Die geistige Botschaft unserer alten Märchen

Beowulf-Sage (Urtext): Der große Drachenkampf

Sagentext nach altenglischer Urfassung
Interpretation von Undine & Jens in Grün [2026]

31. Der versteckte Drachenschatz

Von der Macht des Drachenschatzes hatte er keinerlei Ahnung, noch drang er aus Eigenwillen ein, um jemandem zu schaden, sondern aus schrecklicher Not. Er war ein namenloser Leibeigener, der vor lebensbedrohlichen Schlägen und seinem Herrn geflohen war. Er war ein Vertriebener, der in dieser Höhle Schutz suchte, ein Schuldgeplagter, der sich dort fliehend umschaute. Doch beim Anblick des schlafenden Untiers stand er wiederum voller Angst und Schrecken. Aber der Flüchtling faßte sich wieder, zog sich schnell zurück, und von der Gefahr getrieben nahm er im Fliehen einen goldenen Kelch aus dem Schatz mit. (2230)

Dieser Abschnitt läßt sich nur schwer übersetzen. Einerseits sind im altenglischen Urtext viele Worte unleserlich, anderseits ist die Bedeutung des Textes schwer zu ergründen, so daß die vorhandenen Übersetzungen sehr voneinander abweichen. Aus geistiger Sicht können wir in diesem „namenlosen Leibeigenen“, den manche auch „Sklave“ nennen, an den Leib denken, der dem Geist lange Zeit wie einem Herrn dient. Doch im Alter entflieht der Leib, was wir dann „Sterben“ nennen, und will wieder in die Erde zurückgehen, um dort Schutz vor den Schlägen tödlicher Krankheit und Schmerzen zu suchen. Aber auch dort findet er irgendwie keine Ruhe, sondern einen schrecklichen Drachen, der allerdings einen wundervollen Schatz bewacht. So kehrt der Leib noch einmal ins Leben zu seinem Herrn zurück und übergibt ihm einen goldenen Kelch aus diesem Schatz. Das Gold erinnert uns symbolisch an die Wahrheit, das reine und ewige Bewußtsein, sozusagen das, was war, bevor etwas wurde. Ja, das ist dann auch der größte und höchste Schatz, den wir in dieser Welt finden können, der aber vom Ego-Drachen als Wesen der Trennung verhüllt und versteckt wird. Deshalb kann der Mensch diesen Schatz nur sehr schwer finden, weil der Weg dorthin „künstlich verborgen“ wurde, und zwar vom Inhalt des Bewußtseins, von den Vorstellungen des Verstandes, so daß wir „den Wald vor lauter Bäume nicht sehen“. Das ist dann auch symbolisch der Inhalt des goldenen Kelches. Nur selten ist er mit dem süßen Met als Göttertrank der Ganzheit gefüllt. Gewöhnlich enthält er den berauschenden Wein oder das bittere Bier der Illusion von Freude und Leid, die wir im Laufe unseres Lebens und auch der Generationen mit dem begrifflich-gedanklichen Verstand ansammeln. Und davon gibt es in der irdisch-körperlichen Höhle natürlich sehr viele Kelche, Becher, Kannen, Krüge, Fässer und sonstige Gefäße, deren Wert man vor allem in dem Gold erkennen kann, aus dem sie bestehen.

Denn davon gab es sehr viele in dieser Felsenhöhle, uralte und wertvolle Schätze, die der Mensch im Laufe der Erdentage aus seinem großen und edlen Erbe gedankenvoll dort verborgen hatte. Sie alle holte der Tod in vergangener Zeit. Dann war nur noch ein alter Krieger am Leben, der letzte seines Stammes, der die verlorenen Freunde betrauerte und hoffte, sich noch eine kleine Weile am langgehüteten Schatz zu erfreuen. Sein Grabgewölbe bestand bereits an den steilen Klippen auf einer Landzunge nahe den Wasserwellen, welches künstlich gesichert nur schwer erreichbar war. Dort hatte der Eigentümer seinen ererbten Schatz versteckt, einen angehäuften Haufen aus Gold. Und der Hüter der Ringe sprach: „Nun halte du, oh Erde, die Besitztümer der Könige fest, die meine Krieger nicht mehr halten können. Die guten Männer haben sie einst von dir genommen, doch der Kriegstod hat sie alle dahingerafft, ein schrecklicher Mörder des Lebens, ein Verbrechen an jedem Einzelnen meines geliebten Stammes. Sie blickten das letzte Mal auf das freudvolle Leben in der Halle. So blieb mir niemand, der das Schwert führt oder den goldenen Kelch leert, den herrlichen Trinkbecher. Dahin sind die tapferen Krieger! Der eisenharte goldverzierte Helm verliert seinen Glanz, denn die Krieger schlafen, die den Glanz bewahren sollten. Auch die eiserne Rüstung, die im Kampf den Schild- und Schwerthieben trotzte, rostet nun und vergeht mit den Kriegern. Niemals wird der Brustpanzer die Helden wieder im kriegerischen Kampf beschützen! Die Harfe wird keine Freude mehr geben, wenn ihr Holz harmonisch erklingt. Kein edler Falke wird mehr durch die Halle schweben, und kein feuriges Roß wird mehr den Burghof stampfen. Der unheilvolle Tod hat das Leben all meiner Verwandten geraubt.“ (2266)

Auch hier kann man wieder über die beiden prinzipiellen Wege nachdenken. Zuerst wird der Ego-Weg in die Trennung und Dunkelheit beschrieben, wenn der Mensch nur die körperlich-materielle Welt sieht und alle Errungenschaften im Leben nur an die körperlichen Nachkommen vererbt werden. Und wenn es dann keine mehr gibt, dann wird das „Erbe“ zu „Erde“. Ja, so ist auch eine fruchtbare Erdschicht entstanden, nämlich durch „Verwesung“ abgestorbener Pflanzen, Tiere und anderer Lebewesen über viele Jahrtausende. Doch das eigenwillig besitzende Ego sieht darin einen großen Verlust, denn sein Lebenssinn geht verloren. So führt dieser Weg in die depressive Dunkelheit, wenn das Licht des Bewußtseins als Gold der Wahrheit durch Anhaftung in irdischer Materie gebunden und verborgen wird. Daraus entsteht dann auch die Vorstellung des Todes als ein Ende des Lebens, worüber sich der König als letzter seines Stammes beklagt.

So beklagte der verlassene Mann mit traurigem Herzen Tag und Nacht sein leidvolles Unglück, bis die Welle des Todes (im Entstehen und Vergehen) sein Herz überwältigte. Da ließ nun der alte Nachtschleicher den geliebten Schatz nicht unbewacht, der in seinem Feuer die Grabstätten sucht, der nackte bösartige Drache, der des Nachts von Feuer umhüllt fliegt und mit Furcht und Schrecken die Erdenbewohner angreift. So muß er (im Tageslicht) das Unheil in der dunklen Erde suchen, wo er neidisch das Gold bewacht, viele Jahre lang, ohne es nutzen zu können und weiser zu werden. So bewachte der überaus mächtige Drache dreihundert Jahre lang den versteckten Schatz in der Erdhöhle, bis sein feuriger Zorn durch einen Mann erregt wurde. Dieser brachte seinem Herrn den goldenen Kelch und bat damit um dessen Schutz. So wurde der Schatz entdeckt, die Kostbarkeit weggetragen und dem geplagten Mann die Gunst gewährt. Denn zum ersten Mal erblickte sein Herr eine so alte Kostbarkeit, ein Werk aus längst vergangenen Zeiten. (2286)

Höchst interessant: Der Körper verwest, aber das Ego-Wesen bleibt und bewacht neidisch mit seinem Feuer den verstecken Goldschatz in der dunklen Felsenhöhle. Ist das die Energie, welche die Materie in ihrer verkörperten Form erscheinen läßt? Auch unsere modernen Wissenschaftler haben in der Kernphysik eine solche Energie entdeckt. Und das erste Großartige, was sie daraus gemacht haben, waren die Atombomben. Später kamen noch die Kernkraftwerke dazu, aber so richtig glücklich sind wir mit dieser Energie auch nicht geworden.

Doch damit erwachte der Drachenwurm, sein Zorn entbrannte, und er schnüffelte am Felsen entlang. Bald fand der Unbarmherzige die Fußspur seines Feindes, der in seiner Unwissenheit dem Drachenkopf zu nahe gekommen war. So kann ein Mann, der nicht vom Schicksal verflucht wurde, der Not und dem Tod leichtfüßig entkommen, wenn er die Gnade seines Herrn erlangt. Eifrig suchte der Schatzwächter den Boden ab, denn er wollte den Mann finden, der ihn im Schlaf gestört hatte. Mit feurigem Zorn und wildem Sinn umkreiste er oft den Hügel, aber konnte in dieser Wildnis keinen Menschen entdecken, den er bekämpfen und töten konnte. Da kroch er wieder in das Felsengrab zurück, um seinen Drachenschatz zu hüten, doch bemerkte bald, daß jemand das Gold angetastet hatte, seinen kostbaren Schatz. Der gierige Schatzhüter konnte nur mit Mühe den Abend abwarten. Die Wut des Grabwächters begann zu kochen, und er wollte den Raub des goldenen Kelches mit Feuerflammen vergelten. So freute sich der Wurm, als der Tag wich und die Nacht hereinbrach. Nicht länger wollte er warten und in der Felsenhöhle verweilen, sondern flog mit loderndem Feuer dahin. Das war ein schrecklicher Ansturm für die Menschen des Landes. Doch schon bald fand der Schrecken durch ihren Schatzgeber (Beowulf) ein Ende. (2311)

Der Ego-Drachen versucht natürlich, den leibeigenen Mann bzw. Geist der Körperlichkeit, der den Schatz der Wahrheit berührt hatte, nicht entkommen zu lassen, sondern zu zerstören und zu töten. Denn er sieht darin seinen Feind, der das Wesen der Trennung und seine Vorstellung von Besitz und Eigentum bedroht. Doch es heißt, wenn dieser Geist die Gnade seines Herrn als ganzheitliche Vernunft erlangt, dann kann er „leichtfüßig entkommen“, denn in der Ganzheit bzw. Gottheit wird niemand gebunden, und der Geist ist frei und heil. Hier kann man nun symbolisch den Herrn als Vernunft in Beowulf betrachten und den Leibeigenen in dessen Körperlichkeit, die sich nun im Alter aufzulösen beginnt, wie alles, was entsteht, auch wieder vergehen muß. Damit wird nun im Folgenden mit Beowulf der bessere der beiden Wege beschrieben, nämlich zur Ganzheit ins ewige Licht des reinen Bewußtseins, und wie man in der Vergänglichkeit das Unvergängliche finden kann, womit wohl auch der goldene Schatz gemeint ist.

Dazu muß natürlich der schlafende Drache im Reich der Goten bzw. gotischen Menschen geweckt werden. Über diese Symbolik kann man viel nachdenken. Wie es oben heißt, daß Grendels Mutter ein halbes Jahrhundert, solange auch König Hrodgar herrschte, im sumpfigen Grund hauste, so heißt es nun hier, daß der mächtige Drache dreihundert Jahre lang den versteckten Schatz in der Erdhöhle bewachte. Wenn wir im Drachen Grendels Vater sehen, dann könnte mit den dreihundert Jahren auch eine heilsame Zeit der Königsherrschaft gemeint sein, die den Drachen bannte und schlafen ließ. Hier könnten wir an die Herrschaft von Scyld als Göttersohn von Odin und seinem Königsstamm denken, die über fünf Generationen beschrieben wurde. Diesbezüglich würde uns der König, der den Schatz in der Erde versteckt hatte, an deren Vorgänger Heremod erinnern, der auch „einsam und freudlos aus der Gemeinschaft der Menschen fliehen mußte“, wie es oben heißt. Ihm folgte dann die Königsherrschaft von Scyld als „Schild“ bzw. Beschützer, und im Goten-Reich wurde Hredel als „Befreier“ zum König.

Über solche heilsamen bzw. silbernen Zeitalter hatte man früher offenbar viel nachgedacht. Später wird dazu in Kapitel 40 auch von „tausend Jahren“ gesprochen, die uns an das tausendjährige Reich der Bibel erinnern, zu dem es in der Offenbarung 20.1 heißt:
Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloß ihn und setzte ein Siegel oben darauf, damit er die Völker nicht mehr verführen sollte, bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muß er losgelassen werden eine kleine Zeit.

So hat der Mensch in dieser Zeit unter der Herrschaft der Vernunft eine bessere Chance, sich zu entwickeln und seinen Weg zu finden, um den großen Sieg zu erreichen. Ähnlich wird nun auch hier der Drache am Ende dieser Zeit losgelassen, damit ihn der Mensch besiegen kann, ein Kampf, dem viele Menschen im Alter begegnen.

32. Der Feuerdrache verwüstet das Königreich

Da begann der Drache, Feuer zu speien und die schön gebauten Häuser ringsum niederzubrennen, so daß überall die Flammen zum Entsetzen der Menschen aufloderten. Nichts Lebendiges wollte der gehässige Flugdrache verschonen. Das Wüten des Wurmes war weithin sichtbar, die Bosheit des quälenden Feindes in Nähe und Ferne. So griff er das Volk der Goten mit mörderischem Haß gewaltsam an. Und vor dem Tageslicht zog er sich zu seinem Schatz in die verborgene Höhle zurück. Die Bewohner des Landes wurden von lodernden Flammen ergriffen und in Feuer und Qualm gehüllt. Doch er fühlte sich sicher in seinem Höhlengrab hinter dicken Felswänden und vertraute seiner gewaltigen Macht. Aber sein Glaube täuschte ihn. (2323)

So erscheint nun, wenn der Körper altert und vergeht, ein Feuer bzw. Geist der Zerstörung und Vernichtung, der das ganze Menschenreich nächtlich bedroht und alles, was sich der Mensch im Laufe seines Lebens aufgebaut hat. Im gotischen Menschen war er als Ego-Drache lange Zeit gebunden, zumindest solange das Tageslicht der Welt schien, denn Beowulf hatte dieses dunkle Wesen von Zerstörung und Tod in der äußerlichen Natur bereits besiegt, als er die Hirsch- bzw. Kampfhalle der Natur wieder funktionstüchtig gemacht hatte. Doch nun geht das Leben wieder in die geistige Welt, und dort greift dieses häßliche Wesen als Feuerdrache der Vernichtung noch einmal an:

Beowulf selbst mußte den Haß des Feindes direkt und unverzüglich erfahren, als seine eigene Burg, die schönste aller Wohnstätten, zusammen mit dem Königsthron der Goten von der Flammenglut verzehrt wurde. Das war für den gutmütigen Herrscher ein tiefer Kummer im Herzen, der größte aller Seelenkummer. Der Weise dachte, er habe die uralten Gebote des ewigen Herrschers übertreten und den Allmächtigen bitter erzürnt. In seinem Geist stiegen düstere Gedanken auf, die ihm bisher ferngeblieben waren. Der Feuerdrache brannte all die Festungen der Menschen auf dem Inselland im Meer nieder. Um ihm zu begegnen ließ der König als Beschützer der Kämpfer und Anführer der Goten einen außergewöhnlichen Schild aus reinem Eisen für den Kampf schmieden. Er wußte wohl, daß ihm das Holz der Linde oder anderer Bäume gegen dieses Feuer nicht helfen konnte. So war dem edlen alten Herrn das Ziel seiner Lebenszeit in dieser Welt bestimmt, wie auch dem Drachenwurm, obwohl er den reichen Schatz schon so lange behütet hatte. Doch es schien dem Geber der Ringe nicht ehrenhaft, mit einer zahlreichen Armee gegen den geflügelten Feind zu kämpfen. (2347)

Warum kann er nicht mit einem Schild aus Lindenholz gegen die Vergänglichkeit kämpfen? Nun, wie ein Baum wächst, so muß er auch wieder vergehen, und damit ist auch seine Substanz vergänglich. Was bedeutet dann der „außergewöhnliche Schild aus reinem Eisen“? Hier können wir an das unvergängliche Bewußtsein denken, die reine Gegenwärtigkeit und das Schild der Achtsamkeit, das zunächst auch aus der Verstandesschmiede kommt. Das heißt, wir können unseren gewöhnlichen Verstand nutzen, um dieses ungewöhnliche Bewußtsein zu finden bzw. zu entdecken, wie man auch die Vergänglichkeit nutzen kann, um das Unvergängliche zu finden, oder die Vielfalt, um die Einheit zu entdecken. Das ist dann auch der Weg zur Ganzheit, weshalb man diesen letzten großen Kampf auch „allein“ kämpft.

Er hatte keine Angst um sich selbst in diesem Kampf, und so fürchtete er auch weder das Feuer noch die Macht des Drachenwurms. Er hatte schon so viele Gefahren und Prüfungen überlebt, so viele Schlachten überstanden, seitdem er Hrodgars Halle gereinigt und als siegreicher Held den gehässigen Grendel sowie dessen Mutter überwunden hatte. Eine der schwersten Schlachten war jene, in der Hygelak, der Goten-König, im Kampfgetümmel fiel. Da starb der Herr und Freund des Volkes in Friesland, wo Hredels Erbe vom feindlichen Schwert durchbohrt sein Herzblut vergoß. Doch Beowulf entkam mit eigener Kraft, indem er durch das Meer schwamm, denn er hatte die Kraft von dreißig Kämpfern in seinen Armen, als er in den Ozean sprang. Auch die Krieger der Hetwaren (deutbar als „Haß-Wächter“), die mit Lindenholz-Schilden gegen ihn kämpften, konnten sich nicht des Sieges erfreuen, denn nur wenige entkamen diesem Kämpfer, um in ihre Heimat zurückzukehren. Doch Ecgtheows Sohn schwamm einsam und allein durch das wilde Meer und kehrte zu seinem Volk zurück. Dort bot ihm Hygd (die „Verständige“) den Königsschatz, das Reich, die Krone und den Königsthron an, denn sie hatte kein Vertrauen in ihren jugendlichen Sohn Heardred („strenger Ratgeber“), daß er nach Hygelaks Tod (dem „Spiel des Verstandes“) den Thron gegen fremde Völker behaupten könne. Doch selbst das trauernde Volk konnte Beowulf nicht überzeugen, sich als Herrscher über Heardred zu erheben und das Königreich zu übernehmen. Dafür unterstütze er den Königssohn als Freund und Ratgeber mit Würde und Respekt, bis dieser erwachsen war und die Goten regieren konnte. (2379)

Damit das Bewußtsein eine so hohe Ebene der Ganzheit erreichen kann, muß natürlich der begrifflich-unterscheidende Verstand irgendwann im Leben seine Herrschaft aufgeben. So wird nun näher angedeutet, wie König Hygelak als „Spiel des Verstandes“ im Kampf gegen die Friesen starb. Die Friesen wurden bereits in der Geschichte von König Finn erwähnt. Wir haben sie als die „Frost-Riesen“ gedeutet, die auch in der nordischen Mystik eine große Rolle zur Verkörperung des Geistes in der äußerlichen Natur spielen. Wie dann in ihrem Reich der begrifflich-unterscheidende Verstand stirbt, kann man heute noch ahnen, wenn wir zum Beispiel an die riesigen Entdeckungen über die Größe und Eigenschaften der Galaxien, des Universums, des Raumes und der Zeit denken. Hier kommt der praktische Verstand schnell an seine Grenzen. In der Ritterzeit war dies wohl noch viel einfacher, wenn der Mensch die unerklärlich-mystischen Riesenmächte der Natur betrachtete: Wie kann Wasser verdampfen oder gefrieren? Wie wächst aus einem kleinen Samen ein großer Baum? Woher kommen Sonne, Mond und Sterne? Im Kampf mit solchen Fragen kann der Verstand mit seiner Gedankenarmee schnell untergehen. Doch Beowulf konnte als Seelenkraft auf dem Weg zur unvergänglichen Ganzheit gegen diese Riesen-Krieger als Wächter der Gegensätze bestehen, denn auch sie konnten sich nur mit vergänglichen Schilden aus Lindenholz vom Lebensbaum schützen. Und so schwamm er mit seiner ganzheitlichen Kraft „einsam und allein“ auf dem Meer der Ursachen wieder zurück in die Menschenwelt, ohne sich auf ein körperliches Schiff zu stützen. Zumindest könnte man in diese Richtung über die Geschichte nachsinnen…

So hätte nun Beowulf den Königsthron von Hygelak neben Hygd einnehmen können, aber um diese Ebene der Herrschaft im Menschenreich ging es ihm offenbar nicht. Daher übernimmt er zunächst die Rolle als Freund und Ratgeber des Königssohnes von Hygelak. Denn nicht umsonst wurde dieser als Thronfolger geboren, auch wenn die „verständige Mutter“ bereits erkennt, daß er den großen Herausforderungen im gotischen Menschen nicht gewachsen ist.

Da geschah es, daß die beiden Söhne von Ohtheres (Eadgils und Eanmund, siehe Stammbaum in Kapitel 28) das Meer überquerten und bei ihm Zuflucht suchten. Sie wurden aus ihrem Land vertrieben, weil sie gegen den König der Scylfinge (Onela) rebelliert hatten, dem mächtigen Herrscher jenseits des Meers, der in Schweden die Reichtümer verteilte. Heardred nahm sie freundlich auf, doch für seine Gastfreundschaft empfing Hygelaks Sohn eine tödliche Wunde vom feindlichen Schwert. [Denn Onela („kleiner Stammvater“) fiel in das Gotenreich ein, um seine beiden Neffen, die Söhne seines Bruders Ohthere („gefürchteter Krieger“), zu verfolgen. Dabei tötete er Heardred, als dieser versuchte, Eadgils und Eanmund zu beschützen. Und Weohstan („heiliger Stein“), ein alter Held Onelas, tötete in diesem Kampf Eanmund („Schutz des Geborenen“), während sein Bruder Eadgils („Geisel des Reichtums“) unter dem Schutz von Beowulf entkommen konnte.] Nachdem Heardred gestorben war, kehrte Ongentheows Sohn (Onela) in sein Reich nach Schweden zurück. Damit überließ er Beowulf (aus Furcht vor dessen Kraft) den Herrscherthron der Goten, und er wurde ein vorzüglicher König. Um den Tod des Königssohns (Heardred) zu rächen, schloß er mit dem hilflosen Eadgils Freundschaft und unterstützte den Sohn von Ohthere über das weite Meer mit Kämpfern und Waffen. Die Rache gelang, und im harten Kampf wurde der Schweden-König (Onela) von Eadgils getötet. (2396)

Diese Geschichte über den Tod von Heardred ist nur unklar und andeutungsweise im altenglischen Text überliefert, und man muß sich die weitverstreuten Andeutungen achtsam zusammensuchen. Wir haben daher versucht, die Geschichte in eckigen Klammern etwas deutlicher zusammenzufassen. Aus geistiger Sicht kann man hier einen Angriff des Schwedenkönigs Onela in der Ego-Rolle auf den jungen Königssohn sehen, weil dieser die Neffen Eadgils und Eanmund beschützte, die gegen ihren herrschenden Ego-Onkel rebelliert hatten. Damit finden wir hier die Symbolik der „Neffen“ als Seelenkräfte wieder, die Heardred als Verstand zwar beschützen wollte, aber dem Angriff der fremden Ego-Macht war er nicht gewachsen. Hätte ihn Beowulf davor beschützen können? Darüber kann man tiefgründig nachdenken, denn auch der Verstand hat natürlich seine Aufgabe im Menschen. Doch war es wohl unter diesen Umständen der beste Weg für Beowulf, um den fremden Ego-König Onela durch dessen Neffen Eadgils als „Geisel des Reichtums“ bzw. „Fluch des Besitzes“ zu überwinden, ohne persönlich gegen ihn anzukämpfen.

Damit erinnert uns Onela an die Ego-Könige, die wir oft in fremden bzw. anderen Menschen sehen und deren Angriffen wir mehr oder weniger ausgesetzt sind. Auf dem Weg zur Ganzheit muß natürlich auch dieses Problem gelöst werden. Vielleicht müssen wir dafür wirklich unseren „strengen Verstand“ mit seinem Anspruch auf den Königsthron opfern, damit auch das „fremde Ego“ überwunden werden kann. Hier spielt dann auch Weohstan als „heiliger Stein“ bzw. „Stein der Weisen“ seine Rolle, der unter der Herrschaft eines Ego-Königs zur Vergänglichkeit wird und Eanmund als „Schutz des Geborenen“ tötet. Doch von der Ego-Herrschaft befreit wird er zur Unvergänglichkeit, denn er übernimmt, wie wir später noch erfahren werden, die Rüstung und Waffe von Eanmund, die er an seinen Sohn Wiglaf weitergab, der dann Beowulf im großen Drachenkampf helfen wird. All diese Kämpfe und Siege waren wohl nötig, daß Beowulf zum König der Goten wurde, das heißt, die ganzheitliche Seelenkraft zum Vernunft-König im gotischen Menschen, der nun auch den letzten großen Kampf mit dem Feuerdrachen wagen kann.

33. Der Weg zum Drachen und die Geschichte von Hredel

So hatte Beowulf, der Sohn von Ecgtheow, viele Feindschaften überstanden, mutige Taten vollbracht und schreckliche Kämpfe überlebt, bis zu jenem Tag, als er gegen den Drachenwurm kämpfen mußte. Zu Zwölft zog der König der Goten mit seinem Gefolge vom (gerechten) Zorn getrieben aus, um den Drachen zu finden. Er hatte bereits erfahren, wie das Unheil entstanden war und zum feindseligen Schrecken des Volkes wurde, denn der goldene Kelch war aus der Hand des Finders zu ihm gelangt. Dieser mußte als Dreizehnter der kleinen Gruppe folgen, der gequälte Leibeigene, der den Streit herbeigeführt hatte. Hilfreich sollte er nun den Weg weisen. Und so ging er trotz seiner fürchterlichen Angst zur dunklen Grabhöhle voran, zur Felsenklippe nahe den Wellen des Meeres. Im Inneren barg sie das edle Metall mit vielen Juwelen, aber auch den feindlichen Wächter, der den goldenen Schatz in der Erde bewachte und kampfbereit auf der Lauer lag. Das war kein leichtes Geschäft, das jeder Mensch vollbringen konnte. Bald saß der Heldenkönig auf der Landzunge und sprach aufmunternde Worte zu seinem Gefolge. Doch der Goldspender der Goten selbst war in seinem Herzen bekümmert. Unruhig erwartete er den Kampf, denn er war sich seines Schicksals bewußt, welches der alte Mann nun begrüßen mußte, um den Schatz seiner Seele zu gewinnen, als sich das Leben von den Banden des Körpers löste. Nicht lange mehr sollte die edle Seele von der leiblichen Hülle umfangen sein. (2424)

Daß Beowulf zu Zwölft in den Drachenkampf zieht, deutet wieder eine Zahl der Ganzheit an, und wir können an die körperlich-geistigen Prinzipien wie Vernunft, Verstand, Gedanken, fünf Sinne und vier Elemente denken, mit denen jeder Mensch immer verbunden und im Grunde auch vereint ist. So geht er als ein ganzheitliches Wesen in den Drachenkampf, sozusagen „ganz All-Ein“, was wohl bereits eine große Errungenschaft im Leben eines Menschen ist. Der Dreizehnte wäre dann der „Leibeigene“ als der lebendige Körper selbst, der dem Geist dient und ihn in die Grabhöhle der Materie führt. Er scheint sich von der Seele bzw. vom Geist zu trennen, was wir gewöhnlich „Sterben“ nennen, aber natürlich in der Ganzheit unmöglich ist. Diese Wahrheit ist dann auch in dem Goldschatz zu finden, der als Gewinn des letzten großen Kampfes winkt.

Da sprach Beowulf, der Sohn von Ecgtheow: „Schon in meiner Jungend überlebte ich viele stürmische Kämpfe in Zeiten des Krieges. Ich erinnere mich noch gut. Als ich sieben Jahre alt war, holte mich der Schatzhüter, Herrscher und Freund des Volkes von meinem Vater zu sich an den Hof. Dort unterhielt (und unterrichtete) mich König Hredel („Befreier“), und ich empfang viele Schätze und Freuden in Erinnerung unserer Verwandtschaft. So war ich ihm unter den Burgbewohnern im Leben nicht weniger wert als seine eigenen Söhne, nämlich Herebald („Heerführer“), Haethkyn („hitziger König“) und der junge Hygelak („Spiel des Verstandes“), der dann mein König wurde. Der Älteste von ihnen wurde unglücklicherweise von seinem Blutsbruder Haethkyn mit einem scharfen Pfeil von seinem Hornbogen auf das Sterbebett niedergestreckt. Denn der tödliche Pfeil verfehlte sein Ziel und traf den Freund und Gefährten, so daß der Bruder den Bruder tötete. Das war eine schreckliche Schuld, die nicht wiedergutzumachen war, eine schwere Untat und ein herzzerreißender Kummer für König Hredel. Und doch mußte der Tod des edlen Königssohns ungerächt bleiben (und Haethkyn vom König ungestraft). Denn zu schmerzlich ist es für einen alten Mann, seinen eigenen Sohn als Jüngling am Galgen hängen zu sehen. Jammervoll stimmt er dann ein Trauerlied an, wenn sich die Raben am erhängten Sohn erfreuen. Denn trotz seines Alters und aller Erfahrung kann er ihm nun nicht mehr helfen und nichts mehr geben. Morgen für Morgen erinnert er sich, daß sein Sohn aus dieser Welt gegangen ist. Er hofft nicht mehr, daß ihm in seiner Burg ein anderer Hüter des Erbes heranwächst, wenn er das feindliche Schicksal sieht, das ihm durch schreckliche Tat den Tod brachte. Traurig und kummervoll blickt er in das leere Gemach seines Sohnes wie in eine verödete Weinhalle, eine vom Wind zerstörte Wohnstätte, die aller Freude beraubt wurde. Denn der Ritter schläft, der Held liegt im Grab, die Harfe schweigt, und kein froher Jubel erklingt mehr, wie es früher einmal war. Dann geht er am Abend zu Bett und singt sein Klagelied, ein Mensch um einen Menschen, dessen Land und Wohnstätte nun allzuweit entfernt erscheint. So litt der Gotenkönig immer wieder großen Herzenskummer um Herebald. Es gelang ihm weder, die schwere Schuld des Mörders zu vergeben und ihn zu lieben, noch konnte er seinen Zorn gegenüber dem Bogenschützen mit harter Strafe zeigen. Mit diesem Kummer im Herzen gab er jede Freude am weltlichen Leben auf, wählte das göttliche Licht und ging aus dieser Welt. So überließ er seinen Erben Land und Burgen, wie es ein wohlhabender Mann tut, wenn er aus dem Leben scheidet.“ (2471)

Stammbaum Beowulf: Swerting, Hredel, Hygelac, Heardred

Aus geistiger Sicht kann man hier zuerst lesen, wie der weise König Hredel als „Befreier“ den Sohn seiner Tochter bzw. Seele als Kraft der Seele zu sich holt, sich seiner bewußt wird und diese Seelenkraft nährt und wachsen läßt. Er selbst zeugt im gotischen Reich bzw. Menschen noch drei Söhne, die gemeinsam herrschen sollten: Einen „Heerführer“, der natürlich die Vernunft sein sollte. Einen „hitzigen König“, der an die Kampfkraft und Leidenschaft erinnert. Und Hygelak als Verstand mit seiner Gedankenarmee. Dann folgt eine bedeutungsschwangere Geschichte, über die man viel und tief nachdenken kann: Warum müssen Vernunft, Leidenschaft und Verstand sterben? Warum muß Hredel als „Befreier“ selbst sterben? Das ist wohl nötig auf dem Weg zur Ganzheit, wie er oben angesprochen wurde, ins „göttliche Licht“. Auch Jesus mußte gehen, damit sich das Christusbewußtsein zur Ganzheit und Gottheit erheben und der Heilige bzw. Heilende Geist herabkommen konnte, wie es in der Bibel heißt: »Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. (Joh. 16.5)« Das ist wohl auch der Weg zum großen Drachenkampf und ein „Sterben in der Ganzheit“. Das heißt, ein Sterben, ohne daß jemand stirbt, und ein Vergehen, ohne daß etwas vergeht. Schon dafür muß der gewöhnliche gedanklich-unterscheidende Verstand sterben oder zumindest seine Herrschaft aufgeben.

Entsprechend deutet die Geschichte an, wie sich die Prinzipien in der Ganzheit nur gegenseitig töten: Wie die Vernunft stirbt, wenn die Leidenschaft „über das Ziel hinausschießt“. Wie der „Befreier“ auf dem Leidensweg stirbt, wenn die Vernunft getötet wird. Und wie Leidenschaft und Verstand sterben, lesen wir im nächsten Kapitel. Auch das deutsche Wort „Sterben“ ist nur eine Gegenbewegung zum „Streben“. So muß alles, was entsteht, auch vergehen, und kann doch nicht aus der Ganzheit bzw. Gottheit fallen.

34. Die Geschichte von Hygelak und Beginn des Drachenkampfes

Beowulf fuhr fort: „Nachdem König Hredel gestorben war, gab es Angriffe und Streit zwischen den Schweden und Goten, obwohl sie durch weites Wasser getrennt waren. Kriegerischer Haß entbrannte, denn Ongentheow („Diener der Trennung“) und dessen kampfbegierige Söhne (Onela und Ohthere) wollten den Frieden über das Meer hinweg nicht länger halten. So unternahmen sie rund um Hreosnabeorh („ruinöser Berg“) viele grausame und bösartige Raubzüge. Wohl rächten meine Verwandten die verbrecherischen Angriffe, als sie bekannt wurden, doch der König selbst mußte dafür mit seinem Leben bezahlen, was ein harter Handel für Haethkyn war, dem Herrscher der Goten, der im Schlachtgetümmel fiel. Doch wie ich hörte, rächte dann am Morgen ein Bruder den anderen mit blitzender Schwertschneide am Mörder. Da wurde Ongentheow von Eofor („Eber“, Gefolgsmann und späterer Schwiegersohn von König Hygelak) angegriffen, sein Kampfhelm zerbrach und der alte Scylfing (Schwede) fiel erbleichend im Kampf, denn die Hand erinnerte sich an zahlreiche Fehden und hielt den Todesschlag nicht zurück. (2489)

Nachdem die Herebald-Vernunft als „Heerführer“ getötet wurde und daraufhin auch König Hredel als „Befreier“ starb, übernimmt Haethkyn als „hitziger König“ der Leidenschaft die Herrschaft. Damit ist der gotische bzw. göttliche Mensch nun fast schutzlos den Angriffen des Egos ausgesetzt. Das will nun die Macht übernehmen, und dagegen hat die hitzige Leidenschaft natürlich keine Chance, weil das Ego in dieser Art des Kampfes nur immer stärker wird. In diese Richtung könnte man diese Geschichte aus geistiger Sicht deuten, so daß dann auch Ongentheow als Ego-König von Eofor angegriffen wird, was in Kapitel 40 noch ausführlicher beschrieben wird. Sein Name bedeutet „Eber“, und dieses Symbol haben wir bereits als Wachsamkeit und Achtsamkeit im Kampf kennengelernt. Das ist wohl die einzige Macht, die einen Ego-König besiegen und Ongentheow als „Diener der Trennung“ überwinden kann. Mit dieser Macht kann der letzte Sohn von Hredel, dem „Befreier“, glücklicherweise siegreich sein. Durch diesen Sieg über die Trennung wendet sich der Hygelak-Verstand aus der Trennung zur Ganzheit und wird sozusagen ein vernünftiger Verstand, im Gegensatz zum egoischen. Und diesem König dient nun auch Beowulf als sein Neffe bzw. seine Seelenkraft.

Dadurch wurde Hygelak zum König der Goten, und so gut ich konnte, vergalt ich im Kampf mit blitzendem Schwert die Schätze, die der König mir verliehen hatte, das Land und den Burgsitz, die er mir schenkte. Daher war es ihm nicht nötig, daß er bei den Dänen, Schweden oder anderen Völkern einen ihm weniger bekannten Kämpfer suchen und sich mit Reichtum erkaufen mußte. Im kämpfenden Fußvolk wollte ich ihm immer vorangehen, vorn an der Spitze. So werde ich auch weiterhin kämpfen, solange dieses Schwert aushält, das mir früh und spät gedient hat, seit ich Däghrefn („Tag-Rabe“), den Helden der Hugen, inmitten seiner Recken besiegt hatte (vermutlich, nachdem König Hygelak im Kampf gegen die Friesen von Däghrefn getötet wurde). Es glückte ihm nicht (noch einmal, siehe Kapitel 18), den kostbaren Brustschmuck dem Friesenkönig als Beute zu bringen. Der Bannerträger fiel zusammen mit seinem mächtigen Gefolge. Ich tötete ihn nicht mit der Schneide des Schwertes, sondern erfaßte im Kampf sein pochendes Herz (Wesen) im Knochenhaus, bis es zerbrach (und er sein Leben aushauchte). Doch jetzt muß ich mit der scharfen Schneide, meiner mächtigen Hand und dem harten Schwert um den Schatz kämpfen.“ (2509)

So diente nun Beowulf als Seelenkraft dem Hygelak-Verstand im gotischen Menschen, der dort aber irgendwann als König fallen muß, wie wir es bereits im Kampf gegen die Friesen bzw. Frost-Riesen der Natur kennengelernt haben. Hier kommt nun ein neues Detail hinzu, nämlich der Sieg von Beowulf über den Hugen-Helden Däghrefn, der vermutlich König Hygelak im Kampf tötete. Die Hugen erinnern über „huge“ an die „Riesen“. Däghrefn läßt sich als „Tag-Rabe“ übersetzen, der symbolisch die Lebenstage in die Dunkelheit verzehrt. Das Raben-Symbol finden wir auch bei Odin und seinen beiden Raben wieder, die an die Gedanken erinnern, welche in die Welt hinausfliegen. Schließlich sind es die Gedanken selbst, die das reine Licht des Bewußtseins verdunkeln und damit irgendwann auch die Herrschaft des Verstandes stürzen. Doch Beowulf kann sich mit seinem Acht-Bewußtsein darüber erheben, erfaßt damit das Wesen der Gedanken und zerbricht das verknöcherte Gedankengebäude, damit das Licht des Bewußtseins wieder frei leuchten kann. Dadurch nimmt der Tod von König Hygelak einen anderen Verlauf als in Kapitel 18 beschrieben wurde, und der „kostbare Brustschmuck“ des Menschenkörpers geht nicht zurück an die Friesen als Frost-Riesen der Natur, sondern bleibt im Reich des gotischen Menschen erhalten. Dies kann eine tiefe Bedeutung haben und uns auch daran erinnern, daß Grendel und seine Mutter besiegt wurden und nun die Kampfhalle bzw. Walhall in der Welt wieder funktioniert. Das heißt, in der Ganzheit kann der Mensch auch seinen Körper nicht verlieren, aber dafür muß der gedankliche Verstand seine Vorherrschaft aufgeben. (Also bitte nicht wundern, wenn nun Text und Deutungsversuche noch unverständlicher werden…)

Solche großartigen Siege können wohl nur sehr wenige Menschen erreichen. Doch noch schwieriger ist es offenbar, den Ego-Drachen, der in der materiellen Körperlichkeit mit Vernichtung droht, als Vater von Grendel zu besiegen, um den höchsten Schatz der Wahrheit zu gewinnen. Wir wissen heute zwar aus der modernen Physik, daß Materie nicht verschwinden kann, weil sie aus Energie besteht, die sich immer nur verwandelt. Trotzdem haben die meisten Menschen große Angst um ihren „eigenen Körper“ und fürchten, damit das „Ich bin“ bzw. „Dasein“ zu verlieren. Hinter dieser Angst kann man den feurigen bzw. energetischen Ego-Drachen sehen, der uns mit Vernichtung droht. Beowulf erkennt, daß er dieses Wesen nicht nur mit seiner mächtigen Seelenkraft des Acht-Bewußtseins besiegen kann, sondern dafür eine noch höhere Ganzheit nötig ist. Zunächst vermutet er, daß er dafür neben seiner eigenen Kraft noch das Schwert der Unterscheidung und Weisheit benötigt, denn gewöhnlich stützen wir im Leben das „Ich bin“ auf Unterscheidung und Wissen. Doch ist das schon die Wahrheit, von der auch Jesus spricht »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«?

Dann sprach Beowulf weiter und erneuerte zum letzten Mal sein Kampfgelübde: „Ich habe in meiner Jugend genügend Kämpfe bestanden. Doch nun will ich als greiser König des Volkes noch einmal den Ruhm des Siegers suchen, wenn dieser Unheilstifter seine irdische Höhle verläßt, um gegen mich zu kämpfen.“ Dann sprach er zum letzten Mal zu den mutigen Helmträgern und geliebten Gefährten: „Ich würde kein Schwert als Waffe gegen den Drachenwurm tragen, wenn ich wüßte, wie man das Ungeheuer anders besiegen könnte. Ich werde ihn nicht wie Grendel packen können, denn die wilde Hitze des wütenden Feuers und der giftige Aushauch sind zu befürchten. Deshalb trage ich diesmal Rüstung und Schild. Aber von der Bergwarte werde ich keinen Fußbreit fliehen. Am Felsen muß der Kampf geschehen, wie es das Schicksal (Wyrd) uns zuteilt und für alle Menschen (aus dem Schicksalsbrunnen) schöpft. Entschlossen bin ich, und furchtlos erwarte ich den geflügelten Drachen, doch ohne zu prahlen. Und ihr, gerüstete Gesellen, wartet hier am Hügel! Bald werdet ihr sehen, wer von uns beiden die Wunden im Kampf besser ertragen kann. Es ist nicht eure Aufgabe oder die anderer Kämpfer, außer mir allein, mit ganzer Kraft gegen dieses Ungeheuer zu kämpfen, um das Höchste zu erreichen. Mit ganzem Mut werde ich das Gold gewinnen, oder euer König stirbt gewaltsam im Rachen des Todes.“ (2537)

Was ist das für ein Kampf, der „am Felsen bzw. am Körper geschehen muß“ und das Schicksal aller Menschen ist? Wer kämpft hier gegen wen? „Ich bin im Körper“ gegen „der Körper ist in mir“? „Ich bin etwas“ gegen „Ich bin alles und nichts“? „Ich besitze und bewache das Bewußtsein“ gegen „Ich bin das Bewußtsein“? „Ich suche und beschütze die Wahrheit“ gegen „Ich bin die Wahrheit“? „Ich habe ein Leben“ gegen „Ich bin das Leben“?

Seine Gesellen bittet er, den Kampf nur zu bezeugen, vermutlich, damit sie sich ebenfalls zum Acht-Bewußtsein erheben und in die Ganzheit zurückkehren können. Denn nur eine ganzheitliche Kraft kann diesen Kampf gegen das Wesen der Trennung gewinnen, „um das Höchste zu erreichen“.

Dann erhob sich der mächtige Kämpfer auf sein Schild gestützt und betrat mit Helm und Rüstung die Felsenklippe, ganz allein im Vertrauen auf die Stärke eines Menschen. So handelt kein Feigling! Dort sah der edle König, der schon so viele Kämpfe im Schlachtgetümmel und Schwertfechten überlebt hatte, daß aus dem Felsengewölbe ein schrecklicher Bach sprudelte. Er drang aus dem Grabhügel hervor und kochte von tödlichem Feuer. Daher konnte er sich dem Schatz nicht nähern, ohne in der Tiefe im lodernden Drachenfeuer zu verbrennen. Da ließ der tapfere Goten-König aus tiefer Brust mit lauter Stimme ein zornvolles Wort erschallen, das in das alte graue Gestein drang und widerhallend zum Kampf rief. Der Schatzwächter erkannte die Menschenstimme, und sein Haß entbrannte. Es blieb keine Zeit mehr, um Frieden zu schließen. Zuerst drang der Atem des Ungeheuers aus dem Felsen, ein feurigheißer Kampfdampf, und die ganze Erde bebte. Der heldenhafte Herr der Goten schwang am Grabhügel seinen Schild gegen den schrecklichen Fremdling, der wie eine sich windende Schlange herankroch, deren Herz zum Angriff erregt war. Sogleich zückte der edle Kampfkönig sein Schwert, das uralte Erbstück (von König Hredel) mit schärfster Schneide. Schrecklich trafen die beiden Kämpfer aufeinander. Hinter seinem hohen Schild stand der tapfere Anführer seiner Freunde und wartete furchtlos, während sich der Drachenwurm zum schnellen Angriff krümmte. Dann schoß der Feind feuerspeiend wie eine giftige Schlange gegen den Gewappneten hervor und eilte seinem Schicksal entgegen. Der eiserne Schild sicherte wie eine Mauer Leib und Leben des großen Königs, doch nur für kürzere Zeit, als er sich von diesem Eisenschild erhofft hatte, das er nun zum ersten Mal führte. Es schien, als wollte ihm das Schicksal den Sieg im Kampf verwehren. Da schwang der Gotenkönig das geerbte Schwert in seiner Hand und schlug mit aller Kraft gegen den buntgeschuppten Drachenwurm. Doch die scharfe Schneide versagte an der Hornhaut und biß weniger ein, als es der König in seiner gegenwärtigen Not erwartet hatte. Im Gegenteil, der Schwertschlag reizte den Bergwächter nur noch mehr, so daß er in rasendem Zorn sein vernichtendes Feuer spie, dessen Flammen sich weithin verbreiteten. (2583)

Wie tödlich die Energie der Materie sein kann, haben wir mit den Atombomben erfahren, wenn diese Energie durch Zorn und Haß entfesselt wird. Damit kam die Menschheit der Wahrheit nicht näher, und so konnte sich auch Beowulf dem Schatz nicht nähern, denn der Ego-Drache schlief nicht mehr, sondern brannte im Haß. Entsprechend ruft ihn auch das zornvolle Wort zum Kampf, sozusagen als Echo seines eigenen Zorns. Ähnlich ruft wohl auch das Schöpfungswort diese ganze wirkende Schöpfung aus dem Meer der Ursachen wie aus einem Schicksalsbrunnen hervor. Und vielleicht geschieht das alles nur für diesen letzten großen Kampf des Bewußtseins um den Goldschatz der Wahrheit.

So wird nun beschrieben, wie Beowulf als Seelenkraft des Schicksals bzw. der geschickten Seele zuerst sein eisernes Schild des Gewahrseins dem Drachenfeuer der Vernichtung entgegenschwingt. Das ist die große Macht des Acht-Bewußtseins, doch solange sie noch als Schild gegen etwas anderes gerichtet wird, kann sie im Spiel der Gegensätze natürlich nicht beständig sein. Ähnlich versagt dann auch das Schwert der Unterscheidung und Weisheit, denn auch das unterscheidende Wissen kann das Wesen der Trennung nicht besiegen. Im Gegenteil, es wird dadurch nur kräftiger und noch zorniger. Wie kann der Mensch diesen Kampf gewinnen?

Die Freude des Siegers war dem Geber der Goldringe nicht gegönnt. Sein gutes Kampfschwert versagte wie ein altes Eisen und verweigerte pflichtvergessen seinen Dienst in größter Not. Es war kein leichter Weg, den der ruhmreiche Sohn von Ecgtheow („Diener der Schwertschneide“) nun gehen mußte und gezwungen war, seine Wohnstätte ins Ungewisse zu verlassen, wie jeder Mensch das Pachtrecht seiner Tage aufgeben muß. Nicht lange dauerte es, da stießen die erbitterten Kämpfer erneut aufeinander. Der Schatzwächter erneuerte seine Kraft, atmete tief ein, daß seine Brust schwoll, und fauchte dem Menschenkönig eine vernichtende Feuersbrunst entgegen. Bei diesem schrecklichen Anblick flohen seine Gefährten, die Söhne der Edlen, die den Kampf ringsherum beobachtet hatten, weit in den Wald, um ihr Leben zu schützen. Nur bei einem von ihnen wandte sich die Sorge im Herzen dem Beistand zu, denn wahre Verwandtschaft vergißt niemals die Pflicht. (2601)

Nun wird auch beschrieben, wie die Gesellen, die den Kampf bezeugen sollten, damit sie sich zum Acht-Bewußtsein erheben, beim Anblick der drohenden Vernichtung in den Wald der Vorstellungen fliehen, um auch weiterhin etwas zu sein, auch wenn es nur ein Gedankenkonstrukt ist. Nur einer von ihnen erfüllte seine Aufgabe und „verwandelte“ seine Angst in Beistand. Wer ist diese „wahre Verwandtschaft“, die im Kampf um die Wahrheit nötig ist?

35. Wiglafs Beistand

Wiglaf („Kampf-Erbe“) hieß er, der Sohn von Weohstan („Kampf-Stein“), dem edlen Schildkämpfer und Krieger der Scylfinge (Schweden), ein Verwandter von Älfhere („Elfen- oder Alben-Heer“). Er sah seinen Herrn unter dem Kampfhelm in der Gluthitze leiden und erinnerte sich an die Ehre, die er von ihm empfangen hatte, den reichen Erbsitz der Waegmundings („Weg-Beschützer“) mit allen herrschaftlichen Rechten, die sein Vater Weohstan besessen hatte. Da konnte er sich nicht länger zurückhalten. Seine Hand ergriff den runden Schild aus gelblichem Lindenholz, und aus der Scheide zog er sein altes Schwert. Dieses war unter den Menschen ein Vermächtnis von Eanmund („Schutz des Geborenen“), dem Sohn von Ohthere („gefürchteter Krieger“). Eanmund führte es damals im Kampf, als er in der Verbannung seiner Freunde beraubt war und von Weohstan mit scharfer Schwertschneide (unter dem Regiment von König Onela) getötet wurde. Dieser brachte seinen Verwandten als Beute den strahlenden Helm, die beringte Rüstung und das alte Riesenschwert (der Eoten bzw. Friesen). Denn König Onela („kleiner Stammvater“), der Bruder von Ohthere, schenkte ihm die Kampfausrüstung seines getöteten Neffen und schwieg von der Blutschuld, obwohl er den Sohn seines Bruders getötet hatte. Weohstan behielt die Schätze viele Jahre lang, Helm, Rüstung und Schwert, bis sein Sohn herangewachsen war und die gleichen Heldentaten wie sein alter Vater vollbringen konnte. Dann übergab er ihm im Reich der Goten die mächtige Kampfausrüstung und ging als Weiser seinen Weg aus dem irdischen Leben. (2625)

Was bedeutet Wiglaf als „Kampf-Erbe“? Darüber kann man wieder viel nachgrübeln, denn damit nähern wir uns dem Höhepunkt und Kern der ganzen Sage, was nun kaum noch in Worte zu fassen ist. Wir wissen ja, daß Beowulf nie geheiratet und körperliche Erben gezeugt hat. Wer erbt nun die Kampf-Erfolge? Wer steht ihm nun bei, wenn sich der Körper auflöst und seinen Dienst versagt? Wer kämpft nun weiter in der Kampfhalle von Walhall? Wer ist diese „wahre Verwandtschaft“, die über den Tod hinausgeht? Nachdem alle Verwandten mütterlicherseits von Beowulf gefallen waren, erscheint nun ein Verwandter väterlicherseits, also ein geistiger, der als Sohn von Weohstan bezeichnet wird. Weohstan erinnert als „Kampf-Stein“ an den berühmten „Stein der Weisen“, der auch das Unvergängliche symbolisiert. Interessant ist, daß er längere Zeit dem Ego-König Onela gedient hatte, aber dann von diesem Dienst befreit wurde und ins Reich der Goten kam, wo man ihn hoch ehrte. Weohstan selbst stammte wie Beowulfs Vater Ecgtheow von Waegmund ab, dem „Weg-Beschützer“, der den Lebensweg beschützt, um das große Ziel zu erreichen. Dazu wird Wiglaf auch als Verwandter von Älfhere bezeichnet, dem „Elfen- oder Alben-Heer“ der Naturgeister, wie wir sie in den Nibelungen- und Dietrichsagen vielfältig kennengelernt haben.

In dieser Hinsicht erinnert uns Wiglaf an die Macht und Kraft des Schicksals, zumal im letzten Kapitel oft die Rede davon war, daß sich das Schicksal des Siegers von Beowulf abzukehren schien. So kommt es wohl mit Wiglaf wieder an seine Seite und leistet ihm Beistand als „Kampf-Erbe“. Dazu kommt es mit Helm, Rüstung und Schwert von Eanmund, dem „Schutz des Geborenen“, die ihm der „Stein der Weisen“ gegeben hatte.

Über das Wesen des Schicksals kann man sicherlich endlos nachdenken. Vom Wort her erinnert es an die „geschickte Seele“ als Prinzip der Verursachung in der äußerlichen Natur. So finden wir auch in der nordischen Mystik die Schicksals-Nornen an der Wurzel des Weltenbaumes, wo sich auch der Urdbrunnen als Schicksalsquelle bzw. Meer der Ursachen befindet. Ähnlich betrachtet auch unsere Naturwissenschaft die äußerliche Natur wie eine berechenbare Mechanik, die streng den Gesetzen von Ursache und Wirkung folgt, so daß alles schicksalhaft abläuft. Und doch macht der Mensch auch die Erfahrung von Freiheit. Das ist dann der geistige Aspekt, den die Naturwissenschaft gern ausschließt, der aber zum Beispiel von der Quantenphysik bestätig wurde. Entsprechend könnte man nun sehen, wie sich Naturgeist und Menschengeist als Wiglaf und Beowulf zum letzten großen Kampf wieder vereinen:

Nun war es für den jungen Helden das erste Mal, daß er den Kampf an der Seite seines Königs bestehen sollte. Sein mutiges Herz schwankte nicht, noch versagte das Erbe seines Vaters im Kampf, was der Drachenwurm bald erfahren mußte, als sie aufeinandertrafen. Zuvor sprach Wiglaf voller Sorge zu seinen Gefährten: „Ich gedenke der Zeit, als wir gemeinsam Met tranken und im Biersaal unserem Herrn gelobten, daß wir dem Geber der goldenen Ringe die reiche Gabe lohnen würden, wenn er uns mit Helm, Rüstung und Schwert benötigen sollte. Deshalb hat er uns aus seinem Heer für diesen Kampf nach seinem Wunsch ausgewählt. Er hielt uns des Ruhmes würdig und gab uns die Schätze, weil er uns als hervorragende Speerkämpfer und mutige Helmträger betrachtete, auch wenn der König ganz allein dieses Heldenwerk für uns zu vollbringen beabsichtigt. Denn er ist der Beschützer seines Volkes, weil er von allen Menschen die höchsten Taten vollbracht und den größten Ruhm gewonnen hat. Nun ist die Zeit gekommen, daß unser edler König die rüstige Kraft guter Kämpfer benötigt. Laßt uns dem Führer im Kampf zu Hilfe kommen, da ihn die Hitze schwer bedrängt, die schreckliche Feuersbrunst! Gott sei mein Zeuge, daß es mir lieber wäre, wenn das Feuer meinen Körper zusammen mit meinem Goldgeber verzehrt. Ungerecht erscheint es mir, wenn wir die Schilde nach Hause zurücktragen, ohne zuvor den Feind besiegt und den König der Goten verteidigt zu haben. Ich weiß genau: Er hat niemals so gehandelt, daß er nun als Einziger der edlen Goten Unglück erleiden und im Kampf untergehen sollte. Helm, Rüstung und Schwert müssen wir beide gemeinsam führen.“ (2660)

Hier können wir wieder an den Helm der wachsamen Gegenwärtigkeit, die Rüstung des begrifflich-gedanklichen Verstandes, sowie das Schwert der Unterscheidung und Weisheit denken, die nun Natur- und Menschengeist gemeinsam in der Kampfhalle der Natur führen sollen. Denn in der Ganzheit gehören sie immer zusammen und leben und sterben auch gemeinsam.

Dann durchschritt der gerüstete Held den Rauch des Kampfes, um seinem König zu helfen, und sprach nur die wenigen Worte: „Lieber Beowulf, halte durch! Erinnere dich an die Gelübde aus deiner Jugendzeit und laß deine Macht nicht schwinden, solange du lebst. Verteidige mit kühnen Taten, edlem Geist und aller Kraft das Leben. Dazu werde ich dir Beistand leisten.“

Hier könnte man über die Aufgabe des Naturgeistes nachdenken, wie er uns an unsere Quelle und Macht erinnern will, um in der Vergänglichkeit das Unvergängliche zu finden, das ewige Leben und Dasein des „Ich bin“, was man auch „Selbsterkenntnis“ nennt. Jesus sagte dazu: »Ich bin das Licht der Welt.« Ja, solche Menschen sind dem Ego-Drachen zutiefst verhaßt, weil sie dessen Welt der Trennung bedrohen und damit auch jedes „Eigentum“.

Kaum waren diese Worte gesprochen, kroch der zornige Drachenwurm ein zweites Mal heran. Der schrecklich grausame Angreifer überflutete seine Gegner, die verhaßten Menschen, mit seiner feindselig vernichtenden Feuersbrunst. Die lodernden Flammen schlugen wie Wellen hervor, und sogleich brannte der Schild des Jünglings. Auch die Rüstung half dem jungen Speerkämpfer wenig. Darum sprang er schnell hinter den eisernen Schild seines Verwandten, als sein eigener vom Feuer verzehrt war. Nun erinnerte sich der König wieder an seine Macht und schlug mit ganzer Kraft sein Schwert in den Drachenkopf, daß es dort steckenblieb. Doch dabei zerbrach Nägling, Beowulfs altes, silberdurchzogenes Schwert, und versagte im Kampf. Es war nicht sein Schicksal, daß ihm die eiserne Schneide in diesem Kampf helfen konnte. Man sagt, seine Hand war so stark, daß keine Klinge diese Kraft ertragen (und auswirken) konnte. So nützte ihm in diesem Kampf auch die wunderbar härteste Waffe nichts. (2687)

Im Schild kann man ein Symbol des Gewahrseins sehen, um das Leben im Ganzen zu schützen. Wiglaf trägt ein Schild aus Lindenholz, wie es oben heißt, das uns an den Lebensbaum oder Weltenbaum erinnert, dessen Substanz natürlich brennbar und vergänglich ist. Im Gegensatz dazu steht der eiserne Schild von Beowulf als das Acht-Bewußtsein, das er sich im Laufe des Menschenlebens erkämpft hatte. Hinter diesem Schild vereinen sich nun Natur- und Menschengeist. Damit erinnerte sich der König wieder an seine ganze Macht und Kraft, schlug sein Schwert in den Drachenkopf, aber dort zerbrach es in tausend Stücke. Denn in einem Ego-Kopf kann es natürlich keine Ganzheit geben, und das Schwert der Unterscheidung versagt mit all seiner Weisheit und vermehrt nur Begierde und Haß. So kann man wohl mit diesem Schwert die ganzheitliche Kraft das Acht-Bewußtseins nicht entfalten. Daher wird es hier auch Nägling genannt, was uns an das Schwert Nagelring aus der Dietrichsage erinnert, welches von den Naturgeistern geschmiedet und zu einer Waffe Dietrichs wurde, die er später an Heime als egoisch-sinnliche Körperlichkeit übergab. Der Name Nagelring deutet einen Ring der Nägel bzw. Dornen im leidvollen Spiel der Gegensätze an. Entsprechend kommt nun auch das Echo vom Schlag in den Drachenkopf auf den Schläger zurück, und dagegen hilft keine Rüstung:

Danach stürzte sich der Feuerdrache und Schrecken der Menschen ein drittes Mal mit feindseligem Haß auf den tapferen Mann. Und als sich die Gelegenheit bot, packte er Beowulf im Flammenmeer und bohrte ihm seine spitzen Zähne in den Hals, daß sein Lebensblut hervorquoll und in wallenden Wogen aus der Wunde strömte. (2693)

36. Der Drache fällt

Ich hörte, wie nun der edle Jüngling neben dem notbedrängten König seinen angeborenen Mut mit Heldenstärke bewies. Er sorgte sich nicht um seinen eigenen Kopf. Und obwohl die Hand des mutigen Mannes dabei verbrannte, nutze er seine Stärke und schlug sein goldstrahlendes Schwert noch tiefer in die Wunde des feindlichen Fremdlings, dem Krieger in seiner Kriegsrüstung, so daß das Feuer zu erlöschen begann. Da kehrten auch dem greisen König seine Sinne zurück, und er zog einen spitzen und haarscharfen Dolch, den er an seiner Rüstung trug. Damit ritzte und schnitt der Beschützter der Goten den Drachenwurm mittendurch, so daß der Feind fiel. Gemeinsam besiegten die edlen Verwandten den tödlichen Angreifer. Ja, so sollten Kämpfer handeln, wenn ihr König in Not ist! Für den König selbst war es der letzte große Sieg seines Lebens, der Erfolg all seiner Taten in der Welt. (2711)

Aus geistiger Sicht kann man hier lesen, wie sich die Schwerter der beiden Kämpfer im Drachenkopf wieder vereinen. Einerseits das Schwert Nägling von Beowulf, das ein Erbe von seinem Großvater mütterlicherseits namens Hredel bzw. „Befreier“ war, um von den körperlichen Bindungen zu befreien. Anderseits das Riesenschwert von Eanmund als „Schutz des Geborenen“, das Wiglaf von seinem Vater Weohstan als „Stein der Weisen“ geerbt hatte. Ein solches Eoten- oder Riesenschwert kennen wir bereits aus dem Kampf zwischen Beowulf und der Mutter Grendels. Auch hier könnte man an das Schwert der Ganzheit denken, das in die von Beowulf geschlagene Wunde tief in den Drachenkopf eindringen und damit das Wesen der Trennung überwinden kann. Doch der eigentliche Sieg kam schließlich wieder von Beowulf mit einem spitzen Dolch. Diese Textstelle ist schwer zu übersetzen. Das altenglische Verb „forwritan“ kann sowohl „einritzen oder einschreiben“ als auch „durchschneiden oder durchstechen“ bedeuten. Man könnte hier an das Einritzen einer Rune denken, der Rune des Todes, oder besser noch, der Rune des ewigen Lebens. Damit ist es schließlich mehr ein subtil-geistiger als ein gewaltsam-körperlicher Sieg über den Drachen, der nun als Vater von Grendel bzw. als geistige Ursache von Zerstörung und Tod besiegt wird. Man könnte auch sagen: Das Feuer der Vernichtung wird mit dem Wasser des ewigen Lebens gelöscht.

Interessanterweise trägt er diesen „spitzen und haarscharfen Dolch an seiner Rüstung“, was bedeutet, daß es eigentlich eine Waffe des begrifflichen Verstandes ist. Das macht Sinn, denn auch der Ego-Drachen als Wesen der Trennung ist natürlich ein Verstandeskonstrukt. Und die Spitze des Dolches erinnert an die Einheit, der sich der Verstand zuneigen kann, wenn er sich unter die Herrschaft der Vernunft stellt.

Über das Drachentöten selbst haben wir in den Nibelungen- und Dietrichsagen schon viel nachgedacht. Von „Töten“ sollte man eigentlich nicht sprechen, denn es geht darum, das Wesen der Trennung zu besiegen, und Tod wäre wieder eine Trennung vom Leben. Im Grunde benötigt man dafür die Macht der reinen Liebe, die oft als Jungfrau und reine Seele der Natur im Drachenkampf erscheint. Bei Beowulf könnte man an die Liebe zu seinem Volk und seinem Gefolge denken, doch vor allem an das Acht-Bewußtsein, das im Prinzip auch die reine Liebe ist, weil es sich über das Spiel der Gegensätze des gewöhnlichen Nacht-Bewußtseins erhebt.

Entsprechend heiratet auch Beowulf keine Jungfrau als Naturseele, sondern vereint sich im Kampf mit Wiglaf als Naturgeist, so daß er nun seinen irdischen Körper verlassen kann, der sich langsam auflöst.

Die Wunde, die ihm der irdische Drache zugefügt hatte, brannte und schwoll weiter an. Bald bemerkte der das tödliche Gift, das ihm in der Brust quoll und schmerzte. Mit Weisheit erkannte der greise König seinen Zustand und setzte sich auf einen Stein an der Felsenklippe. Hier betrachtete er das Riesenwerk, wie Steinbögen auf festen Säulen die ewige Erdenhalle im Inneren stützen. Da schöpfte der treffliche Jüngling und treue Helfer etwas Wasser aus der Quelle und labte den geliebten Herrn, der vom Kampf blutete und ermüdet war. Behutsam löste er die Bänder seines Helmes. Beowulf wußte, daß nun die Tage seines Lebens vollendet und die irdischen Freuden ausgekostet waren. Der Tod war nah. Doch trotz seiner schmerzlichen Todeswunde sprach er: „Nun würde ich meine Kampfausrüstung gern einem Sohn übergeben, wenn mir das Schicksal einen körperlichen Hüter des Erbes beschieden hätte. Fünfzig Jahre lang habe ich das Volk regiert. Kein König der Nachbarvölker wagte es, mich anzugreifen und gegen mich die Waffen zu führen. Solange es mir vergönnt war, ertrug ich das Erdenleben, bewahrte mein Gut, suchte keine listigen Feindschaften und schwor keine falschen Eide. Dessen erfreue ich mich nun, trotz der tödlichen Wunde. Der Herrscher der Menschheit wird mir keinen grausamen Mord an Verwandten vorwerfen müssen, wenn meine Seele den Körper verläßt. - Nun geh schnell, lieber Wiglaf, um den Schatz in dem uralten grauen Gestein zu sehen! Der Drachenwurm liegt jetzt da und schläft schwer verwundet, seines Schatzes beraubt. Beeile dich, daß ich den alten Reichtum des Goldschatzes mit den strahlenden Juwelen und Edelsteinen noch sehen darf, damit ich mein Leben und mein Volk, das ich lange beherrschte, um so freudiger für den Schatz verlassen kann.“ (2751)

Über das tödliche Gift der Vergänglichkeit haben wir bereits in der Wägner-Nacherzählung viel nachgedacht. Das deutsche Wort „Gift“ ist ein seltsames Spiel: Ursprünglich bedeutete es „Gabe oder Geschenk“, wie es heute noch im Englischen zu finden ist. So ist wohl auch die Vergänglichkeit ein großes Geschenk, um den Schatz der Unvergänglichkeit zu finden, das Gold der Wahrheit.

Dann sitzt der Mensch auf dem „Stein der Weisen“, wird vom Wasser des ewigen Lebens aus der unvergänglichen Quelle des Bewußtseins gelabt und betrachtet in diesem Licht das Riesenwerk der irdischen Welt. Hier erkennt er diese Essenz der Quelle als die ewigen Steinsäulen, die mit den Steinbögen der Bindungen die ewige Kampfhalle der Natur stützen. Ja, „Stein“ ist auch so ein wunderliches Wort, denn es besteht aus der Schlange „S“, dem Kreuz „t“ und dem „Ein“ als Einheit, Ganzheit bzw. Gottheit. Gleiches findet man im englischen „Stone“. So findet nun Beowulf nach einem erfolgreichen Leben mithilfe des „Kampf-Erbes“ in diesem „uralten grauen Stein“ der großen Kampfhalle der Natur den wahren Goldschatz mit den lichtvollen Juwelen und „Edel-Steinen“.


... Inhaltsverzeichnis aller Märchen-Interpretationen ...
Gudrunsage: Gudruns Befreiung und große Hochzeit
Die Beowulf-Sage (nach Wilhelm Wägner)
Beowulfsage (Wägner): Der Grendel-Kampf
Beowulfsage (Wägner): Die Meerwölfin
Beowulfsage (Wägner): Der Königsweg
Beowulfsage (Wägner): Der Drachenkampf
Beowulfsage (Urtext): Scyldinge, Hirschhalle und Grendel
Beowulfsage (Urtext): Der nächtliche Kampf mit Grendel
Beowulfsage (Urtext): Der Kampf mit Grendels Mutter
Beowulfsage (Urtext): Beowulfs Heimkehr und der Königsweg
Beowulfsage (Urtext): Der große Drachenkampf

Sagentext und Bilder: Die Sagenwelt der Nibelungen nach Urtext
[2026] Text von Undine & Jens / www.pushpak.de
Veröffentlichung: