Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Beowulf-Sage (Urtext)

Sagentext nach altenglischer Urfassung
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]

Hinweis: Diese Prosa-Übersetzung der Beowulf-Sage entstand nach dem altenglischen Urtext und verschiedenen deutschen und englischen Übersetzungen, vor allem der englischen von Benjamin Slade (2002). Für Interessierte haben wird dazu eine tabellarische Übersicht erstellt und am Ende der Absätze in Klammern die jeweilige Versnummer als Link zu dieser Tabelle eingefügt.

Scyldinge, Hirschhalle und Grendel

Nach der kurzgefaßten und vereinfachten Nacherzählung von Wilhelm Wägner möchten wir uns nun dem Urtext zuwenden, der wesentlich komplexer ist, aber auch noch einige Tiefen aufweist, auf die wir aus geistiger Sicht näher eingehen möchten. Dazu haben wir versucht, aus den verfügbaren deutschen und englischen Übersetzungen des altenglischen Urtextes eine Prosaversion zu schreiben, die so nah wie möglich an der Quelle ist.

König Scyld der Dänen

Hört ihr Menschen! Wir berichten von den Dänenhelden aus vergangenen Zeiten und von Königen, die über Völker herrschten. Hört von ihrem Ruhm, ihrem Mut, und welche Heldentaten die Edlen vollbrachten! Hört von Scyld, dem Garbensohn, der mit gewaltiger Kraft alle Feinde von den Bänken der Met-Halle vertrieb und von ihnen gefürchtet wurde. (Scyld bedeutet „Schild“. Er wurde in einem reich beladenen Boot auf den Wellen des Meeres gefunden, vermutlich auf einem königlichen Schild in ein Strohbündel gebettet, und bekam daher seinen Namen.) Als hilfloses Findelkind nahm man ihn auf und gewann den Lohn dafür: Unter dem Wolkendach wuchs er heran, an Würde und Ehre reich, zum glorreichen Herrscher über sein Volk und alle Völker, die am Rande der Wal-Wasserstraße lebten und dem edlen König Tribut zollten. Bald wurde ihm ein Sprößling geboren, ein holder Jüngling, von Gott dem Land zum Trost gesandt, denn das Leid erbarmte ihn, das die Dänen so lange ohne einen starken König erduldet hatten. Dem Erben Scylds verlieh der lichtvolle Lebensspender blühenden Segen auf Erden, und der Ruhm von Beowulf verbreitete sich weit in den nördlichen Ländern. (Der Erbe von Scyld trägt den gleichen Namen wie der Held dieser Geschichte, und ist wohl auch vom gleichen Wesen, aber sie wurden in unterschiedlichen Stämmen geboren.) So wie er, sollte sich ein Jüngling durch gute Taten und Freigebigkeit im Haus seines Vaters Ruhm verdienen, so daß ihm als Mann standhafte Gefährten willig dienen und auch folgen, wenn Krieg und Kampf drohen. Auf diese Weise kann der Edle durch Wohltat unter seinem Volk überall gedeihen. (25)

Über die Symbolik des Schildes und der Garbe als Strohbündel kann man viel nachdenken. Hier treffen sich scheinbar zwei große Gegensätze in dieser Welt: Einerseits das Symbol der Sicherheit und des Schutzes, und anderseits das Stroh der Vergänglichkeit und Substanzlosigkeit. Hier kann man an Geist und Körper denken: Der vergängliche Körper wäre dann der Garbensohn einer „Strohpuppe“ als ein „Strohmann“. Und der ewige Geist ist als Gottessohn der Schild der Sicherheit, der den Körper wie ein Schiff auf den Wellen im Meer des Lebens trägt. So nennt ihn auch Wägner einen Sohn des Allvaters, vermutlich in Erinnerung an seinen nordischen Namen Skjöld, der in der Edda als Odins Sohn und König der Dänen beschrieben wird. Das macht auch Sinn, denn jede Geschichte beginnt natürlich im Allvater und höchsten Gott, wie auch jedes Geschöpf seinen Ursprung in ihm nimmt. So weiß auch keiner, woher das erste Geschöpf in den Wellen auf dem Meer des Lebens kommt und wohin es wieder geht.

Diesbezüglich erinnert uns die Met-Halle an Walhall, die „Halle der Kämpfer“ von Odin als Walvater, wo die Einherier den Met trinken, den „Göttertrank“ als Symbol für eine ganzheitliche bzw. göttliche Sicht, denn nur damit kann man für die Gottheit kämpfen. Aus dieser Halle vertreibt Scyld wie ein Schutzschild mit gewaltiger Kraft alle Feinde der Gottheit bzw. Ganzheit, so daß kein trennender Ego-Geist mehr Zugang hat, was dann auch den Frieden im Reich sichert. Denn der Frieden ist natürlich eine Grundvoraussetzung, um das Problem des Leidens zu lösen, wie wir bereits in den letzten Sagen viel über den „Sieg-Frieden“ nachgedacht haben. Doch kann man den Frieden mit „gewaltiger“ Kraft sichern? Diese Frage ist ein Hauptthema der erwähnten Edda-Geschichte von Skjöld, von der wir später noch sprechen werden.

Sein Sohn heißt Beowulf, was zunächst verwirrend ist, denn damit ist noch nicht der Held dieser Geschichte gemeint. Oder doch? Im Gegensatz zu Scyld wird er klar als Gesandter Gottes beschrieben, um den Menschen zu helfen, ihr Leiden zu überwinden. Doch viel mehr erfahren wir nicht von ihm. So fragen wir uns, was dieser doppelte Name bedeuten soll? Hier könnte man darüber nachdenken, ob vielleicht der spätere Held dieser Geschichte eine Wiedergeburt von diesem „Gesandten Gottes“ ist, was uns im Grunde auch an Christus erinnert. Das klingt zunächst wunderlich, doch dieses Konzept der geistigen und sogar körperlichen Wiedergeburt war der nordischen Mystik nicht fremd, wie es in Snorris Edda heißt: Es war Glauben im Altertum, daß Helden wiedergeboren würden, doch nennt man das jetzt Altweiberwahn. Von Helgi und Sigrun ging die Sage, daß sie wiedergeboren seien, er als Helgi der Haddingenfürst, sie als Kara, Halfdans Tochter, die auch Walküre gewesen, wie das im Karalied erzählt wird.

Auch für Scyld kam die Zeit, obwohl er noch unvermindert an Kraft war, in Gottes Hut einzugehen. Wie es der Held geboten hatte, als er der Rede noch mächtig war, trugen ihn die Getreuen zur Meeresbrandung, den toten Herrscher, der sie lange beschützt hatte. Dort lag im eisigen Meer das Schiff des Helden mit geschwungenem Bug segelfertig zur Fahrt bereit. Die Männer legten den geliebten König, den Spender goldener Ringe und Schätze, in den Rumpf des Bootes, gleich neben den Mast. An seine Seite wurden viele Reichtümer aus fernen Ländern, prächtige Gewänder, Geschmeide und viele andere Schätze gegeben. Nie hörte ich von einem Schiff, das so reich mit Waffen und Rüstungen, Schwertern und Schilden ausgestattet war. Die Heldenbrust schmückten strahlende Edelsteine, die mit ihm weit hinaus in das Reich der Wellen fahren sollten. So wurde er vom Volk der Dänen nicht weniger reich begabt, wie sie ihn damals als Findelkind allein in einem Boot auf den Wellen des Meeres gefunden hatten. Dann hißten sie über ihm das goldverzierte Segel wie ein goldenes Banner und übergaben das Schiff den Winden der stürmischen Flut, mit traurigen Herzen und tränenvollen Augen. Keiner der Weisen aus der Ratshalle und keiner der alterfahrenen Helden unter dem weiten Himmel konnte sagen, wohin diese Reise ging und wer diese Fracht empfing. (53)

Starke Symbolik! Wie etwas kommt, so geht es auch wieder. So verschwindet der Garbensohn als „Strohmann“ mit seinem Reichtum an Fähigkeiten und Begabungen wieder im weiten Meer des Lebens, der Ursachen und Möglichkeiten, und keiner weiß, wohin. Doch was bleibt? Beowulf bleibt, als Schildling und Gottessohn, und sein Tod wird auch im nächsten Kapitel nicht erwähnt. So lebt er wohl als Held bis zum Ende der Geschichte, und auf geistige Weise darüber hinaus, so daß wir heute noch von ihm lesen können. Über das symbolische Wesen dieses „Schutzschildes“ als reine Gegenwärtigkeit im ganzheitlichen Bewußtsein haben wir bereits in der Wägner-Version dieser Sage viel nachgedacht, und das ist wohl auch das, was bleibt, und woran uns solche alten Sagen erinnern möchten. Denn welcher Schutz wäre sicherer als das ewige und unvergängliche Bewußtsein? Damit konnte auch Christus sicher über das Wasser gehen.

So kann man diese Art der Bestattung eines vergänglichen Körpers als ein starkes Symbol betrachten, für das Loslassen, Freigeben und Gehenlassen unter dem goldenen Banner der Wahrheit, um im Vergänglichen das Unvergängliche und Ewige zu erkennen und zu gewinnen.

1. Die gehörnte Hirschhalle Heorot

Nun beschützte Beowulf die Burgen der Scyldinge als geliebter König, lange Jahre und vom Dänen-Volk gefeiert, nachdem der Vater das irdische Leben verlassen hatte. Von ihm entsproß der hehre Healfdene („Halb-Däne“), der kampferfahren noch hochbetagt die Scyldinge glücklich regierte. Dem mächtigen Helden und Volksgebieter wurden in Folge drei Söhne geboren, nämlich Heorogar, Hrodgar und der gute Halga (deutbar als „Speer des Kampfes“, „Speer der Ehre“ und „Heiliger“). Ich hörte auch, daß er eine Tochter namens Yrse hatte, die Onelas geliebte Königin wurde und den kriegerischen Scylfing (Schwede) im Bett umarmen sollte. (63)

Der Sohn von Beowulf, dem „Gesandten Gottes“, war Healfdene, dessen Name uns an „halb Gott und halb Mensch“ erinnert. Darin zeigt sich bereits das Problem der Trennung, wenn das ganzheitliche Bewußtsein schwindet. So trennt sich dann auch sein Stamm in drei Söhne und eine Tochter. Ihr Name und der ihres Vaters begegnen uns als Yrsa und Halfdane in der erwähnten Edda-Geschichte von Skjöld wieder, die wir uns nun näher anschauen wollen:

Skjöld hieß ein Sohn Odins, und von ihm stammen die Skjöldinge ab. Er hatte Sitz und Herrschaft im Land, das nun Dänemark heißt. Ihm wurde ein Sohn namens Fridleif („Erbfrieden“) geboren, der nach ihm das Land beherrschte. Der Sohn Fridleifs hieß Frodi (der „Weise“). Er folgte seinem Vater um die Zeit, als Kaiser Augustus in der ganzen Welt Frieden stiftete und Christus geboren wurde. Weil Frodi der mächtigste König im Nordland war, wurde im Bereich der dänischen Zunge dieser Friede ihm zugesprochen und von den Nordmännern „Frodis Friede“ genannt. Niemand schädigte den anderen, hätte er auch den Mörder seines Vaters oder Bruders getroffen, ob frei oder gebunden. Es gab weder Diebe noch Räuber, daß sogar ein Goldring längere Zeit im Freien liegen konnte. - König Frodi sandte Boten zum König von Schweden und ließ zwei Mägde kaufen, die besonders groß und stark waren. Denn damals gab es in Dänemark zwei Mühlsteine von solcher Größe, daß niemand stark genug war, sie herumzudrehen. Selbige hatten die Eigenart, alles zu mahlen, was der Müller irgend wollte. König Frodi ließ die beiden Mägde an die Mühle führen und befahl ihnen, Gold, Frieden und Frodis Glück zu mahlen. Zeit zum Schlafen gestattete er ihnen nur, bis der Hahn krähte, und zum Ausruhen nur so lange, wie Frodi ein Lied sang. Da sangen sie ihren eigenen Mühlengesang, und noch bevor sie zu singen aufhörten, mahlten sie dem Frodi ein Feindesheer, so daß noch in derselben Nacht ein Seekönig namens Mysingr kam, der den Frodi tötete und große Beute gewann. Damit hatte Frodis Friede ein Ende. (Skalden-Buch §42, Mühlenlied nach Karl Simrock und Wilhelm Jordan)

Hier finden wir das große Ziel des Friedens wieder, den wir als Erbanlage alle in uns haben und wieder suchen. Zwei Wege werden angedeutet: Kaiser Augustus und Christus. Die Geschichte erinnert uns dann aus geistig-symbolischer Sicht an die große „Problemlösungsmühle“ der Welt im Spiel der Gegensätze, die wir auch in manchem Märchen gefunden haben (wie z.B. Die Nixe im Teich). Damit lassen sich alle Probleme kleinmahlen, doch dafür ist eine gewaltige Kraft nötig, die der weise Frodi von einem Schweden-König kaufte. Die Schweden haben wir bereits in der Wägner-Nacherzählung in der Rolle des egoischen Menschen kennengelernt. Und wer von dort seine Kraft kauft, der muß natürlich einen hohen Preis dafür zahlen, nämlich den Tod der Weisheit.

„Nicht warst du, Frodi, vorsichtig genug, deinem Volk zum Segen, als du Mägde kauftest: Auf Stärke sahst du und mächtige Gestalt, doch achtetest ihrer Herkunft nicht.“

Deshalb haben wir uns im letzten Kapitel gefragt: Kann man den Frieden mit „gewaltiger“ Kraft sichern? Eigentlich nicht, denn es bleibt immer ein abhängiger Frieden, so daß man im Bekämpfen von Wirkungen niemals fertig wird, solange die Ursache für Krieg, Tod und Zerstörung nicht aufgelöst wurde.

