Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Beowulf-Sage (Urtext): Beowulfs Heimkehr und der Königsweg

Sagentext nach altenglischer Urfassung
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]

27. Heimkehr ins Gotenland und die Geschichte von Thryth und Offa

Es kamen die mutigen jungen Kämpfer zum Meer, eingehüllt in ihre Rüstungen und Kettenpanzer. Der Grenzwart, der wie immer wachsam war, bemerkte die Rückkehr der Helden. Doch anstatt die Gäste vom Felsenvorsprung herab mit strengen Worten zu begrüßen, ritt er ihnen entgegen und hieß das Gotenvolk willkommen. In strahlenden Rüstungen begaben sich die Kämpfer zum Schiff. Am sandigen Strand wurde das seetüchtige Boot mit dem geschwungenen Bug mit Kampfausrüstung, Rossen und Schätzen beladen. Hoch ragte der Segelmast über Hrodgars herrlichen Gaben. Daraus wählte der Anführer für den Wächter des Bootes ein vergoldetes Schwert, ein altes Erbstück, mit dem dieser neben allen anderen Schätzen an der Met-Bank um so würdiger erschien. Dann eilte er an Bord und verließ mit dem Schiff das Dänenland, um die aufgewühlten Wellen des Meeres zu erobern. Am Mast war mit Seilen ein mächtiges Segel befestigt, und der Schiffsleib bäumte sich stöhnend auf, dem nun der Wind auf der Wasserstraße Flügel verlieh. So durchschnitt das Wogenroß der Seefahrer mit seinem geschwungenen Bug die schaumgekrönten Wellen der dunklen Meeresströmung, bis die gotischen Klippen und wohlbekannten Landzungen in Sicht waren. Und weiter drang das Schiff, vom Wind getrieben, bis es am Ufer zur Ruhe kam. (1913)

So kehrt nun Beowulf mit seinem Gefolge aus dem Reich der Dänen zu den Goten zurück, aus einem mehr inneren und geistigen Reich in das äußerliche und körperliche, wo Hygelak als „Spiel des Verstandes“ regiert. So wird auch die Grenze vom Verstand bewacht, der in Innen und Außen einteilt, wie auch in Geist und Materie, und der viele andere Gegensätze hervorbringt und bewacht. Dieser Dienst hat in der Menschenwelt natürlich seinen Sinn, und dafür bekommt er von Beowulf als Seelenkraft ein „vergoldetes Schwert“, denn auch diese Unterscheidungen sind zumindest scheinbar und äußerlich mit der Wahrheit verbunden, die der Verstand an der Met-Bank ehren und nie vergessen sollte, wo der süße Met der Ganzheit ausgeschenkt wird. So ist das „vergoldete Schwert“ ein starkes Symbol, denn wäre es ganz aus dem Gold der Wahrheit, dann wäre es nicht scharf genug zum Trennen und Unterscheiden.

Gleichzeitig wird das symbolische Körperschiff des Menschen schön beschrieben, wie es auf den Wellen vom Meer der Ursachen schwimmt und sich stöhnend vorankämpft, vom Wind des wirkenden Geistes angetrieben, und wie es auf den Materie-Inseln seine Ruhe sucht. Hier wartet wieder der Verstand, verankert das Schiff im Sand der Materie und nimmt die gewonnenen Reichtümer in Empfang, zumindest, soweit sie der Verstand begreifen kann:

Der Hafenwächter, der schon lange unruhig nach den geliebten Männern Ausschau gehalten hatte, war schnell bereit. Er vertäute das wohlbeladene Schiff mit Ankerleinen fest im Sand, damit der Ansturm der Wellen das treffliche Holzgefährt nicht fortreißen konnte. Dann ließ er die gewonnenen Schätze der Helden, das Gold und die Reichtümer, hinauf zur Königsburg tragen. Denn Hygelak („Spiel des Verstandes“), der Sohn von Hredel („Befreier“) und Spender der Schätze, wohnte mit seinem Gefolge nicht fern vom Meeresufer. Die Burg ragte stolz hervor mit ihrer hochgewölbten Halle für den heldenhaften König. Die junggebliebene Königin an seiner Seite war die weise und tugendhafte Hygd („Verständige“), Häreds Tochter („Menschen-Rat“), die schon einige Jahre hinter den Burgmauern lebte und waltete. Dabei war sie weder verschwenderisch, noch geizig im Schenken reicher Schätze an das Volk der Goten. (1931)

