| Home | Bücher | News⭐ | Über uns |
Sagentext nach altenglischer Urfassung
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]
Wie ich hörte, folgte der Sohn von Weohstan willig den Worten des im Kampf verwundeten Königs. Schnell eilte er vom steinernen Sitz mit Rüstung und Kettenhemd in die steinerne Höhle des Grabhügels. Dort sah der siegreiche junge Held viele kostbare Schätze aus strahlendem Gold auf dem Boden sowie Wunder an den Wänden in der Höhle des alten Drachenwurms, der im nächtlichen Dämmerlicht flog. Da standen Kelche und Gefäße längst vergangener Menschen, die schon lange nicht mehr poliert worden waren, so daß ihre Verzierungen verschwunden waren. Da gab es viele alte Helme, die nun dahinrosteten, und viele kunstvolle Armreifen, die lange nicht getragen worden waren. Wie leicht können Schätze und Gold in der Erde verborgen werden! Jeder Mensch kann sie verbergen, wie er will. Hoch über dem Schatz sah er ein Banner ganz aus Gold hängen, was wohl das größte, von Menschenhand geschaffene Wunder war. Es strahlte ein Licht aus, so daß er die Schätze am Grund erkennen und betrachten konnte. Vom Drachenwurm war nichts mehr zu sehen, denn die Schwertschneide („Ecg“) hatte ihn erledigt. (2772)
Hier können wir noch einmal über die Symbolik des Goldschatzes nachdenken, der in der körperlichen Materie zu finden ist: Die Kelche und Gefäße, die viele Generationen von Menschen und anderen Lebewesen mit Wissen gefüllt und angesammelt haben. Die Helme der Wachsamkeit, mit denen wir unsere Gedanken beschützen wollten, und die kunstvollen Armreifen, die uns an unsere Taten binden sollten. Das alles wird mit den Körpern begraben, solange der Geist am Körper haftet, wie der Ego-Drache an seinem Schatz. Die Gold-Substanz des Schatzes könnte man als reines Bewußtsein bezeichnen, auch als reine Energie oder reines Licht, die ja bekanntlich verschiedene Formen annehmen können. Und diese Formen und Gestaltungen sind dann auch der Inhalt der Gefäße. Doch um den Inhalt geht es hier den Helden nicht so sehr, sondern um die Substanz der Gefäße als das Gold der Wahrheit. Dafür steht dann wohl auch das goldene Banner, das über allen Formen sein Licht des Bewußtseins ausbreitet. Ja, das ist wahrlich das größte Wunder, das durch unser Handeln in dieser geschaffenen Welt erkannt werden kann. Und in diesem hohen Licht der Wahrheit gibt es natürlich keinen Ego-Drachen der Trennung mehr, denn die Trennung hat sich selbst erledigt. Wunderbar, in solche Bewußtseinsebenen kann sich der Mensch erheben…
Wie ich weiterhin hörte, packte dann der Jüngling (Wiglaf als „Kampf-Erbe“) den Schatz im Grabhügel zusammen, in diesem alten Riesenwerk, und trug auf seinem Rücken Kelche und sonstige Gefäße nach freiem Belieben hervor, wie auch das leuchtende Banner. Denn der alte König war bereits schwer vom Drachenzahn verwundet, dessen Schneide scharfen Eisen glich. Lange Zeit hatte der Wurm den Schatz als sein Eigentum behütet und dafür mit schrecklichem Feuer viele Nächte hindurch tödlich gewütet, bis er selber seinen Tod fand. Der Bote eilte, sehnte sich nach der Rückkehr, angetrieben vom Schatz. Würde er den edlen König der Goten noch lebend dort wiederfinden, wo er ihn sterbend zurückgelassen hatte? So brachte er den Schatz seinem ruhmreichen König und Herrn, der blutend das Ziel seines Lebens fand. Er benetzte ihn erneut mit Wasser, bis der Alte das Gold bei dem Jungen sah und aus dem Schatz seines Herzens die Botschaft mit folgenden Worten hervordrang:
„Dank sei dem Allmächtigen für die Schätze, die ich hier sehen darf! Dank sei dem König der Herrlichkeit, daß ich am Todestag noch solchen Reichtum für mein Volk gewinnen konnte! Für diesen Schatz, der dem Volk zum Wohlergehen dienen soll, gebe ich nun gern meine Lebenszeit, denn ich kann nicht länger hierbleiben. Gebiete nun den ruhmreichen Kämpfern, am Ufer des Meeres einen Grabhügel zu errichten, strahlend nach dem Leichenfeuer. Er soll weithin sichtbar das Volk an das Ziel der Wale („kämpfende Meeresgeschöpfe“) erinnern, so daß ihn später die Seefahrer „Beowulfs Hügel“ nennen werden, wenn sie ihre Schiffe aus der Ferne durch die Nebel der Meere führen.“ Dann nahm der ruhmreiche König einen goldenen Ring, den er (an einem Band) um seinen Hals trug, und übergab ihn zusammen mit seinem goldenen Helm und der goldstrahlenden Rüstung dem jungen Speerkämpfer mit den Worten: „Gebrauche sie heilsam und gut! Du bist der letzte Verbleibende unseres Geschlechts der Waegmundigen („Weg-Beschützer“). Alle meine anderen Verwandten hat das Schicksal hinweggefegt, die tapferen Edelinge, und ich werde ihnen nun folgen.“ (2816)
So ist nun der Weg zum Schatz frei, denn das Wesen der Trennung war gefallen. Doch nicht der vergängliche Körper des Königs kann diesen Schatz aus der Grabhöhle des Todes holen, sondern der lebendige Naturgeist, der wohl auch ewig ein Jüngling bleibt, wie auch die Zwerge der Elfen und Alben in der Natur nicht altern. Nur wenn sie unser Verstand begreift, werden sie formhaft, alt und vergänglich. So kann uns dieser Naturgeist das goldene Banner der Wahrheit zurückbringen, solange er uns noch lebendig findet.
Ein ähnliches Banner hatte Beowulf bereits vom Dänenkönig empfangen, nachdem er Grendel besiegt hatte. Doch dieses ist noch mächtiger und vereint Geist und Natur wieder miteinander, nachdem Mutter und Vater von Grendel besiegt wurden, die sich als natürliche und geistige Ursachen für Zerstörung und Tod auch selber getrennt hatten. So wird Beowulfs Körper noch einmal mit dem Wasser des Lebens benetzt, und er kann seine Kampfausrüstung mit dem goldenen Ring der wahren Ganzheit an den „Kampf-Erben“ weitergeben, weil natürlich in der Ganzheit nichts verlorengeht. Nur die äußerlichen Formen wandeln sich ständig im Fluß des Lebens. Gesegnet ist, wer davon die unvergängliche Quelle wiederfinden kann!