„Mahlen wir eifrig! Den Frodi wird morden der Sohn der Yrsa, der Enkel Halfdans. Er wird von ihr Sohn und Bruder genannt werden. Das ist uns beiden bewußt.“ Die Mägde mahlten aus aller Macht, sie waren im Riesenzorn. Die Malstange brach, die Mühle zerfiel, der mächtige Mühlstein ging mitten entzwei. Die Riesen-Bräute sprachen: „Oh Frodi, nun finden wir wohl Feierabend: Genug gemahlen haben wir Mägde, dein Maß ist voll.“

In Yrsa, deren Namen man als „wilde Bärenkraft“ deuten kann, können wir die Seele als mächtiges Prinzip der Verursachung in der Natur erkennen, die uns symbolisch auch an den Speer von Odin erinnert. Sie erscheint immer dann, wenn sich irgend etwas trennt, um es wieder zu vereinen. So trennt und spaltet sich Halfdan in Vater und Ehemann der Seele, Gott als Zeuge, und Ehemann als wirkender Geist. Er begattet sozusagen seine eigene Tochter, was eine sehr tiefgründige Symbolik ist, die uns auch an die Geschichte von Odin und seine zwei Augen erinnert. Das heißt im Prinzip: Der Allvater zeugt die Mutter der Natur und begattet sie als wirkender Geist. Darin liegt sozusagen der „Knackpunkt“ auch dieser Geschichte von Healfdene, um die Spaltung zwischen Dänen und Schweden zu verstehen und wie daraus das Ego als trennendes Bewußtsein entsteht, was in der Ganzheit eigentlich unmöglich ist.

Die beiden Mägde als gegensätzliche Naturkräfte erkennen in dieser Spaltung das Spiel von Ursache und Wirkung und werden sich ihrer bewußt, wie es oben heißt, der Ursache als Vater, und der Wirkung als Ehemann der Seele, die sich zwar unterscheiden lassen, aber eigentlich zusammengehören. Diesbezüglich könnten wir bei den beiden Riesen-Mägden auch an die Schicksals-Nornen der Vergangenheit und Zukunft denken. Der Name Mysingr als „Sohn und Bruder“ dieser Naturseele erinnert uns dann an „Mein-Singer“ oder „Ich-Singer“ und wurde vermutlich von Snorri geschaffen, wie auch der Rest der Geschichte:

Mysingr nahm sowohl die Mühle als auch die beiden Mägde mit und befahl ihnen, Salz zu mahlen. Um Mitternacht fragten sie, ob nun Mysingr Salz genug habe. Sie sollten nur weiter mahlen, gebot er. Doch als sie ein kleines Weilchen weiter gemahlen hatten, sank sein Schiff, denn im Meer entstand ein Mahlstrom, und die See strömte durch das Mühlenloch. So wurde die See salzig.

Betrachtet man das Salz als Symbol der Kristallisation, wie es auch in der Alchemie üblich war, dann könnte man hier über die Verkörperung im Meer des Lebens nachdenken, und wie dieser Körper eine Weile wie ein Schiff getragen wird, doch nicht immer mehr werden kann, sondern wieder zermahlen wird und wie in einem Strudel im Meer der Ursachen untergeht.

In dieser Hinsicht könnte man über Yrse, der Tochter von Healfdene, als Seele der Natur nachdenken. Und weiter geht die Geschichte über dessen Sohn Hrodgar:

Dem König Hrodgar wurde viel Glück und Ehre im Kampf beschert, so daß ihm seine Gefolgsmänner eifrig dienten und die Jugend zu einem mächtigen Heer für den König heranwuchs. Da faßte er den Wunsch, ein herrliches Hallengebäude zu erbauen, einen mächtigen Met-Saal, wie ihn die Menschenkinder schöner niemals gesehen hatten, um darin an Alt und Jung alle Gaben zu spenden, die ihm Gott verliehen hatte, bis auf die Erde und das Leben selbst (die er nicht geben konnte). Wie ich hörte, wurde dieses Werk von vielen Völkern in ganz Midgard (im „Mittelgarten“ der Menschenwelt) gefördert, um diese Halle des Volkes zu errichten. So gelang es dem König, das große Werk in kurzer Frist zu vollenden, die Beste aller Hallen. Er gab ihr den Namen Heorot („Hirsch“), und sein Wort wurde überall geachtet. Danach hielt er sein Versprechen und spendete in dieser Halle goldene Ringe und andere Reichtümer zum festlichen Mahl. (81)

Hoch über allem ragte die horngeschmückte Halle, und doch drohte das verzehrende Feuer von Neid und Haß. Nach nur kurzer Zeit wurde tödliche Feindschaft zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater (Onela und Healfdene?) durch Neid und Haß entzündet. Denn ungeduldig ertrug der grimmige (Neid und Haß-) Dämon, der in dunkler Höhle hauste, seinen schweren Groll, als er jeden Tag in der großen Halle den frohen Jubel hörte. Voller Harmonie erklang dort die Harfe zum tiefsinnigen Gesang des Dichters. Er wußte vom Ursprung der Menschheit zu singen, wie der Allmächtige die Erde schuf, die schöne und erhabene Insel von Wasser umringt, wie der Siegreiche Sonne und Mond als Leuchten für die Landbewohner aufstellte, wie er auf dem Feld der Erde die Pflanzen sprießen ließ, so herrlich mit Blättern und Blüten geschmückt, und wie er allen Wesen, die sich regen und bewegen, den Atem des Lebens verlieh. So lebte das Volk des mächtigen Königs in Glück und Frieden, bis der Unhold aus der dunklen Höhle kam und grausame Taten verübte. Der grimmige Dämon wurde Grendel genannt, der im Grenzgebiet sein Unwesen trieb, im dunklen Moor hauste, im öden Sumpf der Erde, im Reich der gespenstischen Monster. Dort lebte der grimmige Dämon schon lange, seit ihn der Schöpfer in die Dunkelheit verbannt hatte. Damit rächte der ewige Herr an Kains Nachkommen den Brudermord an Abel (der aus Neid und Haß geschah). Diese Sünde brachte ihm kein Glück, denn seitdem jagt ihn der Herrscher aus der Gemeinschaft der Menschen. Daraus entstammen unsägliche Geschöpfe, wie Riesen, Zwerge und Geister der Unterwelt (Eoten, Elfen bzw. Alben und Orken), sowie mächtige Dämonen, die schon so lange Zeit gegen Gott kämpfen und dafür ihren Lohn von ihm empfangen. (114)

So geht nun die Geschichte mit König Hrodgar weiter, dem „Speer der Ehre“. Seine Brüder Heorogar und Halga als „Speer des Kampfes“ und „Heiliger“ werden nur noch ein- oder zweimal erwähnt und bleiben im Hintergrund. Der „Speer des Kampfes“ ist vielleicht als Hrodgars kämpferische Jungend vergangen, und der „Heilige“ war wohl als heilende Weisheit und ganzheitliche Vernunft einst lebendig, aber ist dann gestorben und verlorengegangen, ähnlich wie Frodi durch Mysingr. Auch seine Schwester Yrse und ihr schwedischer Ehemann Onela als Sohn von Ongentheow werden nur noch indirekt angesprochen, wie zum Beispiel hier als „tödliche Feindschaft zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater durch Neid und Haß“ oder später in der kurzen Geschichte von Heardreds Tod, dem Sohn des Gotenkönigs Hygelak, der von Onela getötet wurde.

Bezüglich ihrer Bedeutung bleiben uns zunächst nur die Namen: Yrse läßt sich als „die wilde Bärenkraft“ und Onela als „kleiner begrenzter Stammvater“ deuten. Ongentheow bedeutet „Diener der Trennung“, wie auch Healfdene als „halb Gott und halb Geschöpf“ getrennt wurde. Damit symbolisiert Ongentheow das Wesen der Schweden, und man könnte sich symbolisch vorstellen, daß sich Onela als menschliches Geschöpf und „Ego-Stammvater“ von Healfdene abgetrennt hatte, der dadurch zum „Halbgott“ wurde. So waren sich beide der Einheit von Vater und Sohn nicht mehr bewußt, daß sie direkt „verwandt“ und im Großen und Ganzen nur „verwandelt“ sind. Daraus wurden dann Schwiegervater und Schwiegersohn, die sich im Spiel der Gegensätze als Konkurrenten mit Neid und Haß erkannten. So könnte man bei „Schwieger“ auch an schwierig, beschwerlich und Leiden denken, das aus dieser Trennung entsteht. Zu diesem zentralen Thema der Schwieger-Trennung werden zwar noch weitere Geschichten angedeutet, doch im obigen Zusammenhang könnte man vor allem an dieses Paar von Yrse und Onela denken, und deren Sohn wäre dann sozusagen ein Mysingr, der als „Mein-Singer“ den Störenfried Grendel aufweckt, welcher dann mit Tod und Zerstörung den Frieden in der Hirschhalle bedroht.

Die mächtige Hirschhalle, die König Hrodgar von vielen Völkern als Met-Halle erbauen ließ, erinnert uns natürlich an Walhall, die berühmte „Halle der Kämpfer“ von Odin als Walvater, wo sich die Einherier, die im „Heer für das Eine“ oder im „Heer der Einheit“ kämpfen, auf den großen Endkampf vorbereiten, wo sie ihre Lebensgeschichten erzählen und erfahren, gemeinsam Met als Symbol für den Göttertrank der Ganzheit trinken und sich fleißig im Kämpfen für die Einheit üben, wo auch alle Verwundeten wieder geheilt und alle Toten wiederbelebt werden. Dazu wird auch von einem Hirsch berichtet, der sich in Walhall vom Lebensbaum ernährt, und von dessen Horngeweih die Flüsse des Lebens in alle Welten entspringen. Die Symbolik dieser „Halle der Kämpfer“ kann man sehr tiefgründig und umfassend betrachten. So könnten wir hier an den Tempel von Jerusalem denken, den Jesus reinigte, oder an die Etzel-Halle, wo der große Endkampf im Nibelungenlied stattfand, oder an die Halle von König Svarog im Märchen vom blinden Schmied, wo die Wesen vom Ego-Verstand versteinert wurden, oder auch über die Versammlungshallen der Götter und Menschen, die im 2. Buch des indischen Mahabharata ausführlich beschrieben werden. Im weitesten Sinne ist diese „Halle“ der weltliche Raum des Gewahrseins, worin das Bewußtsein widerhallt und sich selbst reflektiert, ähnlich wie die beiden Augen von Odin: Ein Auge bezeugt, was der Mimir-Verstand aus dem anderen Auge schöpft.

Midgard (altenglisch middangeard) ist ein Begriff aus dem nordischen Weltbild, wie es in der Edda beschrieben wird, und bezeichnet den „Mittelgarten“ der Menschenwelt zwischen Asen und Wanen als Geist und Natur, sowie Riesen und Zwergen als Makro- und Mikrokosmos:

Riesen/Makrokosmos
Asen👁️Geist - Menschen/Midgard - Natur👁️Wanen
Zwerge/Mikrokosmos

In ähnlichem Sinne ist wohl auch die „Hirschhalle“ von König Hrodgar gemeint, das Königreich seiner „Welthalle“, wo er den Frieden sichern und die Menschen in Midgard glücklich machen möchte. Dazu müssen natürlich Haß und Neid überwunden werden, ja, sogar Kains Erbsünde, wie es auch oben bei Frodi heißt: „Niemand schädigte den anderen, hätte er auch den Mörder seines Vaters oder Bruders getroffen, ob frei oder gebunden. Es gab weder Diebe noch Räuber…“ Wie könnte König Hrodgar als „Speer der Ehre“ dieses große Ziel erreichen? Dazu gibt es eine interessante Geschichte von den indischen Göttern, wie man den Haß überwinden kann:

Einst saßen die Götter in ihrer himmlischen Versammlungshalle, während der Götterkönig Indra in der Menschenwelt unterwegs war. Da erschien ein häßlicher Zwerg und setzte sich auf Indras Thron. Sogleich begannen die Götter laut zu schimpfen und wollten den Störenfried mit ihren Waffen vertreiben, doch der häßliche Zwerg wuchs nur immer größer und stärker. Nach einer Weile erschien der Götterkönig selbst. Als er den Zwerg auf dem Thron sitzen sah, da verneigte er sich vor ihm, und mit jeder Verneigung wurde der häßliche Zwerg immer kleiner und schwächer, bis er schließlich ganz verschwand.

So ist die Verehrung als Ausdruck der Liebe eine mächtige Waffe, vielleicht sogar die mächtigste überhaupt. Doch gewöhnlich verehren wir nur das, was uns gefällt, und was dagegensteht, wird gehaßt. Das ist wohl keine wahre Verehrung. Über dieses Thema haben wir bereits in der Nibelungensage nachgedacht, als Markgraf Rüdiger die Burgunder Könige und Hagen in seiner Halle verehrte, ihnen mächtige Waffen gab und sogar seine Tochter anvertraute, was ihm schließlich selbst den Tod brachte. So steht die Frage: Was für eine Bewußtseinsebene ist nötig, um die Verehrung im Kampf der Gegensätze heilsam zu machen, um Haß und Neid sowie Tod und Zerstörung überwinden zu können?

Als erste Antwort erinnert uns das Hirschgeweih daran, daß es eine Kampfhalle im Kampf der weltlichen Gegensätze ist, wie die Zweige am Baum des Lebens und die beiden Mühlsteine von Frodi. Daher gibt es im Menschen nicht nur einen „Erbfrieden“, sondern auch eine „Erbsünde“, die sich dann als Grendel in Form von Tod und Zerstörung zeigt und überwunden werden will. Nur dann wird der König auch fähig, die ganze Erde und das Leben in seiner Welthalle zu geben, wie der Allvater selbst. Dieses Erbe der Sünde wird von der natürlichen Seele als Prinzip der Verursachung geboren und verkörpert, wenn die Bedingungen gegeben sind, um das Problem zu lösen, was wohl mit der Hochzeit von Yrse und Onela angedeutet wird. Entsprechend erinnert das Erwachen von Grendel an die Geburt von Mysingr als Sohn von Yrsa und der Menschenhälfte Halfdans, die etwas Eigenes sein wollte und sich vom Ganzen bzw. von Gott abgetrennt hatte, wie sich auch Kain von Gott trennte, was man die Ursünde nennt. Daraus wird dann sozusagen ein „Mein-Singer“, der neidig auf die Hirschhalle von Hrodgar oder Walhall von Odin ist und die Ganzheit haßt, weil er sich seine eigene Kampfhalle erbauen will, um darin sein eigenwilliges Lied der Schöpfung zu singen und für seine eigenwilligen Ziele zu kämpfen. Er ist es dann, der mit seinem „Mühlenlied“ den grimmigen Dämon als Feind der Ganzheit bzw. Gottheit aufweckt, den es nun zu überwinden gilt.

Ja, das klingt alles sehr kompliziert und man kann lange darüber nachdenken, was wir auch getan haben. Dann findet man immer wieder Bezüge und Verbindungen zwischen den vielen Namen und alten Sagen vor allem aus der nordischen Edda. So können wir uns auch an den obigen Satz über die Wiedergeburt erinnern: Von Helgi und Sigrun ging die Sage, daß sie wiedergeboren seien, er als Helgi der Haddingenfürst, sie als Kara, Halfdans Tochter, die auch Walküre („Schild-Jungfrau“) gewesen, wie das im Karalied erzählt wird.

Helgi könnte man hier in Halga, dem „Heiligen“, wiederfinden, und Sigrun als „Sieg-Rune“ in Yrse, die als Seele der Natur und Prinzip der Verursachung wie der unfehlbare Speer von Odin ihre Aufgabe als „Heilerin“ und Schwester des „Heilers“ zu erfüllen hat, um die blutende Wunde der Trennung zu heilen. So dient sie auch als Walküre, um die im Kampf Gefallenen als Einherier auszuwählen und nach Walhall zu führen. Und die Edda-Lieder über Helgi beschreiben schön, wie dieser zusammen mit seiner Frau bzw. Seele in der Welt immer wieder geboren wird.

2. Grendels Angriff

Nun machte er sich um Mitternacht auf, die hohe Halle der Dänen heimzusuchen, wo sie nach dem Biertrunk gebettet ruhten. Im Inneren fand er die Schar der edlen Helden, vom Festmahl gesättigt und in tiefen Schlaf versunken. Kein Leiden bedrückte sie, noch irgendeine Sorge. Doch der zerstörerische Unhold, grimmig und gierig, säumte nicht länger. Wild und grausam ergriff er dreißig Helden auf ihrem Ruhebett und eilte voller Stolz auf seine Beute davon, um den reichen Raub nach Hause in seine dunkle Höhle zu schleppen. (125)

Was bedeutet das Symbol der Mitternacht? Ja, die Nacht ist ein wunderliches Phänomen. Das Bewußtsein scheint im Tiefschlaf zu verschwinden, und doch ist alles wieder da, sobald es erwacht. Hier könnte man wieder an die Bedeutung des Wortes „Nacht“ als „Nicht-Acht“ denken, wenn die Achtsamkeit verschwindet und das Bewußtsein auf die Ebene des Unbewußtseins sinkt. Und dazwischen gibt es noch viele andere Ebenen des Träumens, mehr oder weniger klar, bis man vielleicht zur reinen Achtsamkeit erwacht, dem reinen Gewahrsein.

Oh Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
(Zarathustra's Rundgesang, Friedrich Nietzsche)

Ähnlich spricht man auch im indischen Yoga von vier Bewußtseins-Zuständen: Dem traumlosen Tiefschlaf, dem traumhaften Schlaf, dem traumhaften Wachsein und dem traumlosen Wachsein, das man als Turiya bezeichnet. Das ist das Wesen des formlosen Bewußtseins, das jede Form annehmen kann, was auch die ewige Freiheit des Bewußtseins ist. Die ersten drei Zustände des Bewußtseins sind uns gewöhnlich bekannt. Und wir haben uns daran gewöhnt, daß wir jeden Morgen aus dem nächtlichen Traum und Tiefschlaf aufwachen und die Welt lebendig weitergeht. Anders ist es mit der Nacht des Todes, wenn sich der Körper auflöst. Da denken wir an Zerstörung, Verlust und Ende des Lebens. Und darum geht es wohl auch in dieser Geschichte, woher dieser Unhold der Zerstörung und des Todes kommt, der die Einherier in der Kampfhalle der Einheit bedroht, die dort einerseits das Bier und den Wein der Illusion wie alle Geschöpfe trinken und in den Schlaf fallen, anderseits aber auch den Met als Göttertrank der ewigen Ganzheit, um für die ewige Gottheit zu kämpfen. Dafür steht wohl auch die Zahl „dreißig“ der Helden für eine Zahl der Ganzheit im Kreis des Mondlichtes, die Grendel zerstört und in seine dunkle Höhle des Unbewußtseins schleppt, wo die Dunkelheit des Todes droht.

In der Morgendämmerung des erwachenden Tages erkannten die Menschen mit Grausen Grendels tödliche Zerstörungskraft. Da erscholl nun nach dem festlichen Abendmahl ein lautes Wehklagen als Morgengesang. Der mächtige Herrscher und edle König saß traurig da, voller Kummer und hilfloser Sorge über den Verlust der guten Helden. Er sah die Spuren des Feindes, des schrecklichen Störenfrieds. Zu furchtbar war dieser Schlag, schwer zu verwinden. Doch es gab keine Ruhepause. Schon die nächste Nacht brachte noch schlimmeren Mord, denn die Gewalt von Tod und Zerstörung war Grendels vertrautes Wesen, und er kannte keine Reue. Da war es verständlich, daß sich die Helden anderswo ein Ruhebett mit mehr Sicherheit in fester Burg suchten, denn der gewaltige Haß des nächtlichen Feindes gegen alle, die in dieser Halle verweilten, war zu offensichtlich. Der Held, der dem unschlagbaren Feind entkommen konnte, weilte lieber in seiner sicheren Burg (als gemeinsam mit König Hrodgar in der Hirschhalle Met zu trinken und hohe Feste zu feiern). So siegte der Dämon über Recht und Ordnung, als einzelner gegen alle, und die hohe Halle stand lange leer, ganze zwölf Winter hindurch. (147)

Woher kommt diese Angst vor dem Tod? Gibt es überhaupt einen ewigen Tod in ewiger Dunkelheit? Philosophisch und logisch ist das ein verzwicktes Problem: Wenn Licht und Dunkelheit nicht ewig wären, dann müßten sie über die endlose Zeit schon vergangen sein. Daher scheinen Licht und Dunkelheit ewig zu sein, und zwischen ihnen schwankt unsere Welt in Zeit und Raum, zwischen ewigem Leben und ewigem Tod. Und wenn der Mensch nach dem ewigen Leben strebt, dann muß es logischerweise auch einen ewigen Tod geben. Ja, das ist die Welt des gewöhnlichen Verstandes mit seinen gegensätzlichen Gedanken.

So kommt es nun auch, daß die Helden angesichts des unbesiegbaren Todes ihre Sicherheit nicht mehr in der Ganzheit bzw. Gottheit suchen, sondern lieber in ihrer eigenen Körperburg, die sie zumindest einige Zeit verteidigen können, um wenigstens einige tausend Nächte zu überleben. Das ist „verständlich“, denn es ist die natürliche Welt unseres Verstandes, der sich um den Körper kümmert. So sind auch heute viele Menschen bestrebt, sich ein eigenes kleines Refugium als Rückzugsort zu schaffen, um den globalen Problemen aus dem Weg zu gehen. Aber nun gibt es keine Einherier mehr, und Walhall steht leer, ganze zwölf Jahre lang. Auch das ist wieder eine Zahl der Ganzheit im Kreis der Uhrzeiger, bis die Zeit erfüllt ist und eine Lösung erscheint.

Der edle Scylding, der Beschützer und Freund, litt schwer unter der Last des Kummers und der hilflosen Sorge. Traurige Lieder verbreiteten unter den Menschenkindern die schreckliche Botschaft, daß Grendel immer weiter voller Haß im Herzen gegen König Hrodgar kämpfte, mit feindlichen Gewalttaten schon viele Jahre in ständiger Fehde. Keinen der Dänen wollte er verschonen, mit keinem Frieden schließen, und das Töten nicht beenden. Kein Gold konnte als Lösegeld dienen, um das Leben zu bewahren, kein Rat wurde gefunden, und niemand konnte auf irgendeine Entschädigung vom Mörder hoffen. Wie ein dunkler Todesschatten verfolgte der unschlagbare Dämon alle Kämpfer, alte und junge. Er lauerte und brütete Unheil in der endlosen Nacht, im nebligen Moor. Die Menschen wissen leider nicht, woher solche höllischen Gespenster kommen und wohin sie wandeln. So verübte dieser Feind der Menschheit als Einzelgänger viele Grausamkeiten und brachte bedrückendes Leiden. Er lauerte in der Hirschhalle, im reichgeschmückten Saal, während der dunklen Nächte. Nur dem königlichen Thron konnte er sich nicht nähern, von dem die reichen Gaben des Schöpfers gegeben wurden, und er wollte sich auch nicht nähern. (169)

Ja, das ist nun das große Problem für alle, die im Leben Frieden und Glück suchen: Wie läßt sich feindlicher Haß und Tod besiegen? Warum konnte König Hrodgar mit all seinen Gaben diesen Feind weder überwinden, noch als Freund gewinnen? Eine grundlegende Ursache konnten wir in der Trennung finden, die mit Healfdene begann, wie im obigen Stammbaum gut zu sehen ist. Durch diese Trennung des ganzheitlichen bzw. göttlichen Wesens entstand der egoische Mensch, der sich dann mit der Seele als Prinzip der Verursachung verheiratete und den „Mein-Singer“ gebar, der dann den Grendel-Haß mit Zerstörung und Tod aufweckte. Damit starb offenbar auch der heilige Halga als Weisheit und Vernunft, so daß wir nun in Hrodgar eine abfallende Vernunft sehen können, die nicht mehr zur Ganzheit fähig ist, weshalb auch seine Helden bzw. Kräfte in der gemeinsamen Kampfhalle keine Einherier mehr sein wollten. Denn nichts bedroht ein trennendes Ego-Bewußtsein mehr als ein ganzheitliches Bewußtsein, und daher weckt das Ego all jene Kräfte auf, welche die ganzheitliche Vernunft bekämpfen, die Weisheit und alles Heilige und Göttliche in der Welthalle der Einheit. Doch dem göttlichen Thron können und wollen sie sich natürlich nicht nähern, denn hier müßten sie sich wieder in der Ganzheit auflösen.

So war der edle Scylding, der König und Beschützer seines Volker, tief im Herzen bekümmert (daß er mit Grendel keinen Frieden schließen konnte). Oft saßen die Mächtigen zusammen und berieten, wie der wütende Feind am besten zu besiegen wäre. Oft gelobten sie in heiligen Tempeln mit tiefster Verehrung heilsame Opfer darzubringen. Oft baten sie den Dämonen-Vernichter in ihrer großen Not um Hilfe. Das war ihr Glaube, der Heiden Hoffnung: Der Hölle gedachten sie tief im Herzen, aber die höchste Gottheit, den Allmächtigen und Richter der Taten, sahen sie nicht. So konnten sie auch den wahren König des Himmels nicht verehren. - Ach, wie elend ist der, der durch wütenden Haß seine Seele ins lodernde Feuer stößt und keine Erlösung erhoffen kann. Und wie gesegnet, wer nach dem Todestag zur Gottheit eingeht und in der Umarmung des Allvaters Frieden findet! (188)

Wer eine Lösung sucht, der findet… Das Problem muß natürlich an der Ursache gelöst werden, und die liegt in der Trennung, im egoischen Menschen, der sich von der Ganzheit bzw. Gottheit getrennt hat. Die verlorene Sicht der Ganzheit muß auf dem Weg der Vernunft wiedergefunden werden, und dazu muß in der Menschheit ein Beowulf bzw. Fridleif oder Christus geboren werden, um Begierde, Haß und Unwissen zu überwinden. Diese drei gehören immer zusammen, wie sie im Buddhismus auch als drei Geistesgifte beschrieben werden, um die sich das Rad der weltlichen Geburten dreht. Darin können wir das übliche Entwicklungsdreieck wiederfinden: Begierde und Haß sind die Gegensätze als Weggrenzen, und das Unwissen des Verstandes ist die Richtung der Bewußtseinsentwicklung, entweder zur Dunkelheit oder zum Licht, zur Trennung oder zur Ganzheit, zum himmlischen Frieden der Liebe oder zum Höllenfeuer der Leidenschaft.

Das Wort Hölle erinnert an eine dunkle Höhle, wo sich das getrennte Bewußtsein zusammenzieht, bis es sich selbst kaum noch bewegen kann und seine Freiheit verliert, was wir dann auch „Materie“ nennen. Das Feuer erinnert an die gewaltigen Energiemengen, die dort eingeschlossen sind, was wir „Kernenergie“ nennen oder aus geistiger Sicht „angesammeltes Karma“. Auch im körperlichen Leben können wir diese Hölle und das Feuer erfahren und sprechen zum Beispiel von Depression und Burnout. Über das Wesen der Hölle denkt wohl die Menschheit schon lange nach. Meister Eckhart schreibt dazu bezüglich dem »Nicht« als Wesen der Trennung:
Man stellt die Frage, was in der Hölle brenne? Die Meister sagen allgemein: Das tut der Eigenwille. Ich aber sage wahrheitsgemäß, daß das Nicht in der Hölle brennt. Vernimm denn nun ein Gleichnis! Man nehme eine brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. Wollte ich nun sagen, die Kohle brenne meine Hand, so täte ich ihr gar unrecht. Soll ich aber zutreffend sagen, was mich brennt: Das »Nicht« tut es, denn die Kohle hat etwas in sich, was meine Hand nicht hat. Seht, eben dieses »Nicht« brennt mich. Hätte aber meine Hand alles das in sich, was die Kohle ist und zu leisten vermag, so hätte sie ganz und gar Feuersnatur. Nähme einer dann alles Feuer, das je brannte, und schüttete es auf meine Hand, so könnte es mich nicht schmerzen. In gleicher Weise sage ich: Da Gott und alle die, die in der Anschauung Gottes sind, in der rechten Seligkeit etwas in sich haben, was die nicht haben, die von Gott getrennt sind, so peinigt dieses »Nicht« die Seelen, die in der Hölle sind, mehr als Eigenwille oder irgendein Feuer. Ich sage fürwahr: Soviel dir vom »Nicht« anhaftet, so weit bist du unvollkommen. Hierum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei sein vom »Nicht«. Hierum sagt das Wörtlein, das ich euch vorgelegt habe: »Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt.« Das dürft ihr nicht im Hinblick auf die äußere Welt verstehen, wie er mit uns aß und trank: ihr müßt es verstehen mit bezug auf die innere Welt. (Predigt 6)

3. Beowulfs Dienstbereitschaft

So wurde der König lange vom Kummer gequält, Healfdenes Sohn, denn keinem Helden gelang es, dem Unheil zu wehren. Zu schwer war die Not, zu mächtig das Leid, das sein Volk bedrückte, durch des Dämons Verfolgung in nächtlicher Plage. Da hörte in seiner Heimat, im Land der Goten, auch Beowulf, der treffliche Dienstmann von König Hygelak, die traurige Botschaft von Grendels Treiben. Er war damals einer der stärksten und kräftigsten unter den Menschen, ein mächtiger Edeling. Sogleich ließ er ein wellentüchtiges Segelschiff rüsten und sprach: „Mich treibt es, dem Weg der Schwäne (intuitiver schicksalhafter Ahnung) zu folgen und dem mächtigen Herrscher zu helfen, denn er braucht einen Helden.“ Nur wenig Widerstand begegnete ihm von den weisen Gefolgsleuten seines Königs, die ihn zwar liebten und nicht verlieren wollten, aber auch die Vorzeichen des Erfolges sahen, so daß sie schließlich zur Fahrt rieten. Dazu wählte er sich vom Volk der Goten die kühnsten Männer aus, die er finden konnte, und begab sich als seekundiger Held mit vierzehn Recken zum hölzernen Schiff am Ufer des Meeres, an der Grenze seines Landes. Schon bald schaukelte es auf den Wellen vor der steilen Küste, und die Kämpfer gingen wohlgerüstet an Board, wo das Meer brandend gegen den Sand kämpfte. Nachdem die blitzenden Waffen, Rüstungen und sonstiges Gepäck im Bauch des Schiffes verstaut waren, stießen die Männer ab, zur erwünschten Reise in einem wohlgerüsteten Fahrzeug. Schnell flog das Schiff wie ein Vogel durch die schaumgekrönten Wellen, vom Wind getrieben, so daß die Seemänner auf dem geschwungenen Bug schon am nächsten Tag fernes Land erblickten, leuchtende Klippen, hoch aufragende Felsen, vom Meer umwallt. Das Ziel der Reise war erreicht. Bald betraten die gotischen Helden das sandige Ufer und vertäuten das Schiff. Ihre Rüstungen klirrten, dieser kämpferische Schutz der Recken, und sie dankten Gott für die erfolgreiche Fahrt auf ruhiger See. (228)

Wie die traurige Botschaft durch die Lieder der Sänger im Reich der Menschen verbreitet wurde, berichtete das vorhergehende Kapitel, sozusagen als „BootSchaft“ auf dem Meer des Bewußtseins, als „Mär des Lebens“ und „Nach-Richt“ einer schicksalhaften Geschichte, die nach Verständnis, Berichtigung und Lösung sucht. Ähnlich wird auch von Buddha erzählt, wie er als junger Prinz die Botschaft von Tod und Vergänglichkeit vernahm:
Eines Tages, als die Zeit reif dafür war, fuhr er auf einem Wagen aus seinem prächtigen Palast und erblickte Alter, Krankheit und Tod unter den Menschen. Da fragte er seinen Wagenlenker, ob auch er selbst davon betroffen würde, und dieser gab ihm eine ehrliche Antwort. Da erkannte der Prinz intuitiv, daß aller Reichtum und Genuß sinnlos sind, wenn dieses Problem nicht gelöst werden kann. So begab er sich auf den großen Weg und wurde zum Buddha, ein Name, der sich von Sanskrit Buddhi für ganzheitliche Vernunft ableiten läßt.

Ähnlich erkannte wohl auch Beowulf den „Weg der Schwäne“, die uns symbolisch an jene Schwäne der nordischen Mythologie erinnern, die bei den drei Schicksals-Nornen auf dem Urdbrunnen an der Wurzel des Lebensbaumes schwimmen. Hier könnte man an die Intuition denken, die uns das Schicksal vorausahnen läßt, den Weg, dem wir im Leben auf dem Meer der Ursachen folgen sollten, wie man auch sagt: „Mir schwant etwas.“ Das Schiff erinnert uns an den Körper, der von diesem Meer getragen wird, der Wind an den Geist, der alles bewegt und belebt, und die klippenreichen Inseln in diesem Meer an die körperlichen Welten, in denen wir leben und „auf Sand bauen“. Über die vierzehn Gesellen, die Beowulf begleiten, haben wir in der Nacherzählung von Wägner ausführlicher nachgedacht. Symbolisch könnte man an vierzehn geistige und natürliche Grundprinzipien denken, die in einem Menschen wirken und helfen. Welche damit speziell gemeint sind, scheint in dieser Geschichte keine wesentliche Rolle zu spielen.

Auf hohem Wall stand der Wächter der dänischen Scyldinge, der die klippenreiche Küste bewachte, und sah, wie man glänzende Schilde vom Schiff trug, mächtiges Rüstzeug und Waffen. Neugierig fragte er sich im Herzen, wer diese Helden waren. So ritt der Dienstmann von König Hrodgar auf seinem Streitroß zum Strand hinunter. Drohend schwang er in starker Faust den Speer und fragte mit gewichtiger Stimme: „Wer seid ihr, gerüstete Recken mit blinkenden Waffen, die auf stolzem Schiff entlang der Wasserstraße über das Meer unser Ufer erreicht haben? Schon lange diene ich hier als Küstenwächter, damit uns keine Feinde auf Schiffen überraschen, die dem Dänen-Reich schaden wollen. Doch so offensichtlich habe ich hier noch keine Krieger mit Schilden aus Lindenholz landen sehen, als hätten euch meine Stammesgenossen als Freunde eingeladen. Ich habe auch noch nie so einen mächtigen Recken erblickt, wie er gerüstet in eurer Mitte steht. Dies ist wohl kein einfacher Dienstmann, der so würdig und edel erscheint, sofern sein Aussehen nicht lügt. Nun laßt mich eure Herkunft wissen, bevor ihr das Land der Dänen als Freunde friedlich betreten dürft. Hört meine Worte und antwortet schnell, woher ihr kommt, damit es keinen Streit gibt.“ (257)

Damit finden wir nun symbolisch drei Welten wieder, nämlich die der Dänen, Schweden und Goten. Die Dänen erinnern an die Welt der Gottessöhne, die um die Ganzheit kämpfen und eine ganzheitliche Kampfhalle erbauen wollen. Die Schweden symbolisieren als Gegensatz dazu die Welt der Dämonen, die um Trennung und egoistisches Eigentum kämpfen, und wo sich jeder seine eigene Kampfhalle bauen will. Und dazwischen liegt die Welt der Goten als gotische bzw. göttliche Menschengeschöpfe, die sich entscheiden können, auf welcher Seite und für welche Ziele sie kämpfen wollen. Jede körperliche Welt bewacht natürlich ihre Grenzen, um sich zu beschützen. In diesem „Wächter der Grenze“ kann man den begrifflich-gedanklichen Verstand sehen, der alles äußerlich beurteilt und in Freund und Feind unterscheidet. Die Frage nach der Herkunft deutet allerdings schon darauf hin, daß in dieser Welt auch eine tiefere Vernunft wirkt, die nach dem Ursprung fragt und nicht nur die Äußerlichkeiten betrachtet, was Frodi in der obigen Edda-Geschichte offenbar versäumt hatte, in der es heißt:
„Nicht warst du, Frodi, vorsichtig genug, deinem Volk zum Segen, als du Mägde kauftest: Auf Stärke sahst du und mächtige Gestalt, doch achtetest ihrer Herkunft nicht.“

4. Beowulfs Herkunft

Von den Fremden gab der Edelste Antwort, und als ihr Führer bot er den Reichtum der Rede an: „Wir sind eine Gruppe der Goten, König Hygelaks Herdgenossen. Mein Vater war bei den Völkern weithin als der edle Herrscher namens Ecgtheow („Diener der Schwertschneide“) bekannt. Viele Winter erlebte er, bis das Schicksal den Hochbetagten hinwegnahm. Alle Weisen im Erdenkreis erinnern sich gern an diesen Helden. So suchen auch wir den Sohn des Healfdene, deinen Brotherrn, in bester Absicht auf, diesen Beschützer des Volkes. Sei uns ein geneigter Führer! Wir wollen dem König der Dänen einen großen Dienst anbieten, was kein Geheimnis bleiben sollte. Du weißt sicherlich, ob die Geschichte wahr ist, die uns berichtet wurde, daß ein tödlicher Zerstörer im Reich der Scyldinge haust, ein heimtückischer Feind, der die dunkle Nacht arglistig zu schrecklichem Mord und Gemetzel nutzt. Ich kenne einen weitsichtigen Weg, wie der gute und weise Hrodgar diesen Dämon besiegen kann, damit die lange Not des schrecklichen Leidens ein Ende findet und die Wogen des Sorgenfeuers abkühlen. Sonst wird er die traurige Zeit des qualvollen Elends ertragen müssen, solange diese Beste aller Hallen hochaufgerichtet steht.“ (285)

Hier lernen wir die Herkunft und das Wesen von Beowulf als Hauptheld dieser Geschichte wieder etwas näher kennen. Sein Vater wird Ecgtheow genannt, der „Diener der Schwertschneide“, der wohl im Gegensatz zu Ongentheow stehen soll, dem „Diener der Trennung“ als Stammvater der Schweden. Mit der Schwertschneide könnte die Unterscheidungskraft des Menschen gemeint sein, die dann mit Weisheit auch eine „Entscheidung“ bringen kann, welchen Weg der Mensch geht, entweder zu den Schweden oder Dänen. Diese Weisheit wird nun auch in Beowulf angedeutet, wenn er den „weitsichtigen Weg“ kennt, um den tödlichen Zerstörer in der großen Kampfhalle der Welt zu besiegen. Und klar, wer diesen Sieg nicht gewinnt, muß das Leiden von Tod und Vergänglichkeit immer weiter ertragen, solange die Welthalle zwischen Dunkelheit und Licht zum Höchsten aufgerichtet besteht. Doch wer ist das, der diesen Weg zum Sieg kennt? Warum ist er im Dänenreich verlorengegangen?

Vom Roß herab antwortete der kampferfahrene Wächter: „Ein tüchtiger Schildkämpfer versteht, sowohl Worte als auch Taten mit weisem Urteil abzuwägen. So hörte ich, daß ihr Helden dem Herrn der Scyldinge wohlgesinnt seid. Daher folgt mir in Waffen und Rüstungen, ich weise euch den Weg. In der Zwischenzeit werde ich meinen Gesellen befehlen, euer Schiff am Strand treu gegen alle Feinde zu bewachen, das frischgeteerte, bis der geschwungene Holzrumpf den lieben Gast wieder über das wogende Meer zu den Goten ins heimatliche Land trägt. Denn wer edle Taten vollbringt, dem sei es gewährt, aus dem Feuer des Kampfes heil und sieggekrönt hervorzugehen.“ (300)

So lassen sie nun symbolisch das körperliche Schiff am Ufer zurück und gehen in eine mehr geistige Welt, vom gedanklichen Verstand zur ganzheitlichen Vernunft geführt. Und der Verstand kennt natürlich seine Aufgabe, sich um den Körper zu kümmern und ihn gegen feindliche Räuber zu bewachen. Ein gutes Zeichen ist es bereits, wenn er das Vertrauen gefunden hat, daß die Wahrheit auf dem Weg edler Taten siegen muß und niemals im Feuer der Vernichtung vergehen kann.

Nun brachen sie auf. Das tiefbauchige Schiff blieb zurück, vertäut mit starken Seilen und wohlverankert. Ebersymbole glänzten an ihren Helmen über dem Wangenschutz, aus Gold getrieben und im Feuer geläutert, wachten sie über den achtsamen Kampfgeist. So eilte der Trupp der Goten gemeinsam voran, bis sich die strahlende Halle vor ihren Augen erhob, die goldverzierte, in welcher der Herrscher thronte. Es war die Beste aller Hallen für die Erdenbewohner unter dem Himmelsdach. Fernhin leuchtete sie über viele Länder. Bald zeigte ihnen der wachsame Krieger die herrliche Versammlungshalle der großen Helden und gebot, auf geradem Weg weiterzugehen. Er selbst wandte sein Roß und sprach: „Ich muß nun zurückreiten. Möge euch der allmächtige Vater auf eurem Weg gnädig beschützen! Zum Seeufer will ich zurückkehren, um gegen räuberische Feinde Wache zu halten.“ (319)

Das Ebersymbol an den Kampfhelmen wird hier sicherlich nicht zufällig erwähnt. Darüber kann man viel nachdenken, und das haben auch schon viele getan. Als erstes könnte man an Gullinborsti aus der Edda denken, den „Eber mit den goldenen Borsten“ als Zugtier von Freyr, dem Gott des Frühlings, des Sommers, des Wohlstandes und der Fruchtbarkeit. Er kann sich auf der Erde, durch die Luft und über Wasser bewegen, und seine goldenen Borsten erleuchten ringsherum die Dunkelheit, wie das Wesen der Sonne mit ihren Strahlen. Durch solche Symbole wurde wohl das Schwein selbst zum Innbegriff für Reichtum, Wohlstand und Glück im Leben, wie wir heute noch das „Glücksschwein“ kennen. Darüber hinaus gilt der Eber auch als Sinnbild für unerschrockenen und unbeugsamen Kampfesmut, wie auch Wildschweine unerschrocken ihre Jungen verteidigen und jeden Feind mutig angreifen. Dazu hat man schon viele alte Kampfhelme gefunden, die mit verschiedensten Symbolen geschmückt waren, wie zum Beispiel den Sutton-Hoo-Helm, den man so rekonstruiert hat:

Manche erkennen hier über dem Wangenschutz auch Eberköpfe, andere sprechen von Drachenköpfen, wie es auch zwei prinzipielle Arten des „Kampfgeistes“ gibt, der eine ist auf die Gottheit und Ganzheit gerichtet, und der andere auf Ego und Trennung. Ähnlich wurde der Benty-Grange-Helm gefunden, der ein deutliches Ebersymbol auf dem Scheitelkamm trägt. Desweiteren finden wir in Walhall auch den Eber Sä-Hrimnir wieder, dessen Name sich als „See-, Meer- oder Wasser-Verkörperung“ deuten läßt. Er wird jeden Morgen gesotten, dient als Nahrung für die Einherier, und ist am Abend wieder heil und ganz. Als Koch-Verkörperung wird der Wind bzw. Geist genannt, und als Kessel-Verkörperung das Feuer selbst. Wie viele auch von diesem Eber essen, sein Fleisch wird immer ausreichen, und es heißt: „Es ist das beste Fleisch, doch nur wenige wissen, was die Einherier dort essen.“

Im obigen Text scheint sich das Ebersymbol am Helm vor allem auf die Wachsamkeit und Achtsamkeit des Kämpfers zu beziehen und ist nicht umsonst den Augen so nah. Diese Achtsamkeit ist natürlich nicht nur für den körperlichen Kampf entscheidend, wie jeder Schwertmeister bestätigen kann, sondern noch mehr für den geistigen Kampf, wie wir noch lesen werden. Das Gold erinnert an die Wahrheit, das selbststrahlende und ewige Licht des Bewußtseins, mit dem natürlich jeder Kampf zu gewinnen ist. Und darin liegt auch der wahre Reichtum und das wahre Glück im Leben, was wohl das Grundthema dieser ganzen Sage ist. Mit diesem hohen Bewußtsein nähert sich nun Beowulf im Kreise seiner Gesellen der hohen Halle der Einherier, wohin der gedankliche Verstand irgendwann nicht mehr folgen kann und auf seinem Pferd der Körperlichkeit umkehrt, um weiterhin die körperlichen Grenzen zu beschützen.

5. Wulfgar empfängt Beowulf in der Halle

Der Weg, dem die Helden folgten, war mit bunten Steinen gepflastert. Die handgeschmiedeten Rüstungen glänzten, und hell klirrten ihre blitzenden Schwerter auf dem harten Stahl, als die Kämpfer in ihren Kampfgewändern zur Königshalle schritten. Dort lehnten die Männer ihre wehrhaften Schilde an die Hallenwand und eilten, müde von der Seefahrt, zur Bank unter dem Klang ihrer Rüstungen, diesem Kampfschmuck der Seemänner. Ihre glatten Speere aus Eschenholz mit den eisernen Spitzen stellten sie alle zusammen. So würdig waren die Seefahrer bewaffnet. (331)

Hier könne man darüber nachdenken, wie die bunte Vielfalt der Natur der Weg zur Einheit ist, zu Walhall der wohlgerüsteten Einherier. Und woraus besteht diese Halle der Kämpfer? Vielleicht aus den Waffen der Einherier? In der Edda heißt es, daß das Dach der Halle aus Schilden besteht, die auf Speeren als Dachsparren ruhen. Rüstungen zieren die Bänke, und glänzende Schwerter erleuchten die Halle. Hier sollten wir natürlich nicht vergessen, daß es mehr um eine geistige Halle geht, die alle Völker gemeinsam als Menschheit erbaut haben, ein ganzheitlicher Raum des Bewußtseins, in dem der Einherier lebt. Die Wände bzw. Grenzen entstehen dann symbolisch durch die Schutzschilde des Bewußtseins, wodurch auch die Größe der Halle bestimmt wird. Und zusammengehalten wird alles durch die Speere aus Eschenholz bzw. den Zweigen des Lebensbaumes als Seelen der Verursachung. An den Met-Bänken sitzt der Verstand in seiner Rüstung aus Begriffen, und das ganzheitliche Licht erinnert an das Schwert der Weisheit. In dieser Hinsicht könnte man die Halle selbst als Waffe und Rüstung der Einherier betrachten, ja, sogar als ihr ganzheitlicher Körper.

Bald darauf fragte ein stolzer und wackerer Recke nach der Edlen Herkunft: „Woher bringt ihr die wehrhaften Schilde, die stahlglänzenden Rüstungen, die bergenden Helme und die vielen Speere? Ich bin Hrodgars Herold und Heerführer. Noch nie sah ich hier so viele Fremde mit so mutigen Gesichtern. Ich hoffe, daß euch edler Mut und Heldensinn hierher in Hrodgars Halle geführt hat, und keine Feindschaft.“ Darauf antwortete der kühne Führer der Goten, der wohlgerüstete, unter seinem Helm hervor: „Wir sind Tischgenossen von König Hygelak (deutbar als „Spiel des Verstandes“). Mein Name ist Beowulf („Bienen-Wolf“). Ich möchte dem Sohn des Healfdene, dem ruhmreichen König, die Absicht unserer Reise verkünden, falls es der mächtige Herrscher gewährt, daß wir den Edlen begrüßen dürfen.“ (347)

Hier nennt nun Beowulf seinen Namen und offenbart damit auch sein Wesen in dieser Halle. Über die Bedeutung des Namens Beowulf als „Bienen-Wolf“ oder „Wolf-Biene“ haben wir in der Wägner-Nacherzählung bereits ausführlich nachgedacht. Denn das übliche Wesen eines Wolfes finden wir eigentlich nicht an ihm, sondern eher das Wesen einer Biene, die fleißig den Nektar für den Honig-Met bereitet, den symbolischen Met als Göttertrank der Ganzheit und Einheit, wie er von den Einheriern in Walhall getrunken wird und in dieser Halle von Hrodgar offenbar seine Macht verlor. Dafür hat wohl Beowulf diese Reise auf dem Meer des Lebens unternommen und ist dem Schwanen-Weg der Ahnung gefolgt, um diese hohe Ebene des Bewußtseins in Hrodgars Halle wieder zu erreichen. In diesem Sinne ist er mehr ein „Wolfsjäger“, zumal auch am Westtor von Walhall der Wolf wartet und über ihm ein Aar oder Adler als Greifvogel, wie die Edda berichtet. So spricht sie auch von der Ziege Heidrun, aus deren Euter der Met für die Einherier fließt. Sie weidet auf dem Schild-Dach von Walhall und frißt von den Blättern des Lebensbaumes. Ihr Name läßt sich über altnordisch „heiðr“ als Licht-Rune deuten, dem „Geheimnis des Lichtes“ als reines Bewußtsein, als Heide oder Weideland der Einherier. Im weitesten Sinne könnten wir auch an eine „Heit-Rune“ denken, das unbegreifliche „Geheimnis der Ganz-Heit“. Und in dieser Richtung werden wir auch Beowulf noch kennenlernen.

Und Wulfgar („Speer des Wolfes“), der Wendel-Fürst, dessen Mut, Tapferkeit und Klugheit weitbekannt war, sprach: „Ich werde den König der Dänen fragen, den Herrn der Scyldinge, ob der Geber der goldenen Ringe, die Bitte erfüllt. Ich werde dem edlen Herrscher eure Ankunft melden und eiligst mit der Antwort zurückkehren, die der Gütige zu geben geruht.“ Dann eilte er hin, wo Hrodgar saß, alt und ergraut inmitten der Adligen (Earls). Aufrecht stand er auf Schulterhöhe vor dem König der Dänen, denn er kannte die Sitten hier am Hofe. Und frei heraus sprach Wulfgar zum freundlichen König: „Von fernher sind Männer vom Volk der Goten über das Meer hierher gesegelt. Der Anführer der edlen Kämpfer nennt sich Beowulf mit Namen. Sie bitten, mit dir, mein König, sprechen zu dürfen. Bitte weigere dich nicht, gütiger Hrodgar, und gewähre ihnen eine Antwort. In ihrer Kampfausrüstung erscheinen sie würdig, von den Edlen geachtet zu werden, vor allem ihr mächtiger Führer, der die Helden hierhergeführt hat.“ (370)

Welche Rolle spielt hier Wulfgar in der Kampfhalle? Sein Name bedeutet „Speer des Wolfes“, und er ist nun der dritte „Gar“ bzw. Speer am Königshof, neben Heorogar als „Speer des Kampfes“ und Hrodgar als „Speer der Ehre“. Nur an dieser Stelle wird er erwähnt, und sein Wesen ist schwer zu greifen. Er wird als „Wendel-Fürst“ bezeichnet, womit vermutlich die Vendel-Schweden gemeint sind. Die Schweden haben wir bisher als Symbol für den egoischen Menschen kennengelernt. Warum dient nun ein Ego-Fürst als Herold und Heerführer in der Halle der Ganzheit? Und das noch auf „Schulterhöhe“ mit dem König? Hier können wir darüber nachdenken, welche Aufgabe das Ego in der Ganzheit hat, so daß es zu einem „Speer des Wolfes“ wird, um den Wolf selbst zu besiegen. Ähnlich finden wir auch in der Symbolik von Odins Thron die beiden Wölfe Geri und Freki als „Begierde und Gefräßigkeit“ zu den Füßen des Allvaters sitzen, und auf „Schulterhöhe“ zwei Drachenköpfe. Hier kann man sich fragen, ob in der Ganzheit noch gilt: Was über mir ist, das beherrscht mich, und was unter mir ist, das beherrsche ich. Oder: Was über mir ist, das bedrückt mich, und was unter mir ist, das unterdrücke ich.

So hat natürlich jedes Wesen seinen Platz in der Ganzheit. Die Frage ist nur, inwieweit es sich der Ganzheit bewußt ist. Ob der Name Wendel auch auf eine Wendung der Sichtweise anspielt, so daß er von den Schweden zu den Dänen gewechselt ist, bleibt unserer Phantasie überlassen. Zumindest hilft Wulfgar mit, daß Beowulf den Weg als „Wolfsjäger“ weitergehen kann und von König Hrodgar freundlich empfangen wird. In dieser Hinsicht kann uns dieser „Speer des Wolfes“ auch an Odins Speer erinnern, den man als Symbol für den Speer der Verursachung und Seele der Natur betrachten kann.

6. Beowulfs Auftritt und Ansprache vor dem König

König Hrodgar, der Hüter der Scyldinge, sprach: „Ich kannte ihn schon, als er noch ein Jüngling war. Ecgtheow hieß sein alter Vater, dem der Gotenkönig Hredel seine einzige Tochter zur Ehefrau gab. Nun ist sein Sohn und Erbe als furchtloser Held hierhergekommen, um einen treuen Freund zu besuchen. Die Seefahrer, die den Goten vor einiger Zeit meine Dankesgeschenke brachten, berichteten mir, der berühmte Kämpfer habe die Kraft von dreißig starken Männern in seinen Händen. Ich hoffe, Gottes Güte und Gnade hat ihn zum Heil der Dänen hierher gesandt, damit er uns vom Schrecken Grendels befreie. Dafür werde ich den Mutigen mit reichen Schätzen belohnen. Nun beeile dich und lade die edle Schar in den Kreis unserer Verwandten ein. Sage ihnen, daß sie im Reich der Dänen herzlich willkommen sind.“

Darauf überbrachte Wulfgar, der Wendel-Fürst, die Botschaft aus dem Inneren (vom Thron der Halle): „Sagen läßt euch der siegberühmte König der Dänen, daß er eure edle Herkunft kennt, und er heißt die Kühngesinnten herzlich willkommen, die über die Wellen des Meeres gereist sind. Gestattet ist es euch, in Rüstung und unter Helmen König Hrodgar zu nahen. Doch laßt die Kampfschilde und hölzernen Speere hier warten, bis zum Schluß der Beredung.“ (398)

So kennt der alte König bereits das Wesen von Beowulf aufgrund seiner Herkunft. Jeder Mensch hat wohl einen Ecgtheow als „Diener der Schwertschneide“ in sich, um sich zu entscheiden, welchen Weg des Kampfes er im Leben geht, entweder als Ego für die Trennung oder als Einherier für die Ganzheit. So deutet auch Hredel als Stammvater des gotischen Menschen das große Ziel an, dessen Name sich von altenglisch „hreddan“ für retten, befreien oder erlösen ableiten läßt. Er vereint seine einzige Tochter bzw. Seele mit Ecgtheow, und daraus entsteht Beowulf als Seelenkraft des Bewußtseins, die wohl mächtigste Kraft im Menschen. So ist er der Neffe bzw. Schwestersohn von König Hygelak als „Spiel des Verstandes“, und gewöhnlich wird uns diese mächtige Kraft selten bewußt, weil wir gewöhnlich auch nicht um die Ganzheit kämpfen. Daß sich Beowulf für den Kampf um die Ganzheit entschieden hat, deuten bereits die dreißig Männerstärken als eine Zahl der Ganzheit an. Entsprechend wurden auch von Grendel in der Hirschhalle dreißig Männer getötet und verzehrt, und nun geht es darum, diesen Zerstörer der Ganzheit mit der Kraft der Ganzheit zu besiegen.

Die Helme und Rüstungen erinnern uns an den begrifflichen Verstand, mit dem sich Beowulf und seine Gesellen dem König in der Halle der Ganzheit nähern, denn nur der Verstand kann in dieser Halle noch begriffliche Unterschiede erkennen. Die Schilde und Speere warten als Wesen der Halle - symbolisch als Dach, Wände und Balken - bis der Verstand sein Gespräch im Spiel der Gedanken und Begriffe von Dies und Das beendet hat.

Der Mächtige erhob sich, und um ihn herum seine wackere Schar. Nur einer blieb als Hüter der Waffen zurück, wie der mächtige Führer gebot. Dann schritten die Recken unter der Führung des Herolds unter dem Dach von Heorot, der Hirschhalle, voran. Vom Helm bedeckt stand Beowulf in der Halle, die blanke Rüstung glänzte an ihm, das eiserne Kettenhemd, künstlich vom Schmied geflochten, und er sprach: „Heil dir, Hrodgar! Es grüßt dich Hygelaks Diener und Neffe, der schon als Jüngling viel Ruhm geerntet hat. Im Heimatland erreichte mich die schreckliche Botschaft von Grendels Treiben: Die Seefahrer erzählten, diese Beste der Hallen, das herrliche Gebäude, stehe nutzlos und leer für alle Helden, sobald abends die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Da rieten mir meine Recken, die mutigsten und weisesten, alsbald zu dir zu fahren, König Hrodgar, denn sie kennen meine Stärke. Sie haben es selbst gesehen, wie ich von Feindesblut bedeckt aus der Schlacht zurückkehrte, wo ich fünf gebunden hatte, übermächtige Riesen erschlug und in den nächtlichen Wellen unheilvolle Meeresungeheuer besiegte. So ertrug ich manche Gefahr, rächte das Unrecht, das gegen die Goten verübt wurde, und besiegte die Feinde, die Unheil brachten. Nun bin ich gekommen, um allein mit Grendel den Kampf zu wagen, dem dämonischen Riesen, und dessen Bedrohung zu vernichten. Ich bitte dich, edler Hüter der Scyldinge und König der Dänen: Verwehre mir nicht, der ich von weither kam, daß ich ganz allein mit meinen edlen Gefährten, den kühnen Kämpfern, deine Hirschhalle von dieser Bedrohung reinige, oh Beschützer der Helden und Freund des Volkes. Ich habe auch erfahren, daß der schreckliche Gegner in seiner Übermacht keine Waffen gebraucht. So werde auch ich, um meines Königs Ruhm zu vermehren und Hygelaks Herz zu erfreuen, dem Mörder ohne mein scharfes Schwert und den breiten, goldverzierten Schild begegnen. Allein mit der Kraft meiner Hände will ich mit dem Feind um das Leben ringen. Entweder wird er sterben oder ich, im Vertrauen auf den Ratschluß des Ewigen. Wenn Grendel in der goldenen Halle siegt, denn frißt er auch die mutigen Helden der Goten, wie er bisher die Helden der Dänen fraß. Dann mußt du an meinem Kopf keine Totenwache halten, denn er trägt den blutbefleckten Leib fort, wenn mich der Tod dahinrafft. Der einsame Wanderer wird den rotgefärbten Leib begierig ins öde Moor schleppen und ohne Reue auffressen. Und du sparst die weitere Bewirtung des Gastes. Doch falle ich im Kampf, dann sende meinem König die Rüstung zurück, die mir die Brust schützte, den Besten der Harnische, von Hredel ererbt und Wielands Kunstwerk. So muß das Schicksal seinen Lauf nehmen.“ (455)

Die erwähnte Schlacht mit den Riesen und Meeresungeheuern erinnert vermutlich an den Wettkampf mit Breka, der später noch ausführlicher erzählt wird. Darin hatte Beowulf den Goten bzw. dem gotischen Menschen seine große Kraft gezeigt, woraus wohl auch das große Vertrauen in den Sieg über Grendel entstand. Entsprechend zeigt es sich auch in seinem Wunsch, ganz allein und ohne Waffen gegen Grendel zu kämpfen, daß Beowulf das Wesen von Grendel tiefgründig erkannt hatte, das nur direkt und „unmittelbar“ ohne die Hilfe äußerlicher und begrifflicher Mittel besiegt werden kann. In diesem Kampf „stirbt“ entweder das Wesen der Trennung in Gestalt von Zerstörung und Tod oder das Wesen der Ganzheit als die ganzheitliche Seelenkraft des reinen Bewußtseins. Im ersten Fall wäre das große Ziel von Hredel als „Befreier“ und Hygelak als „Spiel des Verstandes“ erreicht. Im zweiten Fall sollte die Rüstung des Verstandes von Beowulf wieder zu König Hygelak zurückkehren, damit das Schicksal weiter seinen Lauf nehmen kann, um das große Ziel zu erreichen. Vom Schmied Wieland als Symbol für den Verstand, der unsere Rüstung der Begriffe kunstfertig schmiedet, haben wir bereits in der Dietrichsage viel gelesen und darüber nachgedacht. Einen Teil dieser Geschichte gibt es in ähnlicher Weise auch in der Edda, wo Wieland als Wölundur acht Jahre mit der Walküre Allweiß verheiratet ist und im Wolfstal am Wolfssee lebt und schmiedet. Der Name Wieland läßt sich als „Kampf-Land“ deuten und ist interessant, denn wie die ganzheitliche Vernunft das „Was-Reich“ des Daseins ist, so ist der begriffliche Verstand das „Wie-Land“ der Formen. Diese Verstandes-Rüstung hat Beowulf von seinem Großvater mütterlicherseits geerbt, wie er wohl auch von seinem Vater das Schwert der Entscheidung und Weisheit geerbt hat.

7. Die Antwort des Königs

König Hrodgar, der Hüter der Scyldinge, sprach: „Kampfbereit und wohlgesinnt hast du, mein guter Freund Beowulf, uns aufgesucht. Dein Vater (Ecgtheow) hatte einen großen Kampf begonnen, als er eigenhändig den Wülfing Heatholaf („Kriegs-Erbe“) erschlug und tötete. Doch seine Speergenossen konnten ihn vor den Schrecken der Rache nicht beschützen. Darum suchte er uns, das Volk der Dänen, über die Wellen des Meeres auf, die berühmten Scyldinge. Damals begann ich, das Dänenvolk zu regieren, als junger König in diesem weiten Reich, dem Schatzhaus der Helden. Mein älterer Bruder Heorogar (Heregar, „Speer des Kampfes“), der älteste Sohn von Healfdene, war gerade gestorben. Er war besser als ich (als „Speer der Ehre“). So versuchte ich dann, die Fehde mit einer Entschädigung zu schlichten und sandte den Wülfingen uralte Schätze über das Wasser hinüber. Dafür hat er (Ecgtheow) mir den Treueeid geschworen. (472)

Zum Wülfing Heatholaf scheint es keine Geschichte mehr zu geben. Der Name läßt sich von „heatho“ für Krieg oder Kampf und „láf“ für Relikt oder Erbstück herleiten und erinnert damit an das „Kriegs-Erbe“. Sein Stamm der Wülfinge erinnert an die Wölflinge, wie wir sie in der Dietrichsage als Stamm von Berchtung bis Hildebrand in der Rolle des Verstandes kennengelernt haben. Diesbezüglich könnte auch das „Kriegs-Erbe“ auf den begrifflichen Verstand mit seiner Armee der gegensätzlichen Gedanken hindeuten.

So könnte man hier darüber nachdenken, was passiert, wenn Ecgtheow als „Diener der Schwertschneide“ den Verstand tötet, wie es auch am Anfang der Nibelungensage von Siegfried berichtet wurde, als er den Schmied Mimer tötete, aber von seinen Eltern dafür getadelt wurde. Natürlich ist der Verstand eng mit dem gierigen Wolf verbunden und für den Krieg der Gegensätze verantwortlich, woraus auch Zerstörung und Tod kommen. Er bringt das Mein und Dein hervor, das Gute und Böse, Licht und Dunkel, Leben und Tod, Gott und Teufel. Und das große Ziel ist es natürlich, den begrifflichen Verstand zu überwinden und zur ganzheitlichen Vernunft zu erheben, von der Trennung zur Ganzheit. Das Töten des Verstandes ist nur der erste Versuch, um das Problem zu lösen. So hat der Vater von Beowulf mit seiner Tat „diesen großen Kampf begonnen“ und die Rachegeister im Spiel der Gegensätze geweckt, wie jeder Kampf mit dem Aufwachen des Problems beginnt. Und man könnte vermuten, daß damit auch Heorogar und womöglich er selbst im Kampf starben und Grendel als Wesen von Zerstörung und Tod aufgeweckt wurde. Der „uralte Schatz“, womit vielleicht der Schatz der Weisheit gemeint ist, hat wohl den Verstand der Wölflinge gesättigt und beruhigt, aber nicht den Haß Grendels. Dafür hat Ecgtheow seine Treue geschworen, und diesen Eid wird nun sein Sohn erfüllen. Zumindest könnte man aus geistiger Sicht in dieser Richtung nachdenken…

Voller Sorge im Herzen spreche ich nun vor allen Menschen vom Unheil, das mir Grendel in haßerfüllter Feindschaft in der Hirschhalle durch seine nächtlichen Angriffe antat. Ich verlor schon so viele Helden, und keiner will noch in dieser hohen Halle verweilen. Ein grausames Schicksal ereilt sie durch Grendels Krallen. Gott könnte wohl den zerstörerischen Taten des haßerfüllten Feindes leicht Einhalt gebieten (doch er macht es nicht). Schon oft vermaßen sich die Kämpfer im Bierrausch beim wohlgefüllten Humpen, in der Bierhalle dem Angriff Grendels mit scharfen Klingen zu begegnen. Doch am Morgen, wenn ein neuer Tag begann, war die edle Met-Halle mit Blut gefärbt, die Bänke blutbespritzt und die ganze Halle blutbefleckt. Wieder hatte ich eine treue Schar an Helden verloren, vom grausamen Tod dahingerafft. — Nun setzt euch zum Festmahl und richtet eure Gedanken auf den glorreichen Sieg im Kampf, wie es euer Herz gebietet!“

Dann wurde für die edlen Goten in der Bierhalle die Bank bereitet, und die mutigen Kämpfer setzten sich nieder, diese mächtigen Helden. Ein Dienstmann erfüllte sein Amt, trug die reichverzierten Trinkbecher auf und schenkte den reinen und süßen Met ein. Ein Spielmann ließ von Zeit zu Zeit seine klare Stimme in der Halle erklingen, und Heldenfreude herrschte in der Versammlung der Goten und Dänen. (498)

Warum sagt Hrodgar, daß sein älterer Bruder Heorogar besser war als er? Ist der „Speer des Kampfes“ besser als der „Speer der Ehre“? Ist Kampf besser als Liebe? Hrodgar glaubt dies wohl, weil er damit Grendel nicht besiegen konnte und damit sein ganzes Lebenswerk als gemeinschaftliche Halle der Ehre und Liebe bedroht ist. Aber anderseits war sein älterer Bruder gestorben und auch Ecgtheow. Und seine Freunde, die er mit seinen Gaben in der Halle gewonnen hatte, konnten auf dem Weg des Kampfes mit dem scharfen Schwert nicht bestehen, sondern wurden von Grendel getötet und verzehrt. So begegnet uns hier wieder die große Frage, die bereits im Nibelungenlied mit Markgraf Rüdiger stand, der dort ebenfalls den „Speer der Ehre“ verkörperte: Läßt sich das Ego durch Verehrung besiegen? Wie kann man ohne Haß kämpfen? Kann man den Drachen mit Liebe überwinden? Wie läßt sich der Haß grundlegend besiegen? Wie kann man seine Feinde wahrhaft lieben? Dies ist wohl ein Grundthema jeder Drachenkampf-Geschichte. Und offenbar ist die reine Liebe als Wesen der ganzheitlichen Verehrung aller Geschöpfe in der Ganzheit bzw. Gottheit der Schlüssel für eine ganz besondere Art des Kampfes, die noch ausführlicher beschrieben wird.

Dazu werden hier auch zwei Arten des Trinkens in dieser Kampfhalle angesprochen: Der reine Met als ganzheitlicher Göttertrank wird wohl allen ausgeschenkt. Aber man kann ihn als berauschendes Bier trinken, um in den Schlaf und Traum der Illusion zu fallen, oder als göttlichen Nektar, um sich zur ganzheitlichen Sicht zu erheben und die Illusion der Trennung zu überwinden. Was ist dann dieser reine Met als göttlicher Nektar? Darin könnte man das reine Bewußtsein sehen, wie auch die moderne Wissenschaft die Information als Urstoff des Universums kennt, aus dem sich alles machen läßt.

Dann wird hier auch wieder die Frage gestellt, warum der allmächtige Gott dem feindlichen Haß nicht grundlegend Einhalt gebietet und den Teufel vernichtet? Er macht es natürlich, aber nicht als Tyrann über die Köpfe der Wesen hinweg, sondern als Ganzheit. Und darin hat jedes Wesen seine Aufgabe und seinen Raum, um seinen Weg zu gehen, wie sich auch die Einherier immer wieder im Kampf üben müssen, um im Lauf vieler Generationen das große Ziel zu erreichen. Dazu gehört dann auch der Spielmann des Schicksals, der in dieser Halle die Geschichten singt, die sich im Lauf der Zeit verwirklichen wollen. Er wird hier immer mal wieder am Rande erwähnt, während ihn Wilhelm Wägner in seiner Nacherzählung wesentlich mehr in den Vordergrund gerückt hat, was auch sinnvoll ist. Wichtig und entscheidend ist natürlich, daß die ganzheitliche Kampfhalle als Walhall funktioniert und die Lebenswege keine Endstationen werden und in Sackgassen enden, denn sonst ist kein ganzheitliches Lernen möglich.

8. Unferth und der Wettkampf mit Breka

Nun ergriff Unferth („Unfried“) das Wort, der Sohn von Ecglaf („Erbe der Schwertschneide“), der dem König der Dänen zu Füßen saß, und löste die Streit-Rune. Ihm war das Wagnis Beowulfs als tapferer Seefahrer verdrießlich, denn keinem Menschen in Midgard gönnte er reicheren Ruhm unter dem Himmel als für sich selber. Und so sprach er: „Bist du der Beowulf, der mit Breka („Breaker“) auf weiter See um die Wette schwamm, als ihr vermessen das Meer herausfordertet und voller Stolz auf eure Kraft ins tiefe Wasser tauchtet, um euer Leben zu wagen? Weder Freund noch Feind konnten euch von diesem gefährlichen Kampf abbringen, und keiner von euch gab nach. Mit der Kraft eurer Arme seid ihr hinaus in die rauhe Meeresströmung geschwommen, habt mit mächtigen Schlägen das wellenreiche Meer durchquert, die eisige Salzflut im Wintersturm. Sieben Nächte habt ihr im Reich des Wassers gekämpft. Doch der Sieg blieb ihm, denn seine Stärke war größer. In der Morgenstunde führte ihn die Strömung an das Ufer der Heatho-Reams („kriegerischen Romeriken“), und von dort suchte er sein geliebtes Heimatland auf, im Land der Brondings, seine schöne Festung, wo er Volk, Haus und Schatz besaß. So erlangte Breka, der Sohn von Beanstan („Bohnenstein“), seinen Ruhm im Triumpf über dich. Daher befürchte ich eine noch üblere Niederlage für dich, wenn du es wagst, während der Nacht Grendels Krallen zu begegnen, auch wenn du manch anderen Kampf und erbitterten Streit überstanden hast.“ (528)

Der Name Unferth läßt sich mit „Unfrieden“ übersetzen und ist natürlich ein „Erbe der Schwertschneide“ des Verstandes, der alles unterscheidet und im Spiel der gegensätzlichen Gedanken beurteilt. Damit ist der Frieden der Ganzheit nicht zu erreichen. Und doch hat auch diese Unzufriedenheit ihren Platz in Walhall, denn damit beginnt die Suche nach dem „Sieg-Frieden“ der Ganzheit bzw. Gottheit. Solange man in der Trennung lebt, wird es immer das Problem der Unzufriedenheit und des Mangels geben. Und solch einem Menschen nützt es auch nichts, wenn andere den Siegesruhm erreichen, weil er sich von ihnen getrennt sieht. Daraus wird dann das Ego-Spiel von Begierde, Haß und Neid.

Meister Eckhart sagt dazu: Gott muß mir sich selbst so zu eigen geben, wie er sich selbst gehört, oder aber mir wird (überhaupt) nichts zuteil, und nichts sagt mir zu. Wer ihn so ganz empfangen soll, der muß sich selbst ganz aufgeben und sich seiner selbst ganz entäußert haben; so einer empfängt von Gott alles, was Gott hat, ganz gleich ebenso zu eigen, wie der es selbst hat und Unsere Frau und alle die, die im Himmelreich sind: Das gehört solchen ebenso gleich und ebenso eigen zu. Die so gleichmäßig sich entäußert und sich selbst aufgegeben haben, die werden auch Gleiches empfangen und nicht weniger. (Predigt 4)

Und um diese beiden Wege geht es wohl auch in diesem symbolischen Wettkampf zwischen Beowulf und Breka, den Weg der Ganzheit und der Trennung. Aus geistiger Sicht kann man hier an den Kampf des Lebens denken und wofür man kämpfen sollte. Daher erinnern uns die sieben Nächte im eisigen Salzmeer nicht so sehr an zeitliche Tage, sondern mehr an sieben Bewußtseinsebenen der „Nacht“, bis dann der Tag der „Acht“ kommt, um in der „Neun“ alles neu zu machen. Die ersten sieben Ebenen würden sich dann auf die Verkörperung im Meer der Ursachen beziehen, sozusagen gefrorenes Lebenswasser, oder wie der Physiker Hans-Peter Dürr sagte und der Spielmann Konstantin Wecker singt: „Das was du siehst, ist nur gefrorenes Licht. Du magst es greifen, du begreifst es nicht, denn was du siehst, ist nur gefrorenes Licht.“ Und in diesem eisigen Salzwasser schwimmt nun der Mensch mit der Kraft seiner Arme bzw. Handlungen, der Schwertschneide seiner Gedanken und der Verstandesrüstung seiner Begriffe.

Der altenglische Name Breka erinnert über „break“ an zerbrechen und zertrennen. Er wird als Sohn von Beanstan bezeichnet, der an „Bohnenstein“ erinnert, vielleicht ein Stein, der wie eine Bohne aussieht, aber nicht lebendig und fruchtbar wird. Und doch scheint er zu leben und in diesem Kampf zu gewinnen, nämlich eine körperliche „Festung“, in der er sein Volk, sein Haus und seinen Schatz als Eigentum im Land Bronding besitzt, ein „kriegerisches“ Reich im verzehrenden Feuer der Leidenschaft, wenn man Bronding von „burning“ ableitet. Vielleicht hat er die Hoffnung, daß mit diesem Feuer das gefrorene Lebenswasser wenigstens etwas lebendig erscheint, wie wir auch heute noch das leidenschaftliche Hin- und Herschwimmen durch die Wellen einer oberflächlichen Welt gern als Inbegriff des Lebens sehen. Das sieht wohl auch Unferth als Sieg und Ziel im Leben, weshalb er niemals zufrieden sein kann. Romerike liegt heute im Südosten von Norwegen in der Nähe von Oslo an der Grenze zu Schweden und gehörte historisch auch einige Zeit zu Schweden, was uns wieder an die symbolische Rolle des egoischen Menschen erinnert, den kriegerischen Grenzbewohner am „Nordweg“ von Norwegen.

Darauf antwortete Beowulf, der Sohn von Ecgtheow: „Höre, Unferth, mein Freund! Viel hast du im Bierrausch von Breka und seinem Sieg gesprochen. Doch ich kann dir wahrhaft sagen, daß ich damals auf den Meereswellen stärker und beständiger war als jeder andere Mann. Um zum Manne zu werden, hatten wir uns damals als Jünglinge zusammengefunden und geschworen, draußen auf dem Meer unser Leben zu wagen. So geschah es. Wir schwammen mit blankem Schwert in fester Faust, um uns vor den Angriffen der Wale zu schützen. Breka wagte es in den Wellen nicht, sich weit von mir zu entfernen, und ich wollte ihn nicht verlassen. So blieben wir fünf Nächte lang zusammen auf See, bis uns die Strömung der Meereswellen auseinandertrieb, in eisiger Winterkälte, nebliger Nacht und heftigem Nordwind. Wild schlugen die Wellen, und erregt wurde der Zorn der mächtigen Meereswesen. Gegen die Krallen der Ungeheuer half mir meine harte handgeschmiedete Rüstung, das feingewebte und goldverzierte Kampfgewand um meine Brust. Doch das feindliche Wesen zog mich hinab zum dunklen Meeresgrund, und hatte mich fest umklammert mit gierigem Griff. Da glückte es mir, das Ungeheuer mit der scharfen Schwertspitze zu treffen, und vom Stich erlag das mächtige Meeresungeheuer durch meine Hand.“ (558)

So berichtet nun Beowulf von seinem Lebensweg der Ganzheit. Die ersten „fünf Nächte“ erinnern an Nacht-Bewußtseinsebenen, die wohl auf beiden Lebenswegen gleich sind. Hier könnte man zum Beispiel an die fünf Sinne denken, oder den fünf elementaren Ebenen der Natur als Erde, Wasser, Feuer, Luft und Wind sowie Zeit und Raum. Doch danach übernimmt der begrifflich-gedankliche Verstand die Führung und bestimmt die weitere Richtung. Während Breka an der Oberfläche des Lebenswassers bleibt und sich von der Strömung in die egoische Körperlichkeit treiben läßt, kämpft Beowulf mit den Wesen in der Tiefe des Meeres, also mehr im Reich der Ursachen als der Wirkungen, und kann sie mit der Schwertspitze als Symbol der Einheit besiegen.

Die „fünf Tage“ und einen ähnlichen Sinn können wir auch in den Sprüchen der Edda wiederfinden, obwohl gerade dieser Text sehr unterschiedlich übersetzt wurde, weil er schwer zu deuten ist. Wir würden ihn aus geistiger Sicht wie folgt übersetzen:
Wer Vorrat hat, muß die Nacht nicht fürchten. Beschränkt sind die Segel, Wandel bringt der Reifherbst, Wetterumschwung in fünf Tagen, und immer wieder im Monatslauf. Der Unwissende weiß nicht, daß ihn oft der Reichtum mit Scheinglück äfft. Der eine wird reich, der andere bleibt arm, doch niemand soll ihn als Nichtsnutz schelten. Das Vieh stirbt, die Verwandten sterben, und man selber stirbt. Doch niemals kann der Nachruhm sterben, den man wahrhaft gewann. Alles vergeht, nur das Vermächtnis der Toten ist unvergänglich. (Edda, Hávamál, Vers 73-76)

Auch hier klingt das Wesen von Walhall an, daß die Einherier nicht im Tod enden, sondern in der Ganzheit bzw. Gottheit immer wieder auferstehen, um aus dem Nacht-Bewußtsein der Unwissenheit in den Tag der Weisheit zu kommen, ähnlich den Zyklen des Mondes zwischen Neu- und Vollmond, die wiederum an die dreißig Tage als Zahl der Ganzheit erinnern. Das Bewußtsein von Nacht bzw. „Nicht-Acht“ würde dann bedeuten, daß man etwas Dunkles sieht, also Dinge, die kein reines Licht sind, kein reines Bewußtsein oder reine „Acht“.

9. Ausgang des Wettkampfes und Begrüßung durch Wealhtheow

Beowulf fuhr fort: „So wurde ich oft von haßerfüllten Angreifern bedrängt, doch ich diente ihnen mit meinem treuen Schwert in gebührender Weise. So konnten sich die tödlichen Übeltäter nicht an dem Festmahl erfreuen, daß sie an mir auf dem Meeresgrund begehrten. Im Gegenteil, als der Morgen dämmerte wurden ihre Reste von den Wellen ans Land gespült, von meinem Schwert geschlagen und ohnmächtig geworden, so daß sie künftig auf dem Meer keinem Seefahrer mehr schaden konnten. Das Tageslicht erhob sich im Osten, das helle Leuchtfeuer Gottes, die Wogen glätteten sich, und ich konnte die Berge des Landes wie Mauern gegen den Wind sehen. So beschützt das Schicksal oft einen Helden, der noch nicht sterben soll, solange er tapfer und mutig bleibt. Auf diese Weise hatte ich das Glück, mit meinem Schwert neun bedrohliche Meeresungeheuer (Nicors als „Wassergeister“) zu besiegen. Noch nie habe ich unter dem Himmelsdach gehört, daß ein nächtlicher Kampf härter oder ein Mann in den Wasserfluten bedrohter war. Und doch entkam ich den Gefahren lebendig, aber auch sehr ermüdet vom Kampf. Dann trug mich das Meer mit seiner Strömung an das Ufer von Finn-Land, wie ein Treibholz auf den Wellen. (581)

Hier könnte man zunächst über unser Unterbewußtsein nachdenken, über die verdrängten Wesen im Meer der Ursachen, die im Spiel der Gegensätze das, was entstanden ist, wieder verzehren und vernichten wollen, also wieder in das dunkle Meer der Ursachen hinabziehen, in die ewige Nacht, ewige Vernichtung. Hier hilft wieder die treue Schwertspitze als Symbol der Einheit und damit auch der Wahrheit. Dann kommt natürlich nach jeder Nacht wieder ein Tag als das „Leuchtfeuer Gottes“ bzw. das Licht des ganzheitlichen Bewußtseins. Die Ursachen können sich auswirken, an „Land verkörpern“ und werden damit „ohnmächtig“, verlieren ihre Macht, so daß „sie künftig auf dem Meer keinem Seefahrer mehr schaden können“. Wunderbare Symbolik! Das ist auch im Yoga die große Frage, ob man im lebendigen Handeln angesammeltes Karma abbaut, oder immer neues ansammelt. Und das macht man nicht nur für sich selber, wie das Ego meint, sondern ganzheitlich im Meer der Ursachen.

Interessant ist auch die Frage, was die „neun bedrohlichen Meeresungeheuer“ bedeuten? Die Zahl Neun erinnert an die Erneuerung, wie auch in der Edda der symbolische Ring Draupnir beschrieben wird, der „Tröpfler“ im „Ring-Kampf“ der Schöpfung und Auflösung, der goldene Zauberring Odins, von dem in jeder „neunten Nacht acht gleichschwere Ringe abtropfen“ oder „gleichgewichtige Ringe entschwellen“, wie es in der Edda nach Wilhelm Jordan heißt:
Ich reiche dir auch den Ring noch, der einst lag in der Lohe mit dem Lieblingssohn Odins (im Feuer mit Balder). Acht entschwellen ihm, ebenso schwere, jede neunte Nacht.

Eine ausführlichere Beschreibung ist dazu leider nicht überliefert. Doch man könnte hier symbolisch an die sieben Tage der Woche denken, die sich über die Monate im Zyklus des Mondlichtes beständig wiederholen. Das wären dann auch die sieben Tage von Beowulf und Breka im Meer des Lebens als Bewußtseinsebenen im Wandel von Raum und Zeit. Dazu gibt es noch die „Acht“ und die „Neun“, die uns an Voll- und Neumond erinnern, als ewige Prinzipien von Licht und Dunkelheit, sozusagen das volle Licht des Bewußtseins als „Achtsamkeit“, und die Dunkelheit bzw. Leerheit als Quelle des „Neubeginns“. So kommt man mit 2*7*2+2 wieder zur 30 als Zahl der Ganzheit, die hier schon oft erwähnt wurde. „Gleich schwer“ könnte dann bedeuten, daß in diesem Kreislauf der „Ringe“ nichts verlorengeht. Und diese Bedrohung, daß hier etwas verlorengehen könnte, kann man in den „bedrohlichen Meeresungeheuern“ sehen, die auch in unseren Köpfen herumspuken und die Beständigkeit dieser geistig-natürlichen Prinzipien bedrohen, so daß wir gewöhnlich Angst haben, irgendetwas zu verlieren. Und das ist wohl auch der größte Kampf, den ein Mensch in seinem „Nacht-Bewußtsein“ kämpfen, gewinnen und überleben kann, aber auch die größte Gefahr, der man sich in dieser Welt stellen kann, denn hier muß man sein Ego opfern, also alles, was man in der Zeit und Trennung besitzt, um in der Ewigkeit und Ganzheit alles zu gewinnen. Ja, darüber kann man lange nachdenken, und wir möchten hier nur eine kurze Inspiration dazu geben, denn das Ganze ist mit Worten schwer zu beschreiben.

Und was geschieht, wenn man diesen Kampf siegreich „überlebt“, wenn man diese prinzipielle Bedrohung grundsätzlich im Meer der Ursachen besiegt hat? Die Welt bleibt natürlich, wie sie ist, aber man sieht sie auf einer anderen Bewußtseinsebene, mit einer anderen Weltanschauung. Trotzdem wirken noch die Gesetze von Ursache und Wirkung, denen man sich nun mit einer gewissen Freiheit hingeben kann, was natürlich nur möglich ist, wenn man nichts mehr verlieren kann. So wird auch Beowulf von der Strömung im Meer der Ursachen nach Finn-Land getragen. Hier könnte man an das heutige Finnland denken, doch das spielt in der ganzen Geschichte keine Rolle. Dafür folgt aber noch eine Episode von König Finn und seiner Finn-Burg, die manche auf die Insel Fyn bzw. Fünen verlegen, die zwischen Dänemark und Seeland liegt. Dazu kann man nun die Phantasie spielen lassen, ob dort symbolisch auch Beowulf seine Rolle spielt, der Wettkampf mit Breka fortgesetzt wird und vielleicht auch Unferth als Unzufriedenheit beteiligt ist. Denn nach dem prinzipiellen Sieg im Meer der Ursachen müssen nun auch die praktischen Siege in der Welt der Wirkungen folgen.

Über solche Heldenkämpfe und Siege habe ich noch nie von dir (Unferth) und deinem Schwert gehört. Weder Breka noch du konnten solche kühnen Taten im Kampf mit dem blanken Schwert vollbringen. Es geht hier nicht um Prahlerei, aber darum, daß du deine Brüder und nächsten Verwandten hast töten lassen. Dafür wirst du in der Hölle leiden müssen, auch wenn du noch so klug bist. Laß es dir aufrichtig gesagt sein, Sohn des Ecglaf: Nie hätte Grendel, der grimmige Unhold, in der hohen Hirschhalle so viele Greueltaten zum Kummer deines Königs begangen, wenn du ein Held wärst von solchem Mut, wie du selber behauptest. Doch Grendel konnte erfahren, daß er die scharfen Schwerter der siegberühmten Scyldinge nicht zu fürchten braucht. So holt er sich sorglos seinen Tribut und verschont keinen vom Volk der Dänen. Nach Lust raubt, zerstört und tötet er, und fürchtet den Kampf mit den Speer-Dänen nicht. Nun will ich ihm die Macht und den Mut der Goten im Kampf vorsetzen. Dann kann jeder Held, der will, wieder zum Met-Trinken gehen und das Morgenlicht wiedersehen, wie es den Menschenkindern jeden neuen Tag als strahlende Sonne aus dem Süden scheint.“ (606)

Hier wir nun noch einmal das Grundthema der ganzen Beowulf-Sage angesprochen, wie es zwei Wege der Helden gibt, entweder in die Trennung und Unzufriedenheit von Breka und Unferth oder in die Ganzheit von Beowulf und der Einherier in Walhall, entweder in die Sackgasse des Todes oder in die Wellen des ewigen Lebens, so daß nach jeder Nacht wieder ein Tag folgt.

Das hörte der grauhaarige Gabenspender mit Freude, und der mächtige König der ruhmreichen Dänen vertraute auf die Hilfe von Beowulf, die er dem Beschützer des Volkes mit festem Entschluß kundgetan hatte. Freudenjubel erscholl nun in der Halle und manch heiteres Wort der Helden. Da trat Hrodgars Gattin Wealhtheow herein, ihrer Pflicht bewußt. Die Goldgeschmückte begrüßte die Männer in der Halle, und dann reichte die edle Dame zuerst dem König der Dänen den vollen Becher und bat ihn, fröhlich am Bierfest teilzunehmen, das vom Volk geliebt wird. So empfing der kampfberühmte Herrscher mit Freude zum Festmahl den Trinkbecher. Danach ging die Dame aus dem Helming-Stamm durch den Saal und trug den Becher zu Jung und Alt, bis die Königin auch zu Beowulf kam. Da erblühte ihr Geist, und mit ringgeschmückter Hand reichte sie ihm den Met-Becher. Sie grüßte den fürstlichen Goten und dankte Gott mit weisen Worten für die Erfüllung ihres Wunsches, denn sie vertraute dem mächtigen Helden als Befreier von ihrem Kummer. Beowulf, Ecgtheows Sohn, nahm den Becher aus der Königin Hand und sprach feierlich voller Kampfesmut: „Als ich das Schiff mit meinen Mannen bestieg und ins Meer hinausfuhr, war es mein fester Entschluß, den Wunsch deines Volkes voll und ganz zu erfüllen, oder tapfer kämpfend in den Krallen des Feindes dem Tod zu begegnen. So bin ich fest entschlossen, diese mutige Tat zu vollbringen, sonst erwartet mich in dieser Met-Halle mein letzter Tag.“ (638)

Nachdem es weiter oben hieß „ein Dienstmann erfüllte sein Amt, trug die reichverzierten Trinkbecher auf und schenkte den reinen und süßen Met ein“, erscheint nun die Königin und erfüllt ihre Pflicht. Das Ritual erinnert an das Sakrament der Eucharistie als Abendmahl in der christlichen Kirche: »Wir essen alle von dem einen Brot, wir trinken alle aus dem einen Kelch, wir sind alle ein Leib.« So können wir nun auch die Königin als Symbol der ganzheitlichen Seele des Königs, seines Volkes und der ganzen Natur betrachten. Der altenglische Name Wealhtheow läßt sich mit „Dienerin der Fremden“ übersetzen und meint wohl die verkörperten Wesen, die sich von Gott als Ganzheit abgetrennt haben und in die äußerliche Welt ausgewandert sind, wie auch ihr Ehemann als „Halb-Däne“ zur Hälfte ein weltliches Geschöpf geworden ist. Helming erinnert an den Helm als Kopfschutz im Kampf, und damit auch an Kriemhild aus der Nibelungensage, „die mit dem Helm kämpft“ und die wir dort ebenfalls als reine Seele der Natur kennengelernt haben. So schenkt nun die Seele allen Geschöpfen das Wasser des Lebens. Für viele ist es das Bier bzw. der Wein der Illusion, für manche der süße Met als Göttertrank der Ganzheit. Interessanterweise gebietet sie dem Geist ihres Ehemannes, daß er „fröhlich am Bierfest teilnehmen soll“, wie auch die Illusion der Welt kein Grund zum Haß, sondern zur Freude sein sollte, was natürlich geschieht, wenn man sich der Ganzheit bewußt wird und im reinen Bewußtsein alles als göttliche Schöpfung erkennt. Und auch vor der Königin bzw. Seele bekräftigt Beowulf noch einmal das große Ziel seiner Reise auf dem Meer der Ursachen, sozusagen den Sinn seines Lebens.

Dieses Ehrengelöbnis des Goten gefiel der hochgeborenen Frau, und die goldgeschmückte Königin des Volkes setzte sich wieder an die Seite ihres Herrn. Da wurde nun wie früher in der Halle wieder manch mutiges Wort gesprochen, die Menschen waren voller Freude, und Siegesrufe ertönten, bis sich Healfdenes Sohn zur Nachtruhe zurückziehen wollte. Der König wußte, daß der gehässige Unhold darauf wartete, diese hohe Halle anzugreifen, wenn das Licht der Sonne untergeht, die Nacht alles verfinstert und unter einem dunklen Himmel schattenhafte Wesen heranschleichen. Mit ihm erhob sich auch sein Gefolge, und man verabschiedete sich gegenseitig. König Hrodgar wünschte Beowulf viel Glück und Heil, ernannte ihn zum Wächter der Weinhalle und sprach: „Seit ich mit Hand und Schild imstande war, diese feste Halle den Dänen zu errichten, habe ich sie noch nie einem Mann anvertraut, wie nun dir. So hüte und bewahre dieses Beste aller Gebäude! Gedenke nun deiner Ehre, zeige große Tapferkeit und halte Wache gegen den Feind. Kein Wunsch soll dir unerfüllt bleiben, wenn du dieses Heldenwerk siegreich überlebst.“ (661)

Warum verläßt der König mit seinem Gefolge die Halle? Darin zeigt sich der Weg der Trennung, den der König offenbar immer noch geht, weshalb ihn auch Grendel bedroht. Doch er hat sich wieder mit dem Weg der Ganzheit verbunden und vertraut nun auf Beowulf mit seinem Gefolge. In dieser Symbolik könnte man wieder an das Spiel der Wochentage im Mondzyklus denken, wenn vierzehn Tage dem Neumond in der dunkler werdenden Monatshälfte folgen und vierzehn Tage dem Vollmond in der heller werdenden Monatshälfte. Der Vollmond wäre dann das Prinzip der „Acht“ als Beowulf mit seinem Gefolge der vierzehn Gesellen, und der Neumond wäre das Prinzip der „Neun“ als Hrodgar mit seinem Gefolge. Im Monatszyklus der dreißig Tage werden diese beiden Wege symbolisch wieder zur Ganzheit vereint.

Ja, das klingt sehr mystisch, doch der Mondzyklus von Alt- und Neuwerden, Entstehen und Vergehen, Heller- und Dunklerwerden, hatte wohl schon immer eine große Bedeutung im Leben der Menschen. Ähnliche Symbolik kann man auch in den altindischen Geschichten finden, wo von einem Götterweg und einem Väterweg gesprochen wird. Der Götterweg ist mit der heller werdenden Monatshälfte verbunden und führt über Sonne und Vollmond zum reinen Bewußtsein der Erleuchtung und Erlösung. Der Väterweg ist mit der dunkler werdenden Monatshälfte verbunden und führt über den Neumond ins Reich der Ahnen und zur Wiedergeburt. Auf diesen Wegen wird der Soma-Saft und das Amrit wie das Wasser des Lebens getrunken. So heißt es beispielsweise im Vayu-Purana (1.52):
Entsprechend der Jahreszeiten wandelt die Sonne ihre Strahlen, entläßt im Sommer die Hitze, im Winter Nebel und Frost und in der Regenzeit den Regen. Sie begrenzt Tag und Nacht und erfreut die Götter, Ahnen und Menschen. Die Götter erfreut sie mit Amrit. Dazu ernährt sie den Mond mit ihrem Sushumna-Strahl bis zum Vollmond am letzten Tag der hellen Monatshälfte. Und mit Beginn der dunkler werdenden Monatshälfte trinken die Götter das Amrit aus dem Mond. Und wenn am Ende nur noch zwei Kalas (Schritte bzw. Tage) übrig sind, dann trinken die Ahnen den Rest vom Soma-Saft. Auf diesem Weg empfangen die Götter und Ahnen ihre Opfergabe. Den Menschen stillt die Sonne ihren Hunger durch Nahrung, Getränke und Heilpflanzen, die sich aus dem Regen entwickeln. Dazu saugt sie das Wasser mit ihren Strahlen auf, um es als Regen wieder herabzusenden. Über einen halben Monat werden die Götter mit Amrit befriedigt, für einen halben Monat die Ahnen durch die Swadha-Nahrung (der Opfer) und über den ganzen Monat die Menschen durch Essen und Trinken. So werden sie alle von den Strahlen der Sonne erhalten.

Und im Mahabharata (12.329) heißt es:
Du bist mit der geistigen Sicht gesegnet, und dein Geist ist in sich selbst rein. Damit bist du von den natürlichen Qualitäten der Leidenschaft und Dunkelheit befreit worden. Du stehst jetzt in der Qualität der Güte und erkennst dein Selbst durch das Selbst, wie man ein Bild in einem Spiegel sieht. Im Selbst gegründet, durchschaust du die Veden. Dieser Pfad der Höchsten Seele wird Devayana (der Götterpfad) genannt. Der Pfad in Verbindung mit der Dunkelheit heißt dagegen Pitriyana (der Väterweg). Dies sind die beiden Pfade in die kommende Welt. Durch den einen geht man zum Himmel, durch den anderen in die irdische Welt der Geburten.


... Inhaltsverzeichnis aller Märchen-Interpretationen ...
Hagelingsage: Die Geschichte von Hagen
Hagelingsage: König Hettel und seine Helden
Gudrunsage: Gudrun und die Brautwerbung
Gudrunsage: Gudrun und Gerlinde
Gudrunsage: Gudruns Befreiung und große Hochzeit
Die Beowulf-Sage (nach Wilhelm Wägner)
Beowulfsage (Wägner): Der Grendel-Kampf
Beowulfsage (Wägner): Die Meerwölfin
Beowulfsage (Wägner): Der Königsweg
Beowulfsage (Wägner): Der Drachenkampf
Beowulfsage (Urtext): Scyldinge, Hirschhalle und Grendel

Sagentext und Bilder: Die Sagenwelt der Nibelungen nach Urtext
[2026] Text von Undine & Jens / www.pushpak.de
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