Stammbaum Beowulf: Swerting, Hredel, Hygelac, Heardred

Ganz anders als einst die stolze Thryth („Gewalt“), die berüchtigte Königin, die schreckliche Verbrechen beging. Denn kein Held, nicht einmal aus dem eigenen Gefolge, außer ihrem eigenen Ehemann, durfte sich wagen, ihr im Licht des Tages in die Augen zu schauen. Von Fesseln des Todes wurde so einer gebunden, die von ihrer Hand geflochten waren. Dann wurde unverzüglich die Strafe für den Gefangenen verhängt und mit scharfem Schwert vollstreckt, ein tödliches Urteil. So sollte keine Königin handeln, auch wenn sie noch so schön ist. Sie sollte den Frieden fördern und nicht für eingebildete Beleidigungen Unschuldige töten. Diesem Treiben gebot Hemmings Nachkomme Einhalt („Heime-Ing“ für „Körper-Vater bzw. Gott Freyr“). Denn die Biertrinker erzählen, daß sie immer weniger Bosheit und Unheil gegenüber dem Volk übte, seitdem sie goldgeschmückt zur Ehefrau des jungen Kämpfers edler Abstammung wurde. Auf weisen Wunsch ihres Vaters reiste sie fern über das dunkle Meer zur Halle von König Offa („Offerieren“), wo sie später gemeinsam mit ihm auf dem Thron saß. Bald wurde sie durch die Kraft der Liebe für ihre Tugend berühmt und erfreute sich eines langen Lebens zusammen mit dem geliebten Herrn der Helden, der von allen Männern, wie ich hörte, der Herrlichste zwischen den Meeren im Reich der Menschen war. Denn Offa war als reicher Gabenspender und speergewaltiger Kämpfer weithin berühmt und beherrschte mit Weisheit sein Heimatland, das Erbe seiner Väter. Von ihm stammte Eomer („Kampfpferd- bzw. Körper-Ruhm“) ab, Garmunds Enkel („Speer-Beschützer“) und Hemmings Nachkomme („Körper-Vater bzw. Körper-Gott“), ein Beschützer der Helden und mächtig im Kampf. (1962)

Stammbaum Hemming, Garmund, Offa und Eomer

So beginnt nun die Sage, das Wesen der gotischen Welt mit einigen angedeuteten Geschichten zu beschreiben. Vielleicht kannten die Menschen damals noch mehr Handlung dazu, doch wir müssen wohl versuchen, mit den Namen und kurzen Andeutungen auszukommen. Aus geistiger Sicht können wir hier wieder an die zwei Wege des Verstandes denken, entweder von der ganzheitlichen Vernunft geführt oder vom trennenden Ego regiert. Der eine führt zum Sieg-Frieden in das Licht des ewigen Tages und der andere in die Dunkelheit des Todes. So haben wir auch die Goten als das Reich der wachsenden Vernunft kennengelernt, und die Schweden als das Ego-Reich. Doch die Geschichte über Thryth sagt, daß dieser Egoismus überwunden werden kann, nämlich durch die Kraft der Liebe und die Kampferfahrung der Körperlichkeit, die gemeinsam der Menschenweg zum großen Sieg sind. Dazu erinnert der Name Offa an die liebende Hingabe, die dazu nötig ist, um die egoistische Anhaftung zu besiegen. Ansonsten geht es uns, wie oben von Thryth als weibliche bzw. natürliche Gewalt beschrieben: Sobald wir irgendetwas Schönes in der Natur anschauen, wird der Geist gebunden, und aus dieser Bindung entstehen Anhaftung und Festhaltenwollen, und damit das Verlierenkönnen bis zum Tod als Verlust des Lebens. In dieser Richtung könnten wir diese Geschichte deuten. Um dieses Thema scheint sich auch der Rest der Sage zu drehen, die nun vor allem im Reich der Goten spielt, im Reich des göttlichen bzw. ganzheitlichen Menschen, der mit Hilfe seines Körpers und des dazugehörigen Verstandes den Ego-Drachen der Trennung besiegen kann.

28. Übergabe der Schätze und die Geschichte von Freawaru

Nun betrat der kühne Held mit seinem treuen Gefolge das sandige Ufer am Meeresstrand. Über ihnen schien das Licht der Welt, die strahlende Sonne von Süden her. Die Seefahrer hatten die Reise überlebt und schritten nun zügig dahin, wo der Beschützer der Menschen und Sieger über Ongentheow (dem „Diener der Trennung“) als junger Kampfkönig in seiner Burg saß und dort goldene Ringe verteilte. Schnell hatte man König Hygelak die Ankunft von Beowulf gemeldet, daß er lebendig und unverletzt aus dem Spiel des Kampfes zum Königshof zurückgekehrt war, der Beschützer der Helden und treue Schildgefährte. Rasch wurde auf Befehl des Königs der Saal für die ankommenden Besucher vorbereitet, und der Herrscher begrüßte seinen treuen Freund mit zeremonieller Rede und gewählten Worten. Dann setzte sich der siegreiche Held in der Nähe seines Oheims nieder, und Königin Hygd, die Tochter von Häred, lief in ihrer Liebe zum Volk mit dem Metkrug durch den Saal und füllte allen Helden die Becher. Danach fragte Hygelak in der festlichen Halle, von Neugier getrieben, mit freundlicher Rede den Saalgenossen, ob die Fahrt der Goten erfolgreich gewesen war: „Wie erging es dir auf der Reise, mein lieber Beowulf, als du schnellentschlossen in die Ferne strebtest, um über das salzige Meer hinweg den Kampf in der Hirschhalle Heorot zu suchen? Konntest du den erhabenen König Hrodgar von dem allbekannten Unheil erlösen? Voller Sorge war ich und kochte vor Kummer im Herzen. Ich fürchtete um meinen lieben Gefährten, denn ich hatte dich lange gebeten, den Mördergeist nicht herauszufordern, sondern den Dänen selbst den Kampf gegen Grendel zu überlassen. Nun danke ich Gott, dich gesund und munter wiederzusehen!“ (1998)

Hier finden wir in der Rede von Hygelak wieder eine typische Reaktion des Verstandes, der nicht verstehen kann, warum das Problem von Zerstörung und Tod zuerst im Großen und Ganzen in der allgemeinen Kampfhalle der Welt gelöst werden muß, denn der Verstand denkt natürlich vor allem an seinen begrenzten Körper. So macht er sich auch große Sorgen, daß er seine Seelenkraft verlieren könnte, zumindest, wenn er bereits so weit gekommen ist, diese ganzheitliche Seelenkraft als treuen Kampfgefährten erkannt zu haben. Dafür war wohl der Sieg über Ongentheow als „Diener der Trennung“ nötig. Entsprechend schenkte auch die Königin den süßen Met als Symbol für den Göttertrank der Ganzheit aus, im Gegensatz zu Hrodgars Tochter, die den Bierkrug zu den Helden trug, wie wir gleich lesen werden:

Darauf sprach Beowulf, Ecgtheows Sohn: „Es ist kein Geheimnis, mein König Hygelak, und vielen Menschen wohlbekannt, wie der Kampf zwischen Grendel (dem „Zerstörer“) und mir in jener Halle stattfand, wo er den siegreichen Scyldingen („Beschützern“) immer wieder so großes Unheil und Leiden zugefügt hatte. Das alles habe ich gerächt, so daß sich dort kein einziger Verwandter von Grendel während der Nacht noch rühmen kann, mit zerstörerischem Haß das körperliche Leben anzugreifen. Zuvor begrüßte ich König Hrodgar in der hohen Halle, und nachdem der edle Sohn von Healfdene die Absicht meines Herzens vernommen hatte, wies er mir bei seinen eigenen Söhnen einen Sitz zu. Die Gesellschaft war fröhlich, und ich habe in meinem Leben unter dem Himmelsdach niemals größere Freude gesehen als die der Hallengäste beim Met-Trinken. Oft ging die berühmte Königin und Friedensbürgin der Völker durch die ganze Halle und ermunterte die jungen Helden. Und oft gab sie den Kämpfern goldene Ringe, bevor sie zu ihrem Platz zurückkehrte. Manchmal trug auch Hrodgars Tochter den Bierkrug zu den edlen Helden. Sie wurde von den Leuten in der Halle Freawaru genannt („Göttin Frigg bzw. Freya bewahren“), wenn sie den Helden den juwelenverzierten Becher reichte. Und sie war als goldgeschmückte junge Braut dem Sohn von Froda („dem Weisen“) zur Freude versprochen. (2025)

Dies schien dem Nachkommen von Scylding als Beschützer des Königreiches ratsam, um durch dieses Bündnis einen Großteil alter Fehden und Streitigkeiten zu schlichten. Doch der mörderische Speer ruht nur selten lange, wenn ein führender Fürst getötet wurde (vermutlich Froda, der Vater des Bräutigams), wie schön auch die Braut sei. Schon bald wird es dem jungen Fürsten der Heatho-Barden („Kampf-Barden bzw. kämpfende Sänger und Dichter“) und jedem Kämpfer dieses Volkes mißfallen, wenn er mit der jungen Frau aus dem Dänen-Reich in der Halle wandelt und die dänischen Helden aus ihrem Gefolge bewirtet werden. Denn an ihnen glänzt manch altes Erbstück ihrer Ahnen, manch blanke Waffe, die den kämpfenden Barden als Schatz gehörte, solange sie diese zu führen wußten, bis sie im Kampfspiel ihre lieben Gefährten und ihr eigenes Leben ins Verderben geführt hatten. Dann murrt beim Biertrinken manch alter Speerkrieger, der das altbekannte Erbe wiedersieht und sich mit Groll im grimmigen Herzen an die Niederlage erinnert. Voller Trauer beginnt er, durch sinnende Gedanken aus seinem Herzen den Kampfgeist des jungen Fürsten zu wecken und spricht (zum Sohn des Froda namens Ingeld, „Lohn des Ing bzw. Gott Freyrs“): „Mein Freund, erkennst du das glänzende Schwert wieder, das dein Vater im letzten Gefecht trug, als er unter seinem Kampfhelm in die Schlacht zog? Da töteten ihn die Dänen, als sie das Schlachtfeld beherrschten und die Vergeltung scheiterte, so daß unsere Helden von den mächtigen Scyldingen überwältigt wurden. Nun betritt hier der Sohn dieses Mörders im Triumph unsere Halle, prahlt mit dem Mord und trägt den Schatz, den du rechtmäßig besitzen solltest.“ So stachelt und erinnert er den jungen Fürsten immer wieder mit schmerzlichen Worten, bis es (vielleicht irgendwann) geschieht, daß der jugendliche Kämpfer aus dem Gefolge der Fürstin (Freawaru) die ehemalige Tat seines Vaters kläglich büßen muß, von der Schwertklinge getroffen, und blutend sein Leben verwirkt. Der andere entkommt lebend, weil er des Landes kundig ist. Dann werden auf beiden Seiten die geschworenen Eide der Kämpfer gebrochen, wenn in Ingeld tödlicher Haß kocht und die Liebe zu seiner Frau im Streit abkühlt. Deshalb baue ich nicht auf die Treue der kämpfenden Barden, die den Dänen nur schwerlich zu dauerhafter Freundschaft geneigt sind.“ (2069)

Stammbaum Scyld, Beowulf, Healfdene, Hrodgar, Hredric, Hrodmund

Das ist nun wieder eine der kurz angedeuteten Geschichten, die dadurch an Mystik gewinnen und nach Deutung verlangen, so daß es auch schon vielfältigste Deutungsversuche gibt. Aus geistiger Sicht geht es hier offenbar um die Waffe von Froda als das berühmte „Schwert der Weisheit“. Entsprechend könnte man an einen Konflikt der Weltanschauungen denken. Auf der einen Seite stehen die altüberlieferten Geschichten über Odin, Frigg, Freyr, Freya usw., deren Reste wir z.B. aus der nordischen Edda kennen, welche hier von den „kämpfenden Barden“ vertreten werden. Auf der anderen Seite erscheint eine neuere Sicht unter dem Einfluß des Christentums. Dazu gibt es auch einen alten Brief aus dem Jahr 797 von Alkuin an die Mönche von Lindisfarne, in welchem er sie ermahnt, nicht auf ‚heidnische‘ Lieder zu hören, sondern lieber auf die Reden der Kirchenväter und die Heilige Schrift. Sein Brief enthält die berühmte Frage: „Quid enim Hinieldus cum Christo?“ Zu deutsch: „Was hat Ingeld mit Christus zu tun?“

Den Konflikt selbst könnten wir uns hier symbolisch zwischen Froda und Halga sowie ihren Söhnen Ingeld und Hrodulf vorstellen. Halga haben wir als „Heiligen“ bereits in Kapitel 1 in Beziehung zu Frodi aus der Edda-Sage kennengelernt. Wie dieser Konflikt ausgeht, bleibt unserer Phantasie überlassen. Beowulf sieht den Sieg von Ingeld als „Wert und Lohn des Ing bzw. Freyrs“, dem er aber keinen beständigen Frieden zutraut. Dagegen spricht die Widsith-Sage aus dem 10. Jahrhundert davon, daß Hrodgar und Hrodulf in der Hirschhalle Heorot über Ingeld siegen. Dort wird auch Offa erwähnt, den wir in der Rolle der „Hingabe“ im letzten Kapitel kennengelernt haben: „Der edle Offa gewann schon als Junge im Kampf das größte aller Königreiche. Niemand in seinem Alter erlangte je mehr Ruhm als er. Mit seinem besonderen Schwert markierte er die Grenze gegen die Myrgings („Sumpf-Bewohner“) an der Mündung der Eider („Fluttor“). Angeln und Schweden hielten sie danach ein, als hätte Offa sie erobert. Hrodulf und Hrodgar, Neffe und Onkel, hielten viele Jahre lang Frieden miteinander, nachdem sie den Stamm der Heatho-Barden vertrieben, Ingelds Schlachtreihe niedergeschlagen und die Streitmacht der Heatho-Barden in Heorot besiegt hatten.“

Wenn wir das Symbol der Tochter als Seele betrachten, dann sieht man auch im Stammbaum, wie Healfdene seine Seele an die Schweden verheiratete, um mit dem Ego Frieden zu schließen. Ähnlich finden wir auch bei den Goten die Hochzeit der Tochter von Hredel mit Ecgtheow und später noch der Tochter von Hygelak mit Eofor. Gleiches versucht nun Hrodgar mit den Heatho- bzw. Kampf-Barden. Denn praktisch hatte es sich gezeigt, daß sein Bruder Halga als „Heiliger“ nicht überlebte und mit der gegenwärtigen Weisheit das Grendel-Problem in der Kampfhalle nicht zu lösen war. Eine Lösung bringt Beowulf als Seelenkraft des gotischen Menschen und favorisiert interessanterweise die altüberlieferte Weisheit von Froda, aber vertraut nicht auf ihre Treue.

So soll man wohl seine Seele nicht an die überlieferten Geschichten binden. Denn sie sind nur Wegweiser, und wer sich an einen Wegweiser bindet, der kommt natürlich dem Ziel nicht näher. Zu diesem Thema sagte auch Buddha: „Als Floß will ich euch die Lehre weisen, zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten.« Entsprechend berichtet auch die nordische Edda, daß sich am Ende sogar alle Formen der unsterblichen Götter auflösen müssen. Was bleibt? Was geht verloren? Damit ist wohl auch gemeint, daß es eigentlich keine Weltanschauung gibt, die das Problem von Zerstörung und Tod verläßlich an der Wurzel lösen bzw. heilen kann, sondern nur die entschlossene Tat selbst, die Verwirklichung der Ganzheit jenseits aller Geschichten und Begriffe des Verstandes. Sonst kann man endlos darüber reden, singen und dichten, ohne dem großen Ziel näher zu kommen, dem Sieg-Frieden, den der Mensch mit der Seelenkraft in sich selbst erreichen kann. Diesen praktischen Weg beschreibt nun Beowulf dem Verstand, der noch als König im Goten-Reich regiert, und übergibt ihm auch die nötigen Mittel dazu, die er im Dänen-Reich gewonnen hat.