Das waren die letzten Worte des alten Mannes, die Gedanken aus dem Schatz seines Herzens, bevor die heißen Flammen seinen Leib im Leichenfeuer verzehrten. Doch die Seele erhob sich, um die Wahrheit zu suchen, das Urteil der Heiligen. (2820)
Auf diese Weise gibt er auch den wiedergefundenen Schatz an sein Volk weiter, an all die Lebewesen, die in den Wellen auf dem Meer der Ursachen im Gedankennebel ihr Ziel des Lebenskampfes suchen und erreichen möchten. Dafür möchte Beowulf als „Wolf-Biene“ wie ein Leuchtfeuer auf einem hohen Hügel dienen, wie ein Leuchtturm am sicheren Ufer der langen Reise. So gibt er nun diesen Goldschatz als uraltes Erbe über viele Generationen auch an uns weiter. Wunderbar! Mögen wir ihn heilsam und gut gebrauchen! Mögen auch wir fleißig wie die Bienen den Nektar der Ewigkeit in den Blüten der Welt finden, den süßen Met der Ganzheit trinken und den hungrigen Wolf der Vergänglichkeit besiegen!
Schmerzlich traf es den jungen Helden, seinen geliebten König zu sehen, wie er am Ende seines Lebens auf der Erde lag und erbleichte. Doch auch der Mörder lag dort, der schreckliche Drache aus der Grabhöhle, des Lebens beraubt und vom Schwert bezwungen. So konnte der unheilvolle schlangenartige Wurm den Goldschatz nicht länger beherrschen. Eiserne Klingen, hartgehämmert und kampferprobt, hatten ihn erobert. Nun lag der weitfliegende Drache von Wunden gelähmt und niedergestreckt vor seiner Schatzhöhle am Boden. Er erschien nicht mehr mitten in der Nacht, wie er durch die Lüfte fliegt, schrecklich anzuschauen und voller Stolz auf seine wertvollen Besitztümer. Er fiel durch das Handwerk führender Kämpfer. Das gelingt wohl nur wenigen Menschen auf Erden, selbst wenn sie über Kühnheit und Stärke verfügen, gegen den giftigen Feueratem des Zerstörers anzukämpfen, wenn sein Haß erwacht, weil er als Wächter des Schatzes im Grabhügel angetastet wurde. Dafür bezahlte Beowulf den Anteil am Goldschatz mit seinem Leben. Und beide Gegner erreichten das Ende ihres vergänglichen Lebens. (2843)
Damit wurde Wiglaf zum „einzigen Alleinerben“, sozusagen zur Einheit in der Vielfalt. Deshalb konnte er dem König mit dem Schwert der Ganzheit helfen, das Wesen der Trennung zu besiegen. Aber nun steht er wiederum als „Kampf-Erbe“ zwischen zwei Leichen, in denen wir die beiden prinzipiellen Wege wiederfinden können: Den Vernunft-Weg in die Ganzheit des Lichtes, und den Ego-Weg in die Trennung und Dunkelheit. Der eine führt ins Acht-Bewußtsein, und der andere ins Nacht-Bewußtsein. Der eine gewinnt alles, und der andere verliert alles. Zwischen diesen beiden Wegen kämpft unser vergängliches Leben. Am Ende gibt es nur noch Eins: Entweder ewige Lichtheit oder ewige Dunkelheit. Das heißt, auch keinen Gegensatz mehr zwischen Licht und Dunkel, wie wir ihn in unserer Welt verstandesmäßig wahrnehmen. Was sonst könnte „das Ende des vergänglichen Lebens“ bedeuten?
Und doch geht diese Welt im Spiel der Gegensätze weiter, denn der „Kampf-Erbe“ lebt, und seine Kampfgesellen kehren aus dem gedanklichen Wald der Vorstellung zurück:
Nun dauerte es nicht lange, da kamen die kampfflüchtigen Gesellen aus dem Wald zurück, die zehn Treulosen, die es mit ihren Waffen nicht gewagt hatten, ihrem König in größter Not beizustehen. Beschämt schlichen sie sich nun mit Schild und Rüstung zu dem alten König und erblickten dort Wiglaf. Der vom Kampf erschöpfte Held saß dicht an der Schulter seines Herrn und versuchte, ihn mit Wasser wieder zum Leben zu erwecken. Doch es half nichts. So sehr er es auch wünschte, er konnte das Leben seines Königs nicht zurückrufen und den Willen des Allmächtigen nicht wenden. Denn Gottes Urteil entscheidet über die Taten aller Menschen, wie es auch heute noch geschieht.
Warum konnte Wiglaf, den wir als Schicksalskraft der Natur kennengelernt haben, den Körper des Königs nicht wieder zum Leben erwecken? Darüber kann man viel nachdenken. Ist das Schicksal nicht allmächtig? Offenbar nicht in dieser Welt der Gegensätze, in der unser Verstand zwischen Schicksal und Freiheit, Bindung und Erlösung unterscheidet. Man sagt: Der Geist ist frei, und die Natur gebunden. Wie kann man diese beiden Prinzipien miteinander vereinen? Ja, das ist eine große Frage. Als Antwort haben die Menschen schon vor langer Zeit den Begriff der „Gottheit“ erfunden, denn nur in der Ganzheit kann es logischerweise eine Allmacht geben.
So steht nun Wiglaf wieder in der Welt der Gegensätze, wo er die Trennung zwischen sich, seinem König und seinen Gesellen sieht. Das heißt, daß er zwar den Goldschatz aus dem Grabhügel herausgetragen, aber nicht wahrhaft erkannt hat, sondern nur formhaft äußerlich. Daher denkt er sich: Wenn alle gemeinsam gekämpft hätten, dann wäre der König nicht gestorben.
