegenwärtigkeit und die Rüstung des Verstandes. Helm und Brünne erinnern uns symbolisch an Geist und Natur, oder auch an Kriemhild und Brunhild aus der Nibelungensage bezüglich Seele und Körper. Und deshalb wird wohl auch das eiserne Kettengeflecht am Helm angesprochen, damit kein noch so scharf unterscheidender Begriff zwischen ihnen eindringen und eine schmerzliche und dann auch tödliche Trennung bewirken kann, wie es in der Nibelungensage geschah.

Über die acht Pferde mit dem goldgeschmückten Zaumzeug haben wir bereits in der Wägner-Nacherzählung viel nachgedacht. Sie erinnern uns an acht lebendige Prinzipien der körperlichen Schöpfung mit dem goldenen Zaumzeug des Gewahrseins, von denen das achte einen besonderen Sattel trägt, auf dem der König als ganzheitliche Vernunft siegreich reiten sollte. Ähnlich reitet auch Odin symbolisch auf einem Pferd mit acht Beinen, in denen man die acht Säulen der Schöpfung sehen kann. Damit erscheint wieder die „Acht“ in Erinnerung an die Achtsamkeit und daß es hier auch um verschiedene Bewußtseinsebenen geht, zum Beispiel die fünf Sinne mit Gedanken, Verstand und Vernunft.

16. Gaben für das Gefolge und Geschichte von Hildburg und Finn

Dann ließ der Hüter der Kämpfer auch den Männern aus Beowulfs Gefolge, die mit ihm über den Seeweg gekommen waren, auf den Met-Bänken wertvolle Schätze aus seinem Erbe überreichen, und gebot, den Mann, den Grendel in seiner Bosheit als ersten verschlungen hatte, mit Gold zu vergelten (bzw. aufzuwiegen). Er hätte wohl noch mehr verschlungen, wenn ihn nicht der weise Gott, das mächtige Schicksal und der Mut des Helden daran gehindert hätten. So wachte der Schöpfergott schon immer über die Menschheit, wie er es auch heute noch tut. Deshalb ist die Einsicht überall das Beste, die weise Voraussicht des Geistes, denn wer in diesen Tagen des Kampfes lange Zeit in der Welt lebt, muß viel Liebes und Leidiges ertragen können. (1062)

So werden nun auch die Gefolgsleute von Beowulf reich beschenkt und der Verlust mit Gold aufgewogen, das uns symbolisch an die Wahrheit erinnert, wie man auch die vergängliche Körperlichkeit mit Wahrheit aufwiegen kann, die vermutlich von Grendel als erstes verschlungen wurde. Zu diesem Thema gibt es eine tiefsinnige Geschichte in der Edda, in der Loki in einem Wasserfall bzw. Fluß des Lebens einen Otter tötete, dessen Körper dann die Götter mit Gold vergelten sollten. Loki sollte das Gold beschaffen und fing in diesem Fluß einen Zwerg, der dort als Hecht namens Andwari („Wachsamkeit“) lebte. Dieser behütete dort das Gold der Wahrheit, das ihm Loki abforderte. Er gab es auch hin, hielt aber einen Ring zurück. Doch diesen nahm ihm Loki ebenfalls weg, und daraufhin fuhr der Zwerg als Naturgeist in den Stein bzw. die Materie und verfluchte dieses Gold, so daß es keinem zu Gute kommen sollte.

Diese Geschichte kann man sehr tiefgründig verstehen, wenn man den Ring als Symbol der Ganzheit betrachtet, die Loki dem Zwerg bzw. Naturgeist wegnimmt und damit die ganzheitliche Wahrheit in Lüge und das ewig Geistige in vergängliche Materie wandelt. Dieser Ring fehlt dann auch am Ende, um den Otterkörper auszulösen, so daß der Allvater Odin wieder einen Ring der Ganzheit dazugeben muß. So kann man darüber nachdenken, wie man die vergängliche Körperlichkeit mit dem Gold der Wahrheit aufwiegen kann, wie auch der berühmte Nibelungenschatz als Rheingold im Nibelungenlied eine wichtige Rolle spielte. Dazu ist natürliche eine gewisse „Einsicht“ in die Ganzheit nötig, in der nichts verlorengehen kann. Im Altenglischen wurde für diese „Einsicht“ das Wort „andgiet“ verwendet, das sich auch mit „Wahr-Nehmung“ übersetzten läßt und vielleicht nicht zufällig an Andwari als „Wachsamkeit“ bzw. das Prinzip der „Acht“ erinnert. Denn nur mit dieser ganzheitlichen „Einsicht“ kann man den Kampf der Gegensätze ohne Haß ertragen und damit zu einem „Einherier in Walhall“ werden.

Nun erschollen Gesang und Klang vor dem Sohn von Healfdene, dem kampferfahren König. Die Harfe ertönte zu einem Heldenlied, das Hrodgars Spielmann den Hörern oft zur Freude an den Metbänken in der hohen Halle vortrug:
„Als Finns Geschlecht das Unglück traf, da sollte auf dem friesischen Schlachtfeld auch der Scylding Hnäf („Neffe“) fallen, Healfdenes Held. Wahrlich, die edle Hildburg („Kampf-Burg“, die Schwester von Hnäf und Ehefrau des Friesenkönigs Finn) wurde von der Treue der Friesen schwer enttäuscht, denn schuldlos wurde sie ihrer Lieben beraubt, ihres Bruders und ihres Sohnes, die in hinterhältiger Schlacht getötet wurden, zum großen Jammer der Frau. Dem Schicksal erlagen sie, vom Speer durchbohrt. (1075)

Auch diese Geschichte, die nun der Spielmann in der Hirschhalle zu singen beginnt, dreht sich um das Thema „Neffe“ und fordert uns aufgrund der Namen und Ereignisse wiederum zu einer symbolischen Deutung aus geistiger Sicht heraus. Dazu finden wir neben der Rolle des Neffen als Seelenkraft viele, bereits verwendete Symbole wieder, wie die Spannung zwischen Ehemann und Schwager als Bruder der Schwester, wie es bei Siegmund und Fitela angesprochen wurde, die Kampf- und Gasthalle, der nächtliche Angriff des Haß-Wesens und noch andere Symbole, über die wir noch sprechen werden.

Zuerst können wir uns fragen, was nun neben den Dänen, Goten und Schweden die Friesen bedeuten? Der Name erinnert uns an englisch „freeze“ und damit an die Frostriesen, die in der nordischen Mystik eine große Rolle zur Verkörperung des Geistes spielen, wie man alle körperliche Materie im Grunde als gefrorenes Licht bzw. Bewußtsein betrachten kann, je kälter desto härter. So werden die Friesen im altenglischen Urtext auch „Eoten“ genannt, also Giganten oder Riesen. Damit könnten sie die mächtige Riesenkraft der Verkörperung im Makrokosmos der Natur symbolisieren, und dahinter steht wiederum ein machtvolles geistiges Wesen, das hier als König Finn erscheint. Sein Name läßt sich von altnordisch „finnr“ für Jäger und Sammler ableiten und erinnert damit an den eigenwillig-begrifflichen und raffsüchtigen Ego-Verstand als übliche Ursache Neid und Haß. Als Ort könnte man an die Insel Fyn bzw. Fünen denken, die zwischen Dänemark, Seeland und Schweden liegt.

So geht es nun im Grunde wieder um den Kampf zwischen Ego-Wille und Gott-Wille, zwischen dem Weg der Trennung von Begierde und Haß und dem Weg der Ganzheit von Hingabe und Liebe. Das große Ziel ist natürlich der Frieden, und dafür gibt Gott die Seele als Prinzip der Verursachung, um alle Wesen wieder in der Ganzheit zu vereinen. Entsprechend wird hier auch das geistige Ego als Finn mit der natürlichen Seele als Hildburg im „Kampf um die Körperburg“ verheiratet. Und der Weg des Lernens durch Erfahrung ist dann das Spiel der Gegensätze von Glück und Leid, sowie Leben und Tod durch die seelische Bindung von Ursache und Wirkung:

(Zum Verlauf der Schlacht wird hier gern das „Finnsburg-Fragment“ eingefügt, das getrennt von der Beowulf-Sage überliefert wurde. Zur Rahmenhandlung könnte man sich vorstellen, daß Hildburg und Finn verheiratet wurden, um den Frieden zwischen Dänen und Friesen zu sichern. Sie gebar ihm einen Sohn, der zu einem jungen Helden heranwuchs. Doch in Finns-Herzen wuchs der Neid auf seinen ruhmreichen Schwager und damit auch der Haß. Da lud er den jungen Dänenkönig hinterlistig zu einer Feierlichkeit ein. Hnäf erschien mit seinem Gefolge von sechzig edlen Helden, und sie feierten in der gehörnten Halle von Finns Burg, wo sie auch übernachten wollten. Gegen Mitternacht griffen plötzlich Feinde an, und hier beginnt das überlieferte Fragment:

„… der Hornschmuck brennt!“ Da rief Hnäf, der junge königliche Held: „Nicht dämmert der Morgen im Osten, kein Drache fliegt darin auf, auch brennt der Hornschmuck (als Giebel) dieser Halle nicht, sondern Feinde nahen im Feuer des Hasses, zum Angriff bereit! Die Raben krächzen, der graue Wolf heult, und die Speere trommeln drohend auf Schilde. Der Vollmond verbirgt sich hinter dunklen Wolken, und üble Taten drohen, denn der grimmige Haß naht sich als Feind. Erwacht, meine Kämpfer! Ergreift eure Waffen und Schilde, seid standhaft und tapfer! Kämpft kühn und furchtlos an vorderster Front!“ (FN12)

Hier finden wir weitere Symbole wieder, die wir teilweise auch von Odin kennen: Der Drache als Ego-Verstand, der sich im weltlichen Morgenlicht erhebt, der Hornschmuck der Kampfhalle, die Raben als Gedanken, die Wölfe als Vergänglichkeit, die Speere als seelische Verursachung und der Vollmond als reine Achtsamkeit.

Da erhoben sich die mit Gold geschmückten Helden vom Ruhebett und gürteten sich die Schwerter um. Die tapferen Kämpfer Sigferd und Eaha schritten mit gezogenen Schwertern zum ersten Hallentor, und zum zweiten Tor eilten Ordlaf und Gudlaf („Erbe der Schwertspitze“ und „Erbe Gottes“), denen auch Hengest folgte. Doch Gudhere („Gott-Kämpfer“) mahnte den Garulf („Speer-Wolf“), sein edles Leben nicht gleich im ersten Kampf am Hallentor zu wagen, wo die Kampferfahrenen es ihm entreißen könnten. Darauf fragte der wagemutige Held mit lauter Stimme: „Wer verteidigt das Tor?“ Und die Antwort erschallte (aus der Halle): „Mein Name ist Sigferd („Sieg-Fahrt“ oder Sigferth als „Sieg-Frieden“). Ich bin ein Fürst aus Secgan („Aussprechen“) und als Kämpfer weitberühmt. Ich habe schon manchen schweren Kampf bestanden, und ein solcher erwartet dich nun auch, wenn du mich wagemutig angreifen willst.“ (FN27)

Die Halle, in der das Ego die Ganzheit bekämpfen will, erinnert uns symbolisch an den eigenen Körper, der zwei Tore hat, sozusagen einen Eingang der Geburt im Osten, wo die weltliche Sonne aufgeht, und einen Ausgang im Westen für den Tod, wo die weltliche Sonne untergeht. Sigferd und Eaha verteidigen das Tor der Geburt, denn die Geburt soll natürlich eine „Sieg-Fahrt“ zum Sieg-Frieden der göttlichen Ganzheit sein, und dafür wird auch das Geschöpf vom göttlichen Wort „ausgesprochen“. Der Name Eaha ist relativ unklar und könnte uns sinngemäß an Eoan als die Morgendämmerung im Osten erinnern, wie auch Eos die griechische Göttin der Morgenröte ist, ähnlich der römischen Aurora, und für die Geburt der Geschöpfe im weltlichen Licht sorgt. Ordlaf und Gudlaf verteidigen als „Erbe von Einheit und Gottheit“ das Tor des körperlichen Todes im Westen, denn in der Ganzheit ist der Tod nichts anderes, als ein endloses Vererben. Und dahin folgt auch der Heerführer Hengest, während Hnäf als Seelenkraft zur Quelle strebt. Der Name Hengest bedeutet „Hengst“ und erinnert an die männliche bzw. geistige Körperlichkeit, die den Weg vom Ost- zum Westtor geht, um dann wieder in die Gottheit und Ganzheit einzugehen. Solche Wesen und Kräfte kämpfen also in unserem Körper um die göttliche Ganzheit, und ihr König ist die Seelenkraft selbst, der Neffe Hnäf, der in seiner wichtigen Rolle oft nicht erkannt und selten geehrt wird. Wie ihn auch das Finn-Ego nicht liebt, sondern haßt und gern überwältigen und töten will.

Eine denkwürdige Figur ist auch Garulf, den wir noch als Sohn von Gudlaf kennenlernen werden, und der als erster in diesem Kampf fällt. Er kämpft auf der Friesen-Seite, also im Prinzip gegen seinen Vater, aber nicht direkt, denn der Vater verteidigt das Westtor. Sein Name bedeutet „Speer-Wolf“, und er wird von Gudhere gewarnt, einem „Gott-Kämpfer“ für die Ganzheit. So könnten wir in Garulf einen Speer im Kampf gegen den Wolf der Vergänglichkeit sehen, der dann natürlich als erster in diesem Kampf fällt, denn diese haßerfüllte Art von Kampf bedeutet Trennung, und Trennung bringt Vergänglichkeit als Tod und Zerstörung. Das Ego zieht sich diesen Garulf gern auf seine Seite, denn es kämpft natürlich gegen die körperliche Vergänglichkeit, weil es sich mit dem Körper identifiziert und deshalb mit dem Körper zu vergehen droht. So scheitert Garulf vor allem an Sigfert, denn gerade die körperliche Vergänglichkeit ist doch die „Sieg-Fahrt“ als Weg zur geistigen Ewigkeit und Ganzheit. Besser wäre es wohl, er würde nicht auf der egoistischen, sondern auf der göttlichen Seite kämpfen und nicht die „Sieg-Fahrt“ angreifen, sondern unterstützen, indem er mit seiner Speer-Spitze den hungrigen Wolf von Begierde und Haß besiegt. Das wäre dann auch im Sinne von Gudhere, der natürlich als Einherier in der Ganzheit nicht auf irgendeiner „Seite“ kämpft. Denn wer die „Sieg-Fahrt“ und damit auch den „Sieg-Frieden“ angreift und tötet, der bekämpft und tötet sich nur selber, wie auch die Nibelungensage berichtet, daß sich der Mörder von Siegfried damit nur selber ermordete, wofür die Seele als Prinzip der Verursachung in der Natur sorgt.

Sogleich ertönte an den Hallentoren der Lärm tödlicher Schläge. Die Schilde wurden in den Händen der Helden zerhauen, Helme und Schädel gespalten, der Hallenboden bebte und die ganze Burg dröhnte (vom Kampflärm). Garulf, der Sohn von Gudlaf, fiel als erster der einheimischen Friesen in dieser Schlacht, und um ihn herum noch viele weitere friesische Helden. Über den Leichen kreisten die schwarzen Raben, und die Schwerter funkelten und glänzten, als stünde die ganze Finn-Burg in Flammen. Ich habe nie von mutigen Kämpfern gehört, die heldenhafter gekämpft hätten, als jene sechzig Männer von Hnäf, die ihrem König den süßen Met-Trank als treue Gefolgsleute vergalten. Sie kämpften fünf Tage lang, ohne daß einer aus ihrem Gefolge fiel, und verteidigten tapfer die Tore. Dann wurde ein Held verwundet und zog sich zurück. Er sagte, seine Rüstung sei brüchig geworden, sein Brustpanzer schwach und sein Helm durchbohrt. Da fragte ihn alsbald des Volkes Hüter, wie die wackeren Helden von ihren Wunden genesen, oder welcher der jungen Männer… (FN48)

Die schwarzen Raben erinnern an die begrifflichen Gedanken des „Nacht-Bewußtseins“, die sich von den Leichen des Verstandes ernähren, und das feurige Licht der Schwerter an das scheinbare Verstandes-Licht im Feuer der Leidenschaft. Die „sechzig Männer von Hnäf“ erinnern wieder an eine Anzahl der Ganzheit, die im Inneren der Körperhalle als Seelenkraft kämpft und vom Met als Göttertrank der Ganzheit ernährt wurde. Die fünf Tage kennen wir bereits aus der Geschichte von Beowulf und Breka, so daß auch hier am sechsten Tag die Ganzheit zerbricht und verwundet wird. So steht dann auch die große Frage: Wie die Ganzheit wieder geheilt werden kann? Durch die Seelenkraft?

Damit endet das Finnsburg-Fragment, und aus der vorhergehenden und nachfolgenden Erzählung ist anzunehmen: Im weiteren Verlauf der Schlacht, vielleicht am sechsten und siebenten Tag, fallen dann noch der junge König Hnäf, also Hildburgs Bruder, von Finn selbst erschlagen, und einige andere Helden der Dänen, sowie der Sohn von Hildburg und Finn zusammen mit fast allen Kriegern der Friesen.)

Wie König Hnäf und sein Neffe in diesem Kampf fallen, ist uns nicht mehr überliefert. Dazu können wir unsere Phantasie spielen lassen und uns vorstellen, daß auch Hnäf von Gudhere gewarnt wurde, in diesem „Verstandes-Kampf“ mit dem Ego sein edles Leben aufs Spiel zu setzen. Denn in dieser Art des Kampfes wird das Ego immer nur stärker, weil es sich vom Kampf der Gegensätze ernährt. So hat sich vielleicht, ähnlich wie Garulf, auch die Seelenkraft selbst getötet, als die Ganzheit am sechsten Tag zerbrach und Hnäf seinen eigenen Neffen im Zweikampf erschlug. Daraufhin hätte König Finn einen verständlichen Grund gehabt, seinen Sohn zu rächen und Hnäf zum Zweikampf herauszufordern, in dem schließlich auch Hnäf starb und Finn sein Ziel erreichte.

Das ist dann vermutlich auch der Kritikpunkt, den der Sänger dieser Geschichte zum Ausdruck bringen wollte, nämlich daß Hnäf das Ego-Wesen in Finn nicht erkannte, wie er auch anfangs rief „kein Drache fliegt“, und damit auch den Drachenkampf nicht gewinnen konnte. So erklingt nun dieses Lied zum Lob von Beowulf, der wesentlich weitsichtiger handelte:

Nicht ohne Grund trauerte die Tochter von Hoc („Haken“) über des Schicksals Beschluß, als der Morgen kam und sie unter hellem Himmel die Verwandten schrecklich getötet liegen sah, die bisher die Freude ihres Lebens waren. Dazu waren auch fast alle Krieger von Finn gefallen, und mit dem winzigen Rest konnte der König das Schlachtfeld gegen die Macht von Hengest (dem dänischen Heerführer von Hnäf) nicht mehr behaupten, noch sein klägliches Häuflein vor dem Heerführer des Dänenkönigs retten. So bot man dem Feind zur friedlichen Einigung an, ihm die Hälfte der Burg sowie der Halle und des Thrones einzuräumen, so daß nun die Herrschergewalt den Friesen und Dänen gemeinsam gehören solle. Auch wollte König Finn, Folkwalds Sohn („Volks-Macht“), die Helden aus dem Gefolge von Hengest täglich in der Bierhalle mit gleichen Gaben an funkelndem Gold, Schätzen und Juwelen ehren, wie Hengest dort das Volk der Friesen erfreuen wollte. So band man sich auf beiden Seiten durch einen festen Friedensvertrag, und Finn schwor Hengest nach dem Rat der Weisen mit viel Ernst feierliche Eide, um alle verbleibenden Dänen in Ehren zu halten. Niemand dürfe diesen Bund mit Taten oder Worten brechen, noch böswillig irgendeinen Tadel äußern, daß sich die Dänen nun herrenlos vor dem Mörder ihres Königs verneigten, wie die Not gebot. Und wenn irgendein Friese mit bösartigen Worten an die mörderische Feindschaft erinnern sollte, dann müsse des Schwertes Schneide ihn strafen. Der Eid wurde geleistet, und das uralte Gold aus dem Schatz geholt. (1108)

Wie nun Hoc als Vater von Hildburg und Hnäf mit Scyld als Gottessohn verwandt ist, bleibt ebenfalls unserer Phantasie überlassen. Vielleicht war er sogar ein weiterer Sohn von Scyld. Sein Name läßt sich als „Haken“ deuten und meint vielleicht den Angelhaken, der mit der Seele als Köder und der Seelenkraft als Schnur das Ego angelt, um das Ich-Bewußtsein wieder in die Ganzheit zu ziehen und zu erheben. Denn das „Ich bin“ kann natürlich auch eine ganzheitliche Bewußtheit sein, wie Christus sagt: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben: Niemand kommt zum Vater außer durch mich. (Joh. 14.6)« Doch es gelang wohl Hildburg und Hnäf nicht ganz so, wie es sich ihr Vater Hoc vorgestellt hatte. Und mit dem Sterben der heilsamen Seelenkraft griff dann der Tod im Kampf um sich und bedrohte schließlich auch das Ego selber, so daß ein fragwürdiger Friedensvertrag entstand, den wir alle gut kennen, nämlich zwischen Finn und Hengest als eigenwilliges Ego und gottgegebene Körperlichkeit, um nun gemeinsam in der Körperburg zu herrschen, als könnte das eigenwillige Ego die lebendig-heilsame Seelenkraft ersetzen. Damit bleibt es ein Weg des Leidens, ein Weg von Tod, Zerstörung und Verlust:

Dann wurde das Totenfeuer vorbereitet, und die besten Kämpfer der Scyldinge wurden dort aufgebahrt. Auf dem Scheiterhaufen sah man deutlich den blutbefleckten Brustpanzer (des Königs Hnäf), den goldenen Eber, das eisenharte Schweinsymbol und viele vom Schwert erschlagene Edelinge, die ihren Wunden erlegen waren, denn viele großartige Männer waren in dieser Schlacht gefallen. Dann ließ Hildburg auch ihren eigenen Sohn an die Seite von Hnäf dem Feuer übergeben, um dessen Körperhülle an der Schulter seines Oheims zu verbrennen. Mit lautem Wehgesang beklagte die Frau ihr Elend. Der Scheiterhaufen wurde entzündet, der Rauch wirbelte zu den Wolken empor, und das größte Totenfeuer loderte vor dem Grabhügel. Die Schädel schmolzen, die Wunden brachen auf, und schäumendes Blut strömte, wo der Haß in die Körper gebissen hatte. So verschlang das Feuer die Toten beider Völker, die durch Haß und Begierde gefallen waren, und ihr blühender Wohlstand verging.“ (1124)

Das Eber-Symbol haben wir weiter oben bereits bei Beowulf und seinem Gefolge kennengelernt. Als Symbol der Achtsamkeit hatte es wohl der Seelenkraft in dieser Geschichte nicht allzuviel geholfen. Zumindest werden nun auf Wunsch der Seele beide Neffen als Seelenkraft im Feuer wieder vereint, in dem sich die äußerlichen Formen der Körperlichkeit und damit auch der Trennung wieder auflösen. Ähnlich werden auch die Kämpfer der Friesen und Dänen im Feuer vereint, doch das geistige Problem wurde damit noch nicht grundlegend geheilt und gelöst. Und so geht auch diese Geschichte noch weiter…

Das bisherige Grundmotiv dieser Geschichte schien damals weitbekannt und weit gewandert zu sein. So finden wir diese Konstellation von Finn, Hildburg und Hnäf mit Hengest auch als Atli, Gudrun und Gunnar mit Hogni in der Edda wieder, sowie als Etzel, Kriemhild und Gunther mit Hagen im Nibelungenlied. Doch obwohl die Grundhandlung ähnlich abläuft, spielen die jeweiligen Figuren sehr unterschiedliche Rollen, oft sogar völlig gegensätzliche. Etzel wird zum Beispiel in der Dietrichsage auch als Friese beschrieben, geht aber dann als „Weideland“ der wahrhaften Helden im Dienst der Ganzheit einen völlig anderen Weg als der gierige Atli oder gehässige Finn. Da fragt sich nun unser Verstand: Welche ist die wahre Geschichte? Ja, das ist das Wundervolle an der Vielfalt der Natur! Alle Geschichten bringen irgendwie die Wahrheit zum Ausdruck, aber auf der Verstandes-Ebene ist diese Wahrheit nicht zu begreifen. Und so sind wir herausgefordert, nach der tieferen Quelle zu suchen, woraus diese Geschichten entstehen, und wohin sie deuten und uns führen wollen. Damit wird jede Geschichte ein göttliches Geschenk, sofern man beginnt, die Quelle zu erkennen.

17. Geschichte von Hengest über Erbe und Ehre

Der Spielmann sang weiter: „Nun gingen die überlebenden Kämpfer, ihrer Freunde beraubt, die neue Wohnstätte zu besuchen und das Land der Friesen zu sehen, ihre Häuser und hohen Burgen. Hengest wohnte über den Herbst und frostigen Winter, der den Tod (in die Natur) bringt, dem Eid getreu bei Finn. Er dachte oft an seine Heimat, doch konnte das Schiff mit dem geschwungenen Bug nicht über das Meer führen, denn die See wogte im Sturm und kämpfte gegen den Wind. Dann hielt der frostige Winter die Wellen in eisigen Fesseln, bis in der häuslichen Welt wieder das Frühjahr nahte, wie es heute noch für jene geschieht, die diese Jahreszeit immer wieder mit herrlich heiterem Wetter erleben. So ging der frostige Winter dahin, und die Erde wurde wieder schön. Da trieb es den Fremden hinaus, den Gast aus dem Haus. Doch noch mehr als an die Seefahrt, dachte er an die Vergeltung für die leidige Tat, ob er den Kampf wieder entfesseln könnte, und erinnerte sich innerlich an die Söhne der Friesen (Eoten). Und so lehnte er seine weltliche Aufgabe nicht ab, als ihm Hunlafing (vermutlich ein „Sohn von Hunlaf“ als „Tier-Erbe“ oder Unlaf als „Un-Erbe“, vielleicht Ordlaf gemeint) das Beste aller Schwerter, die Flamme des Kampfes, in den Schoß legte, dessen Schneide unter den Friesen wohlbekannt war. Damit traf das Schicksal den stolzen Finn, so daß er im eigenen Haus von diesem Schwert überwältigt wurde. Denn als sich Gudlaf und Oslaf (Ordlaf?) immer wieder bei Hengest beklagten, daß sie nach der Seereise (von den Friesen) angegriffen wurden, und ihm einen Teil ihres Leidens vorwarfen, konnte er seinen bewegten Geist im Herzen nicht mehr zurückhalten. Da wurde die Halle von feindlichem Blut rotgefärbt und Finn getötet, der König inmitten seines Gefolges. Danach wurde die Königin und alle bewegliche Habe des Königs, die in Finns Burg zu finden war, von den Kämpfern der Scyldinge zu den Schiffen gebracht, darunter viele strahlende Juwelen und Edelsteine. So führten sie die edle Dame über das Meer wieder in ihre Heimat, ins Reich der Dänen.“ Damit war das Lied gesungen, und die Geschichte vom Spielmann erzählt. (1160)

Hier steht nun die große Frage: Wie beständig kann so ein Friedensvertrag mit der Körperlichkeit sein, der nach den Wünschen des bedrohten Egos entstand, um sich selber zu erhalten? Die lebendige Seelenkraft wurde getötet, und so kommt der dunkler werdende Herbst und frostig-tödliche Winter im Lauf des körperlichen Lebens. So lange bleibt auch Hengest als Körperlichkeit seinem Versprechen treu, doch dann erinnert ihn das „Erbe“ im natürlichen Spiel von Ursache und Wirkung an seine Aufgabe in dieser Welt. Diese Kraft des Erbes wird hier als Gudlaf und Ordlaf symbolisiert, das „Erbe der Gottheit und Einheit“, die im Kampf in der Körperhalle das Westtor verteidigten, wo die weltliche Sonne untergeht. Das ist dann auch die berühmte „Erbsünde“ des Todes. Und so muß alles, was für sich selber abgetrennt von der Ganzheit bestehen will, im Nichts der ewigen Dunkelheit vergehen, und kann sich in den Wellen auf dem Meer der Ursachen nicht wieder erheben und erneuern. Zumindest hat das Bewußtsein die Freiheit, auch diese Form des Todes als Vorstellung anzunehmen und als Wirklichkeit zu erfahren. In Wahrheit geht natürlich in der Ganzheit bzw. Gottheit nichts verloren. So ist alles wieder eine Frage der Bewußtseinsebene, auf der man die Welt betrachtet, und aus höherer Sicht erkennt man: Die geistige bzw. männliche Körperlichkeit bringt die weibliche Seele als Hildburg im „Kampf um die Körperburg“ mit allem Hab und Gut immer wieder in ihre göttliche Heimat zurück. Wunderbare Symbolik!

Eins und alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt lästigem Fordern, strengem Sollen
Sich aufzugeben ist Genuß.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend höchste Meister
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich‘s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar stehts Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Nun erhob sich wieder Freude auf den Bänken, und Mundschenke füllten die Becher mit Wein aus wunderreichen Krügen. Die Königin Wealhtheow schritt, mit goldenen Ringen geschmückt, zum Thron, wo Oheim und Neffe friedlich nebeneinandersaßen. Ihre Freundschaft war noch immer beständig, in gegenseitiger Treue. (1165)

So endet die Geschichte für das Finn-Ego im Tod, und der Mund des Spielmanns schenkt uns den Wein der Illusion aus wunderreichen Quellen. Trotzdem ist es ein Grund zur Freude, denn Beowulf lebt, und der König ehrt ihn ebenso wie seinen Neffen, den er vor allen Augen neben sich auf den Thron setzt. Ja, das ist wohl die bessere und heilsamere Art zu kämpfen, nämlich mit ganzheitlicher Ehre und nicht mit egoistischem Haß. Denn in der großen Kampfhalle hallt und reflektiert natürlich alles zurück: Wer Haß sät, wird Haß ernten, wer trennt, wird getrennt werden, und wer tötet, wird getötet werden. Wer aber ehrt, wird geehrt werden, wer liebt, wird geliebt werden, wer vereint, wird vereint werden, und wer leben läßt, wird leben gelassen. Das ist auch im Sinne der Natur-Seele als Königin Wealhtheow, der „Dienerin der Fremden“, die allen Geschöpfen dient, die scheinbar die Ganzheit bzw. Gottheit verlassen haben, um sie wieder in ihre Heimat zurückzuführen.

Auch Unferth („Unfrieden“), der so große Reden schwang, saß zu Füßen des Herrscherpaares der Scyldinge. Beide wußten, daß er ebenfalls ein tapferes Herz hatte, auch wenn er seine Verwandten im Schwertkampf (gegen Grendel) nicht hatte retten können. Dann sprach die Königin: „Mein geliebter Herr und Gemahl, Geber der Schätze und Goldfreund der Menschen, empfange diesen vollen Kelch, sei glücklich und erfreue die Goten mit freundlichen Worten, wie es einem Mann geziemt. Sei den Gästen gnädig und gedenke ihrer Gaben, sowohl den kurz- als auch den längerfristigen. Mir wurde gesagt, daß du diesen Helden wie einen Sohn annehmen möchtest. Denn Heorot, die Hirschhalle, ist nun gereinigt, die strahlende Halle der Ringe. Erfreue dich nun mit den vielen Helden am Met, solange es dir vergönnt ist, und überlasse deinen Verwandten Volk und Reich, wenn du fortmußt, um die Gottheit als Quelle der Schöpfung zu sehen. Ich weiß, daß auch dein Neffe, der edle Hrodulf, die kühne Jugend freundlich behandeln wird, wenn du als Hüter der Scyldinge früher als er die Welt verläßt. So denke ich, daß er es auch unseren Kindern mit Güte vergelten wird, eingedenk dessen, daß wir ihm Ehre und Gunst von Jugend an erwiesen haben.“ Dann ging sie zu jener Bank, wo ihre beiden Söhne, Hredric und Hrodmund („Ehr-Herrscher“ und „Ehr-Beschützer“), im Kreise der Jünglinge saßen, bei den Söhnen der Helden, wo auch der gute Beowulf von den Goten neben dem Brüderpaar platzgenommen hatte. (1191)

Stammbaum Scyld, Beowulf, Healfdene, Hrodgar, Yrse, Onela, Ongentheow

Wie kann man alle Wesen ehren, sogar den Unfrieden? Das ist wohl die große Macht wahrer Liebe, die man auf der Bewußtseinsebene des begrifflichen Verstandes mit seinem gegensätzlichen Denken niemals vollkommen finden kann. Dazu muß man das Bewußtsein zur ganzheitlichen Vernunft erheben, wo die Gegensätze in der Sichtweise verschwinden, und man durch die äußerlichen Formen hindurch auf die göttliche bzw. ganzheitliche Quelle sehen kann. Das heißt dann auch, daß man Geist und Seele wieder vereint, sowohl als Geist und Natur in der großen Hochzeit, die wir aus vielen Märchen kennen, wie auch als Vernunft und Seelenkraft im geistigen Reich. Diesen Weg geht nun König Hrodgar mit Wealhtheow und Hrodulf, dem Sohn von Halga als „Heiliger“, und vererbt diesen Weg weiter an seine Söhne, die nun mit Beowulf zusammensitzen, dem Neffen des Verstandes von König Hygelak. So ist auf diesem ganzheitlichen Weg die äußerliche Verkörperung nur ein Lebenszyklus, und man weiß, daß in dieser Welt als „Halle der Ringe“ nach jeder Nacht wieder ein Tag kommt, während das Bewußtsein selbst beständig im ewigen Tag ist, im reinen Licht der unvergänglichen Gottheit.

Hier können wir auch wieder an die Symbolik von Neu- und Vollmond im Monatszyklus denken: Einerseits der alte und vergehende Hrodgar mit dem „Nacht-Bewußtsein“ und seinem alternden Gefolge der dunkler werdenden Monatshälfte, und anderseits der junge Beowulf mit dem „Acht-Bewußtsein“ und seinem heranwachsenden Gefolge der heller werdenden Monatshälfte. Und das will uns wohl auch die Königin als Seele sagen, nämlich daß es ohne die Seelenkraft keine Erneuerung vom Neu- zum Vollmond gibt, oder wie es Goethe formulierte:

Solang du das nicht hast,
Dieses Stirb und Werde,
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

18. Die Gabenspende der Königin

Die Königin reichte ihm mit freundlichen Worten den vollen Becher und aus reiner Dankbarkeit herrliche Gaben: Zwei Armreifen aus gewundenem Gold, einen wertvollen Brustpanzer und einen prächtigen Halsschmuck, wie man auf Erden wohl keinen schöneren findet. Noch nie habe ich unter dem Himmelsdach von einem besseren Schatz der Menschen gehört, seit Hama (Heime als „Heimstatt“) das Brising-Geschmeide mit strahlenden Juwelen in kostbarster Fassung in die Burg trug, wo man um das Licht kämpft, als er vor der listigen Feindschaft Eormenrics floh (Ermenrich als „Macht-König“, der zum tyrannischen Kaiser wurde) und das ewige Heil suchte. Diesen Halsschmuck hier trug Hygelak („Verstandes-Opfer“, vermutlich ein gleichnamiger Vorfahre von Hygelak, dem Onkel von Beowulf), der Herrscher der Goten und Neffe von Swerting (der „Dunkle“), das letzte Mal, als er im Land der Friesen unter seinem Banner den Schatz bewachte und die eroberte Beute verteidigte. Doch ihn überwältigte das Schicksal, nachdem er aus Stolz sein eigenes Leiden suchte und einen Krieg mit den Friesen begann. Über die Wellen des Meeres trug der mächtige König den Halsschmuck mit den Edelsteinen, doch er fiel unter seinem Schild. Seine Leiche, sein wertvoller Brustpanzer, die goldenen Armreifen und der prächtige Halsschmuck fielen in die Hände des friesischen Königs. Niedere Krieger plünderten die anderen Leichen vom Volk der Goten, die nach dem Gemetzel das Schlachtfeld füllten. (Und Hengest brachte die Schätze wieder zurück in das Reich der Dänen.) (1214)

Die Königin Wealhtheow als „Dienerin der Geschöpfe“ können wir aus geistig-symbolischer Sicht als ganzheitliche Seele der Natur betrachten, die für die Verursachung sorgt und damit in der äußerlichen Natur das Lernen durch Erfahrung im Spiel von Ursache und Wirkung ermöglicht. So kann man nun fragen: Was sind das für besondere Gaben, die sie durch ihr Wesen dem Geist als Seelenkraft gibt? Diesbezüglich erinnern uns die „zwei aus Gold gewunden Armreifen“ an das weltliche Handeln im Spiel der Gegensätze, das sich um das Gold der Wahrheit dreht, der wertvolle Brustpanzer an die körperliche Hülle um das Herz in einer äußerlichen Welt, und der prächtige Brising-Halsschmuck an die Schönheit der äußerlichen Natur, die uns sozusagen in die Augen sticht, denn mittelhochdeutsch „brisen“ bedeutet durchstechen. Damit deutet dieser schöne Schmuck auf den mystischen Brisingamen hin, den die Liebesgöttin Freya trägt. Dieser wurde von vier Zwergen bzw. Naturgeistern gemacht, die uns an die vier Elemente der Natur und deren Schönheit erinnern. Mit ihnen mußte sich Freya vereinen, um ihre äußerlich verführerische Schönheit zu gewinnen, die dann zur Begierde und Leidenschaft im weltlichen Kampf wurde, natürlich mit dem großen Ziel, in der Schönheit die Wahrheit als harmonische Quelle wiederzufinden. Und das ist auch die große Herausforderung in der äußerlichen Natur und der „beste Schatz unter dem Himmelsdach“.

Dazu wird die Geschichte von Heime und Ermenrich angedeutet, die sich in der Dietrichsage wiederfindet. Dort kann man Ermenrich als verfallende Vernunft sehen, wenn sie vom Ego beherrscht wird, und Heime als Körperlichkeit, die dann diesen „Halsschmuck“ zwischen Kopf und Körper bzw. Geist und Natur in eine dunkle Körperburg einschließt. Und in dieser dunklen Burg kämpft der Mensch wieder um das Licht, wie dann auch Heime nach dem Tod des Ego-Kaisers in ein Kloster ging und „das ewige Heil suchte“. So erinnern uns auch die „strahlenden Juwelen“ dieses schönen Schmuckes an den Stein der Weisen, als reines Bewußtsein und Grundlage aller Schönheit, und die „kostbare Fassung“ an den wertvollen Menschenkörper, den man mit all seinen Gaben im Sinne der Seele sinnvoll nutzen sollte.

Die angedeutete Geschichte von Hygelak als Neffe von Swerting bezieht sich vermutlich auf einen gleichnamigen Vorfahren von König Hygelak, dem Onkel von Beowulf. Er wird auch als Neffe bzw. Seelenkraft bezeichnet, altenglisch „nefa“, was manche mit Enkel übersetzen. Doch er ist wohl eine verdunkelte Seelenkraft, wie man Swerting deuten kann, und suchte aus Stolz auf seine Kraft den Kampf gegen die Friesen als Feinde, wo er ähnlich endete, wie Hnäf gegen Finn, so daß er die körperlichen Schätze des Menschen nicht sinnvoll nutzen und bewahren konnte. Damit fielen diese Schätze in den Ego-Besitz der Friesen. Und wie wir später lesen werden, wird auch der noch lebende König Hygelak von einem ähnlichen Schicksal im Kampf gegen die Friesen eingeholt, was wohl ein Grundproblem des Verstandes ist, wenn er König sein will.

Wenn man sich nun fragt, wie diese Schätze in die Hände der Königin gekommen sind, könnte man bezüglich der Geschichte über eine Verwandtschaft zwischen Hildburg und Wealhtheow nachdenken und wie Hengest die Schätze zusammen mit Hildburg aus der Finn-Burg der Friesen wieder zu den Dänen brachte, aus der egoistisch-gefrosteten Menschenwelt zurück in die göttlich-lebendige Welt der Scyldinge als „Beschützer“, um sie dann dem gotischen bzw. göttlichen Menschen anzuvertrauen, der sie mit ganzheitlicher Vernunft besser nutzen sollte als der haßerfüllte Finn, der tyrannische Ermenrich oder der stolze Hygelak-Verstand:

Jubel ertönte in der Halle (angesichts dieser edlen Gaben), und Wealhtheow sprach vor der ganzen Gesellschaft: „Gebrauche die Armreifen gut, lieber Beowulf, trage den Brustpanzer mit Gewinn, edler Jüngling, und hüte den prächtigen Schmuck in Wohlsein und Glück! Bewahre deine Kraft, und sei den Jünglingen hier ein freundlicher Lehrer. Ich lohne es dir gern. Du erwarbst die Ehre, daß dich die Menschen in Nah und Fern für alle Zeiten preisen werden, solange die Meereswellen im Wind befestigtes Land umwallen. Sei mit Heil gesegnet, solange du lebst! Ich gönne dir von Herzen die reichen Schätze. Sei meinen Söhnen wohlgesinnt in deinen Taten und ehre sie mit Freude. Mögen hier alle Menschen einander treu sein, großzügig im Geist und ihrem König ergeben. Mögen die Helden vereint sein, und alle Menschen dienstbereit. Darauf trinkt, ihr Getreuen, und erfüllt meine Bitte!“ (1231)

So wird nun Beowulf mit diesen prächtigen Gaben von der Königin als Seele der Natur aufgefordert, sie zum Guten und Heilsamen zu nutzen. In dieser Hinsicht erinnert uns der Brustpanzer als Brünne auch an die Rolle von Brünhild in der Nibelungensage, die durch ihre Schönheit lockte und zum kämpferischen Handeln drängte, und die wir dort ebenfalls als äußerliche Natur kennengelernt haben. Sie sollte natürlich die Ehefrau des Verstandes sein, aber der Verstand sollte sich unter die Herrschaft der Vernunft stellen und nicht dem eigenwilligen Ego folgen, das die Schätze der Natur festhalten und sich aneignen will. Denn das ist der Weg in den Tod, wie wir oben auch von Hygelak, Finn und Ermenrich gelesen haben. So soll nun Beowulf einen besseren Weg gehen und zum „freundlichen Lehrer“ der nachfolgenden Generationen werden. Und wie er diesen Weg der „Nicht-Anhaftung“ geht und Zerstörung und Tod an der Wurzel überwindet, können wir im weiteren Verlauf der Sage lesen.

Damit ging die Königin zu ihrem Platz. Es gab ein herrliches Festmahl, und die Männer tranken Wein. Sie ahnten noch nichts vom Schicksal, vom schrecklichen Unglück, wie es schon vielen Helden nach Anbruch der Nacht geschehen war, als sich König Hrodgar (mit der Königin) in seine Gemächer zurückzog, um sich auszuruhen. Die Halle bewachten viele edle Helden, wie es früher Brauch gewesen war. Sie schoben die Bänke beiseite und breiteten Betten und Kissen aus. Doch einer der dienstbereiten Biertrinker, die sich nun zur Ruhe niederlegten, war bereits dem Untergang geweiht. Ans Kopfende stellten sie ihre Schilde aus hellem Lindenholz, und auf der Bank lag neben jedem Helden gut sichtbar ein kampfbewehrter Helm, wie auch der Brustpanzer und ein strahlend-mächtiger Speer. Das war ihr Brauch, um stets zum Kampf gerüstet zu sein, zu Hause oder auf Fahrt, wann immer es nötig war, ihrem Herrscher zu dienen. So treu waren die Helden. (1250)

Ja, mit diesen Worten und dieser Bitte nahm die Königin als Seele der Natur ihren Platz in der Welthalle ein, und die Geschöpfe erfreuten sich am weltlichen Festmahl und dem Wein der Illusion. Die Frage ist: Was hatten die Helden in dieser Kampfhalle von Beowulf und in Anbetracht der Grendel-Kralle gelernt? Denn jetzt sind sie erneut herausgefordert, in der gemeinschaftlichen Kampfhalle die dunkle Nacht zu verbringen. Zumindest sind sie wieder zum Dienst an ihrem König bereit und legen, ähnlich wie Beowulf, Waffen, Helm und Rüstung ab, aber stellen ihre Schilde aus dem lichten Holz des Lebensbaumes an ihrem Kopf auf und nicht an der Hallenwand, und sie legen gewohnheitsmäßig ihre Waffen „griffbereit“ in Reichweite. So werden wir nun lesen, wie das Schicksal die Helden herausfordert, denn das Lernen braucht natürlich seine Zeit und zieht sich oft über viele Generationen hin.


... Inhaltsverzeichnis aller Märchen-Interpretationen ...
Hagelingsage: König Hettel und seine Helden
Gudrunsage: Gudrun und die Brautwerbung
Gudrunsage: Gudrun und Gerlinde
Gudrunsage: Gudruns Befreiung und große Hochzeit
Die Beowulf-Sage (nach Wilhelm Wägner)
Beowulfsage (Wägner): Der Grendel-Kampf
Beowulfsage (Wägner): Die Meerwölfin
Beowulfsage (Wägner): Der Königsweg
Beowulfsage (Wägner): Der Drachenkampf
Beowulfsage (Urtext): Scyldinge, Hirschhalle und Grendel
Beowulfsage (Urtext): Der nächtliche Kampf mit Grendel

Sagentext und Bilder: Die Sagenwelt der Nibelungen nach Urtext
[2026] Text von Undine & Jens / www.pushpak.de
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