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Sagentext nach altenglischer Urfassung
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]
Sie sanken alle in den Schlaf. Doch einer mußte für die Nachtruhe bitter büßen, wie es sich schon oft ereignete, als Grendel noch in der goldenen Halle hauste und Unheil schuf, bis er sein Ende fand, den Tod für seine sündhaften Verbrechen. So wurde es bald offenbar und den Menschen weithin bekannt, daß nach diesem Sieg über Grendel noch ein Rachewesen den Kampf überlebt hatte, nämlich Grendels Mutter. Das weibliche Ungeheuer wurmte die Schmach in ihrer dunklen Wasserwelt, wo sie in eisigen Strömungen leben mußte, seit Kain die üble Mordtat an seinem einzigen Bruder verübt hatte, dem (geliebten) Sohn des Vaters. Von Sünde befleckt und als Mörder gezeichnet mußte er (Kain) aus der heiteren Menschenwelt fliehen und in der dunklen Einöde leben. Von ihm entstammten viele übelgesinnte Unholde, und einer von ihnen war Grendel, der gehässige Zerstörer und Mörder, der aber in der Hirschhalle einen wachsamen Helden gefunden hatte, welcher den Kampf achtsam bestand. Der Störenfried wagte den Angriff, doch der Held erinnerte sich an seine mächtige Kraft, die große Gabe, die ihm Gott verliehen hatte, und er vertraute auf die Güte und den sicheren Schutz des Allmächtigen. Damit besiegte er den Dämon und unterwarf den Höllengeist, der dann elend und aller Freude beraubt als Feind der Menschheit den Weg des Todes ging. Nun wollte auch seine Mutter, düster und grimmig, den schmerzlichen Weg gehen, um den Tod ihres Sohnes zu rächen. (1278)
Nachdem wir Grendel aus geistiger Sicht als das Ergreifen- und Festhaltenwollen kennengelernt haben, woraus das Verlierenkönnen in Form von Zerstörung und Tod entsteht, geht es nun um ein weibliches bzw. natürliches Wesen, das als Mutter hinter dieser männlichen bzw. geistigen Zerstörungskraft steht. Was ist das für ein Wesen der Natur, das in „der dunklen Wasserwelt in eisigen Strömungen“ lebt? Hier können wir über das Prinzip der Trägheit nachdenken, welches das Licht des Bewußtseins gefrieren und zur Körperlichkeit erstarren läßt, so daß im Licht die Dunkelheit erscheint. Als Ursache wird hier die Mordtat von Kain an Abel angeführt, den beiden biblischen Söhnen von Adam und Eva. Damit entstanden symbolisch die beiden Wege, die der Mensch gehen kann, entweder in die Trennung und den dunklen Tod, oder in die Ganzheit und das ewige Leben im himmlischen Licht. Die biblische Geschichte ist sehr tiefsinnig, denn der Verstand könnte hier sagen: „Schließlich hat doch Kain überlebt, und Abel, der Gott wohlgefällig war, ist gestorben! Hat nicht Abel gewonnen, und Kain verloren?“ Ja, so sieht unser Verstand mit gegensätzlichen Gedanken das Leben: Andere müssen sterben, damit ich leben kann. Und gerade das ist der Weg in die Trennung und in den Tod, denn wer tötet, wird auch getötet werden, was auch Kain folgerichtig erkennt. Deshalb sollte man niemals töten, nicht einmal Kain. So sagt dann auch der Herr: »Wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. (1.Mose 4.15)« Noch viel tiefer kann man nun darüber nachdenken, was Abel eigentlich getan hatte, als er zum Wohlgefallen Gottes „die Erstlinge seiner Herde“ opferte? Ist das auch ein Töten im Sinne der dunklen Trägheit?
Diesbezüglich erinnert uns die „Mutter von Grendel“ auch an die Rolle von Hel in der nordischen Mythologie. Hel ist die Tochter von Loki als logischer Geist der Gegensätze und der Riesin Angrboda als „Angstquelle“ und übermächtiges Naturwesen. In der Edda steht dazu:
Die Hel aber warf der Allvater hinab nach Niflheim („Nebel- bzw. Dunkelheim“) und gab ihr dort Gewalt über neun Welten, daß sie denen Wohnungen anwiese, die zu ihr gesendet würden: Solchen nämlich, die vor Alter oder an Krankheiten starben. Sie hat da eine große Wohnstätte. Das Gehege umher ist außerordentlich hoch und mit mächtigen Gittern verwahrt. Ihr Saal heißt Elend, Hunger ihre Schüssel, Gier ihr Messer, Trägheit (Ganglat) ihr Knecht, Faulheit (Ganglöt) ihre Magd, Einsturz (Abgrund) ihre Schwelle, ihr Bett Kümmernis und ihr Vorhang drohendes Unheil. Sie ist halb schwarz, halb menschenfarbig, also kenntlich genug durch grimmiges, furchtbares Aussehen. (nach Karl Simrock, Gylfis Verblendung §34)
Und das ist dann auch der Weg der Menschen, die an ihrem Körper haften und „an Alter oder Krankheiten sterben“, was wohl bedeuten soll, daß sie von etwas getötet werden, was sie nicht habenwollen (oder sterben, weil sie eine Form des Bewußtseins nicht akzeptieren wollen), und damit den Weg der Trennung in die Höhle bzw. Hölle der Dunkelheit gehen. Und auch dort finden wir das Prinzip der Trägheit als „Ganglat und Ganglöt“ wieder.
So kam Grendels Mutter nach Heorot, in die gehörnte Hirschhalle, wo die Helden der Dänen während der Nacht schliefen und nun erneuten Angriff erfuhren, als sie wütend hereinstürmte. Der Schrecken war jedoch geringer, wie auch die Kraft der Frauen im kriegerischen Kampf geringer ist als die von bewaffneten Männern, die kampferfahren mit geschmiedeter Rüstung, stahlbewährtem Eber-Helm und blutgehärtetem Schwert gewaltig zuschlagen. Da wurde in der Halle manch harte Klinge aus der Scheide gezogen und mit eiliger Hand der feste Schild ergriffen. Im ersten Schrecken dachte keiner an seinen Helm und seine Rüstung. Sobald die Angreiferin entdeckt war, versuchte sie, eilig zu entfliehen, um ihr Leben zu retten. Schnell erfaßte sie noch einen der edlen Helden mit festem Griff und flüchtete zum sumpfigen Moor. Es war König Hrodgars liebster Held in seinem Gefolge, der mächtigste Schildkämpfer zwischen den Meeren, ein ruhmreicher Mann, den sie auf seinem Ruhebett erfaßte und tötete. Beowulf war nicht anwesend, denn ihm wurde anderwärts eine Unterkunft zugewiesen, nachdem man den mächtigen Goten mit den wertvollen Schätzen beschenkt hatte. Ein lauter Aufschrei erscholl in der Hirschhalle, und am Tor ergriff sie fliehend noch die wohlbekannte Klaue ihres Sohnes, die blutverkrustete. (1303)
So wird hier wieder das „Nacht-Bewußtsein“ angesprochen, wenn das Bewußtsein zuerst in eine Traumwelt versinkt und dann in tiefen Schlaf. Schon das ist ein Angriff der natürlichen Trägheit, die das Bewußtsein in die Dunkelheit zieht. Doch es heißt, dieses Natur-Prinzip ist weniger schrecklich als die männliche bzw. geistige Macht, sowohl die von Grendel als Zerstörung und Tod, als auch die der Kämpfer um das Leben. Ja, zumindest läßt sich diese natürliche Trägheit schneller vertreiben, und das sind wir auch gewöhnt, nämlich durch das Prinzip der Unruhe und feurigen Leidenschaft. Ähnlich findet man in der indischen Philosophie die drei natürlichen Prinzipien der drei Gunas von Tamas, Rajas und Sattwa, die man mit Trägheit, Leidenschaft und Güte übersetzen kann. Über solche Dreiecks-Kräfte haben wir schon viel gesprochen und wie sie in der Natur im Spiel der Gegensätze alles bewegen. Die Frage ist nur, läßt sich mit der kämpferischen Leidenschaft die dunkle Trägheit auch besiegen? Oder nur vertreiben? In unserer Geschichte wird sie nur vertrieben, flieht ins dunkle Moor und nimmt die Trophäe des letzten Sieges von Beowulf mit sich, wie auch einen ganz besonderen Mann aus dem Gefolge von König Hrodgar, den wir später noch genauer kennenlernen werden.
Und warum ist Beowulf nicht in der Halle anwesend? Hier könnte man darüber nachdenken, was passiert, wenn man einen Menschen oder auch eine Kraft mit besonderen Gaben über andere erhebt und diesem Wesen damit einen Platz außerhalb der gemeinsamen Kampfhalle zuweist. Das wurde und wird auch gern mit menschlichen Vorbildern wie Jesus, Buddha oder Krishna gemacht, wenn sie so „hochgeehrt“ werden, daß sie zu einem unerreichbaren Ideal anwachsen, das dann keinen praktischen Platz mehr innerhalb der Menschheit findet und sich keiner mehr zu verwirklichen getraut. Ja, auch das ist ein Weg der Trennung und des Leidens:
Da erhob sich erneuter Kummer im Gebäude. Der Handel (zwischen Hrodgar und Beowulf) schien nicht allzu glücklich, denn beide Seiten mußten ihn mit dem Leben von Freunden aus ihrem Gefolge bezahlen. Als der weise König, der grauhaarige Kämpfer, vom Tod seines besten Gefolgsmannes erfuhr, dem liebsten Kampfgefährten, wurde er von großer Traurigkeit erfüllt. Schnell rief man Beowulf, den siegreichen Helden, herbei. Und sobald der Tag anbrach, ging der edle und hochgeehrte Kämpfer mit seinem Gefolge dorthin, wo der greise König wartete und grübelte, ob ihn der Allmächtige nach dieser traurigen Nachricht jemals wieder vom Unheil erlösen könne. Der furchtlose Kämpfer schritt mit seinen treuen Gefährten den getäfelten Flur entlang, daß die ganze Halle davon widerhallte. Mit freundlichen Worten grüßte er den König der Dänen und fragte, ob er die Nacht gut verbracht hatte und was der Grund für die dringende Vorladung sei. (1320)
Hier kann man nun über das leidige Spiel der Erwartungen nachdenken, das automatisch entsteht, wenn man den Weg der Trennung im „Nacht-Bewußtsein“ geht. So muß sich der König wieder mit der Seelenkraft verbinden, die er außerhalb „untergebracht“ hatte, und herbeirufen, was zuvor von selbst gekommen war.
König Hrodgar, der Hüter der Scyldinge, sprach: „Frage nicht nach Wohlsein, denn neues Leiden traf die Dänen. Äschere („Esche-Heer“) ist tot, Yrmenlafs („des großen Erbes“) älterer Bruder, mein bester Freund, Runen-Kenner und vertrauter Ratgeber, der in jedem Kampf stets an meiner Seite war, wenn es ums Leben ging, die Kämpfer aufeinandertrafen und die Eber-Helme zerschlagen wurden. Jeder Mann sollte so weise und edel sein, wie es Äschere war! Doch nun erfaßte und tötete ihn in der Hirschhalle eine höllische Dämonin. Ich weiß nicht, wohin die Gierige, ihres Fraßes froh, geflohen ist. Damit rächte sie bitter, daß du Grendel gestern Nacht im Kampf mit unnachgiebiger Hand gepackt hattest, weil er schon so lange mein Volk zerstörte und tötete. So fiel er im Kampf und verwirkte sein Leben. Doch nun ist eine andere Macht gekommen, eine grausame Zerstörerin, um ihren Verwandten zu rächen, und droht uns auch weiterhin mit ihrem Angriff. Das fürchtet wohl auch mancher von den Helden, der in seinem Herzen schmerzlich um den Verlust des Schatzgebers (Äschere) trauert. Zudem wurde auch die Kralle herabgerissen und geraubt, mit der du unsere Wünsche erfüllt hast (Grendel zu überwinden). (1344)
Hier kann man sich zunächst fragen, warum immer neue Namen in dieser Geschichte eingeführt werden, die dann im weiteren Verlauf keine Verwendung mehr finden? Warum wurde nicht einfach Hrodulf als bester Freund des Königs in der Halle von Grendels Mutter getötet? Denn auch dessen Name taucht nicht wieder auf. Ja, das macht die ganze Geschichte heutzutage schwer lesbar. Doch vielleicht kannten die Menschen damals noch viele weitere Geschichten zu diesen Namen, die im Laufe der Zeit verlorengingen, oder die Namen selbst waren viel aussagefähiger…
Zumindest erfahren wir nun ein wenig mehr zu Äschere, dessen altenglischer Name sich von Esche und Heer ableiten läßt und uns an das Heer der Lebewesen erinnert, die im Baum des Lebens um das Überleben kämpfen. So könnte man in Äschere die Intuition von Weisheit und Einsicht sehen, die in diesem Überlebenskampf natürlich der beste Freund und vertrauteste Ratgeber eines wahrhaften Königs ist, sowie Voraussetzung für das „große Erbe“ der Ganzheit, den Erbschatz der goldenen Ringe im ewigen Entstehen und Vergehen. So wird Äschere im Urtext auch als „rúnwita“ und „raédbora“ bezeichnet, was man mit „Runen-Kenner und Ratgeber“ übersetzen kann. Die Runen sind das große Geheimnis in den Zeichen der Welt. Dazu gibt es in der Edda eine tiefsinnige Geschichte über Odin, wie er das Geheimnis der Runen erkannte als er kopfüber am Lebensbaum hing. Damit konnte er sich selbst erkennen und die Probleme von Krankheit, Bindung, Feindschaft, Zerstörung und Tod lösen. Über dieses „Runenlied von Odin“ haben wir in der Nacherzählung von Wägner bereits ausführlich nachgedacht…
Wir wollen uns nun fragen, wie und warum König Hrodgar diese Intuition von Weisheit und Einsicht durch Grendels Mutter als Naturkraft der Trägheit verlieren konnte? Das ging und geht uns offenbar allen so, denn die Trägheit ist auch die Kraft der Verkörperung in Raum und Zeit, so daß unser Bewußtsein in das „Nacht-Bewußtsein“ traumhafter Erfahrung versinkt, was wir dann als die Geschichten unseres Verstandes im Spiel der Gedanken kennen. Das ist ein allgemeines Grundproblem, wenn ein Mensch verkörpert und körperlich geboren wird. Dennoch haben wir alle diese Äschere-Intuition in uns, aber sie wird uns nur selten bewußt, ähnlich wie die Seelenkraft als Neffe. Erst, wenn sie verlorengeht, werden wir traurig und depressiv, wie wir auch oft das Gefühl haben, Kreativität und Intuition zu verlieren. Doch wie kann etwas so Wesentliches verlorengehen? In Wahrheit kann es natürlich niemals verlorengehen, doch wer den Weg der Trennung geht, hat oft das Gefühl, das andere etwas haben, was ich nicht habe. So ging es vielleicht auch König Hrodgar, als „jemand anderes“ das Grendel-Problem in seiner Kampfhalle gelöst hatte, so daß er seine eigene Intuition der Weisheit und Einsicht verlor, die bisher in jedem Lebenskampf bei ihm war. Wie kann sie wieder lebendig werden?
Ich habe von den Landbewohnern des Volkes und meinen Beratern in der Halle schon oft gehört, daß sie zwei mächtige Riesenwesen im Grenzland umherwandern sahen, die im Moor hausten, fremdartige Geister. Wie sie deutlich erkennen konnten, war eines wie ein Weib gestaltet, und das andere Ungeheuer wanderte in Mannesgestalt durch die Einöde, nur daß er größer als alle anderen Männer war. Die Landbewohner nannten ihn damals „Grendel“ („Zerstörer“). Doch keiner kennt seinen Vater, von welchem dunklen Geist er einst gezeugt wurde. Die beiden (Mutter und Sohn) bewohnen ein verborgenes Reich, wo sich die Wölfe verstecken, ein dunkles Moor bei den stürmischen Klippen, wo der Gebirgsbach im Nebel der zerklüfteten Küstentäler im Abgrund der Erde verschwindet. Nur ein paar Meilen von hier liegt der schreckliche Sumpf am Meer, beschattet von reifbedeckten Hainen, wo sich die Bäume über das Wasser neigen und sich mit ihren Wurzeln kaum noch festhalten können. Dort sieht man allnächtlich ein unheimliches Wunder, ein Feuer im Wasser, das bisher noch kein Menschenkind in seiner Tiefe ergründen und begreifen konnte. Selbst der Hirsch, der mit seinem mächtigen Geweih den Wald bewohnt, gibt, wenn er von den Jagdhunden gehetzt wird, lieber sein Leben am Ufer auf, als kopfüber in dieses unheimliche Wasser zu springen. Es ist wirklich kein heiliger Ort. Aus den Wasserwirbeln steigen die dunklen Nebel bis zu den Wolken empor, stürmische Gewitter ballen sich zusammen, der Himmel wird dunkel und weint schwere Tränen. Wieder kannst nur du allein helfen und heilen! Du kennst jetzt die schreckliche Stätte, wo die sündhafte Dämonin zu finden ist. Versuche es, wenn du dich traust! Ich vergelte dir den Kampf mit wertvollem Gut, mit altgeerbten Schätzen, wie ich es zuvor tat, mit goldenen Ringen, wenn du lebendig zurückkehrst.“ (1382)
Was bedeutet das „Grenzland“ zwischen Erde und Wasser, wo die dunklen Dämonen des „Nacht-Bewußtseins“ hausen, weibliche und männliche? Hier können wir an unser dunkles Unterbewußtsein am Grund der Körperlichkeit denken, wo sich auch die hungrigen Wölfe als Vergänglichkeit verstecken und niemand gern eintauchen will, weil dort alles wartet, was wir gern verdrängen und weghaben wollen. Aus diesem dunklen Sumpf erheben sich viele unserer Probleme, wie dunkle Gewitterwolken im Sturm des Lebens. Das ist dann der „NEBEL“ als Umkehrung von „LEBEN“, wenn das Leben in die Dunkelheit versinkt und daraus auf geheimnisvolle Weise wieder aufsteigt. Hier kann man auch an Niflheim denken, wo Hel in der Dunkelheit der Hölle regiert. Und doch ist auch dieser Sumpf ein Wasser des Lebens, in dem ein Feuer brennt, das man als unheimliche Vernichtung und unheiligen Ort der Vergänglichkeit erkennen kann, aber auch als reines Licht des Bewußtseins im Wasser des ewigen Lebens.
Über das Spiel der Gegensätze von Wasser und Feuer kann man wieder viel nachdenken: Symbolisch werden oft zwei gegensätzliche Dreiecke dargestellt, die auch für Ursache und Wirkung stehen. Äußerlich erscheint dann das Wellenspiel von Wasser und Feuer, Kalt und Heiß, Dunkel und Hell, Hoch und Tief, Steigen und Fallen, Natur und Geist oder Nebel und Leben. Man kann gut die „Klippen, Berge und Täler“ des Oberflächenlebens der „Landbewohner“ im Spiel von Ursache und Wirkung sehen:

Doch was befindet sich im Inneren, aus dem das Äußerliche entsteht? Welcher Held traut sich da bewußt hinein, wovor sich der gehetzte Hirsch so sehr fürchtet? Wer kann daraus lebendig zurückkehren und den goldenen Ring gewinnen?
Hier wird auch wieder die Symbolik des Hirsches angesprochen, als ein männliches bzw. geistiges Wesen mit mächtigem Kampfgeweih, wie auch die Halle von König Hrodgar „gehörnte Hirschhalle“ genannt wird. Ähnlich finden wir in der Edda diesen Hirsch auf dem Dach von Walhall wieder, wo er sich als „Kampfgeist“ von den Blättern des Lebensbaumes ernährt. Und es wird berichtet, wie aus seinem Geweih die vielfältigen Flüsse des Lebens entspringen. Das verzweigte Horn-Geweih dieses Kampfgeistes läßt sich auch schön im obigen Bild erkennen, wie es im Spiel der Gegensätze in die äußerliche Welt ragt und die Flüsse des weltlichen Lebens nährt. So kennt auch dieser Kampfgeist zwei Wege, nach Außen in die Trennung und nach Innen in die Einheit, wie dann innerhalb von Walhall die „Einherier“ kämpfen, die man auch „Eingeweihte“ nennen könnte, denn ihr „Kampf-Geweih“ ist der Einheit geweiht. Deshalb scheut sich natürlich der von Jagdhunden gehetzte Hirsch bzw. Kampfgeist, in dieses Feuer-Wasser hineinzuspringen, wenn man die Jaghunde als Symbol für die begrifflichen Gedanken sieht, die uns gewöhnlich durch das Leben treiben und hetzen. Denn dieser gehetzte Kampfgeist ist immer noch ein Geist der Gegensätze und will nicht die Einheit.
Darauf sprach Beowulf, Ecgtheows Sohn („Diener der Schwertschneide“): „Sei nicht traurig, weiser Mann! Würdiger ist es für jeden, seinen Freund zu rächen, als endlos zu trauern. In dieser Welt müssen wir alle ein Ende des körperlichen Lebens erwarten. Darum vollbringe jeder, solange er lebt, wahrhaft große und ruhmreiche Taten, denn das ist für den Kämpfer, wenn er stirbt, das Beste. So erhebe dich, Hüter des Königreiches! Laß uns gemeinsam eilen und den Spuren von Grendels Mutter folgen. Ich verspreche dir: Sie entwischt mir weder im Sumpf des Moores, noch im Schoß der Erde, im Waldesdickicht der Berge oder in den Tiefen des Meeres, wohin sie auch flieht. Ich hoffe, du kannst dein Leid noch diesen heutigen Tag mit Geduld ertragen.“ (1396)
Ja, so sollte der weise König als herrschende Vernunft nicht trauern, denn es gibt immer auch die Seelenkraft, die im natürlichen Wellenspiel der Verursachung jeden Verlust wieder ausgleicht, was man auch „Rache“ nennt, obwohl dieses Wort heutzutage etwas negativ klingt. Doch die germanische Wurzel des Wortes kann man in „Verursachen“ und „Richten“ finden. So ist es für die Vernunft auch immer gut, das Leiden des heutigen Tages geduldig zu ertragen und nicht ständig an Gestern und Morgen zu denken. Und in diesem Hier und Jetzt erhebt sich die altgewordene Vernunft und läßt sich von der Körperlichkeit in die innerliche Welt tragen, wo die Ursachen des Leidens zu finden und zu lösen sind:
Da erhob sich der greise alte König und dankte Gott, dem mächtigen Herrn, für die Worte des Mannes. Schnell wurde für Hrodgar ein Hengst mit geflochtener Mähne gesattelt, und der weise Herrscher ritt wohlgerüstet voran. Ihm folgten die Kämpfer zu Fuß mit ihren Schilden aus Lindenholz. Die Spuren waren am Wald entlang weithin sichtbar, wohin die Dämonin ihren Weg genommen hatte. Durch das dunkle Moor trug sie den entseelten Körper des Besten aller Helden, die mit König Hrodgar ihre Heimat verteidigten. So führte nun der Weg des Königs mit seinem Gefolge durch steile Felsenschluchten, auf schmalen Pfaden, selten begangen, einsam und geheimnisvoll, wo zwischen öden Klippen mancher Wassergeist (Nicor bzw. Nix) hauste. Der König ritt voran mit seinem Gefolge aus weisen Männern, um die Gegend zu erkunden, bis er schließlich einen grauen Felsen fand, über den sich traurig die Bäume des Waldes neigten. Das Wasser davor war von rotem Blut aufgewühlt, und den Helden der Dänen, den Freunden der Scyldinge, traf es tief ins Herz, als dort die Edlen voller Kummer den Kopf von Äschere auf der steilen Meeresklippe aufgespießt sahen. Schrecklich rot schäumte das Wasser vom feurigen Blut. Die Kämpfer starrten hinein, bliesen auf ihren Hörnern ein Totenlied zum Abschied und setzten sich gemeinsam nieder. Da sahen sie im Wasser viele seltsame Wesen schwimmen, Würmer, Schlangen und Drachen, die in der Tiefe lauerten. Und in den Buchten zwischen den steilen Klippen lungerten die Wassergeister, die in den Morgenstunden auf die schiffbrüchigen Seefahrer warten. Doch wie wilde Tiere flohen sie erschrocken und zornig davon, als sie die lauten Jagdhörner der Kämpfer hörten. Da schnellte vom Bogen des gotischen Helden sogleich ein scharfer Pfeil, der tief ins Herz eines Wassergeistes drang und sein tödliches Spiel in den Wellen beendete. Man sah, wie er im Wasser immer träger schwamm, bis er starb. Schnell wurde er im Wellenspiel von den Speeren der Kämpfer, die mit Eberzähnen wie Enterhaken genutzt wurden, erfaßt und an Land gezogen, wo die Männer das unheimliche Wesen bestaunten. (1441)
Was finden wir an der Grenze zum Unterbewußtsein, zwischen der körperlichen Welt auf der Erde und der geistigen Welt im Meer der Ursachen als Wasser des Lebens? Ja, das kann eine unheimliche Erfahrung sein, denn es ist der Weg, den auch der Tod als Vergänglichkeit nimmt, aus der Welt der Formen in die Formlosigkeit, wie jeder Fluß im Meer endet, eine Vorstellung von Abschied und Verlust. Hier findet man die Wassergeister, die oft gefürchtet, aber auch verehrt werden. Daher kommt auch die Wassermann-Symbolik, über die wir im Märchen „Der Petrusschlüssel“ bereits viel nachgedacht haben…
Doch warum tötet Beowulf den Wassergeist, der vor den Jagdhörnen flieht, die für Äschere das Totenlied bliesen? Auch über diese Symbolik kann man viel nachdenken: Zum einen scheint es darum zu gehen, den Wassergeist unwirksam zu machen, der die Wesen in den Tod zieht, die als Seefahrer auf dem Meer der Ursachen treiben. Anderseits zeigt er damit König Hrodgar und seinem Gefolge, wie man solche Wesen mit der Pfeilspitze der Einheit ins Herz treffen kann, und wie man sie dann als Leiche aus dem Wasser zieht und als begriffliches Objekt bestaunen kann. Das Eber-Symbol kennen wir bereits als Licht des Bewußtseins, das alles hervorbringt, den Speer als Waffe der Verursachung, und die Eberzähne erinnern uns an die Kampfkraft des Ebers. Ähnlich hatte Beowulf auch im Wettkampf mit Breka manches bedrohliche Meeresungeheuer bzw. Wassergeist besiegt, so daß er nun für sich selbst den geistigen Tod nicht mehr fürchten muß, was auch die Weisheit der Einherier ist:
Da legte sich nun Beowulf die glänzende Rüstung an, doch fürchtet nicht im Geringsten um sein Leben. Der von Künstlerhänden gefertigte und geschmückte Brustpanzer sollte nur die körperliche Hülle seiner Knochen beschützen, daß kein bösartiger Feind seine Brust verletzen und mit mörderischer Kralle das körperliche Leben gefährden konnte. So sollte auch der strahlende Helm seinen Kopf schützen, wenn er hinab in die aufgewühlten dunklen Tiefen taucht. Dieser war mit Edelsteinen geschmückt, von einem eisernen Kettengeflecht (für Hals und Nacken) umgeben und mit einem Eber-Symbol gekrönt, wie ihn vor langer Zeit ein Waffenschmied geschaffen hatte, damit er künftig geschwungenen Schwertern widerstehen kann. Schließlich lieh ihm Hrodgars Redner (Unferth als „Unfrieden“) noch sein Schwert, das in der Not nicht die schlechteste Waffe war. Es wurde Hrunting genannt und stammte aus alten Schätzen. Die eiserne Klinge war mit Schlangen verziert, im Kampfblut gehärtet und versagte niemals im Kampf, wenn sie mit starker Hand ein Held schwang, der den Schreckenspfad ins Reich der Feinde zu beschreiten wagte. Schon oft zeigte die Waffe ihre gewaltige Stärke. Der kräftige Recke (Unferth), Ecglafs Sohn („Erbe der Schwertschneide“), konnte sich wohl nicht mehr erinnern, wie er damals vom Wein berauscht geprahlt hatte, als er nun die Waffe dem würdigeren Helden lieh. Denn er selbst wagte nicht, in den aufgewühlten Wellen sein Leben einzusetzen, um die rächende Tat zu vollbringen. So verlor er seinen Ruhm und seine Ehre als Kämpfer, ganz anders als Beowulf, der sich kühn zum Kampf rüstete. (1472)
Hier kommt nun Unferth wieder ins Spiel, der ständig unzufriedene Verstand, der viel redet, aber wenig vollbringt, und wenn, dann nur oberflächliche Taten. Sein altbewehrtes Schwert Hrunting erinnert an englisch „hunting“ für „jagen“ und ist wohl so alt, wie die Unzufriedenheit selbst. Es dient der Gedankenjagd nach Vorstellungen und Begriffen im Schlangenreich der Gegensätze und wird natürlich niemals wirkungslos bleiben, weil jeder Gedanke eine geistig-schöpferische Kraft hat und auf dem Meer der Ursachen eine entsprechende Welle schlägt. Und doch wird der Verstand auf seiner begrifflich-gedanklichen Bewußtseins-Ebene immer unzufrieden bleiben, denn er lebt von der Trennung, und Trennung bedeutet immer auch irgendeinen Mangel und schließlich sogar den Tod als Trennung vom Leben. So können wir uns hier bereits fragen: Wird dieses Jagd-Schwert des unzufriedenen Verstandes mit seiner Schneide der Unterscheidung für Beowulf im Kampf mit Grendels Mutter nützlich sein?
Da sprach Beowulf, Ecgtheows Sohn: „Ich bin kampfbereit, weiser König! Nun gedenke der Worte, ruhmreicher Sohn von Healfdene und Goldfreund der Menschen, worüber wir vorhin gesprochen haben: Wenn ich in deinem Dienst fallen sollte, dann erfülle nach meinem Ableben die versprochenen Pflichten eines Vaters. Hilf meinen Stammesgenossen, dem treuen Gefolge, wenn der Tod mich hinrafft, und schicke auch die Schätze, die du mir geschenkt hast, lieber Hrodgar, an meinen König Hygelak. Dann wird der Herrscher der Goten, der Sohn von Hredel, an diesen Schätzen erkennen, daß ich einen edlen, tugendhaften und freigebigen König gefunden habe, der zur großen Freude goldene Ringe spenden kann. Und gib auch dem berühmten Unferth das weitbekannte und scharfe Kampfschwert zurück, das alte Erbstück. Dann habe ich versucht, mit Hrunting Ruhm zu erlangen, wurde aber vom Tod davongetragen.“ (1491)
Hier zeigt sich nun wieder das Wesen von Beowulf als Seelenkraft, die nicht für sich selber kämpft, sondern zum Nutzen seines Königs, dem Verstand des gotischen bzw. göttlichen Menschen. Das große Ziel ist natürlich, daß sich der menschliche Verstand zur ganzheitlichen Vernunft erheben soll, und darum kämpft auch Beowulf und sammelt die Schätze nicht für sich selber an, sondern für seinen König, der daran das göttliche Wesen des Dänen-Königs erkennen soll. Auch das ist das Wesen eines Einheriers, der seine Aufgabe in dieser Welt erkannt hat und weiß, daß sein ewiges Leben in der Ganzheit besteht und nur der wandelbare Körper entsteht und vergeht. So erwartet er auch keine äußerliche Antwort und ist bereit, in das tiefe Meer der Ursachen bis auf den Grund zu tauchen:
Nach diesen Worten eilte der edle Goten-Held mutig zum Kampf, ohne auf irgendeine Antwort zu warten. Die Wogen des Meeres umfingen den Kämpfer. Es dauerte den halben Tag, bis er so tief getaucht war, daß er den Grund erreichen konnte. Schon bald bemerkte die gierig, hungrige und grimmige Dämonin, die dort schon ein halbes Jahrhundert (solange auch Hrodgar regierte) im sumpfigen Grund hauste, daß einer der Menschen von obenher in das fremde Reich eingedrungen war. Schnell tastete sie sich heran und ergriff den Kämpfer mit ihren schrecklichen Klauen. Doch sie konnte den heilen Körper nicht zerquetschen, denn der Brustpanzer schützte ihn von außen, so daß sie mit ihren feindseligen Krallen die ineinander gewundenen Rüstungsringe nicht durchdringen konnte. Daraufhin umklammerte die Meer-Wölfin den Herrn der Ringe, der auf den dunklen Grund gekommen war, und schleppte ihn in ihre Höhle. So mutig er auch war, er konnte (in der Dunkelheit) seine Waffen nicht gebrauchen, obwohl ihn viele wilde Wesen in der Tiefe angriffen, manches Meeresungeheuer mit scharfen Zähnen an seiner Rüstung zerrte und ringsherum schreckliche Gefahren lauerten. Bald fand sich der Held in einem geräumigen Gewölbe wieder, wie er es noch nie erlebt hatte, wo ihn kein Wasser mehr bedrückte, denn die Decke der Halle hielt die wild anstürmende Strömung zurück. Ein winziges Feuer brannte hier mit blassem Lichtschein, und darin sah der gute Mann die Wölfin des Grundes, das mächtige Meer-Weib. (1519)
Hier finden wir nun wieder stärkste Symbolik, über die man lange grübeln kann. Wie wir Grendels Mutter, die Mutter von Zerstörung und Tod, bisher als das natürliche Prinzip der Trägheit betrachtet haben, so kommt nun die Dunkelheit dazu, wie man sich früher die Hölle am Grund der Welt vorgestellt hatte. Entsprechend sah man die Menschenwelt auf der Erde zwischen den zwei ewigen Polen von Lichtheit und Dunkelheit, Himmel und Hölle. Denn wenn Lichtheit und Himmel ewig sein sollen, dann müssen logischerweise auch Dunkelheit und Hölle ewig sein. So taucht nun Beowulf als „Wolf-Jäger“ in diese Dunkelheit bis zum Grund hinab und findet dort die „Meer-Wölfin“ als ein Wesen der hungrig-verzehrenden Vergänglichkeit im Wasser des Lebens. Diese Dunkelheit ist eigentlich nichts anderes, als das Nacht-Bewußtsein, daß immer dunkler und unbewußter wird, bis es in die dunkle Höhle bzw. Hölle gezogen wird, wo das Wasser des Lebens als Fluß von Ursache und Wirkung nicht mehr fließen kann. Das nennen wir gewöhnlich „Tod“ im Sinne von Wirkungslosigkeit. Doch Beowulfs Körper-Rüstung war gegen die Krallen der Wölfin geschützt, dank der gesegneten Gaben von Hrodgar und Wealhtheow, und dank seines eigenen uneigennützigen Wesens, wodurch er einen „heilen Körper“ im Sinne der Ganzheit hatte. So blieb er auch körperlich lebendig, doch seine gewöhnlichen Waffen konnte er auf dem Weg durch die Dunkelheit natürlich nicht gebrauchen, weil hier nichts mehr zu unterscheiden war. Und doch brennt auch in der dunkelsten Höhle immer noch ein winziges Feuer, dessen sich ein acht- und wachsamer Geist bewußt werden kann, um das Problem zu erkennen, das es zu lösen gilt:
Da schwang er nun sein Kampfschwert (Hrunting) mit starker Hand zum gewaltigen Schlag, so daß die scharfe Klinge auf ihrem Kopf ein feuriges Kampflied sang. Doch der Held erkannte bald, daß dieses flammende Kampfschwert nicht eindringen konnte, um den Feind zu bezwingen. So versagte die scharfe Schneide dem Edlen gerade in der größten Not. Sie hatte schon viele Nahkämpfe bestanden, Helme gespalten und Rüstungen der Todgeweihten zerschlagen. Nun war es das erste Mal, daß diesem kostbaren Schatz die vielgerühmte Macht versagte. Aber der Neffe von Hygelak ließ sich davon nicht entmutigen. Er erinnerte sich an seine eigene ruhmreiche Heldenkraft und warf das kostbare, mit Schlangen verzierte Schwert beiseite, so daß die nutzlose Klinge aus hartem Stahl am Boden lag. Dann stand er mutig und entschlossen im Vertrauen auf seine eigene Stärke und die Macht seiner Hände. So sollte ein Mann im Kampf handeln, um unsterbliches Lob zu verdienen, und sich nicht um sein Leben sorgen. Da packte der kampferfahrene Gote, der den Kampf nicht fürchtete, Grendels Mutter an der Schulter und rang die Todfeindin nieder, daß sie zu Boden fiel. Doch sie vergalt es ihm schnell mit gleicher Münze, umklammerte den starken Helden mit zornigem Griff, daß er wankte und zu Boden stürzte. Dann kniete sie mit ihrer ganzen Last auf ihm nieder und zog ein Messer mit scharfer Klinge, um den Sohn zu rächen, der ihr einziger Nachkomme war. Doch Beowulfs Brust und Hals wurden von seinem Brustpanzer und dem Kettengewebe beschützt, die jedes Eindringen der scharfen Schneide verhinderten und sein Leben bewahrten. Der Sohn von Ecgtheow (als „Diener der Schwertschneide“), der größte Held der Goten, wäre wohl am Meeresgrund umgekommen, wenn ihm die feste und wohlgefügte Kampfrüstung nicht geholfen hätte, und natürlich der heilige Gott, der den wahren Sieg im Kampf gewährt. Dieser weise Herr und Herrscher des Himmels entschied einfach mit Gerechtigkeit, und so kam der Held wieder auf seine Füße. (1556)
So erwacht nun das Bewußtsein innerlich in der Tiefe des Meeres in einer abgeschlossenen Höhle, wo das Wasser des Lebens nicht mehr fließt. Wie kann man hier kämpfen? In diesem „Vakuum“ versagt natürlich das Verstandes-Schwert der Unterscheidung und bleibt wirkungslos. Oh, wer hat die Kraft, dieses Schwert dann loszulassen und sich an seine eigene Macht zu erinnern? Mit dieser Macht ringt nun hier das Leben mit dem Tod, die Bewegung mit der Trägheit, das Licht mit der Dunkelheit. Ja, es ist ein „Ringkampf“ der wie ein Ring mit sich selbst kämpft. Und so, wie das Verstandes-Schwert unwirksam war, so wird dann auch das Messer des Todes unwirksam. Das ist eine Ring-Welt, in die unser unterscheidender Verstand nicht eindringen kann, weil sie eine Ganzheit in sich selbst ist. Damit bleibt uns auch diese ganze Symbolik des innerlichen Kampfes im höchsten Sinne „unverständlich“, so daß der Kampf schließlich von Gott selbst als Wesen der Ganzheit „entschieden“ wird, wodurch sich der Ring und entsprechend auch die Höhle öffnet und zur ganzen Welt wird, wie wir noch lesen werden.
So kommt nun der Held wieder auf seine Füße. Was sind die Füße der Seelenkraft? Auf welchem Grund steht sie? Hier könnte man über den berühmten „Stein der Weisen“ nachdenken, den Grundstein von allem. Interessant ist auch die Frage nach dem Unterschied zwischen dem Kampf mit Grendel und mit Grendels Mutter. Wie er Grendel als Geistprinzip der Wirksamkeit bzw. Aktivität mit Passivität besiegte, so muß er wohl nun dem Naturprinzip der Trägheit bzw. Passivität mit Aktivität begegnen. Doch wie ist das hier in dieser Höhle möglich, wo alle verständlich-wirksamen Waffen versagen?
Da sah er unter (bzw. über) allen anderen Waffen ein siegverheißendes Riesenschwert, eine uralte Waffe mit reiner Klinge, ein unvergleichlicher Schatz der Kämpfer, doch so übergroß, daß sie kein gewöhnlicher Mann im Kampf schwingen konnte, ein mächtiges und prächtiges Gigantenwerk. Dieses mit mystischen Ringen verzierte Schwert ergriff der Kämpfer im Dienst der Scyldinge. Entschlossen, mutig und im gerechten Zorn ergrimmt hob er das mächtige Schwert der Ringe und schwang es mit all seiner Kraft für die Hoffnung des Lebens, so daß es durch den Hals der Meer-Wölfin drang, das Fleisch durchschnitt und die harte Wirbelsäule zerschlug. Die geköpfte Leiche sank blutend zu Boden, und Beowulf freute sich als Held begeistert über diesen Sieg. Da erstrahlte in der tiefen Höhle ein helles Licht, wie vom Himmel herab die Sonne scheint. In diesem Licht schaute sich Hygelaks Held in der Halle achtsam um und schritt an der Höhlenwand entlang mit erhobenem Schwert, mutig und entschlossen. Die riesige Schneide sollte dem Helden noch nützlich sein, um das große Unheil zu vergelten, das Grendel immer wieder im Volk der Dänen angerichtet hatte, als er die Gefolgsleute von König Hrodgar im Schlaf überwältigte und verschlang, fünfzehn dänische Helden auf einmal, und die gleiche Anzahl schleppte er noch als grausame Beute fort. Für diese unheilsamen Taten zahlte ihm jetzt der mutige Kämpfer den gebührenden Lohn. Denn auf einem Lager erblickte er den kampferschöpften Grendel leblos liegen, weil er sich während des Kampfes in der Hirschhalle tödlich verwundet hatte. Noch einmal bäumte sich der erstarrte Körper hoch empor, als ihn ein mächtiger Schwerthieb traf und die scharfe Schneide das Haupt abschlug. (1590)
Die tiefgründige Symbolik wird nun fortgesetzt, und wir wollen versuchen, zur Inspiration einige Gedanken niederzuschreiben: Was bedeutet das Riesenschwert? Hier können wir an ein Symbol für die Ganzheit selbst denken, die Waffe aller Waffen, die jede Trennung besiegen kann, was auch die Ringe andeuten. Ein gewöhnlicher Mensch, der sich selbst als getrenntes Ego betrachtet, kann natürlich dieses Schwert der Ganzheit im Kampf nicht schwingen. Doch Beowulf als „Einherier“ schlägt damit der natürlichen Trägheit und Dunkelheit den Kopf ab, so daß diese Vorstellung ihre Wirkung verliert. Damit wird auch die „Wirbel-Säule“ der Verkettung von Ursache und Wirkung zerschlagen und das helle, göttliche bzw. ganzheitliche Licht erstrahlt nun auch in dieser tiefen Höhle bzw. Hölle. Wunderbar! Wer schafft es, ohne seine Körperlichkeit zu verlieren, die Dunkelheit zu besiegen? Damit kann nun Beowulf auch sein Ziel erreichen, was er damals im Kampf mit Grendel vor König Hrodgar bedauert hatte, nämlich daß er nicht nur Grendels Kralle als Werkzeug aufzeigen kann, sondern den Kopf vom ganzen Wesen der Zerstörung und des Todes. Denn damit läßt sich das Problem nicht nur in der Wirkung, sondern an der Wurzelursache lösen.
Da sahen nun die scharfsinnigen Kämpfer, die mit König Hrodgar am Ufer warteten und Ausschau hielten, wie sich die aufgewühlte Wellenflut vom Blut ganz rot färbte. Die gealterten und graubärtigen Helden des guten Königs meinten, daß es nun keine Hoffnung mehr gäbe, daß der edle Gotenheld im Triumph des Sieges zurückkehren werde, um den glorreichen Herrscher aufzusuchen. Fast alle glaubten, daß die Meer-Wölfin ihn getötet und vernichtet hatte. Da kam die neunte Stunde des Tages (nach Sonnenaufgang, und der Abend nahte). Die tapferen Scyldinge verließen das Ufer mit ihrem König, dem Goldfreund der Menschen, der nun heimwärts ritt. Nur die gotischen Gäste blieben mit schwerem Herzen zurück und starrten in das blutrote Meer. So sehr sie es auch wünschten, doch die Hoffnung schwand, ihren mutigen Führer und geliebten Freund lebendig wiederzusehen. (1605)
Das Blut kann hier als die Essenz des Lebens betrachtet werden, wie es sich ganzheitlich im Meer der Ursachen verbreitet. Dadurch scheint sich das körperliche Geschöpf aufzulösen, was wir gewöhnlich „Tod“ nennen. Das ist dann auch die Sicht des gealterten König Hrodgar und seiner altgewordenen Helden, die den Weg der körperlichen Alterung gehen. Denn bereits König Healfdene, Hrodgars Vater, war als „Halb-Däne“ nur noch zur Hälfte ein Gottessohn und zur anderen Hälfte ein körperliches Geschöpf, das als Gestaltung entsteht und sich wieder auflösen muß. So verlieren Hrodgar und sein Gefolge auch jede Hoffnung, als die „neunte Stunde“ kam. Hier finden wir die Neun als Zahl des Neumondes wieder, als ein ewiges Prinzip der Erneuerung, das wir symbolisch in Hrodgar erkennen können, der als alternder König sein alterndes Gefolge anführt. Ähnlich verhält es sich mit dem Neumond, der die Tage der dunkler werdenden Monatshälfte anführt und sich dann zurückzieht. Auch die Bibel spricht davon, daß Jesus um die neunte Stunde am Kreuz starb, und die Menschen von ihm hörten: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Doch was in ihm innerlich geschah, konnte niemand sehen, wie auch bei Beowulf in der Meerestiefe. So sprach er dann im Johannes-Evangelium: »Es ist vollbracht!« Darüber kann man viel nachdenken. Wer hat auf Erden die Hoffnung, daß nach dem Neumond wieder die Auferstehung und Erneuerung des Vollmondes kommt? Das ist wohl auch die Herausforderung eines Einheriers. Zumindest hat das Gefolge von Beowulf noch ein wenig Hoffnung, und so geschieht das Wunder:
Mittlerweile geschah in der Höhle ein großes Wunder, denn die riesige Schwertklinge begann, im Blut des Kampfes wie ein Eiszapfen zu schmelzen. Als hätte der große Vater, der über Stunden und Jahreszeiten herrscht, die Fesseln des Frostes gelöst und das Wasser von seiner Bindung befreit, denn er ist der wahre Schöpfer. Manche Schätze sah der kühne Gotenführer in dieser Höhle, doch nichts davon nahm er mit, als nur Grendels Haupt und den kunstvoll verzierten Griff des riesigen Schwertes, dessen Klinge (wie auch die Höhle selbst) im feurig-heißen Blut zerschmolz, darin jeder fremdartig-feindliche Geist wie in einem Gift verging. Sogleich schwamm er wieder im Wasser, der im Kampf überlebte und die Feinde besiegt hatte. Durch die Strömung tauchte er empor, und gereinigt war das Reich der Wellenwirbel, das weite Meer, wo die feindlichen Geister die Grenze des vergänglichen Lebens erreichten. (1622)
Hier kann man nun aus geistiger Sicht lesen, wie sich das Riesenschwert wie gefrorenes Eis im Wasser auflöst, so daß wohl auch das Schwert selbst nichts anderes war, als das ganzheitliche Wasser des Lebens, das zur Höhle der Körperlichkeit „gefriert und erstarrt“, sich selbst bindet und damit auch verdunkelt. Das ist dann auch der Vater bzw. Geist der Schöpfung, der diese Bindungen als Gestaltung hervorbringen bzw. schöpfen und wieder auflösen bzw. befreien kann. Und dieses „Wasser des Lebens im Meer der Ursachen“ ist im Grunde natürlich das Licht des Bewußtseins, das selbst formlos ist, aber jede Form annehmen kann. So weiß auch unsere moderne Wissenschaft, das Materie nur „gefrorenes Licht“ ist. Hier kann man nun über die Symbolik des Feuers im Wasser nachdenken, das man in zwei Richtungen kennt, als Höllenfeuer der Leidenschaft, das in die Trennung brennt und zur unterirdischen Dunkelheit führt, sowie als Feuer des Heiligen Geistes, das in die Ganzheit brennt und zum überirdisch-himmlischen Licht führt. Denn was in der Trennung brennt, das verliert natürlich Energie und Licht, so daß es kalt und dunkel wird, während in der Ganzheit nichts verlorengehen kann, sondern sich reinigt und befreit. Damit erinnert das Feuer, wie auch das feurig-heiße Blut, an den wirkenden Geist als zielgerichteter Wille. Meister Eckhart sagt dazu: Das Edelste, was am Menschen ist, das ist das Blut, wenn es recht will; wiederum das Ärgste, was am Menschen ist, das ist das Blut, wenn es übel will. Siegt das Blut dem Fleisch ob, so ist der Mensch demütig, geduldig und keusch und hat alle Tugend an sich. Obsiegt das Fleisch hingegen dem Blute, so wird der Mensch hoffärtig, zornig und unkeusch und hat alle Untugend an sich. (Predigt 26)
Was kann man nun aus dieser Welt bzw. Bewußtseins-Ebene mitbringen, wo sich alles auflöst? Nun, Beowulf hatte einen Auftrag und erhielt dafür den Helm von König Hrodgar und den Brustpanzer von Königin Wealhtheow. So nimmt er für sie Grendels Kopf als Wahrzeichen des Sieges und den Schwertgriff als Begriff der Ganzheit mit. Und warum nicht den Kopf der Mutter? Das will uns wohl sagen, daß es um eine männliche bzw. geistige Botschaft geht, die König Hrodgar als „Speer der Ehre“ und dann auch König Hygelak als „Spiel des Verstandes“ erreichen soll, nämlich in welcher geistigen Ausrichtung des Willens das Problem von Zerstörung und Tod zu lösen ist. Und damit kehrt er pflichtbewußt in seine irdische Gestaltung zurück, wo sein Gefolge der natürlich-geistigen Prinzipien auf ihn wartet:
So schwamm der Anführer der Seefahrer mit tapferem Herzen durch die Wellen zurück ans Land und freute sich der Beute aus dem Meer, der mächtigen Last, die er mit sich führte. Schnell eilten seine Gefolgsleute dem mächtigen Helden entgegen, dankten Gott und freuten sich, ihren Führer heil und gesund wiederzusehen. Da nahm der Held seinen Helm ab und öffnete seinen Brustpanzer. Die aufgewühlten Wellen beruhigten sich, das vom Kampfblut rotgefärbte Meer unter den Wolken. Dann gingen sie zu Fuß ihren Weg zurück, und mit glücklichen Herzen folgten sie den vertrauten Pfaden über die Erde. Vom klippenreichen Ufer trugen die kühnen Helden den riesigen Kopf. Vier starke Männer aus dem furchtlosen Gefolge mußten den Grendel-Kopf gemeinsam auf einem Kampfspieß mühsam zur goldverzierten Halle tragen. Erst spät erreichten die vierzehn tapferen und wehrhaften Kämpfer der Goten ihr Ziel, angeführt vom mächtigen Helden auf ihrem Weg über die Ebene vor dem Met-Saal. Dann betrat der mutige Gotenführer, der ruhmgekrönte Held, die Hirschhalle, um König Hrodgar zu begrüßen. Und hinter ihm zog man Grendels Kopf an den Haaren vor die trinkenden Männer: Ein schrecklicher Anblick für alle Herren und Damen, ein wundersames und höchst erstaunliches Schauspiel. (1650)
So trennten sich die Wege von Hrodgar als Symbol für den Neumond mit seinem alten und vergehenden Gefolge der dunkler werdenden Monatshälfte, sowie Beowulf als Symbol für den Vollmond mit seinem jungen und wachsenden Gefolge der vierzehn Tage bzw. Kämpfer der heller werdenden Monatshälfte. Hier könnte man auch an die körperliche und geistige Seite des Lebens denken, im Sinne einer dunkler und heller werdenden Seite. Wie dann auch Hrodgar auf dem Körperpferd reitet und Beowulf auf eigenen Füßen geht, wie der Körper im Nacht-Bewußtsein altert, um sich zur Erneuerung aufzulösen, und wie dabei der Geist wieder jung werden und seine Quelle des Acht-Bewußtseins als reine Achtsamkeit wiederfinden sollte. Dazu finden sich dann beide, sozusagen als ganzer Monatskreis, in der gemeinschaftlichen Met-Halle wieder zusammen, wofür sie auch gebaut wurde, auch wenn es natürlich seine Zeit dauert. Vielleicht ist das auch das große Ziel der ganzen Kampfhalle der Natur, daß man sich selbst im Ganzen wiederfindet. Dafür wird auch das Wahrzeichen des Sieges über Trennung, Zerstörung und Tod an den Haaren in die Halle gezogen, wobei uns das Symbol der Haare wieder an die Gedanken erinnert, die aus dem Kopf wachsen, getragen von den vier Elementen der Natur mit dem Kampfspieß als Waffe der Verursachung. Damit wäre diese Trophäe vor allem ein Wahrzeichen für den gedanklichen Verstand, der spontan darüber erschrocken ist, weil es sein Weltbild der Trennung angreift, aber dann doch ins Staunen und Bewundern kommt. Schließlich geht es natürlich darum, das Bewußtsein über den Verstand zu erheben, und dafür gibt es dann noch den „goldenen Begriff des Ring-Schwertes“:
Beowulf, Ecgtheows Sohn, sprach: „Höre mich an! Mit Freude bringen wir dir, dem Sohn von Healfdene und König der Dänen, als Wahrzeichen des Sieges diese Beute aus dem Meer, die du hier siehst. Es war nicht leicht, diesen Kampf auf dem Grund des Wassers zu überleben, den ich mutig mit großer Mühe wagte. Der Kampf wäre wohl mein schnelles Ende gewesen, wenn Gott mich nicht beschützt hätte. Mit dem Schwert Hrunting konnte ich in diesem Kampf nichts ausrichten, obwohl die Waffe sonst so wirksam ist. Doch der Herrscher der Welt gewährte mir, daß ich an der Höhlenwand ein mächtiges, riesiges und uraltes Schwert erblickte. So führt er oft die Hilflosen, so daß ich diese Waffe zog, schwang und die Hüterin der Höhle im Kampf schlagen konnte, als sich die Gelegenheit dazu bot. Doch dann zerschmolz die harte Klinge, die mit Ringen verziert war, im heißen Kampfesblut, das aus den Wunden floß. Nur den Schwertgriff konnte ich von den Feinden mitbringen, nachdem ich die üblen Taten gehörig gerächt hatte, das schreckliche Morden der Dänen. Nun verspreche ich dir, daß du in der Hirschhalle mit deinen Helden und Edlen des Volkes, jung und alt, sicher schlafen kannst. Die bisherige Gefahr (in der Nacht) für das Leben deiner Kämpfer, oh König der Scyldinge, brauchst du nicht mehr zu fürchten.“ (1676)
Hier wird noch einmal erwähnt, daß man diesen Kampf mit dem Jagd-Schwert des Verstandes nicht gewinnen kann. Ein viel größeres Schwert auf einer höheren Bewußtseinsebene erkennt Beowulf an der Höhlenwand und zieht es davon ab. Was bedeutet diese Höhlenwand? Hier kann man über die berühmte Midgardschlange der nordischen Mystik nachdenken, die den Mittelgarten der Menschenwelt umschlingt und abgrenzt, worin dann der Baum des Lebens wächst:

Ähnlich umschlingt auch die Ego-Schlange jeden Körper und bildet eine Höhle, die dann immer dunkler werden kann, je stärker und begrenzter das Nacht-Bewußtsein wird. So ist es das Festhalten, das sich dann selbst verschlingt und dadurch ein Verlieren wird. Wie kann man nun von dieser Höhlenwand und selbstverschlingenden Schlange so eine mächtige Waffe bekommen, um den abgrenzenden Ring wieder in die Ganzheit zu öffnen? Was ist das für eine Schwertschneide, die „mit Ringen verziert“ ist? Offenbar ist es ein Erkenntnisprozeß, wie es oben auch heißt, daß er das Schwert zuerst an der Höhlenwand erblickte. Ähnlich finden wir auch im Zen-Buddhismus den berühmte Zen-Kreis, den es harmonisch zu schließen und gleichzeitig in die Leerheit bzw. Ganzheit zu öffnen gilt, indem man der Schlange den Kopf abschlägt:

Ja, dafür ist der Ring ein tiefsinniges Symbol und kann zum Schwert der Ganzheit werden, ein ewiger Kreis, der alles enthalten kann und damit offen für alles ist. Auch hier können wir wieder an das formlose Bewußtsein denken, das jede Form annehmen kann, offen für alles ist und damit auch alles enthält. So läßt sich dieser Ring der Ganzheit auch nicht mit dem gedanklichen Verstand begreifen, sondern löst sich von selbst auf, wenn er seinen Zweck erfüllt hat. Dem begrifflichen Verstand kann man nur einen goldenen Griff bzw. wahrhaften Begriff davon geben, und der ist schon überaus wertvoll:
Mit diesen Worten wurde der goldene Griff dem alten König, dem ergrauten Führer im Kampf, in die Hand gegeben, der Griff des uralten gigantischen Werkes. So kam dieses Wunderwerk der Schmiedekunst nach dem Sieg über die Dämonen zum König der Dänen. Ja, nachdem das Wesen der Zerstörung, Gottes Widersacher, der des Mordes schuldig war, zusammen mit dessen Mutter besiegt war, ging dieser Schatz in den Besitz des irdischen Königs über, des Besten zwischen den beiden Meeren, der im Norden goldene Reichtümer gewährte. Mit größter Bewunderung beschaute sich Hrodgar den Schwertgriff, das alte Erbstück, auf dem das Urbild uralten Kampfes eingraviert war, wie die strömende Flut des Meeres das Geschlecht der Riesen verschlang, die überheblich und übermächtig wurden. Sie entfremdeten sich dem ewigen Herrn und empfingen schließlich durch die Flut des Wassers ihren Lohn vom Allmächtigen. So waren auf dem Schwertgriff aus glänzendem Gold auch Runenzeichen geritzt, für wen das gigantische Schwert ursprünglich geschmiedet wurde, die vorzügliche Waffe mit dem gewundenen Griff und den Schlangenbildern. (1698)
Hier wollen wir zunächst fragen: Wer kann eigentlich in uns dieses „uralte gigantische Werkzeug“ gebrauchen? Offenbar sind weder das Ego noch der Verstand dazu fähig, nur Beowulf, den wir als Seelenkraft kennengelernt haben. Doch was bedeutet „Seelenkraft“? Um darüber nachzudenken, bekommt nun der Verstand der altgewordenen Vernunft, die ihre Intuition und Weisheit als Äschere und dann sogar ihre Hoffnung zur „neunten Stunde“ verloren hatte, einen wahrhaften Begriff von diesem uralten ganzheitlichen Werkzeug, der ein „Wunderwerkt aus der Verstandes-Schmiede“ ist. Denn damit läßt sich das „Urproblem“ erkennen, um das sich im Grunde jeder Kampf in dieser Welt dreht, nämlich wie der Geist seine Ausgeglichenheit und ganzheitliche Harmonie verloren hatte und damit ein übermächtiger Riese wurde. Symbolisch kann man ein übermächtiges Feuer sehen, das nun mit Wasser wieder ausgeglichen werden muß. Damit beginnt das Spiel der Gegensätze von Feuer und Wasser, Hell und Dunkel, Geist und Natur, Seele und Körper, Himmel und Erde, Oben und Unten, Gut und Böse, Dies und Das. Darin liegt wohl auch das Runen-Geheimnis dieses Schwert-Begriffs, der aus „glänzendem Gold“ gemacht wurde, aus dem Licht der Wahrheit, und die sich windenden Gegensätze zeigt und damit auch die Bilder der Ego-Schlangen bzw. Lindwürmer. Denn in allen Gegensätzen der Natur kann man die Rune der Ganzheit finden, mit der unsere Seelenkraft wirkt, arbeitet und kämpft.
So können wir in dieser Übergabe des goldenen Schwertgriffes an König Hrodgar schließlich auch die Wiedergutmachung für den Verlust von Äschere sehen, sozusagen als Ausgleich, wie damals nach dem Sieg über Grendel der verlorene Geselle von Beowulf mit dem Gold der Wahrheit aufgewogen wurde. Das würde dann im Spiel von Neu- und Vollmond bedeuten, daß der König als Neumond im Sinne der Erneuerung seinen Ratgeber und Runenkenner als Intuition und Weisheit wiederbekommt, und zwar als „Wunderwerk der Schmiedekunst“ des Verstandes, zurückgewonnen und gegeben von Beowulf in der Rolle des Vollmondes.
Warum ist die Intuition so wichtig für die Ganzheit? Ohne Intuition bzw. Eingebung glauben wir gewöhnlich, daß unser Wissen aus eigenem Denken und Lernen kommt, wodurch man in der Trennung gefangenbleibt. Wikipedia schreibt dazu: Intuition („unmittelbare Anschauung“) ist die Fähigkeit, Sachverhalte, Sichtweisen, Gesetzmäßigkeiten oder die subjektive Stimmigkeit von Entscheidungen spontan zu erkennen, ohne bewußte Schlußfolgerungen, ohne diskursiven Gebrauch des Verstandes: Intuition ist eine kreative Leistung des Bewußtseins… Und kommt sozusagen direkt aus dem Meer der Ursachen, wie auch der goldene Schwertgriff als Begriff der Ganzheit. Damit hält nun auch der weise König eine längere tiefsinnige Rede:
Dann sprach der weise König, der Sohn von Healfdene, und alle schwiegen und lauschten: „Wer Wahrheit und Recht im Volk beschützt, kann wohl als erfahrener Greis und Hüter des Heimatlandes sagen: Nie wurde ein größerer Held geboren als Beowulf. Weit wird sich dein Ruhm über alle Völker verbreiten, mein Freund. Mögen dir heldenhafte Stärke und Weisheit auch künftig nicht fehlen! Bleibe mir treu, wie ich dir und den deinen treu bleibe, deinem Volk ein verläßlicher Helfer und den Helden eine Stütze. Im Gegensatz zu Heremod, der nicht als edler Scylding (Beschützer) für die Nachkommen von Ecgwela (dem „Reichtum der Schwertschneide“) handelte. Nicht zur Freude, sondern zum Fluch gedieh er, zum Verderben und Untergang des dänischen Volkes. Im wütenden Zorn tötete er seine Tischgenossen, sein eigenes Gefolge, bis der König einsam und freudlos aus der Gemeinschaft der Menschen fliehen mußte, obwohl ihn der ewige Gott zur Freude und Macht vor allen anderen Helden erhoben hatte. Doch in seinem Herzen wuchs ihm der Trieb nach Mord. So schenkte er den Dänen keine goldenen Ringe, wie es ihm gebührte, sondern lebte freudlos und erlitt das Unheil des Kampfes, unter dem auch das ganze Volk leiden mußte. Lerne daraus und verstehe den Wert der Tugend! Zu deinem Wohl habe ich diese Geschichte erzählt, der ich viele Winter erfahren habe und alt geworden bin.“ (1724)
So treffen und finden sich nun König Hrodgar und Beowulf mit ihrem Gefolge in der Hirschhalle, die der König zur Gemeinschaft der Helden aller Völker erbaut hatte, und sie bestätigen sich ihre Treue. Als Warnung wird noch einmal Heremod angesprochen, den wir bereits als „launenhaften Kampfverstand“ kennengelernt haben, vermutlich ein Dänenkönig, der vor Scyld geherrscht hatte, sozusagen bevor die Dänen den Gottessohn auf den Wellen des Meeres gefunden und zu ihrem Herrscher erhoben hatten. Darauf folgt nun eine längere Rede des Königs, die sich wohl um die Frage dreht, woher eigentlich das Wesen von Grendel als Zerstörung und Tod kommt. Denn wenn unser Verstand diese symbolische Geschichte liest, könnte er leicht glauben, daß Grendel irgendwo draußen in der Natur entsteht, lebt und besiegt werden muß, irgendwo außerhalb von uns selbst. Doch es ist natürlich vor allem ein innerer Kampf, den jeder Mensch in sich selbst und somit gleichzeitig im Großen und Ganzen kämpft. Damit geht es hier wieder um die beiden Wege der Trennung und der Ganzheit, und wie der alt und weise werdende Verstand die Ketten von Ursache und Wirkung betrachten und verfolgen kann, sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft, um indirekt auf das Wesen der Ganzheit zu schließen, die er auf direkte Weise nicht erfassen kann.
Und König Hrodgar fuhr fort: „Es ist ein Wunder, wie der allmächtige Gott dem Menschengeschlecht durch die Kraft des Geistes Verstand, Herrschaft und Besitz verleiht, denn er vermag alles. Oft läßt er Gedanken und Verstand der Hochgeborenen in stetiger Freude und Frohsinn schweben und schenkt ihnen das irdische Glück des eigenen Besitzes, um auf hoher Burg als Herrscher zu walten und einen Teil der Welt seiner Macht zu unterwerfen, so daß er in seiner Unwissenheit die Vergänglichkeit nicht bedenkt. Er schwelgt im Überfluß, unbeschwert von Krankheit und Alter, kein böser Kummer verdunkelt seinen Sinn, und kein feindlicher Haß triff ihn. So dreht sich die ganze Welt um sein sinnliches Vergnügen nach seinem Willen, und er kennt es nicht anders. Bis in ihm der stolze Übermut keimt, wächst und sprießt, wenn der Wächter und Bewahrer der Seele schläft. Tief und fest ist dieser Schlaf, der ihn machtvoll umschließt, und der Zerstörer und Mörder ist nah, der vom feurigen Bogen die Pfeile sendet. Da hilft ihm kein Helm und kein Brustpanzer. Denn die bitteren Pfeile kommen aus seinem eigenen Herzen, weil er den Geboten des unheilsamen Geistes folgt. Dann scheint ihm alles zu wenig, was er lange Zeit besessen und beherrscht hat. So überwältigt ihn die Begierde, und in seinem überheblichen Stolz schenkt er keine goldenen Ringe mehr. Er bedenkt nicht, wo dieser Weg hinführt, und vergißt, was Gott ihm alles gegeben hat, der Herr der Herrlichkeit und Verleiher aller Ehren. Doch unverhofft kommt sein Ende, der geliehene Körper versagt und verfällt kläglich dem Tod. Dann übernimmt ein anderer Körper den angesammelten Schatz und verschwendet achtlos das alte Erbe seines Vorfahren. (1757)
Darum, lieber Beowulf, hüte dich vor diesem unheilsamen Kampf, bester Kämpfer, und wähle das Bessere, das ewige Heil. Meide den überheblichen Stolz, ruhmreicher Held! Gegenwärtig blüht deine Stärke, doch bald schon kann dich Krankheit oder das Schwert davon scheiden, wie auch der Angriff des Feuers, die Flut des Wassers, die Spitze eines Speeres, die Schneide einer Klinge oder das tückische Alter, das deine Augen trübt und deine Sinne schwächt, bis mit unaufhaltsamen Schritten der Tod kommt und auch dich, großer Held, überwältigt. So herrschte auch ich ein halbes Jahrhundert unter dem Himmel über das Volk der Dänen und beschützte sie im Kampf vor manchem Feind in der Menschenwelt (in Midgard), vor Schwertern und Speeren, bis ich schließlich selbst glaubte, unter dem weiten Himmel keinen Feind mehr zu haben. Doch es kam anders, und im eigenen Reich wurde das Glück in Leiden verkehrt, als der böswillige Grendel nächtlich meine Halle heimsuchte. Seine Heimsuchungen brachten mir immer neuen Seelenkummer. Dank sei dem allmächtigen Schöpfer, dem ewigen Herrn, daß ich noch lebe und jetzt mit eigenen Augen das blutbefleckte Haupt des Unheilstifters nach all dem Kampf und Leiden noch sehen darf! Nun geh zur Met-Bank, nimm deinen Platz ein und erfreue dich am Festmahl zu deinen Ehren, die du im Kampf verdient hast. Wenn der neue Tag anbricht, werden wir noch viele Schätze unter uns teilen.“ (1784)
Mit frohem Herzen begab sich der Gote zu seinem Platz, wie der weise König befohlen hatte. Nun war es wieder wie früher für die mutigen Kämpfer in der Halle, denen hier ein köstliches Festmahl bereitet wurde.
Hier kann man zunächst darüber nachdenken, welche Aufgabe ein „Gottessohn“ in dieser Welt hat. Er wird wohl nicht geboren, um die Probleme für die Menschen zu lösen, sondern ihnen den Weg zu zeigen und die Mittel zu geben, um die Probleme selbst lösen zu können. Diesbezüglich können wir an die Lebensgeschichten von Jesus, Buddha, Krishna oder anderen Heiligen denken, welche die göttliche Ganzheit in sich verwirklicht hatten. So wird zum Beispiel von Krishna berichtet, daß er im großen Krieg auf Kurukshetra keine Waffen zum Kampf ergriff, aber als Wagenlenker diente. Wie auch das alte Sprichwort sagt:
Gott gibt die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf.
Entsprechend können wir auch die Rolle von König Hrodgar als Urenkel von Scyld sehen, der die gemeinschaftliche Kampfhalle erbaut hatte und zusammen mit seiner Königin die kämpfenden Helden mit allem Nötigen für das körperliche Leben ausstattete. Doch dann muß der gotische Mensch kommen und entsprechend kämpfen. Der erste Schritt in Richtung Ganzheit besteht natürlich darin, die gemeinschaftliche Kampfhalle ähnlich wie Walhall funktionstüchtig zu machen. Denn solange Zerstörung und Tod als „Sackgassen“ des Lebens herrschen, kann man logischerweise nie zur Ganzheit kommen, sondern muß irgendwo in der Trennung steckenbleiben. Das wurde nun in dieser Sage wundervoll beschrieben, wie sich Beowulf zuerst in eine mehr geistig-natürliche Welt zu den Dänen begibt, um dort Grendel und seine Mutter zu besiegen. Und im Folgenden kehrt er in die gotische Menschenwelt zu seinem König Hygelak zurück, der dort als „Spiel des Verstandes“ regiert, um seine Aufgabe weiter zu erfüllen:
Bald brach die Nacht herein und begann, alles in Dunkelheit zu hüllen. Da erhob sich das Gefolge des alten Königs, und der grauhaarige Scylding wünschte, sich in sein Schlafgemach zurückzuziehen, wie auch der heldenhafte Gote, der so tapfer gekämpft hatte, der Ruhe bedürftig war. Ein Hallendiener versorgte die müden Gäste, die als Seefahrer von weither über das Meer gekommen waren, und kümmerte sich um alle Bedürfnisse der Helden, wie es in jenen Tagen für fremde Kämpfer Brauch war. Dann ruhte der Held mit seinem Gefolge in der hochaufragenden goldgeschmückten Halle, bis die schwarzen Raben (wie bei uns die Amseln) voller Freude unter dem Himmel die Morgendämmerung eines neuen Tages verkündeten. Die nächtliche Dunkelheit verschwand im heiteren Licht, die gotischen Kämpfer erhoben sich in freudiger Eile und wünschten jetzt, wieder heimwärts zu fahren. Der hochbeseelte Führer sollte ihr Schiff in die Ferne lenken. Zuvor gab er dem Sohn von Ecglaf noch das Schwert Hrunting zurück und bedankte sich für die willig geliehene Waffe, die Unferth so liebte. Er nannte das Schwert einen nützlichen Helfer im weltlichen Kampf und tadelte die treffliche Schneide nicht, wie es einem edlen Helden gebührt. Dann waren die Kämpfer zum Aufbruch bereit, gerüstet und bewaffnet. Mit ihrem hochgeehrten Führer an der Spitze schritten sie zum hohen Thron, um vom edlen König Hrodgar Abschied zu nehmen. (1816)
Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird…
Damit hatte nun Beowulf mit seinem Gefolge „drei Nächte“ im Reich der Dänen verbracht. In der ersten Nacht hatte er Grendel in der Hirschhalle besiegt und wurde am folgenden Tag mit reichen Gaben geehrt, vom König mit goldenem Banner, Helm, Rüstung, Schwert und acht Rossen, und von der Königin mit goldenen Armreifen, Brustpanzer und Halsschmuck. Die zweite Nacht verbrachte er außerhalb der Halle, und Äschere, der Ratgeber und Runenkenner aus dem Gefolge von König Hrodgar, wurde in der Hirschhalle von Grendels Mutter getötet. Darin könnten wir symbolisch die „Neumond-Nacht“ sehen. Am nächsten Tag besiegte Beowulf Grendels Mutter am Meeresgrund und verbrachte die dritte Nacht mit seinem Gefolge friedlich in der Hirschhalle.
Symbolisch könnte man sagen: Der Sieg über Grendel und die Trophäe seiner Kralle besiegte die Wirkung von Zerstörung und Tod in der äußeren Welt und beschloß damit das halbe Jahrhundert der Herrschaft von Hrodgar bis zum Neumond der Erneuerung, also die helle Zeit zum Aufbau der goldverzierten Hirschhalle und die dunkler werdende Zeit, als Grendel und seine Mutter immer mächtiger wurden, bis die Halle zwölf Jahre lang verödete und leerstand. Der Sieg über Grendels Mutter und die Trophäe von Grendels Kopf besiegte dann die Ursache von Zerstörung und Tod im Meer der Ursachen. Damit beginnt nun die wachsende Herrschaft von Beowulf und das andere halbe Jahrhundert im Lebenskreis bis zum Vollmond, wie wir noch lesen werden. Dazu können wir uns auch vorstellen, daß nun der gealterte Hrodgar die Königsherrschaft an seine jungen Söhne übergibt.
Ähnlich kämpfte auch Jesus in der Nacht im Garten am Ölberg und sprach zu seinen Jüngern: »Setzt euch hier hin und wartet auf mich!« Und der innerliche Sieg zur Auferstehung geschah am Kreuzigungstag zur „neunten Stunde“, als Jesus körperlich starb, damit der Heilige Geist herabkommen und das Zeitalter seiner „Jünger“ beginnen konnte.
Beowulf, Ecgtheows Sohn, sprach: „Melden wollen wir als Seefahrer, die von weither gekommen sind, daß wir nun zu König Hygelak zurückkehren wollen. Ihr wart uns wohlgesinnt, und unsere Wünsche wurden erfüllt. Falls ich auf Erden mit weiteren Taten im Kampf deine Zuneigung gewinnen kann, oh Herr der Menschen, dann bin ich jederzeit bereit. Wenn ich über das Meer erfahre, daß ihr von Nachbarvölkern feindlich bedroht werdet, wie es aus Haß schon oft geschah, werde ich mit tausend kampfbereiten Helden zu Hilfe kommen. Ich weiß von Hygelak, dem König der Goten und Beschützer des Volkes, obwohl er noch nicht alt und weise ist, daß er mich mit Rat und Tat unterstützen wird, damit ich dich gebührend ehren und dir zu Hilfe einen Schutzwall aus Speeren bringen kann, wenn Stärke und Helden gebraucht werden. Und kommt dein Sohn Hredric („Ehr-Herrscher“) einmal zum Hof der Goten, wird er dort viele Freunde finden. Denn wer wahrhaft mächtig ist, wird auch fremde Länder mit Nutzen besuchen.“ (1839)
Darauf erwiderte König Hrodgar (als „Speer der Ehre“), Healfdenes Sohn: „Diese Worte gab dir der weise Schöpfer selbst ins Herz. Noch nie habe ich einen so jungen Mann so weise reden hören. So stark dein Arm im Kampf ist, so weise ist dein Herz in der Wahl der Worte. Wenn dein Herr und König Hygelak (als „Spiel des Verstandes“), Hredels Sohn, irgendwann in grimmiger Schlacht durch feindliche Speere, Schwerter oder Krankheit als Beschützer deines Volkes fallen sollte, und du überlebst, dann sehe ich für die See-Goten keine bessere Wahl für einen König und Hüter des Schatzes als dich, um das Reich deiner Vorfahren zu regieren. Dein Geist und Herz gefallen mir um so besser, je länger ich dich kennenlerne, mein lieber Beowulf. Du hast es erreicht, daß die beiden Völker der Goten und Dänen künftig in Frieden zusammenleben und die ehemaligen Feindseligkeiten verschwinden, die wir ertragen mußten. Solange ich noch das weite Reich regiere, laßt uns Schätze tauschen. Geschenke wollen wir gegenseitig mit Schiffen über das Meer senden, auf dem Weg der Seevögel, von Land zu Land als Liebeszeichen. Beständig seien unsere Völker sowohl den Feinden als auch den Freunden gegenüber, in allem tadellos und nach alter Weisheit.“ (1865)
Dann übergab ihm der König, der Sohn von Healfdene und Beschützer der Edlen, noch zwölf Schätze mit dem freundlichen Wunsch, mit all diesen Gaben das geliebte Volk der Goten gesund und munter aufzusuchen und bald wieder zurückzukehren. Danach umarmte der weise Scylding den edlen Helden und küßte ihn so herzlich, daß dem wahrhaften König die goldenen Tränen in den grauen Bart liefen. Trotz seines Alters hoffte er mit tiefster Weisheit, daß sie sich in dieser Halle zum geistigen Austausch wiedersehen werden. Der Freund war ihm so lieb, daß er das Aufwallen in seiner Brust nicht zurückhalten konnte, denn in seinem Herzen wogte die väterliche Liebe zum edlen Jüngling, ein sehnsüchtiges Feuer, das im Blut brannte. Dann schritt Beowulf voller Freude über das Gold und die gegebenen Schätze hinaus in die grünende Landschaft. Am Strand wartete das seetüchtige Schiff auf seinen Herrn und Führer, das dort vor Anker lag. Auf dem Weg dorthin wurden Hrodgars wertvolle Geschenke noch öfters gepriesen. Er war in allem ein tadelloser König, bis auch ihn das Alter seiner Kraft beraubte, das schon so viele überwältigt hatte. (1887)
Damit endet die Seereise von Beowulf in das Reich der Dänen. Drei Nächte hatte er hier verbracht, zwei große mystische Siege errungen und viele mystische Schätze erhalten: Einerseits den Sieg des Acht-Bewußtseins über die Wirkung von Zerstörung und Tod in der oberirdischen Welt, und anderseits über deren natürliche Ursache am Grund vom Meer der Ursachen, wobei Beowulf nicht in das Nacht-Bewußtsein von Schlaf und Traum fiel, sondern das Acht-Bewußtsein im Licht der Wachsamkeit bewahren konnte, ja, sogar in der dunklen Tiefe des Meeres. Dafür bekam er viele Gaben, die im weltlichen Kampf nützlich sind, und schließlich noch zwölf Schätze, deren Zahl wieder auf die Ganzheit hindeutet.
Was bedeutet diese Reise? Die Dänen haben wir als eine Welt kennengelernt, die von den Nachkommen des Gottessohnes Scyld als „Schild“ beherrscht wird, die um die Ganzheit kämpfen und eine ganzheitliche Kampfhalle erbauen wollen. Und wie die Geschichte aufgebaut ist, kann man darin eine mehr geistige Welt sehen, wo auch der mystische Kampf stattfindet, also mehr im Inneren eines Menschen, wo die kämpfende Seelenkraft die Grundlage für den weiteren Kampf in der äußerlichen und mehr körperlichen Welt legt. Dazu gehören eine funktionierende Kampfhalle und viele geistige Begabungen, die man hier empfangen kann.
Warum konnte Beowulf diese Siege und Schätze nicht im Reich der Goten gewinnen? Das äußerliche und körperliche Reich wird von König Hygelak als „Spiel des Verstandes“ regiert, der noch im verkörperten Menschen herrscht, auch wenn er im Grunde ein gotischer bzw. göttlicher Mensch ist. Und das ist wohl ganz natürlich, denn der Verstand mit seiner Gedankenarmee ist offenbar dafür geschaffen, die Probleme eines äußerlichen Körpers zu lösen. Er sorgt zuzusagen für die Funktion dieser kleinen und engbegrenzten Kampfhalle der vergänglichen Körperburg, die der Verstand verteidigen will. Doch darüber hinaus kannten die Menschen wohl immer schon ein größeres und höheres Ziel, einen Weg über alle Begrenzungen des vergänglichen Körpers hinaus, den man in vielen alten Religionen findet und auch in solchen alten Sagen voller Symbolik. Dazu wurde nun der Friedensbund zwischen Geist und Natur geschlossen, die sich oft gegenseitig bekämpfen. Dieser Frieden der Liebe ist logischerweise eine Voraussetzung, um das Problem der Trennung zu lösen und die Ganzheit wiederzugewinnen. So werden wir nun erfahren, wie Beowulf in die körperliche Menschenwelt der Goten zurückkehrt und diesen großartigen Weg geht.
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