Da empfing nun der Jüngling die flüchtigen Feiglinge mit mißmutigem Gruß. Traurig schaute Wiglaf, Weohstans Sohn, in die Runde der lieblosen Gesellen und sprach: „Wer die Wahrheit liebt, muß sagen: Der König hat euch all die Schätze und die Kampfausrüstung gegeben, in der ihr hier steht. Oft verehrte der Herrscher den Hallengästen auf der Bierbank Helm und Rüstung, den besten Gesellen, die er in der Nähe und Ferne finden konnte. Aber eure Kampfausrüstungen hatte er wohl nutzlos verschwendet. Denn als ihn der große Kampf einholte, konnte sich der König des Volkes seiner Kampfgefährten nicht rühmen. Dennoch gewährte ihm Gott, der den Sieg gibt, daß er sich mit einer einzigen Klinge rächen konnte, als seine Kraft gefragt war. Ich selbst konnte ihm in diesem Kampf nur wenig Schutz bieten, und doch versuchte ich, meinem Verwandten mit aller Kraft zu helfen. Dadurch gelang es mir, den Todfeind mit dem Schwert zu treffen, so daß die schreckliche Feuersbrunst nicht mehr so mächtig aus dem Drachenkopf loderte. Zu wenige Kämpfer drängten sich um den König, als er in Not kam. Welcher König wird euch und euren Nachkommen künftig noch Schätze spenden, Schwerter schenken und große Freuden gewähren? Alle eure Verwandten werden Land und Gut verlieren, wenn die edlen Herrscher von eurer Flucht und ruhmlosen Tat erfahren. Jedem edlen Menschen ist doch der Tod im Kampf lieber als ein Leben in Schande zu führen.“ (2891)
Warum tadelte er die Gesellen? Der König hatte ihnen doch ausdrücklich geboten, den Kampf nur zu bezeugen und ihn allein kämpfen zu lassen. Wiglaf selbst hatte dagegen verstoßen, indem er in den Kampf eingriff. Und die anderen Gesellen verstießen dagegen, weil sie ihre Achtsamkeit verloren hatten und aus Angst vor dem Drachenfeuer der Vernichtung tief in den Wald der Vorstellungen geflohen waren, also vom Acht-Bewußtsein wieder in das Nacht-Bewußtsein. Was wäre geschehen, wenn sie alle dem Gebot des Königs gefolgt wären und den großen Sieg der Vernunft über die geistige Ursache von Trennung, Zerstörung und Tod beobachtet hätten? Nun, dann wäre wohl die ganze Welt aus ihrem Traum zu einem ganzheitlichen Bewußtsein erwacht, und die ganze Geschichte dieser Welt der Gegensätze hätte ihr Happy-End gefunden. Doch das konnte offenbar noch nicht sein, weder für den König noch für seine Gesellen. Und so geht diese Welt und ihre Geschichte weiter…
In diesem Sinne tadelt Wiglaf als Schicksalskraft die Gesellen zu Recht, denn durch ihre Flucht in das Nacht-Bewußtsein des Verstandes können sie den Goldschatz der Wahrheit und alle Gaben des Königs bzw. der Vernunft nicht nutzen, sondern gehen den Weg in die Dunkelheit und werden alles verlieren, Körper, Gut und Leben. Ja, das ist wirklich eine große Schande für den Menschen, wenn er sein vermeintliches Eigentum mehr liebt als die Wahrheit.
Dann befahl Wiglaf, den Ausgang des Kampfes in der Festung zu verkünden, oberhalb der Klippen, wo die Schar der Gefolgsleute den ganzen Morgen lang mit besorgten Herzen gesessen hatte, die edlen Schildträger, mit bangem Zweifel, ob sie den Tod oder die Rückkehr ihres geliebten Königs vernehmen würden. Der Bote, der von der Landzunge kam, verschwieg nichts, sondern sprach wahrheitsgemäß von allem, was geschehen war: „Der Schatzgeber des Volkes, der König der Goten, liegt regungslos auf seinem Sterbebett, getötet im Kampf durch das Gift des Drachenwurms. Doch neben ihm liegt sein Gegner, tödlich verwundet vom spitzen Dolch. Denn mit seinem Schwert (Nägling) konnte er dem schrecklichen Wesen keine tödliche Wunde zufügen. Wiglaf, der Sohn von Weohstan, sitzt nun an der Leiche von Beowulf, der lebende Kämpfer über dem toten, und hält mit traurigem Geist die Totenwache für Freund und Feind. (2910)
Nun schickt Wiglaf als Schicksalskraft seine Botschaft in die Königsburg des gotischen Menschen: Ihr König hatte als Vernunft den Ego-Drachen der Trennung besiegt, doch dabei auch seine Körperlichkeit verloren. - Ist damit auch die Vernunft gestorben? Das ist nun die große Frage: Lebte die Vernunft im Körper? Oder lebte der Körper in der Vernunft? Wiglaf schien ersteres anzunehmen, was in Wahrheit keinen Sinn macht, und betrachtet die Vernunft als gestorben, die im gotischen Menschen König sein sollte. Entsprechend sieht er nun als „Kampf-Erbe“ auch das zukünftige Schicksal voraus, das als Wirkung vergangener Taten verursacht wird:
So droht unserem Volk wieder eine kriegerische Zeit, denn bald werden die Friesen und Franken in der Ferne vom Tod unseres Königs erfahren. Die Feindschaft mit den Hugen (der Friesen) besteht schon lange, seit Hygelak damals mit seiner Flotte ins Land der Friesen einfiel, wo ihn die Hetwaren (deutbar als „Haß-Wächter“) mit ihrer Übermacht so sehr bedrängten, daß der wohlgerüstete Kämpfer erliegen mußte. Er fiel mitten unter seinem Fußvolk, und der König konnte seinem Gefolge den Schatz des Sieges nicht geben. So blieb uns seitdem die Freundschaft der Merowinger (dem Königsgeschlecht der Franken) vorenthalten. Auch den Schweden ist nicht zu trauen, und ich erwarte von ihnen weder Frieden noch Waffenstillstand. Denn es ist weithin bekannt, daß Ongentheow („Diener der Trennung“) den edlen Haethkyn („hitzigen König“), Hredels Sohn, im Rabenwald seines Lebens beraubte, nachdem das Goten-Volk im Übermut die kriegerischen Scylfinge (Schweden) angegriffen hatte. Ongentheow, der kluge, alte und ergraute Vater von Ohthere rächte sich grimmig für diesen Angriff mit all seiner Kraft und erschlug den Goten-König. Damit ehrte er seine kluge und alte Ehefrau, die Mutter von Onela und Ohthere, die ihres Goldes beraubt worden war. Dann verfolgte er seine Feinde, die ohne ihren König in den Rabenwald flohen. Dort belagerte er den großen Wald, wo die Überlebenden und vom Schwert Verwundeten ermüdet Zuflucht suchten. Zum Anbruch der Nacht drohte er der bedrängten Kämpferschar ihren Untergang an und sprach, am Morgen sollten sie durch des Schwertes Schneide fallen oder am Galgen zum Festschmaus der Raben enden. Doch Rettung erschien den bekümmerten Herzen in der Dämmerung des neuen Tages, als sie Hygelaks Horn hörten und seinen Schlachtruf erkannten. So kam der edle Held mit den besten Kämpfern, um die Stammesgenossen zu retten.“ (2945)
Richtigerweise sieht Wiglaf schicksalhaft voraus: Wenn im gotischen Menschen die Vernunft nicht mehr als König herrscht, dann wird er einerseits von den Friesen bzw. Frostriesen der äußerlichen Natur und anderseits von den Schweden als Ego-Könige angegriffen. Was für eine ganzheitliche Vernunft im Prinzip nicht möglich ist, weil sie kein Außerhalb und auch keine innerliche Trennung kennt. Daher wurde Beowulf während seiner Königsherrschaft im gotischen Menschen von keinem anderen König angriffen. Und das war wohl auch der Goldschatz der Wahrheit, den er als König für sein ganzes Volk gewinnen wollte.
So kommen nun die Erinnerungen an die alten Feindschaften wieder hoch, die alten Geschichten aus dem „Rabenwald“ der gedanklichen Vorstellungen. Dort tötete Ongentheow als „Diener der Trennung“ den hitzigen König Haethkyn, der offenbar mit feuriger Leidenschaft versuchte, das Schweden-Ego zu besiegen, nachdem er seinen älteren Bruder Herebald mit einem Pfeil getötet hatte, der „über das Ziel hinausschoß“. Dabei sollte doch Herebald als „Heerführer“ mit Vernunft im Gotenreich herrschen, wie es ihr Vater Hredel als „Befreier“ erhofft hatte. Da wollte nun Ongentheow auch die letzten Reste der Vernunft im Rabenwald der gedanklichen Vorstellungen töten und den Raben als begrifflich-verdunkelnde Gedanken zum Fraß vorwerfen. Damit glaubte er, seiner Ehefrau als Mutter Natur das Gold der Wahrheit wiedergeben zu können. Wunderbare Symbolik, über die man viel nachdenken kann!
Die Rettung des gotischen Menschen kam dann von Hygelak, dem dritten Bruder, als „Spiel des Verstandes“, der Beowulf als Neffen und Seelenkraft erkannt hatte und sich damit zur Vernunft neigte. So dämmerte nach dem Tod von König Haethkyn wieder ein neuer Tag, nämlich die Herrschaft von König Hygelak im Gotenreich:
Der Bote von Wiglaf sprach weiter: „Die blutige Spur des erbitterten Kampfes zwischen Schweden und Goten, das tödliche Gemetzel der Menschen, war weithin sichtbar. Niemand konnte ihre mörderische Feindschaft übersehen. Da suchte der alte, kluge König Ongentheow mit seinem Gefolge voller Sorge und Schmerz den Schutz einer Festung und zog sich in eine hoch aufragende Burg zurück. Er kannte nun Hygelaks Heldenstärke und den tapferen Kampfesmut des mächtigen Königs und glaubte nicht mehr daran, die Seefahrer zu schlagen und gegen den Kampferfahrenen seinen Schatz, sowie Frauen und Kinder verteidigen zu können. Daher zog sich der Altgewordene hinter dicke Mauern zurück. Doch Hygelak verfolgte unter seinem Banner die Schweden und überwältigte bald diesen Zufluchtsort, so daß die Hredlinge („Befreier“) hinter die Mauern vordringen konnten. Dort zwang man den alten Ongentheow, den grauhaarigen König, sich den Schwertern im Kampf zu stellen, wobei sich der Stammeskönig allein dem Urteil von Eofor („Eber“) unterwerfen mußte. Den ersten Schlag erhielt er von Wulf („Wolf“), dem anderen Sohn von Wonred („Rat-Sucher“), daß ihm das Blut in Strömen unter dem grauen Haar hervorquoll. Aber der alte Scylfing (Schwede) schreckte nicht zurück, sondern vergalt ihm den harten Schlag mit einem noch schrecklicheren, als sich der Stammeskönig gegen den Feind wandte. Da konnte der wackere Sohn Wonreds dem Hieb des Greises nichts entgegensetzen. Der Helm wurde ihm auf dem Kopf zerschlagen, und er stürzte blutüberströmt zu Boden. Doch der Tod war ihm nicht bestimmt, und er erholte sich bald wieder von der Wunde. In der Zwischenzeit schwang Eofor aus dem Gefolge von Hygelak sein altes Riesenschwert, um den Bruder zu rächen. Dies zerschmetterte den Helm des Königs, der ein Werk der Riesen war, und der Herrscher seines Volkes fiel, zu Tode getroffen. Andere Gefährten verbanden inzwischen die Wunde des Bruders und führten ihn fort, da sie nun als Sieger das Schlachtfeld beherrschten. Dann nahmen sie die eiserne Rüstung, das harte Kampfschwert und auch den Helm von Ongentheow und trugen die Kampfausrüstung als Beute zu ihrem König Hygelak. Dieser nahm die Schätze, versprach ihnen dafür würdige Belohnung und hielt sein Wort. Denn als sie nach Hause zurückgekehrt waren, vergalt der Gotenkönig, Hredels Sohn, den Kampf und beschenkte Eofor und Wulf mit einer Fülle von Schätzen. Er gab ihnen hunderttausendfach Land und ineinander verschlungene Goldringe. Und niemand in Midgard (im „Mittelgarten“ der Menschenwelt) hatte Grund, diese Geschenke für das ruhmreiche Heldenwerk zu tadeln. Zudem gab er Eofor seine einzige Tochter zur Ehefrau, was eine große Ehre für sein Haus und ein Pfand der Freundschaft war. (2998)
Nun wird der Tod von Ongentheow als „Diener der Trennung“ beschrieben, vermutlich als Gegensatz zum Tod von Beowulf als „Diener der Ganzheit“. Auch hier kann man wieder über die beiden Wege nachdenken und wie der Mensch auf dem Weg der Trennung schließlich von Hygelak als „Spiel des Verstandes“ überwältigt wird. Da nützt es ihm nichts, sich in seiner Körperburg schützen zu wollen. Der Verstand dringt ein und fordert den Kampf. Dafür hat er zwei Helfer, zuerst den Wolf der Vergänglichkeit und dann den Eber der Wachsamkeit als Macht des Bewußtseins mit dem „Riesenschwert“ der Ganzheit, die schließlich jede Trennung besiegt. Mit dieser Symbolik kann man über den Verlauf des Kampfes nachdenken und vielleicht sogar sich selbst darin wiederfinden.
Die Kampfausrüstung mit dem zerschlagenen Helm der Riesenillusion, der eisernen Rüstung verhärteter Begriffe und dem harten Schwert der Trennung war die einzige Beute dieses Kampfes, denn das Gold der Wahrheit konnte man in dieser Welt nicht finden. Und doch war es ein großer Sieg für den Verstand auf dem Weg zur Ganzheit, so daß er die Helfer entsprechend ehrte und ihnen die hunderttausend Formen und Verbindungen seiner Welt übergab. Entsprechend wurde auch Eofor als Eber der Wachsamkeit mit der Seele von Hygelak verheiratet. Doch das große Ziel war damit noch nicht erreicht, denn es war immer noch ein Kampf und Sieg des Verstandes.
Das ist der Streit und die Feindschaft, der tödliche Haß unter den Menschen, wegen dem ich fürchte, daß uns die Schweden wieder angreifen werden, wenn sie vom Tod unseres Königs erfahren. Er hatte unser Königreich und unseren Schatz bisher vor Angreifern bewahrt. Denn nachdem die Helden der mächtigen Scyldings (der Dänen in der Hirschhalle) gefallen waren, hatte er mit tapferen Heldentaten die Gerechtigkeit unter den Menschen wieder aufgerichtet. Nun ist Eile geboten, den edlen König unseres Volkes noch einmal zu sehen, bevor der Geber der goldenen Ringe auf seiner Reise zum Scheiterhaufen gebracht wird. Nicht nur ein Teil des unzähligen Goldschatzes soll mit dem Großmütigen im Feuer verschmelzen. Er wurde bitter erkauft, und schließlich bezahlte er die goldenen Ringe mit seinem Leben. So soll die Flamme alles verzehren, vom lodernden Feuer umhüllt! Kein Mensch soll diese Schätze zur Erinnerung tragen. Kein schönes Mädchen soll mit dem Ringschmuck ihren Hals schmücken. Mit traurigem Herzen und des Goldes beraubt werden sie nicht einmal mehr ferne Länder besuchen können, denn nun hat unser Führer im großen Kampf Lachen, Freude und Fröhlichkeit verloren. Jeden Morgen wird man die kalten Speere mit zitternden Händen ergreifen und hochhalten müssen. Kein Harfenklang wird die Kämpfer mehr wecken, sondern der dunkel-düstere Rabe in seiner Gier nach Totem. Er wird vieles sprechen und dem Adler erzählen, wie ihm sein Fraß gelang, als er zusammen mit dem Wolf die Getöteten plünderte, die Leichen der Schlacht.“ (3027)
Richtigerweise vereint der Schicksalsbote von Wiglaf den Goldschatz der Wahrheit mit Beowulf, weil er ihn gewonnen und mit seinem Leben bezahlt hat. So soll er mit ihm im Feuer verschmelzen und mit der Vernunft im Fluß des Lebens weiterfließen. Hier kann man wieder über die beiden Arten des Feuers nachdenken: Das Feuer, das in der Trennung seinen Brennstoff vernichtet und in Dunkelheit endet. Und das Feuer, das in der Ganzheit brennt, in der nichts verlorengeht, so daß alles Dunkle in Lichtheit verwandelt wird, die im Ganzen ewig bewahrt bleibt.
Doch der Schicksalsbote scheint hier immer noch die Trennung zu sehen und glaubt wohl, wenn Beowulf den ganzen Schatz gewonnen hat, dann kann ihn niemand anderes gewinnen. Wer sind „die anderen“ in der Ganzheit bzw. Gottheit? Ja, darin liegt das traurige Schicksal unseres begrifflichen Verstandes, der mit den Gedanken-Raben im Spiel der Gegensätze nach toten Vorstellungen giert, um sich davon zu ernähren. Und mit Genuß erzählt er dem begierigen Adler als König der Greifvögel, wie er zusammen mit dem hungrigen Wolf der Vergänglichkeit von den Leichen im Kampf lebt. Wird sich der Adler aus dieser Welt erheben können?
So verkündete der tapfere Bote seine traurige Botschaft, und er irrte sich kaum im Erzählten und Vorausgesagten. Die ganze Gesellschaft erhob sich und ging traurig zur Adlerklippe, um mit weinenden Augen das Wunder zu sehen. Dort fanden sie im Sand den entseelten Leib ihres Königs, der früher die Ringe gab und nun über sein Ruhebett herrschte. Der edle König hatte den letzten Tag seines Lebens im Kampf erreicht, der Herrscher der Goten, der einen wundersamen Tod starb. Doch vor allem sahen sie dort ein seltsames Geschöpf, den schrecklichen Drachenwurm, der tot am Boden lag, gleich gegenüber dem König. Der Feuerdrache war ein schrecklich-grimmiges Ungeheuer, dessen Feuer nun ausgebrannt war. Er war wohl fünfzig Fuß (ca. 15m) lang, als er ausgestreckt auf der Erde lag. Nachdem er während der Nacht mit Genuß die Lüfte beherrschte, kam er wieder herab und kehrte in seine Höhle zurück. Nun hielt ihn der Tod fest, und der Genuß hatte in der Erdhöhle sein Ende gefunden. Ringsherum standen Kelche und Becher, Kannen und Schüsseln, sowie vom Rost zerfressene Schwerter, als hätten sie tausend Jahre in der Erde gelegen. Denn einst wurde dieser überaus mächtige Erbschatz, das Gold der Ahnen, von einem Zauber geschützt, so daß kein Mensch diese Ringhalle besuchen konnte. Es sei denn, Gott selbst, der König der Wahrheit und des Sieges, erlaubte es einem Auserwählten, der ihm würdig erschien, den Schatz zu öffnen. Denn er ist der Beschützer und Führer der Menschen. (3057)
So könnte nun die „Drachenklippe“ symbolisch zur „Adlerklippe“ werden, vom Drachen, der im Nacht-Bewußtsein mit Begierde und Haß in die geistigen Lüfte fliegt, zum Adler als König der Lüfte, der sich im Tag- bzw. Acht-Bewußtsein in die geistigen Lüfte erheben kann, wenn er die egoistische Begierde in ganzheitliche Liebe verwandelt.
Doch die irdischen Augen des gewöhnlichen Verstandes sehen dort nur zwei Leichen liegen, eine kleine und eine große, bei denen Wiglaf als Schicksalskraft die Totenwache hält. Denn an die Wahrheit des Goldschatzes kommt natürlich nur der Mensch, der nicht mehr in der Trennung lebt, sondern in der Ganzheit und Gottheit, die dann auch zum Führer und Beschützer des gotischen bzw. göttlichen Menschen wird.
So zeigte es sich, daß dem alle Mühe nicht glückt, der den Goldschatz zu Unrecht in seiner Höhle verstecken will. Der Wächter hatte dafür sogar Menschen getötet, und dieser Haß wurde bitter gerächt. Wunderlich ist es oft, wie ein ruhmreicher Held die Reise seines Lebens schicksalhaft beendet, so daß er nicht länger unter seinen Verwandten in der Met-Halle verweilen kann. So erging es auch Beowulf, als er den Wächter der Grabhöhle im Kampf angriff. Er selbst wußte nicht, wie er diese Welt verlassen würde. Denn es war der Wille der großen Herrscher, die den Goldschatz dorthin brachten, daß bis zum Jüngsten Tag jeder Mensch, der diesen Schatz antastet, des Verbrechens schuldig sein und als Strafe aus der heiligen Welt in die Hölle verbannt werden solle. Sie waren nicht großzügig mit dem Gold, noch zeigten sie jemals die Güte eines Herrn, der den Schatz wahrhaft erworben hatte. (3075)
Hier werden noch einmal mystische Prinzipien dieser Welt angesprochen: Zum einen, daß dieser Goldschatz der Wahrheit nicht ewig versteckt werden kann, und daß dieses Verstecken bzw. Verdunkeln des reinen Bewußtseins der Gier- und Haß-Weg des Leidens ist. Zum anderen, daß die Erkenntnis dieses Schatzes den Weg zu einem Dasein öffnet, das der Verstand mit all seinem Wissen nicht begreifen kann, sondern glaubt, daß in der Met- bzw. Welt-Halle etwas verlorengehen kann. Und schließlich, wie sich der herrschende Eigenwille selbst schuldig macht, bestraft und in die Hölle bzw. dunkle Grabhöhle verbannt, weil er das Gold der Wahrheit egoistisch festhalten will und nicht in der Ganzheit bzw. Gottheit verinnerlicht.
Wiglaf, der Sohn von Weohstan, sprach: „Der Wille eines einzigen schafft oft vielen Menschen viel Kummer und Leid. Wir konnten den geliebten König, den Hüter unseres Reiches, durch keinen Rat davon überzeugen, den Goldschatz nicht zu berühren, sondern ihn dort liegenzulassen, wo er schon lange lag und bis zum Ende der Welt liegen könnte. Nun ist der Schatz freigelegt, doch teuer erkauft. Zu grausam war das Schicksal, das ihn dorthin trieb. (3086)
War es nun der Weg von Beowulf als Vernunft-König, der viel Kummer und Leid brachte, weil er seinen Körper für den Goldschatz geopfert hatte? Oder der oben angesprochene Eigenwille der großen Ego-Herrscher, die den Goldschatz in der materiellen Körperlichkeit mit Gier und Haß wie in einer Grabhöhle versteckt hatten?
Ich war im Inneren der Grabhöhle und habe mir alles angeschaut, was dort angesammelt wurde, nachdem mir der Weg freigemacht worden war. Nicht einfach war der Auftrag, den ich innerhalb der Erdhöhle bekam. Eilig packte ich vieles mit meinen Händen, eine gewaltige Last an Schätzen, und brachte sie hierher zu meinem König. Da lebte er noch, war bei Bewußtsein und sprach noch vieles. Der sterbende Greis bat mich, euch zu grüßen, und gebot, entsprechend den Taten eures Freundes an der Stätte des Leichenfeuers einen hohen Grabhügel zu errichten, groß und hervorragend, wie er auch selbst unter den Menschen ein höchst geehrter Kämpfer auf dieser weiten Erde war, solange er den Wohlstand in seinem Reich genießen konnte. (3100)
Ja, Wiglaf kam als „Kampf-Erbe“ und Schicksalskraft natürlich ins Innere der Grabhöhle, als ihm der Weg von der Vernunft freigemacht worden war. So konnte er sich bewußt werden, was dort an Gefäßen des Goldes bzw. Formen der Wahrheit angesammelt wurde. Damit können wir auch eine Antwort auf die Frage finden, wie Schicksal und Freiheit zusammengehören. Was wir also im Leben ansammeln, kann einige Zeit, aber nicht ewig vor dem Schicksal versteckt werden. So wirkt die Schicksalskraft in dieser Welt, wenn der Weg frei ist, und half auch dem König im letzten bzw. jüngsten großen Kampf. So wird sie auch für seine „Bestattung“ und sein Erbe sorgen und führt nun auch die Kampfgesellen des Königs zu diesem Schatz, während sie die Leiche draußen in der äußerlichen Welt ließen:
Nun laßt uns noch einmal eilen, um den wundervollen Schatz in der Felsenhöhle zu suchen und zu sehen. Ich werde euch führen, damit ihr aus der Nähe die Ringe und das ausgebreitete Gold betrachten könnt. Laßt die Bahre vorbereitet hier stehen, und wenn wir zurückkehren, dann tragt unseren toten König, den geliebten Herrn, dorthin, wo er lange unter dem Schutz des Allmächtigen verweilen muß.“ (3109)
Die Ringe des Schatzes erinnern uns wieder an das Wesen der Ganzheit, in dem jedes Ende mit einem Anfang verbunden ist, und zwar übergangslos und fließend. Nur unser gewöhnlicher Verstand sieht hier eine Trennung, und damit entsteht die Vorstellung von Tod und Verlust.
In dieser Hinsicht kann es das Schicksal auch nur in einer Welt der Trennung im Spiel der Gegensätze geben. In dieser „Schöpfung“ macht die Vernunft als göttlicher Geist den Weg dafür frei, damit sich angesammelte Ursachen auswirken bzw. verbrennen können. Entsprechend finden wir in der nordischen Mystik die drei Schicksals-Nornen an der Wurzel des Lebensbaumes, dessen Äste sich im Spiel der Gegensätze weit verzweigen. Und so befiehlt nun die Schicksalskraft:
Dann befahl Weohstans Sohn, der heldenhafte Jüngling, mehreren Kriegern und Hausvätern, aus der weiten Umgebung Holz für den Scheiterhaufen herbeizuholen, um die Leiche ihres geliebten Königs zu verbrennen: „Nun soll im Feuer die Flamme aus dem Dunklen wachsen und den Führer der Kämpfer verschlingen, der oftmals einen Eisenhagel ertrug, wenn der Sturm der Pfeile von der Bogensehne getrieben über die Schildmauer fegte, und der Pfeil von Federn getragen treu seinen Dienst tat und im Flug der Pfeilspitze folgte.“ (3119)
Was ist ein „Scheiterhaufen“? Es ist ein Haufen aus Holzscheiten, das heißt, „gespaltenes Holz“, was uns wieder an das Holz aus dem Wald der Vorstellungen erinnert, das nun die Krieger und Hausväter des Volkes aus weiter Umgebung zusammentragen sollen. So soll alles Gespaltene mit dem Körper im Feuer verbrennen und das Dunkle wieder in Licht verwandelt werden. Ja, so sollten wir mit allen toten Vorstellungen umgehen! Dann könnten uns die Gedanken-Pfeile, die wir mit dem Schild der Achtsamkeit abwehren wollen, nicht mehr treffen, weder die Pfeile des Hasses noch der Begierde, die auf Raben-Federn im Wind des Geistes getragen werden und ihrer Pfeilspitze im Spiel von Ursache und Wirkung folgen. Dann wird auf dem Scheiterhaufen auch niemand mehr „scheitern“ und in der Trennung verlorengehen müssen, wie auch die Vernunft niemals sterben kann.
Danach berief Weohstans weiser Sohn aus dem Kämpfergefolge des Königs insgesamt sieben der Besten, und er selbst betrat als achter der Helden die dunkle Höhle. Einer der Kämpfer ging mit der Feuerfackel in der Hand voran. So war es kein Zufall, wer diesen Schatz heben sollte, den die Männer nun ohne Wächter in der Grabhöhle freizügig liegen sahen. Niemand wehrte sich mehr dagegen, als sie die kostbaren Schätze eilig heraustrugen. Die Leiche des Drachenwurmes, der den Schatz bisher bewacht hatte, stießen sie von der Felsenklippe in die Wellen des wogenden Meeres. Das zusammengetragene Gold in vielfältigsten Formen wurde auf einen Wagen geladen. Und den König, den grauhaarigen Kämpfer, trug man zum Kap der Wale (Hronesness). (3136)
Nein, es war kein „Zufall“, sondern Wiglaf als Schicksalskraft, der nun auch sieben Kämpfer aus dem Gefolge des Königs in die dunkle Höhle zum Schatz führt. Symbolisch erinnern sie uns wieder an sieben grundsätzliche Prinzipien im Menschen, wie die fünf Sinne, Denken und Verstand. Ähnlich ging damals auch Beowulf mit zweimal sieben Gesellen ins Reich der Dänen, um Grendel zu besiegen. Und vermutlich ist der Verstand gemeint, der die Feuerfackel des Bewußtseins trägt. Der Zugang zum Goldschatz ist nun frei, denn das trennende Ego-Prinzip wurde besiegt, so daß alle sieben Prinzipien gemeinsam den ganzen Schatz aus der Grabhöhle heben können.
Die Leiche des Drachen stießen sie ins Meer der Ursachen zurück. Die Frage ist: Was geschieht mit ihr dort im Wasser des Lebens? Dagegen soll die Leiche des Königs im Feuer verbrannt werden, und zwar dort, wo die „Wale“ ihren Weg im Wasser nehmen. „Wal“ erinnert uns an Walhall, die große Halle der Kämpfer, und die Wale wären dann die Kämpfer im Wasser des Lebens bzw. Meer der Ursachen, für die der König ein „Leuchtfeuer“ werden soll.
Der Goldschatz wurde in vielfältigsten Formen auf einen Wagen geladen. Ähnlich wird auch in der Nibelungensage berichtet, wie Siegfried als Vernunft den Nibelungen-Schatz gewinnt. Aber als ihn Kriemhild als Seele der Natur nach dem Tod von Siegfried auf zwölf Wagen herbeibringen ließ, um ihn zu gebrauchen, wurde er vom Hagen-Ego im Rhein versenkt und verborgen. Und den genauen Ort nahm er als Geheimnis mit ins Grab.
Wird man den Goldschatz hier besser gebrauchen können?
Dort errichtete nun das Volk der Goten einen mächtigen Scheiterhaufen auf der Erde, wie er es geboten hatte, der mit Helmen, Kampfschilden und strahlenden Rüstungen behängt wurde. In dessen Mitte legten dann die klagenden Helden ihren ruhmreichen König, den geliebten Herrn, und die Kämpfer begannen, auf der Landzunge ein großes Feuer zu entzünden. Dunkler Rauch stieg in der Hitze aus dem Holz empor, und die lodernden Flammen vermischten sich mit vielen Tränen. Sogar der Sturmwind schwieg, bis das Haus aus Knochen in der heißen Glut zusammengebrochen war. Mit verzweifelten Herzen beklagten sie ihren Kummer, den Tod ihres Königs. Wie eine verlassene Frau das Totenlied für ihren geliebten Ehemann singt, so beklagten die Goten Beowulf, den sie grausam verloren hatten. Sie sangen traurig und verzweifelt vom schrecklichen Schicksal, das sie nun befürchteten, von Tagen des Unheils, von mörderischen Schlachten und der Angst vor übermächtigen Feinden, Raub und Knechtschaft, bis der Himmel allen Rauch verschlungen hatte. Dann errichtete das Gotenvolk (über der Asche) einen hohen und markanten Grabhügel auf der Landzunge, so daß ihn die Seefahrer auf den Wellen des Meeres weithin sehen konnten. Nach zehn Tagen war das Werk vollbracht. Auf die Spitze setzten sie das Leuchtfeuer des Königs aus den Überresten seines Leichenfeuers und umgaben es mit einer Mauer, wie es ihren weisesten Männern am würdigsten erschien (was wir heute wohl als „Leuchtturm“ kennen). (3162)
Was bedeutet „Bestattung“? Damit wollen wir den Verstorbenen in unserer Welt eine „Stätte“ geben, damit sie nicht verlorengehen. Und dafür gibt es viele Möglichkeiten: Gleich zu Beginn der Sage wurde die Bestattung von Scyld beschrieben, wie er in seinem Schiff mit gehißtem Segel und vielen Reichtümern, Waffen, Rüstungen und Schilden wieder dem Meer übergeben wurde. Denn so hatten sie den Gottessohn einst als Findelkind allein in einem Boot auf den Wellen des Meeres gefunden. Und keiner kann sagen, wohin nun diese Reise geht und wer die Fracht empfängt. So werden die Toten gern mit dem Wasser verbunden, und oft wird ihre Asche in ein Meer oder einen Fluß gestreut. Auf diese Weise sind dann die Ahnen überall gegenwärtig und „anwesend“, wo man Wasser sieht, selbst in jedem Tau- oder Regentropfen, was eine sehr heilsame Sicht sein kann.
Einen anderen Weg der „Bestattung“ finden wir nun hier bei Beowulf, nämlich in der Stätte der Erde, was zunächst ein dunkler Ort ist, der im Gegensatz zum fließenden Wasser einem finsteren Gefängnis gleicht. Ähnlich wurde auch Jesus in einem Felsengrab bestattet, wo man ihn noch heute im irdischen Jerusalem sucht und verehrt. Doch schon die Jünger und Maria fanden darin keinen Toten mehr, sondern den Schatz der Wahrheit, ähnlich wie Beowulf. So kann man auch die Erde ins Licht erheben und darin den „Stein der Weisen“ finden. Dann wird die Erde lebendig und fruchtbar, und die Ahnen sind in allem anwesend, was lebendig und fruchtbar aus der Erde wächst. Dieses „Leuchtfeuer“ können wir auch heute noch sehen, wenn uns solche wunderbaren Sagen begegnen, die durch viele Jahrhunderte überliefert wurden.
In diesem Sinne geht im Großen und Ganzen nichts verloren, wenn man diese Welt mit ganzheitlicher Vernunft betrachten kann. Doch diese scheint nun im gotischen Volk bzw. Menschen gestorben zu sein, so daß der trennende Verstand wieder die Herrschaft übernimmt. Und in dieser Trennung sind natürlich Unheil, mörderische Schlachten, Feinde, Raub und Knechtschaft zu befürchten. Entsprechend bleibt auch der Goldschatz „für die Menschen nutzlos wie zuvor“ in der Erde liegen:
In den Grabhügel legten sie auch die Ringe und Kostbarkeiten, den ganzen Schatz, den gierige Krieger einst als Eigentum erbeutet hatten. So überließen sie den Schatz der Könige wieder der Erde, das Gold dem sandigen Boden, wo es immer noch liegt, für die Menschen nutzlos wie zuvor. Dann ritten zwölf rüstige Helden, kampferfahrene Söhne der Edlen, um den Grabhügel. Und alle beklagten ihren Kummer, trauerten um ihren König, sangen Klagelieder und priesen ihren Herrscher. Sie lobten seine Heldentaten, seinen Mut und seine Herrscherkraft. Denn es ist angemessen, daß man seinen Freund und Herrn im Geist verehrt, wenn er seinen Körper verlassen mußte. So betrauerte das Volk der Goten mit vielen Gefolgsleuten den Verlust ihres Königs. Man sagte, er sei von allen Königen der Welt der großzügigste und wohlwollendste gewesen, der sein Volk am besten beschützte und am meisten nach höchstem Ruhm strebte. (3182)
— Ende der Beowulf-Sage —
Wer bewacht nun den Goldschatz im Grabhügel? Wurde damit wieder ein Drachenwurm geschaffen, der den Schatz vor „Grabräubern“ beschützen will? Wollte Beowulf das erkämpfte Gold der Wahrheit nicht dem gotischen Volk bzw. göttlichen Menschen geben? Nun, solange der gotische Mensch auf Erden in einem vergänglichen Körper lebt, der geboren wird und stirbt, wird es wohl sein Schicksal als Wiglaf bzw. „Kampf-Erbe“ bleiben, nach diesem Gold suchen und dafür kämpfen zu müssen. Daran erinnern die zwölf gerüsteten Heldensöhne, die den Grabhügel auf ihren Pferden der Körperlichkeit umringen. Denn die Zwölf deutet eine Zahl der Ganzheit an, und das ist auch der Weg zur ganzheitlichen Vernunft, die im gotischen Menschen herrschen sollte, wie auch Beowulf diesen Weg gegangen ist und zum Leuchtfeuer des göttlichen Menschen wurde.
Mögen auch wir dieses Leuchtfeuer sehen, den großen Weg gehen, Wirkung und Ursache von Zerstörung und Tod besiegen, den Ego-Drachen und sein Feuer der Vernichtung überwinden und schließlich den Goldschatz der Wahrheit finden!

Isenheimer Altar, Matthias Grünewald, um 1515 (Quelle Wikipedia)
Ähnlich stellte man sich auch Christus vor, wie im berühmten Bild vom Isenheimer Altar zu sehen ist: Er erhebt sich wie das Leuchtfeuer einer Sonne weithin sichtbar aus dem Grab. Die Leichentücher werden zum aufstrebenden Feuer des Heiligen Geistes und zum hinabfließenden Wasser des ewigen Lebens. Ein wunderbar gezeichnetes Spiel von Feuer und Wasser, wie es zur Erde fließt und sich über die Erde erhebt! Im Hintergrund kann man den „Stein der Weisen“ als Symbol für das Unvergängliche erkennen: »Darum spricht Gott der Herr: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist. Wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden. Für die aber, die nicht glauben, ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben… (Jes. 28.16 / 1.Petrus 2.6)« Die Wunden vom Kreuz der Welt wandeln sich in reines Licht, wie auch der ganze Körper. Die Soldaten des Verstandes, die mit ihren Rüstungen der Begrifflichkeit und den Schwertern der Unterscheidung den Toten im Steinsarg bewachen sollten, werden in diesem Licht wie von selbst überwunden und besiegt. Entsprechend kann man rechts unten auch einen Baumstumpf sehen, der an den abgeschlagenen Baum der Gegensätze erinnert. Dafür wächst Christus als ganzheitlich-göttliches Bewußtsein selbst zum Baum des Lebens, der seine Wurzeln im unvergänglichen „Stein der Weisen“ hat. Wunderbare Symbolik!
OM - Amen - OM
• ... Inhaltsverzeichnis aller Märchen-Interpretationen ...
• Die Beowulf-Sage (nach Wilhelm Wägner)
• Beowulfsage (Wägner): Der Grendel-Kampf
• Beowulfsage (Wägner): Die Meerwölfin
• Beowulfsage (Wägner): Der Königsweg
• Beowulfsage (Wägner): Der Drachenkampf
• Beowulfsage (Urtext): Scyldinge, Hirschhalle und Grendel
• Beowulfsage (Urtext): Der nächtliche Kampf mit Grendel
• Beowulfsage (Urtext): Der Kampf mit Grendels Mutter
• Beowulfsage (Urtext): Beowulfs Heimkehr und der Königsweg
• Beowulfsage (Urtext): Der große Drachenkampf
• Beowulfsage (Urtext): Beowulfs Tod und Bestattung
![]() |
Sagentext und Bilder: Die Sagenwelt der Nibelungen nach Urtext |