29. Beowulf berichtet vom Kampf

Beowulf sprach weiter: „So will ich nun von Grendel berichten, damit dir, dem Geber der Schätze, ausführlich bekannt wird, wie der Ringkampf Mann gegen Mann geschah. Als das leuchtende Himmelsjuwel am irdischen Horizont unterging, kam der haßerfüllte Feind in der Nacht, um uns heimzusuchen, während wir die Halle heil und gesund bewachten. Da fiel Hondscioh („Hand-Schuh“) gleich am Eingang seinem tödlichen Haß zum Opfer. Grendels Gebiß zermalmte den gerüsteten Recken, und dann verschlang der Riese den ganzen Körper unseres geliebten Freundes. Doch der boshafte Mörder, dessen mächtige Zähne vom Blut trieften, wollte die goldverzierte Halle nicht mit leeren Händen verlassen. Da erprobte er auch an mir die Stärke seiner Krallen mit gewaltigem Griff. An einem kunstvoll gefertigten Gürtel trug er einen großen, wundersamen Sack, der mit Stricken gebunden und durch teuflische List aus Drachenhaut gemacht war. Dahinein wollte mich der dreiste Dämon stopfen, mich Unschuldigen und noch weitere mehr. Doch er konnte es nicht, denn ich stand aufrecht (bewußt) inmitten des Zorns. Es würde zu lange dauern, alles zu erzählen, wie ich dem Schrecken des Volkes für jedes Unheil mit der Hand den Lohn gezahlt habe, um durch diese Tat, mein König, dein Volk zu ehren. Er konnte zwar entkommen, doch er durfte sich nicht mehr lange seines Lebens erfreuen, denn er mußte seinen rechten Arm als Opfer in der Hirschhalle zurücklassen. So zog er sich sterbend und im Herzen zutiefst betrübt in den dunklen Sumpf des Meeres zurück. Für diesen schweren Kampf belohnte mich der Anführer der Scyldinge reichlich mit Gold und vielen wertvollen Schätzen, als der Morgen kam und wir uns frohgemut zum Festmahl niedersetzten. Da gab es Klang und Gesang, und der graubärtige Scylding erzählte viel aus längst vergangenen Tagen. Zuweilen griff er sogar selbst zur Harfe, ließ das alte Holz erklingen und sang uns Lieder von Sehnsucht und Leid. Manchmal erzählte der großherzige König auch wundervolle Geschichten. Manchmal trauerte der altgewordene Kämpfer um seine vergangene Jugend voller Kampfkraft. Und manchmal schwoll sein Herz in der Heldenbrust, wenn er sich im Winter seines Lebens mit Weisheit an viele vergangene Kämpfe erinnerte. So vergnügten wir uns dort den ganzen langen Tag, bis die Nacht wieder über die Menschen kam. (2117)

Hier wird uns nun der Name von dem Gefolgsmann genannt, den Beowulf an Grendel verloren hatte, der aber dann von König Hrodgar mit Gold aufgewogen wurde. Wir haben damals an das Wesen der Körperlichkeit gedacht, das natürlich zuerst zum Opfer von Zerstörung und Tod wird, aber mit dem Gold der Wahrheit „aufgewogen“ werden kann. Ähnlich kann uns nun auch der Name Hondscioh in der Bedeutung „Handschuh“ an die Körperhülle erinnern, mit der wir „handeln“. Dieses Symbol läßt sich auch in der altnordischen Edda wiederfinden, als Thor mit Loki sowie dem Menschensohn Thialfi und dessen Schwester Röskwa in die Welt der Riesen zog und alle gemeinsam im Handschuh von Skrymir („Großsprecher“) übernachteten, sozusagen im „Nacht-Bewußtsein“. Dieser Riese trug ebenfalls einen Speise-Sack, den nicht einmal Thor mit seiner Götterkraft öffnen konnte. So kann uns die symbolhafte Geschichte der Edda an die Illusionswelt der äußerlichen Natur erinnern, wo die übermächtigen Riesenkräfte herrschen, scheinbar überlegen, aber doch in Furcht vor der Götter- und Menschenkraft. Ähnlich ist auch der Sack von Grendel „durch teuflische List aus Drachenhaut gemacht“, die uns an die Illusion der Trennung erinnert, die so mächtig und stark ist, daß sie der Verstand mit keiner seiner Waffen durchtrennen kann, weil sie ja aus Trennung besteht. Ja, in so einen dunklen Sack stopft das Grendel-Wesen unser Bewußtsein, wenn es nicht über alle Trennung hinweg ganzheitlich bewußt bleiben kann, wie es Beowulf im Kampf mit Grendel gezeigt hat. So könnten wir in diesem Sack aus Drachenhaut ein ähnliches Symbol sehen, wie die berühmte Drachenhöhle, von der auch diese Sage noch berichten wird.

Da war schon Grendels Mutter auf dem Weg der Rache, voller Grimm über den Tod ihres Sohnes durch gotische Hand. So rächte das grauenhafte Weib ihren Sohn und tötete einen Kämpfer auf grausame Weise (in der nächtlichen Hirschhalle). Es war Äschere, der alte und weise Berater, den sie dem König raubte. So konnten die treuen Dänen ihren getöteten Gefährten am nächsten Morgen nicht einmal im Feuer bestatten, denn sie hatte den geliebten Freund mit ihren teuflischen Armen zur dunklen Höhle am Ende des Bergstroms davongetragen. Das war für Hrodgar der bitterste Kummer, den der Herrscher des Volkes seit langem erlitten hatte. So beschwor mich der König mit besorgtem Herzen in deinem Namen, im wilden Wasser eine edle Tat zu vollbringen und mein Leben zu wagen, um den strahlenden Ruhm des Sieges sowie reichen Lohn zu gewinnen, den er mir dafür versprach. Daraufhin drang ich, wie allgemein bekannt, zur zornvollen und grauenhaften Wächterin in die aufgewühlte Tiefe des hervorquellenden Wassers vor. Einige Zeit kämpften wir im ringenden Handgemenge, bis sich das Wasser blutrot färbte, denn mit mächtigem Schwert schlug ich Grendels Mutter in der abgrundtiefen Höhle den Kopf ab. So kam ich mit großer Mühe mit dem Leben davon, wie es das Schicksal wollte. Und der Beschützer der Helden, Healfdenes Sohn, beschenkte mich erneut mit vielen Schätzen.“ (2143)

Zu Äschere, den wir bereits in der Rolle der verlorenen Intuition als Runenkenner und besten Berater des Königs gedeutet haben, wird hier nichts Neues berichtet. Die „dunkle Höhle am Ende des Bergstroms“ erinnert an das dunkle Unbewußtsein am Ende vom Fluß des Lebens, wenn er wieder im Meer der Ursachen vergeht und sich nicht im Licht nach oben zur Quelle erheben kann. Darin können wir dann auch das Wesen von Grendels Mutter als das weibliche bzw. natürliche Prinzip der Trägheit finden, die das Bewußtsein auf dem Weg der Trennung in die dunkle Höhle hinabzieht. Damit wird wieder das Spiel von Wasser und Feuer angesprochen, von Ursache und Wirkung, und wie die Leichen unserer Verluste im Meer der Ursachen versinken. Besser wäre es wohl, sie im Feuer der Wirkung zu verbrennen. So hatte auch Beowulf mit dem Sieg über Grendel vor allem die Wirkung von Zerstörung und Tod besiegt, ohne daß er vom König dazu aufgefordert wurde. Doch nun wird er darum gebeten, und es ist interessant, daß ihn Hrodgar im Namen von König Hygelak als „Spiel des Verstandes“ darum bittet, auch noch die Ursache als Grendels Mutter im Meer der Ursachen zu besiegen. Das soll uns wohl daran erinnern, daß es vor allem der gedanklich-begriffliche Verstand ist, der zwischen Wirkung und Ursache unterscheidet, wie auch zwischen Feuer und Wasser. Das große Ziel der ganzheitlichen Vernunft wäre es dann, solche Gegensätze wieder in der Ganzheit bzw. Gottheit zu vereinen. Dann würde auch die natürliche Trägheit verschwinden, und damit die Bindung des Bewußtseins an Zeit und Raum. Wunderbare Symbolik!

30. Die Gaben für König Hygelak und Königin Hygd

Beowulf berichtete weiter: „So folgte der König dem althergebrachten Brauch, und ich ging nicht ohne Belohnung für mein Heldenwerk aus. Der Sohn von Healfdene gab mir reiche Schätze zur freien Verfügung. Diese möchte ich dir, dem König der Kämpfer, mit Freude überbringen und anbieten. Von deiner Gnade hängt immer noch jede Gunst ab, und du bist mir von allen Verwandten am nächsten, König Hygelak.“ Da brachte man auf Beowulfs Wink ein goldenes Banner, einen hohen Kampfhelm mit Eberkamm, eine stahlgraue Rüstung (Brünne) und ein herrliches Schwert. Und der Held sprach: „Diese Kampfausrüstung gab mir König Hrodgar, der weise Herrscher, mit dem Gebot, dir von ihrer Herkunft zu berichten. Er sagte, sie habe lange Zeit König Heorogar („Speer des Kampfes“) als Anführer der Scyldinge (und älteren Bruder von Hrodgar) gehört. Doch er wollte die Ausrüstung nicht seinem Sohn geben, dem kühnen Heoroward („Wächter des Kampfes“), obwohl er ihm lieb und treu war. Nun gebrauche du sie zum Guten!“ (2162)

So übergibt nun Beowulf einen Großteil der Geschenke seinem König Hygelak, der noch als „Spiel des Verstandes“ im gotischen Menschen regiert. Die „reichen Schätze“ haben wir bereits bei der Übergabe an Beowulf kennengelernt. Symbolisch können wir darin das goldene Banner der Wahrheit sehen, das Schwert der Weisheit, den Helm der Gegenwärtigkeit und die begriffliche Rüstung des Verstandes. Hier kommt noch der „Eberkamm“ auf dem Helm dazu, wie er auch im 4. Kapitel auf den Helmen von Beowulf und seinem Gefolge beschrieben und von uns als Licht-Symbol für den Kampf gedeutet wurde. So ist wohl diese Kampfausrüstung für den menschlichen Verstand gemacht und gedacht worden, und entsprechend übergibt sie auch Beowulf.

Eine neue Information ist ihre Herkunft von Heorogar, der als „Speer des Kampfes“ offenbar schon gestorben ist, wie auch dessen Sohn Heoroward als „Wächter des Kampfes“, der nirgendwo sonst noch erwähnt wird. Hier könnten wir an die kämpferische Jugend von König Hrodgar denken, die nun dem weisen Alter Platz gemacht hatte. Warum Heorogar seine Kampfausrüstung nicht seinem Sohn geben wollte, darüber wurde schon viel spekuliert und manche Geschichte ersonnen. Wir könnten uns aus geistiger Sicht vorstellen, daß der Kampf-Vater an dieser Verstandes-Ausrüstung lange Zeit allzusehr anhaftete und damit die Weitergabe versäumte, so daß der Sohn frühzeitig im Kampf fiel. Damit steht nun die Frage, ob König Hygelak diese großartige Kampfausrüstung besser nutzen und sich damit zu einem vernünftigen Verstand erheben kann?

Wie ich hörte, folgten diesem Schatz vier schnelle und gleichgroße apfelgelbe Rosse, so daß der König Schätze und Pferde empfing. Ja, so sollte ein Verwandter handeln, und niemals tückische Netze für andere weben, um mit List und Trug seine Herdgenossen zu töten. Auch Hygelak stand in erbitterten Kämpfen treu zu seinem Neffen, und jeder gedachte der Wohltat des anderen. So hörte ich auch, daß er der Königin Hygd, der Gattin von Hrodgar, den wunderschönen Halsschmuck schenkte, den er von Wealhtheow (der „Dienerin der Fremden“) erhalten hatte, sowie drei schlanke Pferde mit glänzenden Sätteln. Seitdem schmückte das schöne Geschmeide ihre Brust. (2176)

Hier ist interessant, daß er von den empfangenen „acht Pferden mit dem goldgeschmückten Zaumzeug“, wie es in Kapitel 15 heißt, vier Pferde dem König übergibt und drei der Königin. Symbolisch können wir an acht lebendige Prinzipien der körperlichen Schöpfung mit dem goldenen Zaumzeug des Gewahrseins denken. Davon werden vier dem männlichen Geist und drei der weiblichen Natur zugeordnet. Das achte Pferd mit dem „besonderen Sattel“, wie es in Kapitel 15 heißt, behält offenbar Beowulf selbst, denn darauf sollte die ganzheitliche Vernunft des „Acht-Bewußtseins“ siegreich reiten. Schließlich wird auch der wunderschöne Halsschmuck, der an das Brising-Geschmeide der Liebesgöttin Freya erinnert, als Symbol der äußerlichen Schönheit an die weibliche Natur übergeben, die damit den Geist zur großen mystischen Hochzeit anzieht, damit Geist und Natur wieder eine Ganzheit werden.

So tat sich Beowulf, der Sohn von Ecgtheow, durch würdige Taten als ruhmreicher Held hervor. Er führte ein ehrenvolles Leben und tötete niemals im Rausch seine Herdgenossen. Er hatte kein hartes Herz, obwohl er unter allen Menschen die größte Stärke besaß, eine mächtige Gabe, die Gott dem edlen Kämpfer verliehen hatte. Lange Zeit war er erniedrigt, wurde unter den jugendlichen Goten geringgeachtet und empfing auch auf der Met-Bank wenig Ehre. Man hielt ihn für träge und nicht für einen mutigen und edlen Kämpfer. Doch jeden dieser Vorwürfe konnte er als ruhmreicher Mann widerlegen. So befahl nun König Hygelak, der Beschützer der Helden, das goldverzierte Erbstück von König Hredel herbeizuholen (seinem Vater als „Befreier“). Es war damals der kostbarste Schatz unter den Goten in Form eines Schwertes. Dieses legte er Beowulf in den Schoß und machte ihn zum Herrn über siebentausend (Hektar Land?) mit Burg- und Herrschersitz. So teilten sich beide das ererbte Land und das angestammte Recht der Herrschaft im Königreich, doch der eine mehr als der andere, weil er in der Erbfolge höher stand. (2199)

Hier wird noch einmal das Wesen von Beowulf angesprochen, der als „Neffe“, was auch „Unmündiger“ bedeutet, oft wenig Beachtung findet. So geht es gewöhnlich auch der Seelenkraft in einem Menschen, der vom Verstand beherrscht wird, vor allem wenn dazu noch das eigenwillige Ego regiert. Doch hier wird bereits von einem gotischen bzw. göttlichen Menschen gesprochen, dessen Verstand auf dem Weg zur ganzheitlichen Vernunft ist, weil er den Schweden- bzw. Ego-König Ongentheow als „Diener der Trennung“ besiegt hatte. Entsprechend erkennt und liebt er auch die Seelenkraft, die dann ihre große Macht zeigt, dem Verstand hilft und ihn mit großartigen Schätzen beschenkt. Dafür macht der Verstand seinen Neffen als Seelenkraft zum Mitherrscher im Menschenreich und übergibt ihm das Schwert der Befreiung, das der Verstand von seinem Vater geerbt hat, womit vermutlich die Vernunft gemeint ist, die immer noch der kostbarste Schatz des Menschen ist.

Damit vergingen einige Jahre, und dann geschah es im Schlachtgetümmel, daß Hygelak getötet wurde. Auch für seinen Sohn Heardred wurden die feindlichen Waffen trotz seines Schildes zum Werkzeug des Todes, als die kampfsüchtigen und feindseligen Scylfinge (Schweden) den Neffen von Hereric inmitten seines sieggewohnten Volkes angriffen und überwältigten. Daraufhin ging das weite Königreich in die Hände von Beowulf über. Er herrschte fünfzig glückliche Jahre lang als ein weiser König und Wächter des Vaterlandes, bis ins hohe Alter. Da begann in dunklen Nächten ein Drache das Land zu beherrschen, der in hohlem Felsen an steiler Klippe einen Schatz bewachte. Der Pfad dorthin war den Menschen bisher unbekannt, bis ein Mann - ich weiß nicht wer - in die dunkle Höhle kam und in der Nähe des Drachenschatzes herumtastete. Da griffen seine Hände nach einem goldenen Kelch, den er schnell mit sich nahm. Obwohl der Drache schlief, merkte er, daß ein listiger Dieb eingedrungen war. Und die Menschen des Landes merkten bald darauf, wie wütend er wurde. (2220)

Hier nimmt nun die Geschichte des Verstandes eine plötzliche Wendung. Hygelak stirbt im Kampf gegen die Friesen, und sein Sohn gegen die Schweden. Die näheren Umstände werden wir später noch erfahren. Ähnlich starben wohl auch Heorogar und Heoroward. Doch vielleicht war dieser Tod des Verstandes nötig. Denn solange der begrifflich-gedankliche Verstand in der Herrschaft dominiert, kann natürlich keine ganzheitliche Vernunft herrschen. Es reicht wohl nicht aus, die Seelenkraft nur zum „Mitherrscher“ zu machen. Erst, als der Verstand und sein Erbe keinen Anspruch mehr auf die Herrschaft im gotischen Menschen hatten, übernahm Beowulf das weite Königreich und herrschte viele glückliche Jahre, solange er als Seelenkraft lebendig war. Darin liegt eine wichtige Erkenntnis, nämlich daß das Glück oder Unglück im Menschenreich vom König bestimmt wird, der im Menschen herrscht, oder theoretischer gesagt, von der Bewußtseins-Ebene, auf welcher der Mensch lebt.

Über die fünfzig glücklichen Jahre wird wieder einmal nichts Ausführliches berichtet. Denn ja, solche Geschichten sind wohl nicht geschrieben worden, um irgendeine ideale Form des glücklichen Lebens zu beschreiben, sondern um den großen Weg zur Befreiung von allen Bindungen zu weisen. Denn alle Formen und Zustände, so glücklich sie auch erscheinen, sind natürlich vergänglich, weil sie entstanden sind, wie die Wellen auf dem Meer. Kann man diese Vergänglichkeit besiegen?

So geht es nun um den letzten großen Sieg, den ein vernünftiger Mensch gewinnen kann, nachdem er im Lauf seines Lebens die Grundlage dafür gelegt hat. Für diese Grundlage wurde das trennende „Nacht-Bewußtsein“ überwunden, das ganzheitliche „Acht-Bewußtsein“ gefunden und Grendel als Zerstörer und Tod besiegt, sowie dessen Mutter als weibliche bzw. natürliche Ursache. Was noch fehlt, ist der Vater als männliche bzw. geistige Ursache. Im 20. Kapitel heißt es: „Doch keiner kennt seinen Vater, von welchem dunklen Geist er einst gezeugt wurde.“ So finden wir auch hier die Aussage: „Der Pfad dorthin war den Menschen bisher unbekannt.“ Bis ihn ein namenloser Mann fand, den Drachenschatz antastete und einen goldenen Kelch in die Welt holte, der zunächst zum Kelch des Leidens wurde. Was der Drache bedeutet, ahnen wir bereits in Anbetracht der vielen anderen Drachengeschichten aus ähnlichen Sagen. Die Felsenhöhle erinnert an die Materie unserer Körperlichkeit, die beständig erscheint, aber vergänglich ist, und doch einen großen Schatz enthält, den aber der Ego-Drache mit seiner eigenwillig-gierigen Anhaftung versteckt. Doch wer ist der namenlose Mann, der den Weg in diese Höhle zum Schatz findet?


... Inhaltsverzeichnis aller Märchen-Interpretationen ...
Gudrunsage: Gudruns Befreiung und große Hochzeit
Die Beowulf-Sage (nach Wilhelm Wägner)
Beowulfsage (Wägner): Der Grendel-Kampf
Beowulfsage (Wägner): Die Meerwölfin
Beowulfsage (Wägner): Der Königsweg
Beowulfsage (Wägner): Der Drachenkampf
Beowulfsage (Urtext): Scyldinge, Hirschhalle und Grendel
Beowulfsage (Urtext): Der nächtliche Kampf mit Grendel
Beowulfsage (Urtext): Der Kampf mit Grendels Mutter
Beowulfsage (Urtext): Beowulfs Heimkehr und der Königsweg
Beowulfsage (Urtext): Der große Drachenkampf

Sagentext und Bilder: Die Sagenwelt der Nibelungen nach Urtext
[2026] Text von Undine & Jens / www.pushpak.de
Veröffentlichung: